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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

5. Oktober 2023

Sonntag, 05.10.2003 – Ein Tag fürs Fernsehen

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:52

Der Tag beginnt für mich um 06:00, weil die Sonne mich weckt. Müde bin ich auch nicht mehr, also beginne ich meinen Tag, was Melanie nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Ich ignoriere das. Als nächstes stelle ich fest, dass es an sich eine gute Idee wäre, vielleicht Instant-Kaffee oder Tee im Haus zu haben, damit man am kühlen Morgen was Warmes in den Magen schütten kann. Aber vielleicht sollten wir auch gleich dazu übergehen, den Reiskocher einzustellen, dass wir nur noch den Reis in die Onigiri-Formen pressen müssen. Das Gegurgel in meinem Magens bei gleichzeitig ausbleibendem Hungergefühl am Morgen stört mich nämlich auch hin und wieder. Ich beschäftige mich im Anschluss mit meinem Vogelweide-Text und höre mir im Hintergrund das Lied an. Das hilft und der Text schreibt sich langsam und allmählich in meinem Kopf fest.

Wohnzimmer mit Fernseher

Um 07:00 schalte ich die Nachrichten ein. Die Sportnachrichten zeigen kurze Berichte von japanischen Sportlern in ausländischen Mannschaften. Ein Baseballspieler in den USA, ein Fußballer jeweils in England und in Deutschland. Ich glaube, solche Berichte würden eben da, in der BRD, auf wenig Interesse stoßen. Gerade deutsche Fußballer, die in einem Verein im Ausland spielen, werden (zumindest in gewissen Zeitungen) oftmals als „Legionäre“ belächelt oder verspottet, und es haftet ihnen doch irgendwie der Hauch des Vaterlandsverräters an. Von ihnen wird doch nur berichtet, wenn es Probleme gibt, also Steuern, Affären, etc. Von mir aus könnten die Jungs auch bei „Silber Mond“ oder „Rot-Grün Mars“ spielen. Die japanische Berichterstattung ist also gewissermaßen patriotisch, aber man sagt auch, dass oft zu weit gegangen werde. Wie oft und wann wurde der Spieler in den letzten Spielen ausgewechselt, oder warum wurde er nicht aufgestellt, in der wievielten Minute hat er sich am Hintern gekratzt? Vor lauter Aufregung über solch spannende Angelegenheiten wird angeblich auch dann und wann vergessen, das Endergebnis des Spiels anzuzeigen…

Aber genug vom Sport. Der interessiert mich eh nicht. Ein wenig Edutainment ist jetzt angesagt. Ich stelle fest, dass die Medienbemühungen in Japan um das frühestmögliche Erlernen der englischen Sprache spürbar gegenwärtig sind. Da wäre z.B. „Sesame English“, was Frau Duplang besonders freuen wird. Die Sendung ist pädagogisch wie immer, und heute geht es um „the letter P“. Das ist besonders lustig vor allem deshalb, weil da Dutzende Kinder rumrennen (alle Kontinente, bzw. Ethnien vertreten), die (off context) die ganze Zeit über sehr enthusiastisch und ungezwungen vom Wasserlassen sprechen.

P!“

Seine Majestät haben gelacht. 🙂

Des weiteren gibt es eine Show auf NHK (staatliches Fernsehen), die anhand praktischer Kommunikationsbeispiele („Arai Mika in New York“) den Kindern die Sprache in Form von festen Phrasen näher bringen soll. Die Sendung wird moderiert von einer Japanerin und einem Amerikaner, beide um die 20 Jahre alt, in Kindershow-gerechter Kleidung. Und die Frisur von dem Kerl sieht aus wie eine schlechte Pumuckl-Imitation. Einfach zum Schießen. Jede Show hat gewissermaßen ein „Keyword“. Wie z.B. „to have“, „to make“ oder „to do“. Heute wird „to have a look at something“ ausgewalzt. Arai Mika ist in New York angekommen und muss da eine Weile bleiben, also mietet sie ein Apartment. Sie geht zu einer Maklerin, mit der sie vorher telefoniert hat und wird von der gefragt „Would you like to have a look at it?“

Nach dem Videobeispiel wird der Ausdruck in etwa jeder möglichen Art verwendet, als Aussage, als Frage, mit jeder möglichen Betonung und in verschiedenen Kontexten. Eine Sendung dauert zehn Minuten. Aha. Es kommen mehrere in Folge. Ich sehe mir das Ganze dreißig Minuten lang an und übe dann weiter am „Palästinalied“.

Meine nächste Arbeitspause wird grauenerregend. Jetzt laufen Superheldenserien – und zwar Live-Action, also mit echten Schauspielern und Plastikrobotern in einem Sandkasten. Also diese den „Power Rangers“ ähnlichen Sentai („Kampfteams“) mit Frauenquote und farbigen Anzügen. Was zum Teufel kriecht da aus dem Fernseher in mein Gehirn? So einen Mist habe ich ja seit den „Beetle Borgs“ nicht gesehen! Diese Serien sind reine Lachnummern… unfreiwillig. Das macht die Sache eigentlich noch schlimmer. Also, so eine gequirlte Kacke… wenn ich das mal so ausdrücken darf. Und so dramatisch! Ich schildere das mal kurz:

Die Sendung heißt „Abare Senshi“. Man denke sich jetzt die ersten 15 actiongeladenen Minuten einfach mal, ich überspringe sie. Aber das Ende: Alle Ranger (ich nenne sie mal so in Ermangelung eines besseren Wortes) sind verletzt und vorerst ausgeschaltet, nur der schwarze nicht. Also übertragen sie ihre verbliebenen Kräfte auf ihn, damit er eine Art Supertransformation machen kann. Mit einem Satz springt er in das Raumschiff der Bösen hinein und trifft auf den aktuellen „Endboss“. Doch, ach weh, es ist seine Geliebte, die von bösen Mächten besessen ist! Es wird also gekämpft (mit irren Spezialeffekten aus der Augsburger Puppenkiste) und gleichzeitig diskutiert, aber, welch Not!, auch seine Liebe (die er ihr bei dieser Gelegenheit erst gesteht, dramatisch unterbrochen von einer Werbepause!) kann sie nicht retten, also muss er sie töten, um die Welt vor der sicheren Vernichtung zu bewahren. Man hat es eben schwer als Held.

Wo ist der Oskar für dieses Bravourstück? Ich will den Autor damit erschlagen, und den Produzenten mitsamt dem Regisseur gleich dazu! Die Darsteller tun mir beinahe leid, dass sie mit so was ihren Reis verdienen müssen. Aber die Kinder scheinen diese Shows zu mögen. Möglicherweise würde ich sie auch mögen, wenn ich sechs Jahre alt wäre. Vielleicht kommt ja noch was Brauchbares danach?

Oh Gott! Wie konnte ich nur hoffen! Den „Kamen Rider“ („Der Maskierte Motorradfahrer“) gibt es also immer noch!? „Kamen Rider Phasor“!?! Ich schalte den Fernseher ab, bevor ich an einer Gehirnblutung elend zugrunde gehen muss. Da wird man ja blöd von…

Um die Mittagszeit höre ich durchs Fenster, dass nördlich von hier ein Blasorchester probt. Direkt nebenan befindet sich in dieser Richtung eine Oberschule, und ich habe da bereits ein paar Schüler mit Instrumenten in der Gegend gesehen. Ich nehme an, dass die das sind. Eine Viertelstunde lang höre ich nur wildes Gedudel. Dann fängt die Musik an. Sie spielen einige Sachen, die ich nicht kenne, aber ich gewinne auch den Eindruck, dass Ghibli-Soundtracks sich großer Beliebtheit erfreuen. Ich kann mich nur an den Film nicht mehr erinnern…

Insgesamt drei Mal wird der „US Marine Corps Marsch“ gespielt. Ich habe Daffy Duck im Ohr, wie er in einem propagandistischen Cartoon von 1945 fröhlich „From the Halls of Montezuma to the Shores of Tripoli“ singt. Und als er dann eingezogen werden soll, geht er lieber stiften. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich hätte jedenfalls nicht erwartet, gerade das Lied der Marines hier zu hören. Amerikaner scheint es hier nicht zu geben, jedenfalls nicht in einer Menge, die man erwarten würde, wenn es eine US Kaserne gäbe. Aber es gibt angeblich nur eine Jieitai Luftwaffenbasis, wo es auch Amerikaner geben soll. Zehn Minuten von hier, heißt es.

Von was rede ich jetzt schon wieder? Mich kurz zu fassen, war noch nie meine Stärke.

Um 13:40 schalte ich zufällig auf einen Sender, wo mir das Gesicht von Will Smith auffällt. Und die fünf Leute um ihn herum habe ich auch schon mal gesehen… vier davon tragen Kleider wie Köche. Einer fungiert als Moderator. Ja, verdammt, das sind die Jungs von SMAP. Ungeheuer bekannte Band hier und in Fankreisen im Dunstkreis des J-Pop all around the world. So weit so gut. Aber was machen die da? Will erzählt was von seinem Film „Bad Boys II“, während links und rechts jeweils zwei Leute irgendwas kochen, braten oder frittieren. SMAP kocht, Will isst. Tempura, Sushi, Miso. Will gibt sich begeistert. Nennt das Essen perfekt (ich kann ihn verstehen) und ruft „Oishii!“ („Lecker!“). Ansonsten gibt er sich auf die ihm eigene Art und Weise cool und witzig gleichzeitig.

„Ebiten-Sushi“. Hui, das sieht gut aus. Die Jungs haben was drauf. „Matsutake-gohan“. Ich will das auch essen. Dass mir nicht der Sabber aus dem Mund gelaufen ist, war auch gerade alles, was zu dem Bild noch gefehlt hätte. Offensichtlich eine Chaotenshow. Aber lustig. Heißt „Bistro SMAP“. Könnte man sich noch einmal ansehen. Und sei es nur, um das Essen zu bewundern.

Am Abend laufen Anime. „Gundam Seed“ habe ich gesehen. Relativ neu, wie ich glaube. Aber es laufen auch alte Sachen, wie „Doraemon“, der in diesen Tagen sein 25jähriges Jubiläum feiert und daher mit ein paar Sondereinlagen aufwartet. Ich kann verstehen, warum die Sendung so beliebt ist. Um es nachzuvollziehen, muss man sie wohl selbst einmal sehen. Und da läuft auch „Sazae-san“. Die war bereits 1969 auf dem Cover einer TV-Zeitschrift zu sehen, also muss die gute Frau bereits ein gewisses Alter haben. Die Sendung ist auch gut. Auf gewisse Art und Weise lustig, obwohl es „nur“ darum geht, was eine Hausfrau (in den Sechzigern) in ihrem Haushalt und drum herum so erlebt, mit Ehemann, Kindern und Schwiegereltern.

Am Abend weihen wir unseren Reiskocher ein, den wir vor kurzem gekauft, aber noch nicht benutzt haben. Wir essen die meiste Zeit auswärts, weil die Speisekarte in unserem Stammlokal noch einiges zu bieten hat, und wir haben uns eben die Aufgabe gestellt, alles einmal zu probieren. Der Reiskocher jedenfalls funktioniert einwandfrei. Und der Reis, den ich gekauft habe, ist ebenfalls sehr gut. Ich bin sicher, dass es noch besseren gibt (nichts schlägt einen Basmati), aber er genügt meinen kulinarischen Ansprüchen. Was natürlich nichts heißen muss, weil ich fast alles esse. Man sollte nur auf der Hut sein, wenn ich etwas nicht esse. Das könnte wirklich übel sein. ? Ich habe eine Weile suchen müssen, bis ich was gefunden habe, was man zwecks Geschmack an den Reis tun kann. Ich wollte nicht gleich eine Ladung Gemüse kaufen, sondern suche etwas, was man einfach nur drüberschütten kann, etwas in der Art einer Fertigsoße. Aber da wurde ich erst einmal enttäuscht. Es gibt zwar Soßen zu kaufen, aber ich kann nicht feststellen, was es damit auf sich hat, für was für eine Art Essen sie zu gebrauchen sind, außerdem will Melanie nichts essen, was nach Fisch schmeckt.

Schließlich treffe ich im Supermarkt auf ein Schild, das aussagt, wenn man eine gewisse Menge einer bestimmten Reissorte kaufe, gebe es zwei oder drei Gläser Soße umsonst. Die Gläser stehen direkt darunter, also muss das was sein, was man am Reis essen kann. Hm, allerdings sagen mir die Bezeichnungen der Soßen nichts. Ich will keine Soße kaufen, die nichts wert ist, außerdem habe ich Hunger und daher keine Lust auf Experimente. Ich kaufe also das einzige Produkt, das mir vom Namen her bekannt ist: Kimchi. Dabei handelt es sich um eine koreanische Soße, die für ihre Schärfe bekannt ist.1 Der Aufdruck auf dem Glas sagt, dass man den Inhalt 1:5 mit Wasser mischen soll. Ich mische es 1:2. Auf diese Art und Weise ist es angenehm scharf, ohne mir die Magenschleimhaut wegzuätzen. Im Verhältnis 1:5 kann das ja sogar meine Oma noch essen. 😉

Aber weil Melanie ja auch was essen (können) möchte, gehe ich noch in den 100 Yen Laden neben dem BeniMart und frage dort nach Reiszutaten. Die Verkäuferin zeigt mir ein Regal. Aber auch da kann ich leider nicht abschätzen, was in der Packung drin ist. Ich entdecke eine mit der Aufschrift „Tamago“ („Ei“). Damit kann ich was assoziieren. Der Inhalt ist trocken. Offenbar gibt es doch Fertigsoßen. Aber ich frage lieber die Verkäuferin, weil ich die Bedienungsanleitung nicht nachvollziehen kann. Nach fünf Minuten (mein Dank und meine Bewunderung gelten der Geduld der Angestellten) ist mir dann endlich klar, dass da kein Wasser dran kommt. Man mischt es einfach unter und der gekochte Reis befeuchtet dann das Pulver und die Bröckchen. Schmeckt sogar gar nicht schlecht und eine solche Tüte reicht für zwei Portionen.2

Ein Reiskocher ist eine sinnvolle Investition. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, dass das Weichkochen des Reises eine Stunde dauert. Schonungsvoll ist eben auch langsam. Es gibt auch einen Schnellkochgang, der dauert nur etwa dreißig Minuten. Aber wir haben ja Zeit.

1 In Wahrheit handelt es sich bei Kimchi nicht um eine Soße, sondern um scharf eingelegtes Gemüse.

2 Diese Reiszutat nennt man „Furikake“. Es handelt sich um gefriergetrocknete Körnchen aus jeweils verschiedenen Zutaten, die man einfach unter den fertigen Reis mischt, dessen Feuchtigkeit die Streusel dann genießbar macht.