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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

10. Oktober 2023

Freitag, 10.10.2003 – Schulausflug

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 9:18

Heute Morgen wieder schönes Wetter. Ich nutze die Gelegenheit, ein paar Fotos von der Umgebung zu machen, von meinem Balkon aus. Ich gehe dann ins Ryûgakusei Center, um meine Mails zu schreiben; heute wäre die Post für den 05.10. dran. Auf dem Weg zur Uni sehe ich einen „Corsa“ an einer der Ampeln stehen. Aber nicht von Opel, sondern von Toyota! Das heißt, es ist natürlich kein Corsa im europäischen Sinne, sondern ein Toyota Kleinwagen, der wohl mehr oder minder zufällig ebenfalls „Corsa“ heißt. Leider bin ich nicht schnell genug, um ein Bild machen zu können. Vielleicht sehe ich den Wagen mal wieder. Kann ja nicht der einzige seiner Art sein.

Ich schreibe zwei Stunden lang an meiner Post, aber als ich den „Senden” Button drücken will, meldet mir das System „Ihre Sitzung wurde beendet, wahrscheinlich durch einen Timeout.” Das macht den Tag doch gleich viel schöner! Es befindet sich keine Kopie des Geschriebenen in dem Ordner „Gesendet”, also wurde es auch nicht versendet, und ich muss alles noch einmal schreiben, weil es keine Sicherheitskopie gibt. Jetzt brauche ich eigentlich schon wieder eine Dosis Valium, bevor ich ausraste!! Aber okay, durchatmen, das passiert eben mal (ein Systemabsturz, nicht Amokläufe meinerseits). Scheinbar erachtet der Browser das Schreiben einer Mail, anders als das Drücken irgendwelcher Buttons, nicht als Aktivität.1 Heute habe ich keine Motivation mehr, den ganzen Text noch einmal zu schreiben. Ich versende also nur noch einige Bilder an meine Festplatte in Trier (und an dieser Stelle noch einmal mein Dank an Karl, der die dafür notwendige Geduld aufbringt) und verschiebe das Schreiben auf Montag. Also hänge ich noch weiter hinten dran mit meinen Berichten. Ach nee, Montag ist hier Feiertag. Also frühestens Dienstag.

Dabei war heute so richtig was los. Wir haben eine Grundschule besucht und uns Hirosaki in einfachen englischen Worten erklären lassen. „Wir“ sind 20 Austauschstudenten, darunter fünf Deutsche, fünf Thais, eine Slowenin, eine Französin, zwei Koreaner und sechs Chinesen. Die Kinder haben Stationen aufgebaut, wo es jeweils um ein Thema geht, wie z.B. die Burg, den Park mit seinen Pflanzen und Tieren, um Märchen und Sagen, und ums Essen. Und das letzte, was ich noch Gesicht bekomme, ist eine Station für „Chambara“. Dazu später mehr.

Die Grundschüler erklären in fünf kurzen Sätzen auf Englisch, um was es bei ihnen geht. Sie sind sehr nervös, reden leise und werden nur dann lauter, wenn sie sich gegenseitig auf Fehler aufmerksam machen, was etwa 50 % dessen ausmacht, was sie sagen. Wir fordern sie immer wieder freundlich dazu auf, lauter zu reden, wir würden sie nicht aufessen, wenn sie Fehler machen. Aber wir sind doch sehr auf unser Hörvermögen angewiesen. Nu ja… es sind Kinder von sieben Jahren.

Noch schüchtern

„Chambara“ ist etwas sehr interessantes, gerade für einen altgedienten „Papierknüppler“ wie mich. Es handelt sich offenbar um eine lokale Art von Stockkampf. Da die Verantwortlichen hier Kinder sind, verwenden wir natürlich keine Holzstöcke, sondern in Papier und Stoff eingewickelte Springseile. Die Regeln sind einfach: Der Körper oberhalb der Gürtellinie ist „unverwundbar“ und man muss die Beine des Gegners treffen. Der erste „Kampf“, den ich sehe, wird von Kashima-sensei bestritten. Ich lache herzlich darüber und will das auch machen.

Als ich dann da stehe, wird mir mein Problem erst so richtig bewusst: Mein Gegner ist nur halb so groß wie ich. Da, wo sein Kopf aufhört, fangen meine Beine erst an. Sawada-sensei ruft mir noch zu, ich solle bitte nicht übertreiben. Würde ich so was tun? Dabei habe ich ihr von meinem Fable für Papierknüppel noch gar nichts erzählt. Auf jeden Fall bin ich mir bewusst, dass ich meinen „Gegner“ einmal quer durch die Halle werfen könnte, wenn ich das wollte. Aber es ist ja nur ein Spiel.

Und der Anfang läuft gut für den Zwerg. Wir fangen an und ich gehe grinsend auf ihn zu. Er weicht bis zur Wand zurück und sieht an mir hoch wie David an Goliath. Ein passender Vergleich in diesem Moment. Als er nicht weiter zurück kann, legt er los wie ein Wirbelwind. Ich muss zuerst mal ein Gefühl für die Bewegungen bekommen. Bis ich weiß, wie ich mich bewegen muss, steht es 3:0 für den Kleinen. Seine Größe sorgt ja nicht nur dafür, dass meine Beine für ihn in bester Position sind – seine Beine sind für mich entsprechend tief! Dann habe ich den Bogen raus, beuge den Oberkörper weit nach vorne und halte ihn mit meinen Armen auf Abstand. Er erleidet drei „schmachvolle“ Niederlagen. Ich finde, 3:3 ist ein guter Endstand und überlasse Marc das Feld.

Macht ihn platt!

Der nimmt die Sache etwas zu ernst, wie es den Anschein hat. Er hat ein wenig Erfahrung mit Kendô, wie mir scheint, und er versucht, es anzuwenden. Ich denke, es geht ihm in erster Linie um den Showeffekt, weniger um die effiziente Anwendung seines Wissens. Vielleicht nimmt er es zu ernst, aber auf sehr lustige Art und Weise. Ich habe drei Bilder davon gemacht, wie sich Marc mit seinen Gegnern schlägt. Kashima-sensei fordert die Kinder dazu auf, Marc zu zweit zu bearbeiten, und sie schonen ihn in keiner Weise. Irgendwann liegt Marc auf dem Boden und sein siegesbewusster Gegner nutzt das für den letzten Schlag aus. Es war wirklich lustig anzusehen. Leider habe ich von dieser letzten Szene kein Bild.

Schließlich sollen wir uns zusammen auf ein Podium stellen und uns vorstellen, mit Namen und Herkunftsland, auf Englisch. Neben unserer Gruppe steht eine kleine Übersetzerin, die, unterstützt von ihrer Lehrerin, unsere Aussagen ins Japanische übersetzt und dem Publikum verkündet. Den Kindern gefällt die Vorstellung und zu meiner persönlichen Genugtuung gibt es Exemplare unter ihnen, die besonders begeistert sind, wenn sie einen Deutschen finden („Sugee! Doitsu-jin!“, also etwa „Boah! Ein Deutscher!“). Ich bin amüsiert.

Das Publikum

Danach wird aus dem Publikum eine Frage gestellt. Wir sollen bitte unsere Geburtsdaten aufsagen. Das erste Drittel der Gruppe verwendet tatsächlich die englische Version, aber eine Chinesin in der ersten Reihe verfällt ins Japanische, was alle anderen beibehalten und damit die Übersetzerin arbeitslos machen. Aber auch die Geburtsdaten werden kommentiert („Hey, die hat am gleichen Tag Geburtstag wie meine Oma!“).

Vor lauter Aufregung wird das Essen vergessen. Geplant war, dass die Kinder Süßigkeiten an uns verteilen. Wir nehmen uns beim Hinausgehen jeder einen Happen und verabschieden uns.

Ich muss sagen, so was Schönes habe ich lange nicht mehr erlebt. Es hat Spaß gemacht und ich werde gerne noch mehr solche Gelegenheiten wahrnehmen. Professur Fuhrt erwähnte in diesem Zusammenhang, dass Austauschstudenten hin und wieder gebeten würden, an Schulen kurze Vorträge über ihr Heimatland zu halten. Auch dazu erkläre ich mich gerne bereit.

Aber nach dem Ausflug fand wieder ein normaler Japanischunterricht statt. Da trifft mich doch wieder die Frustkeule. Ich verstehe nur die Hälfte der Erklärungen und Aufgaben, und der Stil sagt mir immer noch nicht zu. Phrasenwiederholen, was sonst? Das schlägt mir auf den Magen, heute schreibe ich keine großen Mails mehr, ich will meine Ruhe haben. Ich brauche noch etwas Zeit, um mich daran zu gewöhnen.

Vor dem Ausgang des Gebäudes steht eine Reihe von Hinweisschildern, die auf irgendwelche öffentlichen Veranstaltungen hinweisen. Eine Party, Karaoke und Armdrücken. Nicht schwer zu raten, welches davon mich am meisten reizt. Aber leider haben die Armdrücker nicht mit Kanji gespart und ich rufe mir Kashima-sensei raus, damit er mir den Inhalt übersetzt, aus dem ich nur den Tag und die Zeit des Wettbewerbs herauslesen kann, und dass es eine Anmeldefrist gibt. Er sagt, dass es in erster Linie ein Wettbewerb der verschiedenen Clubs sei. Aha. Die Clubs müssen sich also anmelden. Aber: Individuen, die keinem speziellen Club angehören, müssen sich nicht anmelden. Man (ich!) kann einfach hingehen und die Hand heben, wenn man jemanden herausfordern möchte. Also gut. Ich vermerke den Tag in meinem Notizbuch. Am dritten November also, um die Mittagszeit.

Ich werde also mal hingehen und mir ein Bild vom „Geheimnis der japanischen Kraft“ machen. Wenn ich natürlich gleich zu Beginn auf einen Ringer treffe, dann ist natürlich Essig. Da kann ich vorbereitend so viele Liegestütze pumpen, wie ich will.

Ich muss an dieser Stelle auf den Iwaki-san (den Berg Iwaki) zu sprechen kommen. Vielleicht, ich weiß es leider nicht mehr, habe ich bereits davon gesprochen, dass Misi eine Bergtour anleiern wollte und ich mich bereit erklärt habe, mitzugehen. Die Sache soll morgen stattfinden. Leider hat mir bis zum heutigen Abend (ca. acht Uhr) niemand Bescheid gesagt, wann ich wo zu sein habe. Erst als ich nach Hause gehen will, treffe ich Alex, rein zufällig, der sagt, dass Ramona ihm geschrieben habe, dass ich morgen früh um 09:00 am Busbahnhof des Kaufhauses Ito Yôkadô sein solle. Das Haus ist ebenso leicht zu finden wie das Daiei, eher noch einfacher, weil man das rot-blaue Schild mit der weißen Taube darin weithin sehen kann. Na denn. Eine Stunde später klopft auch Angela, eine weitere Neuseeländerin, die im Erdgeschoss wohnt, noch an meine Tür und teilt mir dasselbe mit.

Zuletzt bekomme ich von Melanie noch Geschenke, deren Anblick sie nicht widerstehen konnte. Ein „SailorMoon“ Malbuch (eines von dreien) und einen „Hokuto no Ken“ („Fist of the North Star“) Rasierer. Ich freue mich darüber, aber ihre Eigenart, auch unmotiviert Geschenke zu machen, ist mir doch noch immer recht fremd. Eigentlich bürdet mir das eine gewisse Verpflichtung auf, mich zu revanchieren. Ich hätte natürlich nichts dagegen, aber in den letzten Tagen ist eine derartige Flut von Merchandising und Briefpaper und aller anderer kommerziell niedlicher Kram in unseren Haushalt eingebrochen, dass ich mir Sorgen machen müsste, ob sie das, was ich sehe, nicht vielleicht schon hat. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, werde ich ganz einfach mal voreilig sein. Aber Gelegenheiten für mich sind relativ selten, da sich meine Einkäufe auf die Supermärkte beschränken und die Warenhäuser mehr ihr Revier sind. Aber Melanie will ja noch irgendwelche seltsamen kleinen Fotos von uns beiden machen, und dazu werde ich wohl mit ins Kaufhaus müssen (weil der benötigte Apparat dort zu finden ist).

1 Ich habe diese Mails damals online geschrieben, auf der Seite meines Mailproviders. Die Erfahrung lehrte mich, den Text offline als Dokument zu verfassen und dann in einem Stück in die Maileingabe zu kopieren.

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