Donnerstag, 09.10.2003 – Später Start
Heute also der erste Unterricht ab 08:40. Beim gefürchteten Yamazaki-sensei, von dem Marc wohl gehört hat, dass er tödlich langweilig sei. Aber so langweilig scheint er mir nicht. Meiner Meinung nach ein ganz sympathischer Kerl.

Wir starten mit Hörverstehen und simplen Kanji (verschiedene Lesungen der Zahlen). Dann aber bricht das Japanische System voll durch. Dieses hirnrissige Wiederholen von Phrasen aus der Übung im Gruppenrahmen verstößt eindeutig gegen Paragraph 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Ich fühle mich irgendwo bei „180“, wie man so schön sagt.
Dass die Chinesen allesamt besser sind als die Europäer, ist ja noch nicht einmal schlimm, weil nachvollziehbar. Und langweilig oder frustrierend ist Yamazaki auch nicht – aber er ist in pädagogischer Hinsicht voll und ganz Japaner. Nach dem Unterricht sollte man mich eine Weile nicht ansprechen. Meine Kommentare wären nicht sehr feinfühlig.
Dann ist Pause. Nach der Pause folgt die Einführungsveranstaltung für den Kurs „Kulturgeschichte von Tsugaru“. Auf dem Programm stehen Vorlesungen und Ausflüge. Das klingt doch prima. Die Dame, die die Vorlesungen zur Lokalgeschichte hält, Kitahara-sensei, ist offenbar eine Koryphäe auf dem Gebiet und beschäftigt sich außerdem mit der Geschichte der Frauen in dieser Gegend. Immerhin hat sie damit ein überschaubares Feld, weil Tsugaru erst zu Beginn des 17. Jh. besiedelt wurde.

Nu ja. Sawada-sensei (habe ich erwähnt, dass sie gebürtige Neuseeländerin ist?) bietet uns für morgen eine interessante Gelegenheit, etwas zu erleben. Die Universität besitzt eine Abteilung für Pädagogik und Lehrerausbildung. Daher ist an die Universität ein Kindergarten, eine Grundschule und eine Mittelschule angeschlossen, wo man mit Erziehungsmethoden experimentiert. Im Prinzip eine Schule für Kinder von wohlhabenden und/oder avantgardistischen Eltern. Die zweite Klasse dieser Grundschule arbeitet an einem Projekt, in dem sie Ausländern Hirosaki vorstellen möchten, und zwar in englischer Sprache. Das muss ich erleben. Also trage ich mich in eine entsprechende Liste ein.
Des weiteren möchte ich an dem Gastfamilienprogramm teilnehmen. Wenn zuhause die Rede von solchen Dingen war, dann hatte das was mit „Homestay“ (Wohnen bei der Gastfamilie) zu tun, deshalb war ich da skeptisch. Aber dieses Programm hier ist etwas anders: „Home Visit“. Man füllt erst einmal (wie gewohnt) einen Zettel aus, auf dem man sich kurz vorstellt. Die Formulare gehen an eine Stelle, wo die entsprechenden Angaben von Gastfamilien vorliegen und man vergleicht die Daten. In etwa einem Monat ist die Zuteilung dann beendet und man kommt mit einer Gastfamilie zusammen. Dabei handelt es sich um einen lockeren Austausch. Man trifft sich dann und wann, tauscht Geschichten, Kochrezepte, Erfahrungen, usw. aus. Wenn ich schon einmal hier bin, möchte ich eine solche Gelegenheit nicht verpassen.
Am Abend, so gegen sieben, sitze ich im Ryûgakusei Center und werde kurz verwirrt. Eine ca. 150 cm große Koreanerin (sieht gut aus!) spricht mich an und fragt mich, ob ich im Kaikan (dem Internationalen Wohnheim) wohne.1 Nein, das tue ich leider nicht. Warum? Ihren Ausführungen in japanischer Sprache entnehme ich, dass sie sich fürchtet, im Dunkeln allein nach Hause zu gehen und sucht eine männliche Begleitung. Aha. Sie fragt ausgerechnet mich? Dabei sagen Leute, dass ich eher wie einer von denen aussehe, die im Dunkeln lauern… ich fühle mich geehrt. Wäre ich mit meiner Post fertig gewesen, hätte ich ihr zuliebe den Umweg gemacht, aber ich konnte sie in diesem Moment an jemand anderen verweisen, von dem ich wusste, dass er im Kaikan wohnt.
Später erzählt man mir, dass angeblich gerade Koreanerinnen ungern alleine im Dunkeln nach Hause gehen. Ich wusste nicht, dass Korea so ein übles Land ist. Die anderen Asiatinnen scheinen sich weniger Sorgen zu machen. Aber diese Angabe ist natürlich nicht repräsentativ. Die Chinesin neben mir zum Beispiel fürchtet sich nicht, wie sie sagt. Japan sei doch ein recht sicheres Land.
Ah ja?
Und dritter Dan Karate.
Ah ja!
Einige Minuten darauf treffe ich meine Nachbarn aus dem Shimoda Heights II Haus. Die sind ebenfalls aus Korea. SongMin (w), Jû (m) und noch einer (m), dessen Namen ich mir noch nicht merken kann…2 aber er sieht aus wie die asiatische Version von Thomas Stopp (dies nur für die, denen das was sagt).
Übrigens stelle ich mich gewöhnlich mit Vornamen vor, weil „Schwarz“ für Ostasiaten eine schwierige Vokabel ist. Sie brechen sich dabei die Zunge ab, wie mir scheint. Dann also lieber die einfache Silbenfolge anstatt der Konsonantenbündel.
Darüber hinaus glaube ich geringfügige Verbesserungen in meinem Japanisch festzustellen. Ich habe zwar nur eine unwesentliche Anzahl neuer Vokabeln gelernt, aber die, die ich kenne, fallen mir schneller ein.
1 MinJi. Sie wird später noch Erwähnung finden.
2 SangSu. Auch der wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
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