Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

11. Oktober 2023

Samstag, 11.10.2003 – Der Touristenberg ruft

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 9:56

Heute haben wir also den Iwaki-san bestiegen. „Wir“ sind Angela, David „Dave“ Ryan (beide aus Neuseeland), Misi (aus Ungarn), Ramona, Luba und meine Wenigkeit (aus Deutschland, der Vollständigkeit halber). Der Iwaki-san ist ein ca. 1600 Meter hoher ruhender Vulkan, der wegen des Shintô-Schreines an seinem Fuß sehr bekannt ist. Zwei Gerüchte im Vorfeld haben sich nicht bestätigt:

1. Dave hatte wohl was von Schneefall am Berg gehört und deshalb gemeint, da sei es kalt. In der Tat herrschten sommerliche Temperaturen und wir haben uns die Seele aus dem Leib geschwitzt. Lediglich auf dem (völlig schneefreien) Gipfel war es wegen des Windes relativ kühl, aber ich war auf alles vorbereitet.

2. Der Berg ist weiter als 10 km weit weg. Der Bus war 45 Minuten lang unterwegs und eingedenk der Fahrgeschwindigkeit möchte ich die Entfernung auf ca. 30 km schätzen. Ich musste diese Aussage aber im Nachhinein relativieren, weil der Bus um den halben Berg herum gefahren ist, um an die Haltestelle an dem Onsen zu gelangen, an der wir schließlich ausgestiegen sind.1

Aber erst mal von vorn: Ich stehe um 07:00 auf und werfe mich in meine grün-braun-schwarze Kluft mit dem zeitlos modischen grünen T-Shirt der Nobelmarke „Koch Textilien“. Das Oberteil lasse ich noch im Rucksack. Ich mache mich gleich auf den Weg. Ich brauche noch Verpflegung, also mache ich einen Umweg durch die Apfelfelder. Und die sechs zusätzlichen Kilometer sind doch eine schöne Strecke zum Aufwärmen.

Wider Erwarten von meiner Seite sind Alex, der Rumäne, und Marc nicht mitgekommen. Alex gibt am Morgen eine Nachhilfestunde (in Englisch, glaube ich) und ob Marc jemals gesagt hat, dass er überhaupt mitkommen will, weiß ich gar nicht mehr. Ist auch egal.

Wegen Daves Gerüchten um die mögliche Kälte hat Luba zwei dicke Pullover mitgebracht. Aber keinen eigenen Rucksack. Sie verteilt ihr Material auf Angela und Dave. Ansonsten hat sie zwei Onigiri (Reisbällchen mit herzhafter Füllung) und einen halben Liter Wasser dabei. Einen halben Liter!? Ich frage mich, ob sie so was schon einmal gemacht hat? Wie will sie bei einer solchen Anstrengung mit einem halben Liter Wasser auskommen? Des weiteren trägt sie, wie Ramona auch, lediglich Turnschuhe. Ich ahne bereits, dass ihre Fußgelenke am Abend quietschen werden. Aber auch ich habe eine Sünde begangen und als Weggetränk eine (Zweiliter-) Flasche „Boco“ mitgenommen. Ich stelle später am Tag fest, dass das Zeug völlig ungeeignet für Wandertouren ist, weil es einen widerlichen Geschmack und ein vergrößertes Durstgefühl im Hals hinterlässt.

Schon während der Fahrt sorgt Dave für gute Laune, auch wenn sein Humor etwas gewöhnungsbedürftig ist. Er sagt, er könne genügend Deutsch, um in Deutschland kostenlos übernachten zu können. Ach ja? Ja, sagt er, man müsse nur zu einem Polizisten gehen und… den Götz von Berlichingen zitieren. Er verwendete natürlich nicht diesen Euphemismus, sondern tat es tatsächlich, auf Deutsch, uns gegenüber. Aber das ginge auch anders. Und wie? Na, man müsse sich eben an Frauen wenden. Er sieht Ramona fordernd an und sagt (ebenfalls auf Deutsch): „Ich bin ein Mann und Du bist eine Frau – hast Du Zeit?“ Nun ja. Vielleicht ist es nur witzig, wenn man ihn live hört, mit seinem lustigen Akzent und Redefluss.

Der Bus. Mit Holzplanken.

Nach 45 Minuten steigen wir an einem Onsen (eine heiße Quelle zum Baden mit Haus drumrum) aus. Der Aufstieg ab hier dauert angeblich drei Stunden. Meine alpinen Erfahrungen sagen mir allerdings, dass solcherlei Hinweisschilder meist von abgehärteten Einheimischen geschrieben werden. Ich rechne also mit einem Zeitraum von vier bis fünf Stunden, inklusive Pausen.

An der Haltestelle befindet sich ein Laden, wo man gekochte Maiskolben kaufen kann. Eine ältere Dame bietet daumendicke Stücke zum Probieren an. Ich denke mir noch „Ist ja weich gekocht“ und stecke das Stück ganz in den Mund. Die Frau lacht überrascht und im selben Moment lerne ich, dass Maiskolben sich nicht ganz weichkochen lassen. Ich habe den Mund voll mit holzigen und wenig schmackhaften Stücken eines Maiskolbens. Ich spiele die Komödie allerdings nicht zu Ende, sondern entledige mich des Materials. Für eben das, was man eigentlich nicht in den Mund nehmen soll, befindet sich an dem Laden ein Mülleimer.

Nach etwa der Hälfte des Weges beginnt unsere Gruppe sich in Leistungsklassen zu unterteilen. Dave zieht mit atemberaubender Geschwindigkeit davon. Ich sehe ihn hinter der nächsten Biegung verschwinden und denke, wenn ich das Nebelgebirge2 vor der Haustür hätte, könnte ich das auch. Nach Dave kommt also eine Zeitlang niemand. Es folgen Angela, Misi und ich, in wechselnder Reihenfolge. Danach kommt wieder eine Zeitlang nichts und es folgen Ramona und Luba. Zwischen der Spitze und dem Schluss entsteht eine Zeitdifferenz von mehr als zehn Minuten. Der Pfad ist fordernd und meiner Meinung nach nicht wirklich ein Pfad, er macht mehr den Eindruck eines trockenen Baches. Der Weg ist stellenweise glitschig, hier muss man über Baumwurzeln steigen, da müssen große Steine überwunden werden. Lauter Hindernisse, die nur darauf warten, einem unachtsamen Wanderer die Füße zu brechen. Diese Unregelmäßigkeit macht die Angelegenheit sehr anstrengend. Kraft raubend ist aber vor allem das, was diesen Pfad von denen unterscheidet, die ich aus den Alpen kenne: In den Alpen sind die Pfade in Form von Serpentinen angelegt. Dieser Pfad jedoch geht direkt und ohne große Umschweife den Berg hoch, beinahe Luftlinie. Meine Herzschlagfrequenz ist entsprechend hoch. Zeitweise verdunkelt sich mein Sichtfeld und ich kann nicht lesen, was 1,5 Meter vor mir auf Angelas Rucksack geschrieben steht. Dann wieder verschwimmt das äußerst linke Fünftel meines Sichtfeldes, als ob jemand Terpentin auf ein Ölgemälde gesprüht hätte. Schmerzen habe ich nicht, aber meine Beine sind schwer wie Blei und das Gehen erfordert ein gewisses Maß an Willenskraft. Ich weiß, dass meine Beine irgendwann zu zittern beginnen werden, und wenn sie das tun, muss ich aufgeben, weil ich dann nicht mehr sicher gehen kann. So schön die Herbstfarben hier auch sind – ich möchte sie nicht im Vorbeirollen bewundern müssen, weil ich meinen Tritt irgendwo verfehlt habe.

Herbstfarben

Aber kurz bevor nichts mehr will, erreichen wir die Höhe 1200 Meter. Und ich traue meinen Augen nicht. Hier befinden sich ein kleines Restaurant, ein großer Parkplatz und eine Busstation. Und daneben ein Sessellift. Man kann also bis hierher mit dem Auto fahren und anschließend den Lift nehmen, der bis zur Baumgrenze fährt. Ab dort sind es noch etwa 45 Minuten bis zum Gipfel. Allerdings muss ich nachher sagen: Die haben es in sich!

Schon ziemlich platt.

Wir machen aber erst ein wenig Pause. Ich entdecke eine Toilette, vor derselben befindet sich ein öffentlicher Wasserhahn. Leute gehen daran vorbei und nehmen einen Schluck Wasser. Das findet natürlich mein Gefallen und ich trenne mich von dem Rest Boco, den ich noch habe. Ich ersetze es durch das einzig wahre Marschgetränk: Wasser – ganz ordinäres, klares Wasser. Ich teile das auch den anderen mit, damit sie sich nicht an den Getränkeautomaten arm kaufen, die es natürlich auch hier oben gibt.

Es sind also noch 400 (Höhen-) Meter bis zum Gipfel und wir nehmen sie in Angriff.

Dave zieht schon wieder davon und ich sehe ihn erst kurz vor dem Gipfel wieder. An der Baumgrenze setze ich mich mit Angela auf Steine und warte auf Ramona, Luba und Misi, die ca. zehn Minuten hinter uns liegen. Während dieser Wartezeit sehe ich seltsame Geschöpfe: Da steigen Leute aus dem Lift, eine Handvoll Herren im Alter von etwa 30 bis 50 Jahren, in geschäftlich aussehenden, ordentlichen Anzügen mit dazu passenden Schuhen. Sie kommen auch keine fünf Minuten später wieder zurück, weil man 200 Meter weiter festes Schuhwerk braucht, um weiterzukommen. Was dachten die denn, wo sie sind? Der letzte Abschnitt besteht im Wesentlichen aus zwei steilen Anstiegen, die ich auf allen Vieren hinter mich bringe. Auf den Füßen allein wäre ich da nicht hochgekommen. Aber so geht es auch recht schnell. Dave sitzt irgendwo auf halbem Weg und wartet auf uns, aber das interessiert mich wenig – auf diese Art und Weise bin ich nämlich der erste von uns, der auf dem Gipfel sein wird. (Dave war aber schon ein paar Male hier.) Hier ist auch bedeutend mehr los als auf dem bisherigen Weg, weil die ganzen Leute hier dazukommen, die mit Auto und Lift hochgekommen sind, dem entsprechend bevölkert ist der Gipfel. Da oben tummeln sich nach meiner Schätzung mehr als dreißig Leute.

Der Aufstieg hat in der Tat etwas mehr als vier Stunden gedauert. Mir ist sehr warm und ich schwitze. Und hier oben weht ein kühler Wind. Also hole ich die Feldbluse raus und ziehe sie an. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, bin ich bereits in mehreren Fotoalben verschiedener Japaner verewigt. Aber wer hat auch schon jemals einen (****) H&K-General auf einem japanischen Berg gesehen? Nur ein älterer Herr fragt mich in englischer Sprache, wo ich denn herkäme.

Aussicht nach Süden mit Schrein

Auf dem Gipfel befindet sich außerdem eine Glocke und ein Schrein. Ich glaube, es befindet sich auf jedem Berg in Japan ein Schrein, wenn ich mich nicht irre? Und leider waren meine Sinne viel zu vernebelt von der Anstrengung und gleichzeitig eingefangen von der atemberaubenden Aussicht, als dass ich auf die Idee gekommen wäre, den Schrein zu fotografieren. Seine Existenz lässt sich nur auf dem Bild erkennen, oder erahnen, das die Aussicht nach Süden zeigt. Im Norden kann man das Meer sehen, bzw. den Teil des Pazifiks, der den nördlichen Abschluss der Insel Honshû bildet.

Aussicht nach Norden

Misi, Ramona, Luba und Dave werden von starken Kopfschmerzen heimgesucht. Außerdem mahnt uns die Uhr zur Umkehr. Und zu aller Schande müssen wir den Berg tatsächlich hinunterfahren, weil wir sonst den letzten Bus nach Hirosaki verpassen würden. Also erst wieder die Klettertour, dann in den Lift und im Anschluss in den Bus zum Onsen. Dort müssen wir dann 20 Minuten warten, bis wir in den Bus nach Hirosaki steigen können.

Bus fahren in Japan unterscheidet sich übrigens in wesentlichen Punkten vom deutschen Procedere. In Deutschland steigt man ein, sagt dem Fahrer das Ziel und zahlt den Preis, den er nennt. In Japan (zumindest in Aomori-ken) steigt man ein und zieht einen Streifen Papier, auf dem die Nummer der Haltestelle vermerkt ist, an der man gerade eingestiegen ist. Wenn man aussteigt, zeigt man dem Fahrer die Karte, der dann die Nummer auf dem Streifen mit der der aktuellen Haltestelle vergleicht und aus einer Liste den Preis abliest. In Hirosaki befindet sich in den Bussen auch eine große Anzeigetafel, die den derzeitigen Tarif in Relation zur Einsteigehaltestelle anzeigt, damit die Kunden jederzeit wissen, wie viel sie zahlen müssen, wie ein Taxameter. So verkürzt man die Zeit beim Aussteigen. Das Geld wirft man in einen Kasten, in dem ein kleines Förderband das Geld in die Kasse befördert. Man braucht dafür Münzen. Wenn man nicht genug Münzen hat, kann man 1000- und 500-Yen-Scheine mittels eines Automaten wechseln, der sich im gleichen Gerät befindet. Da ich noch nie einen 500er Schein gesehen habe, werde ich ihn allerdings behalten, wenn ich einen bekomme. Die scheinen selten zu sein.

Der Weg von Hirosaki zum Onsen am Fuß des Berges hat 800 Yen gekostet. Die Tour vom Berg hinunter zum Onsen ebenfalls 800 Yen. Der Lift kostet 500 Yen. Und die Fahrt vom Onsen nach Hirosaki kostet 900 Yen. Aus irgendeinem Grund ist also die Rückfahrt teurer als die Hinfahrt. Die Busse von und nach Hirosaki kann man auch zum halben Preis benutzen, wenn man eine „Aomori Welcome Card“ hat. Man bekommt sie, wenn man Austauschstudent in der Präfektur Aomori ist. Die Busse am Berg akzeptieren diese Karte allerdings nicht.

Da ich keine Zeit hatte, die Karte zu besorgen, habe ich auf dem Hinweg den vollen Preis zahlen müssen. Allerdings nicht auf dem Rückweg. Da alle anderen solche Karten haben, ging der Fahrer ungesehen davon aus, dass ich ebenfalls eine habe. Ich schweige und genieße.

Wir verabreden uns für 19:45 bei Ramona. Ich gehe also nach Hause zum Duschen. Dabei fällt mir ein, dass ich nur weiß, dass Ramona im Kaikan wohnt, aber nicht, in welchem Zimmer, und ihren Nachnamen kenne ich auch nicht. Sie erwähnte nur einmal einen italienischen Vater. Außerdem war ich überhaupt nur einmal in dem Wohnheim, als wir das Lied für die Welcome Party aussuchen wollten. Und jetzt ist es dunkel. Aber ich mache mir darüber keine Sorgen, dafür stimmt mich meine reine Anwesenheit hier in Japan viel zu optimistisch. Das werde ich schon finden.

Ich finde es tatsächlich, aber ich komme etwas zu spät, weil ich erst die richtige Zimmernummer finden muss. Ich durchsuche erst das falsche Gebäude. Dann komme ich auf die Idee, die Briefkästen anzusehen. Ramona gehört zu den Leuten, die ihren Namen an den Briefkasten geheftet haben, „Delfino, R.“ steht da. Andere italienisch klingende Namen finde ich keine. Angela und Dave sind nicht gekommen. Dave hat noch einen Termin mit seiner Vermieterin und Angela ist zu müde, um noch den Weg zum Kaikan zu machen. Ohnmachtsanfall nach der heißen Dusche, könnte man sagen.

Aber der Abend wird dennoch angenehm. Misi spendet die Spaghetti und Ramona die Soße. Außerdem hat sie eine Art Butterkäse besorgt. Und der ist gar nicht schlecht. Und teuer sei der auch nicht, sagt sie. Der Tag endet für mich dann um 23:45, und mein letzter bewusster Gedanke gehört dem Muskelkater, den ich morgen wohl haben werde.

1 Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wie die Haltestelle oder der Schrein heißt, von daher kann die gefahrene Entfernung nicht eindeutig bestimmt werden.

2 Ich erinnere daran, dass „Der Herr der Ringe“ in Neuseeland gedreht wurde, und Dave stammt aus einem kleinen Ort unweit der Berge, die man als das „Nebelgebirge“ in den Filmen zu sehen bekommt.

Schreibe einen Kommentar