Donnerstag, 02.10.2003 – Horch, was kommt von draußen rein?
Nach einer heftig durchregneten Nacht folgt ein halbwegs sonniger Morgen mit ein paar Wolken.
Was sagen die Nachrichten da? In der Umgebung von Hirosaki ist gestern eine Oberschülerin (d.h. zwischen 15 und 18 Jahre alt) entführt worden, aber sie konnte gerettet werden, weil der Entführer nicht darauf geachtet hat, ihr das Handy wegzunehmen. Sie saß zwar neben ihm auf dem Beifahrersitz, war aber angewiesen worden, den Kopf unten zu halten, und diese Stellung brachte ihr den notwendigen Sichtschutz, um heimlich Textnachrichten versenden zu können. Der Mann wurde also bald darauf gefasst. Es muss ein arger Dilettant gewesen sein. Und das spielt sich gleich in der ersten Woche nach meiner Ankunft quasi direkt in meiner Nachbarschaft ab (im weitesten Sinne). Da fühle ich mich doch sofort gelassen und unangreifbar!
Was bringen sie denn noch? Aha, ein Bericht über Designernahrung. Und das heißt? Es gibt also neuerdings für alte Leute mit schlechten oder falschen oder gar keinen Zähnen spezielle Gerichte, die aussehen und schmecken wie das Original, aber das Material ist ganz weich und kann ohne Probleme zerkaut werden. Aus solchen Berichten erhält man den Eindruck, Japan sei ein durch und durch hochmodernes und hochgradig technisiertes Land, aber wenn ich so durch die Straßen gehe und mir das Stadtbild ansehe, den Zustand der Straßen allgemein und den Zustand mancher bewohnter Häuser weiter draußen, dann erinnert mich das irgendwie an das Bild, das ich als Kind in den Achtziger Jahren von Frankreich hatte, sofern ich es aus dem Grenzgebiet Lothringen kannte. Sieht alles ein bisschen verlottert aus. Natürlich hat sich in Frankreich einiges getan seit den Achtzigern. Zum Beispiel sind die französischen Landstraßen mittlerweile besser als die deutschen. Aber in Japan sind die Straßen etwas verbesserungsbedürftig.
Meine soziale Situation wird sich heute radikal verändern: Melanie kommt. Einer der Lehrer des Centers, Kashima-sensei, wird nach Aomori fahren und sie abholen, und ich komme natürlich mit.
Auf der Fahrt unterhalten wir uns über dieses und jenes, aber ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich gelernt habe, dass ein Laden, an dessen Eingang „Paama“ zu lesen ist, keinen Schinken verkauft, sondern dass es sich dabei um einen Frisiersalon für Damen handelt. Denn das betreffende Wort hat nichts mit „Parma“ zu tun, sondern mit dem englischen Begriff „Perm“, und dabei handelt es sich um „Dauerwellen“. Es gibt eine lustige Sequenz aus dem biografischen Manga von Hayashibara Megumi, in der sie, noch als Oberschülerin, in einen solchen Laden geht, um sich eine „Paama“ Frisur herrichten zu lassen – ohne zu wissen, was das eigentlich ist, und nur aus dem Grund, weil die Regeln ihrer Schule jegliche Frisuren außer natürlich glattem Haar verboten. Sie war natürlich vom Endergebnis nicht begeistert, und ich kann mir vorstellen, dass es etwas peinlich sein könnte, statt den Rebellen für einige Zeit die Großmutter raushängen lassen zu müssen.
Wie dem auch sei, ich habe von Kashima-sensei einen sehr positiven Eindruck. Er hat offenbar einige Jahre als Sprachlehrer in den USA verbracht und spricht daher ein wirklich gutes Englisch, mit lediglich einigen Akzentproblemen. Ich ziehe es aber vor, Japanisch zu reden, so schwer es mir jetzt im Moment auch fällt, aber von nichts kommt nichts.
Als wir am Flughafen aus dem Wagen steigen, ist der Flug bereits angekommen und die Passagiere sind ausgestiegen. Ich erkenne Melanie sofort in der Halle, auch wenn sie reichlich anders aussieht, als normalerweise. In einen dicken Pullover eingepackt sieht sie gerade aus wie ein kugelrunder Zombie mit geschwollenen Augen. Offenbar hat sie im Flugzeug genauso viel geschlafen wie ich. Sie ist auch todmüde und geistig kaum anwesend. Ich will beinahe behaupten, sie ist noch weniger zurechnungsfähig als ich vor ein paar Tagen.
Außer Melanie ist auch eine weitere eher rundliche junge Frau angekommen, die an der Universität von Hirosaki ihr Auslandsstudium absolvieren will. Sie heißt Glenn und stammt von den Philippinen. Da mit Melanie nicht viel los ist, lassen wir Glenn ein bisschen was erzählen, und sie redet halt Englisch. Wir können kein Tagalog und auch kein Spanisch, und ihr Japanisch ist noch gar nicht vorhanden. Sie sagt, außer „Guten Tag“ und „Vielen Dank“ und ein paar anderen kleineren Vokabeln spreche sie kein Wort Japanisch. Ich bewundere sie für ihren Mut, dennoch nach Japan zu kommen. Sie erzählt außerdem, dass sie einen Abschluss in Englisch gemacht habe und nun Lehramtsstudentin sei.
Melanie meldet sich schnell im Center an und wird dann in unsere Wohnung verfrachtet, wo sie sich erst mal ausschlafen soll. Ihre bürokratischen Formalitäten sollen ab morgen erledigt werden.
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