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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

20. Oktober 2023

Montag, 20.10.2003 – Follow the yellow Brick Road

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 9:15

Montage erfordern kein frühes Aufstehen. Und interessanterweise gibt es nicht nur zwei Kneipen direkt vor der Uni und eine Sakebrauerei nördlich daneben, nein, die ersten beiden Stunden sind montags grundsätzlich frei!1 Kein Lehrangebot bis 10:20 Uhr! Zumindest für uns Austauschstudenten.

Ich lasse mir also Zeit und gehe erst um 08:30 ins Center. Mein erster Unterricht beginnt um 12:40, also habe ich vier Stunden Zeit, das reicht für zwei lange Berichte per Mail. Eigentlich. Aber das Schicksal (die Technik!) ist gegen mich. Der erste Rechner hat kein MS Word, beim nächsten Rechner ist es zerschossen (scheint eine Krankheit der XP-Rechner hier zu sein), der dritte stellt keine Netzverbindung her, der vierte stürzt ab, sobald ich etwas machen will, was komplizierter ist, als ihn einzuschalten, der fünfte mag den Drucker nicht (nicht installiert) und der letzte, den ich noch freiwillig ausprobiere, hat keine funktionierende Kabelverbindung zum Drucker. Immerhin kann man mit dem hier schreiben. Das Senden kann man auch später in den Zeitplan einschieben.

Bis 12:40 habe ich es dann immerhin geschafft, die Mail vom 10.10. zu verfassen und zu speichern.

Nach diesem Desaster erlebe ich meinen ersten Unterricht „Japanisch A3“.

Noch bin ich mir nicht ganz im Klaren, um was es da heute genau geht. Die erste Aufgabe ist gleich komisch:

Der japanische Regenbogen hat sieben Farben. Ist das in Deiner Heimat anders? Warum ist es anders?“

Ich verstehe nicht ganz, lese die Aufgabe noch einmal. Aber das ist, was da steht. Wir sollen in Gruppen die Regenbögen unserer Heimatländer diskutieren. Ich habe mir seit dem Kindergarten keine Gedanken mehr darüber gemacht, welche Farben der Regenbogen hat. Also versuche ich, die Sache logisch anzugehen.

Der Regenbogen in Japan hat also sieben Farben. Okay, damit kann ich leben.

Aber scheint nicht überall die gleiche Sonne?

Fällt nicht überall der gleiche Regen aus H2O?

Atmen wir nicht alle die gleiche Luft?

Mehr Faktoren für einen Regenbogen fallen mir nicht ein, vielleicht noch der Einstrahlungswinkel der Sonne? Japan liegt auf der Höhe des Mittelmeers, das sollte nicht so sehr anders sein.

Am Ende sind die Studenten sich einig. Der Regenbogen hat überall die gleichen Farben, es gibt keine Unterschiede. Und die Entscheidung ist einstimmig: Deutsche, Franzosen, Thailänder, Chinesen und Koreaner sind dieser Meinung. Der Lehrer und Japaner Yamazaki sagt aber, das sei nicht möglich. Er lacht und fragt, wie das sein könne? Ich lese in dem dazugehörigen Text herum und glaube zu erkennen, dass es darum geht, dass es in Japan viele konkrete Farbbegriffe gibt, die es ermöglichen, die Farben zu benennen und zu identifizieren. In Deutschland z.B. gibt es nicht so viele Begriffe für die einzelnen Farbtöne, die über die Hauptfarben definiert werden, denen sie ähneln, wie „Karmesinrot“ oder „Ultramarineblau“. Es gibt wohl eine Verbindung zwischen den Dingen, die man in einer Sprache ausdrücken kann und der Wahrnehmung, die man als Muttersprachler eben aufgrund der Begrifflichkeiten hat. Dinge, die keine Namen haben, für die es kein Wort gibt, existieren nicht, werden nicht als existent wahrgenommen. Auf gewisse Art und Weise ist das wohl wahr.

Aber eigentlich geht es um Textaufbau und nicht um Naturwissenschaft, Psycholinguistik oder Philosophie. Einfache Textstrukturen sollten an diesem Beispiel gezeigt werden, Einleitung, Hauptteil, Schluss. Das ist alles. Aber es ist auch alles, was ich an diesem Tag von den Ausführungen von Yamazaki-sensei verstehe. Er könnte ebenso gut Chinesisch reden. Für diesen Bereich fehlt mir doch deutlich das Vokabular. Ich empfinde diesen Zustand als sehr frustrierend. Der übrige Sprachunterricht geht. Die Quintessenz herauszuhören, ist machbar, also kann ich dem Unterricht folgen.

Aber der A3 von heute Morgen… hui. Der Text ist wirklich seltsam.

Die wichtigste Funktion eines Begriffs ist sein Zweck, Dinge zu identifizieren“ steht da. So weit, so gut. Den Satz, der mir am wenigsten sagte, übersetze ich grob mit „Wir denken an Freiheit und glauben zu sprechen.“ Wie bitte? Irgendwo muss ich einen Fehler gemacht haben. Ich muss einen Muttersprachler fragen, der auch Deutsch kann. „Fudan wareware wa, Jiyû no mono wo kangae, hanashite-iru to omotte-iru.“ Im Hinterkopf sehe ich bereits Shitaba-sensei mit seinem „Kontext!!“ Schild winken.2

Auch am Nachmittag will die Sache nicht ins Rollen kommen, was das Versenden von Mails betrifft. Der GMX-Server kann nicht gefunden werden. Von keinem der Rechner, den ich ausprobiere. Ist der Server offline? Der Multi-Terabyte-Server von GMX? Das wäre mal ein starkes Stück. Vielleicht stimmt aber auch etwas an der Leitung nach Deutschland nicht. Web.de ist erreichbar. Seltsam, seltsam. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis ich wieder an mein Postfach komme.

Magenknurren. Ein bedeutender Bestandteil meines Daseins in Japan. Ich habe mir angewöhnt, am Morgen eine satte Portion Reis zu essen, aber Reis hat eine extrem kurze Halbwertzeit, und am frühen Nachmittag knurrt mir der Magen. Gegen 17:30 komme ich für gewöhnlich zum Essen. Nein, ich muss nicht hungern, um Himmels willen. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen. Es ist nur so, dass ich nach dem Frühstück schnell wieder hungrig werde. Vielleicht hängt das mit dem Reis zusammen, vielleicht verbrauche ich vor lauter Stress auch mehr Kalorien.

Jedenfalls hat, weil heute Montag ist, mein Ramenlokal geschlossen. Aber auf dem Weg nach Hause gibt es eine Oden-Bude mit Vordach.

Digital Camera

Dort werden in erster Linie Fleischspieße gebraten. Also Yakiniku. Und die Spieße schmecken wirklich hervorragend, vor allem mit leerem Bauch. Schwein, Rind, Geflügel und Gemüse, und das über Holzkohle gebraten. Ich bezweifle, dass ein Elektrogrill das besser hinbekommt. Aber vor allem sind diese Dinger hier salzig! „Möchten Sie Salz?“ fragt mich die ältere Dame höflich. „Ja, bitte“ antworte ich, nichts ahnend. Dann wollen mir schier die Augen rausfallen angesichts der Salzmenge, die sie an den Spieß wirft. Man kann das Salz nachher vom Fleisch abklopfen. Ich muss also nächstens um „ein wenig Salz“ bitten.

Digital Camera

Außer den Spießen probiere ich auch noch das Oden (mit einem kurzen „o“ wie in „Stock“). Zumindest so weit ich das verstehe, handelt es sich um Oden, muss ich sagen. Da schwimmen seltsame Objekte in einer dunklen Brühe, und ich glaube zu verstehen, dass alles aus Fisch gemacht ist, obwohl es nicht im Geringsten nach Fisch riecht oder schmeckt. Oh, das Ei in der Brühe ist natürlich nicht aus Fisch. Das Stück Daikon (Riesenrettich) natürlich auch nicht. Aber beides ist gut. Ich gehe gesättigt aus dieser kulinarischen Erfahrung hervor und habe auch nicht mehr bezahlt, als wenn ich ein Ramen gegessen hätte. Da kann man öfters hingehen. Aber wegen des vielen Salzes werde ich heute Abend noch drei Tassen Kaffee trinken, um das Zeug wieder rauszuspülen (Kaffee entwässert den Körper, wenn man nicht daran gewöhnt ist).3

Im Fernsehen bringen die Nachrichten am Abend wieder Bilder von Verkehrsunfällen auf der Autobahn. Diesmal drei Tote. In den letzten Tagen verging kaum ein Tag, ohne Berichte über Unfälle mit Toten. Ich frage mich, wie viele Leute eigentlich jedes Jahr auf japanischen Straßen zu Tode kommen? Oder auch allein auf den Autobahnen, auf denen man doch nur 80 fahren darf!? Bringen diese Limits denn gar nichts? Es kann ja nicht sein, dass es hier derartig viele schlechte Autofahrer gibt… vielleicht gibt es auch einfach nicht viel, über das zu berichten sich lohnen würde.4

1 Es ist mir nach all den Jahren nicht mehr erinnerlich, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

2 Der japanische Satz enthält einen Fehler, vermutlich habe ich ihn falsch abgeschrieben. Es muss lauten „Fudan wareware wa, Jiyû ni mono wo kangae, hanashite-iru to omotte-iru“ ?????????????????????????????? und das bedeutet „Üblicherweise denken wir, dass wir frei denken und sprechen.“

3 Die Aussage, dass Kaffee entwässernd wirkt, ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt. Für mich persönlich gilt allerdings, dass warme Getränke schnell zu Harndrang führen.

4 In Deutschland wurden 2003 insgesamt 6613 Verkehrstote verzeichnet, das entspricht etwa 18 Menschen pro Tag. 2016 waren es laut WHO in Deutschland noch 3327 und in Japan noch 5224 im Jahr, also etwa 14 am Tag.

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