Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

3. Oktober 2023

Freitag, 03.10.2003 – Einkaufstour

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:43

Der Tag der Deutschen Einheit, Deutschland einig Vaterland. Die Auswirkungen dessen sind in Japan allerdings nicht zu spüren, also gedenke ich des Vaterlands im Stillen und nicht während der Nacht.

Ich habe heute einen Termin bei Professor Fuhrt, meinem Mentor in Japan, den ich damit endlich persönlich kennen lerne. Ich war im Vorfeld nicht wenig besorgt im Hinblick auf den unglücksseligen ersten Kontakt, den ich vor einigen Monaten per E-Mail mit dem relativ jungen Professor hatte. Ich hatte mich damals in irgendeiner Angelegenheit, die mit organisatorischen Fragen zu tun hatte, an meinen Jahrgangskollegen Stefan gewandt, der das Jahr vor mir nach Hirosaki gekommen war. Stefan sah sich nicht in der Lage, eine meiner Fragen zu beantworten und schrieb mir, ich könne ja mal „den Volker Fuhrt fragen“ und gab mir dessen E-Mail Adresse. Diese recht lockere Darstellung seinerseits weckte in mir die Vorstellung, dass es sich bei jenem Volker Fuhrt um einen möglicherweise unwesentlich älteren deutschen Studenten handelte, der vielleicht bereits seit mehreren Jahren in Hirosaki lebt und sich deshalb auch mit komplizierteren Fragen auskannte. Dem entsprechend locker gehalten war auch der Stil meiner Anfrage an die genannte Person – die mir daraufhin leicht gereizt antwortete und mir mehr oder minder direkt zu verstehen gab, dass ich etwas respektlos dahergekommen war.

Meine Befürchtungen erweisen sich jedenfalls als unbegründet. Professor Fuhrt ist über meine „Hallo!“ Mail bereits hinweg und wir führen ein recht lockeres Gespräch. Da man mich im Vorfeld darauf hingewiesen hat, dass es in Japan üblich sei, Gastgeschenke mitzubringen, habe ich auch ihm etwas mitgebracht. Bier war mir etwas ordinär erschienen, also habe ich einen Weichkäse aufgehoben, den mir Melanies Vater geschenkt hat. Vor knapp zwei Monaten. Der Käse hat sechs Wochen lang in meinem Schrank im Petrisberg gelegen, während ich seinen „Bruder“ verspeiste. Als ich nach Japan geflogen bin, habe ich den Käse in meinem Handgepäck nach Japan geschmuggelt, denn eigentlich darf man keine Lebensmittel einführen, die nicht luftdicht verpackt sind – und dass dieser Käse nicht luftdicht eingeschweißt ist, wird mein Nachmieter in Trier wahrscheinlich trotz all meiner Bemühungen mit Lappen und Schrubbschwamm bezeugen können.

Professor Fuhrt ist entweder aus genetischen Gründen jung geblieben oder er ist tatsächlich der jüngste Professor, den ich je gesehen habe. Viel älter als 40 kann der Mann nicht sein. Er scheint ein ganz lustiger Mensch zu sein und erinnert mich ein bisschen an Buddy Holly. Das muss an der Brille liegen.

Professor Fuhrt 2003

Er hilft mir bei der Einschreibung an der Universität und lädt alle deutschen Studenten für den 25. Oktober zu sich nach Hause zum Essen ein.

In Japan läuft gerade eine Art „Spendenwoche“, oder wie auch immer man es nennen will. Man spendet 100 Yen an die Wohlfahrt und erhält dafür eine rote Feder, die man sich ans Revers klemmen kann. Alle Parlamentsangehörigen, die man im Fernsehen so sieht, tragen eine solche Feder und ich sehe auch in Hirosaki ein paar Leute auf der Straße, die eine tragen.

Melanie lässt sich registrieren und dann gehen wir einkaufen, zusammen mit Marc, der ebenfalls aus Trier hier ist, und seiner Freundin Yumi, die wir vor ein oder zwei Jahren während ihres Aufenthaltes in Trier kennen gelernt haben. Dabei bekomme ich zu hören, was da in Frankfurt am Flughafen so alles gelaufen ist: Melanies Mutter hat ihr für ihren Japanaufenthalt einen Betrag von mehr als 300 E zur Verfügung gestellt, den Melanie in ihrem Geldbeutel getragen hat. Und eben diesen Geldbeutel hat sie am Flughafen verloren, als sie auf die Toilette gegangen ist, weil sie ihn einfach so in die hintere Tasche ihrer Hose gesteckt hat. Ich komme mir so richtig ignoriert vor! Vor Monaten bereits habe ich ihr gesagt, dass es am sichersten sei, wenn man seinen Geldbeutel an die Kette lege. Man befestigt eine Kette in Form einer Schlaufe an einem Karabinerhaken, klemmt den Haken an der Gürtelschlaufe fest und zieht die Kette durch den Geldbeutel. Auf diese Art und Weise kann man ihn niemals verlieren und er kann auch nicht unbemerkt gestohlen werden. Als in dieser Hinsicht trotz meines Dringens nichts geschah, habe ich ihr im Mai diesen Jahres Karabinerhaken und Kette bei HELA besorgt und ihr geschenkt. Und zwei Wochen später wusste sie bereits nicht mehr, wo sie das Zeug hingetan hatte – sie hatte die Sicherung verloren und es war von ihr auch ein Kommentar zu hören, dass der Geldbeutel in der vorderen Tasche eine Beule hervorrufe, die „unästhetisch“ aussehe! Ich habe den Kopf geschüttelt und auf den Tag gewartet, an dem sich ihre Gedankenlosigkeit rächen würde. Und gestern war er dann wohl gekommen. Mitleid ist von mir in dieser Angelegenheit jedenfalls nicht zu erwarten.

Wir gehen ins Daiei einkaufen. Ich verfüge über genügend Geld, um das Notwendigste kaufen zu können. Wir besorgen ihr einen Futon mit Decke und Bezug, dann muss noch ein Reiskocher her, und ein paar weitere kleine Dinge für einen Haushalt. Der Reiskocher hat genug Fassungsvermögen, um vier Leute satt zu kriegen, und er kostet eigentlich 6000 Yen (ca. 45 E), weil aber, wie bereits angesprochen, die „Daiei Hawks“ gerade auf der Siegwelle reiten, kriegen wir noch 20 % Rabatt. An dieser Stelle möchte ich Marc und Yumi meinen Dank für die sprachliche Unterstützung, die sie uns beim Einkaufen geleistet haben, aussprechen. Wir würden sonst wohl heute noch im Daiei herumstehen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was die Angestellte von uns will und wie wir ihr klarmachen können, was wir wollen. „Lieferservice“, bzw. „Lieferung“ heißt „Haitatsu“. Und für eine solche sind wie heute zu spät dran, Lieferaufträge, die auch heute noch erledigt werden sollen, werden nur bis 17:00 angenommen. Das heißt, wir müssen unser Zeug nach Hause tragen, quer durch die Stadt, und das dauert etwa eine Stunde. Zu allem Überfluss regnet es auch noch.

Als dann alles geschafft ist, regnet es auch nicht mehr und ich gehe mit Melanie in dem kleinen Laden essen1, wo ich vor drei Tagen meine erste Portion Ramen gegessen habe.

Ramen
Melanie im Bunpuku

Das Zeug ist einfach göttlich. Diese in Plastikfolie eingeschweißten Portionen zum Aufbrühen aus dem Asialaden kann man streng genommen bestenfalls an genügsame Haustiere verfüttern, diese Instantramen sind geschmacklich kein Vergleich. Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Pizza Margerita aus dem Aldi und ihrem Gegenstück in Rom. Dieser Vergleich ist natürlich rein bildlich zu verstehen – die beste Pizza, die ich je gegessen habe, habe ich nicht in Rom, sondern in der Pizzeria namens „Osteria Antica“ in Cham, im Bayrischen Wald, gegessen, aber wer kann sich unter „Cham im Bayrischen Wald“ schon was vorstellen? Ein einfacherer Vergleich lässt sich zwischen deutschem und französischem Camembert ziehen – der deutsche ist in der Regel ungenießbar.

Wir kennen mittlerweile unseren „Fahrplan“ für die kommenden Tage:

Nächste Woche findet ein Einstufungstest statt, wir müssen uns in die Kurse eintragen, die wir besuchen wollen und außerdem wird es eine Art Eröffnungs- oder Willkommensparty geben, an der alle Austauschstudenten teilnehmen dürfen. Das war ein Euphemismus. Ramona schlägt vor, dass wir Deutschen die „Ode an die Freude“ singen sollten. Ich bin dagegen, weil jeder Japaner dieses Lied (besser) kennt (als wir). Ich schlage dagegen das „Palästinalied“ von Walter von der Vogelweide vor, auf Althochdeutsch. Ich stoße mit meinem Vorschlag auf wenig Gegenliebe. Von einem derart motivierten Haufen, wie wir ihn hier haben, ist scheinbar auch nicht viel zu erwarten. Aber wenn mich niemand in dieser Angelegenheit unterstützt, dann mache ich das eben alleine! Wenn mich nicht in der Stunde der Wahrheit die Nervosität dahinrafft…

1 „Bunpuku“

Donnerstag, 02.10.2003 – Horch, was kommt von draußen rein?

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:28

Nach einer heftig durchregneten Nacht folgt ein halbwegs sonniger Morgen mit ein paar Wolken.
Was sagen die Nachrichten da? In der Umgebung von Hirosaki ist gestern eine Oberschülerin (d.h. zwischen 15 und 18 Jahre alt) entführt worden, aber sie konnte gerettet werden, weil der Entführer nicht darauf geachtet hat, ihr das Handy wegzunehmen. Sie saß zwar neben ihm auf dem Beifahrersitz, war aber angewiesen worden, den Kopf unten zu halten, und diese Stellung brachte ihr den notwendigen Sichtschutz, um heimlich Textnachrichten versenden zu können. Der Mann wurde also bald darauf gefasst. Es muss ein arger Dilettant gewesen sein. Und das spielt sich gleich in der ersten Woche nach meiner Ankunft quasi direkt in meiner Nachbarschaft ab (im weitesten Sinne). Da fühle ich mich doch sofort gelassen und unangreifbar!
Was bringen sie denn noch? Aha, ein Bericht über Designernahrung. Und das heißt? Es gibt also neuerdings für alte Leute mit schlechten oder falschen oder gar keinen Zähnen spezielle Gerichte, die aussehen und schmecken wie das Original, aber das Material ist ganz weich und kann ohne Probleme zerkaut werden. Aus solchen Berichten erhält man den Eindruck, Japan sei ein durch und durch hochmodernes und hochgradig technisiertes Land, aber wenn ich so durch die Straßen gehe und mir das Stadtbild ansehe, den Zustand der Straßen allgemein und den Zustand mancher bewohnter Häuser weiter draußen, dann erinnert mich das irgendwie an das Bild, das ich als Kind in den Achtziger Jahren von Frankreich hatte, sofern ich es aus dem Grenzgebiet Lothringen kannte. Sieht alles ein bisschen verlottert aus. Natürlich hat sich in Frankreich einiges getan seit den Achtzigern. Zum Beispiel sind die französischen Landstraßen mittlerweile besser als die deutschen. Aber in Japan sind die Straßen etwas verbesserungsbedürftig.

Meine soziale Situation wird sich heute radikal verändern: Melanie kommt. Einer der Lehrer des Centers, Kashima-sensei, wird nach Aomori fahren und sie abholen, und ich komme natürlich mit.
Auf der Fahrt unterhalten wir uns über dieses und jenes, aber ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich gelernt habe, dass ein Laden, an dessen Eingang „Paama“ zu lesen ist, keinen Schinken verkauft, sondern dass es sich dabei um einen Frisiersalon für Damen handelt. Denn das betreffende Wort hat nichts mit „Parma“ zu tun, sondern mit dem englischen Begriff „Perm“, und dabei handelt es sich um „Dauerwellen“. Es gibt eine lustige Sequenz aus dem biografischen Manga von Hayashibara Megumi, in der sie, noch als Oberschülerin, in einen solchen Laden geht, um sich eine „Paama“ Frisur herrichten zu lassen – ohne zu wissen, was das eigentlich ist, und nur aus dem Grund, weil die Regeln ihrer Schule jegliche Frisuren außer natürlich glattem Haar verboten. Sie war natürlich vom Endergebnis nicht begeistert, und ich kann mir vorstellen, dass es etwas peinlich sein könnte, statt den Rebellen für einige Zeit die Großmutter raushängen lassen zu müssen.
Wie dem auch sei, ich habe von Kashima-sensei einen sehr positiven Eindruck. Er hat offenbar einige Jahre als Sprachlehrer in den USA verbracht und spricht daher ein wirklich gutes Englisch, mit lediglich einigen Akzentproblemen. Ich ziehe es aber vor, Japanisch zu reden, so schwer es mir jetzt im Moment auch fällt, aber von nichts kommt nichts.
Als wir am Flughafen aus dem Wagen steigen, ist der Flug bereits angekommen und die Passagiere sind ausgestiegen. Ich erkenne Melanie sofort in der Halle, auch wenn sie reichlich anders aussieht, als normalerweise. In einen dicken Pullover eingepackt sieht sie gerade aus wie ein kugelrunder Zombie mit geschwollenen Augen. Offenbar hat sie im Flugzeug genauso viel geschlafen wie ich. Sie ist auch todmüde und geistig kaum anwesend. Ich will beinahe behaupten, sie ist noch weniger zurechnungsfähig als ich vor ein paar Tagen.
Außer Melanie ist auch eine weitere eher rundliche junge Frau angekommen, die an der Universität von Hirosaki ihr Auslandsstudium absolvieren will. Sie heißt Glenn und stammt von den Philippinen. Da mit Melanie nicht viel los ist, lassen wir Glenn ein bisschen was erzählen, und sie redet halt Englisch. Wir können kein Tagalog und auch kein Spanisch, und ihr Japanisch ist noch gar nicht vorhanden. Sie sagt, außer „Guten Tag“ und „Vielen Dank“ und ein paar anderen kleineren Vokabeln spreche sie kein Wort Japanisch. Ich bewundere sie für ihren Mut, dennoch nach Japan zu kommen. Sie erzählt außerdem, dass sie einen Abschluss in Englisch gemacht habe und nun Lehramtsstudentin sei.

Melanie meldet sich schnell im Center an und wird dann in unsere Wohnung verfrachtet, wo sie sich erst mal ausschlafen soll. Ihre bürokratischen Formalitäten sollen ab morgen erledigt werden.