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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

1. Oktober 2023

Mittwoch, 01.10.2003 – Also sprach Zarathustra…

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:16

05:46 Uhr, Sonnenaufgang in Hirosaki. Ich brauche mich nur ein wenig vom Kopfkissen zu erheben und kann ihn bewundern. Ich bin sehr beeindruckt. Man könnte sagen: „Ich bin tief bewegt.“ Und ich bin dem Schicksal ein weiteres Mal dankbar, dass ich etwas solches erleben darf. Ich bin dem Schicksal übrigens auch für den Umstand dankbar, dass ich zwei Balkontüren nach Osten habe: Die Sonne scheint mitten in die Wohnung und heizt meine Räume!

Auf einem Futon zu schlafen, ist für einen Mitteleuropäer etwas gewöhnungsbedürftig. Ich meine hier einen echten Futon. Das, was man in Europa als Futon verkauft bekommt, ist ein europäisch-japanisches Mittelding, gewissermaßen ein Bettrahmen mit sehr kurzen Beinen und einer wie auch immer speziell gearteten Matratze drin. Nichts dergleichen habe ich hier. Der japanische Futon besteht aus einer Matratze, die dünn genug ist, um am Morgen auf das Balkongeländer gehängt und mittags eingerollt in den Schrank eingeräumt zu werden. Das heißt, man spürt den Boden durch das Ding. Aber das ist bei weitem nicht so unangenehm, wie sich das vielleicht anhört, ich habe gerade ganz hervorragend darauf geschlafen.

Mein Staubsauger hier stellt eine interessante Konstruktion dar. Das liegt jetzt nicht unbedingt daran, dass es sich um einen Akkusauger handelt, der den ganzen Tag in seiner Ladestation verbringt, nein, das interessante an dem Gerät ist, dass es keine Staubtüten verwendet. Stattdessen befindet sich an der entsprechenden Stelle ein durchsichtiger Plastikbehälter, stabil wie ein hochwertiger Trinkbecher, in den die Luft den eingesaugten Schmutz hineinwirbelt. Am Kopfende befindet sich der Luftfilter, durch den die Luft hinausströmt und der die Staubpartikel zurückhält. Man muss den Becher nach spätestens zwei Wohnungssäuberungen entleeren, aber das ist nun wirklich keine nennenswerte Mühe. Hat sich da nur einfach jemand eine intuitiv gute Idee geleistet oder liegt dieses Konzept daran, dass Japan das Land der Modellbauer (mit ihren vielen kleinen Einzelteilen) ist? Wenn hier mal was durch den Schlauch rutscht, was da nicht hineingehört, dann kann man es ohne Probleme wieder herausfischen. Zuhause müsste ich den Papiersack aufschneiden und in einer Menge Dreck wühlen.

Ich habe auch das Gefühl, dass man hierzulande keine Mülltüten zu kaufen braucht. Man wird ja in jedem Supermarkt mit Plastiktüten versorgt, egal, wie viel oder wie wenig man kauft, man kriegt eine knapp durchsichtige Plastiktüte. Überhaupt kümmert man sich hier sehr um den Müll. An (fast) jedem Tag der Woche wird eine Art von Müll abgeholt. Man wird also schnell sein Zeug los und hat nicht lange stinkende Tüten herumstehen.

Meine Adresse hier lautet übrigens
036-8155 Hirosaki-shi
Nakano 5 Chôme 10-27
Shimoda Heights II 303

Shimoda Heights II

In Hirosaki fühle ich mich in der Tat ein bisschen wie in Südtirol, sieht man davon ab, dass die Berge hier viel kleiner sind. Aber es gibt Apfelfelder in großer Zahl und mit großen Ausmaßen. Außerdem sind die Äpfel, wie bereits erwähnt, pink und größer als meine Faust. Ich glaube kaum, unter was für Lasten sich die Bäume hier biegen! Unter den Bäumen liegen Plastikplanen, damit die Äpfel „sauber“ fallen und nicht den Boden berühren. Und die Äpfel sind wirklich gut – die besten, die ich je gegessen habe. Sie sind nicht zu süß und nicht zu sauer und haben dabei einen ganz hervorragenden Geschmack. Ich mag gar nicht mehr daran denken, was für ein zweitklassiges Zeug ich nach meiner Heimkehr zuhause essen muss! Na gut, Spaß muss sein. Ich bin ja nicht anspruchsvoll.

Die Hunde hier bellen Passanten nicht grundsätzlich an, bemerke ich bei meinem Spaziergang. Das heißt, einige Exemplare, die an Leinen vor Haustüren liegen, stören sich gar nicht an mir, während andere, die in Käfigen gehalten werden, schon aggressiver reagieren. Gut, wenn ich in einem Käfig leben müsste, wäre ich wohl auch gereizt. Die Katze vom Nachbarn dagegen reagiert direkt panisch auf mein Erscheinen. Als ich mich ihr nähere, um an ihr vorbeizugehen, ergreift sie schlagartig die Flucht und sprintet um die Hausecke, dass die kleinen Schottersteine nur so durch die Gegend fliegen, dann biegt sie noch um die nächste Ecke und beäugt mich dann aus sicherer Entfernung von der dritten her.

Verlässt man die Stadt, trifft man über kurz oder lang auf große Radnetze, etwa so breit, wie mein Arm lang ist. Die Spinnen darin sind zum Teil so groß wie mein Daumen, und ihre Farben sind einfach umwerfend: Schwarz glänzend mit gelben oder grünen Streifen, zum Teil noch mit kobaltblauen und roten Punkten, und die Muster wirken wie Neonfarben. Unsere Kreuzspinnen sind ein Witz dagegen, sowohl von der Größe als auch vom „Design“ her. Außerdem sind Kreuzspinnen wohl bei weitem auch nicht so häufig. In den Nadelbäumen und Hecken wimmelt es von diesen bunten Gesellen. Ihre Zahl nimmt immer weiter ab, je weiter man sich dem Stadtzentrum nähert. Offenbar mögen diese Spinnen Vegetation lieber als die Vorgärten von Menschen (womöglich werden sie dort auch eher entfernt).

Oha, 11:00 ist eine gute Zeit, um unterwegs zu sein. Lange Reihen von hübschen Mädchen in hübschen Uniformen verlassen (zusammen mit ihren für mich uninteressanten männlichen Gegenstücken) die Schulen und fahren auf dem Fahrrad ins Stadtinnere. Ich nehme an, dass die Mittagspause begonnen hat. Um diese Uhrzeit ist nicht einmal in Deutschland die Schule aus, geschweige denn in Japan. Ich würde mir eine solche „Parade“ gerne noch einmal anschauen, und ich will nicht leugnen, dass ich durchaus männliche Motive dafür habe. Den höheren Reiz asiatischer (oder hier genauer: japanischer) Mädchen kann ich jedoch nicht entdecken, trotz der hohen Zahl von Vergleichsobjekten. Es muss eine Frage des persönlichen Geschmacks sein.

Ich bin auf diese Art und Weise dann noch eine ganze Weile unterwegs und stelle irgendwann fest, dass ich Hunger habe. Dann könnte ich ja was essen gehen, aber in dem Land, in dem normale Supermärkte bis Mitternacht geöffnet haben, sind die kleinen Lokale zwischen 15:00 und 17:00 geschlossen, und genau in diesen Zeitbereich bin ich jetzt hineingeraten. Auf meinen Imbiss werde ich also noch warten müssen. Übrigens schlürft auch ein höflicher Japaner seine Nudeln aus der Suppe – er tut es nur relativ leise. Über die höfliche Japanerin kann ich noch nichts sagen, das entzieht sich noch meiner Erfahrung. Das Schlürfen an sich stellt aber keine irgendwie geartete Unhöflichkeit dar. Es wäre viel ungehobelter, wenn man sich am Esstisch die Nase putzen würde. In Deutschland ist das wiederum nichts Schlimmes. Gut, man muss ja nicht loslegen wie Benjamin Blümchen.

Warum ist der Begriff „Amino“ hier so wichtig? Es gibt Amino Drinks, Amino Zahncreme, und sogar Amino Shampoo. Nein, es handelt sich nicht um eine Handelsmarke, sondern um denselben Begriff, den man bei uns bestenfalls aus dem Kompositum „Aminosäure“ kennt. Herrscht in Japan Mangel an Amino… was auch immer?

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