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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

7. Oktober 2023

Dienstag, 07.10.2003 – Symphonie in Müll

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:01

Der Tag beginnt um 06:30 mit Sonnenschein. Wäschewaschen. Ein Werbeblatt verrät mir, dass bereits seit dem 04.10.2003 eine SailorMoon Realserie („Pretty Guardian SailorMoon“) auf CBC/TBS läuft, jeden Samstagmorgen um 07:30. Also beste Sendezeit… leider empfange ich den Kanal nicht. Ich werde bei Gelegenheit ein TV-Programmheft kaufen, um festzustellen, ob es vielleicht auch woanders läuft. Nichts ist unmöglich, heißt es doch bei Toyota. Die jungen Damen passen nämlich ganz hervorragend in die Kostüme und sehen obendrein noch gut aus. Und als alter SailorMoon Fan will ich das auch nicht verpassen. Ich habe also nicht nur rein „männliche“ Motive.

So, heute werden die Ergebnisse des Placement Tests bekannt gegeben und wir erfahren unsere Kurszuteilung: Ich lande zusammen mit Melanie in der Kategorie „Mittelstufe A“. Das heißt, wir haben schon einmal davon gehört, dass man in Japan mit Kana und Kanji schreibt und sind in der Lage, eine Flasche Limo im Supermarkt zu kaufen, ohne auf unüberbrückbare Sprachhindernisse zu stoßen. Unterhalb von uns gibt es nur noch die Anfänger, die nie Unterricht hatten und bestenfalls „bitte“, „danke“, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sagen können. Aber so sei es. Nach dieser Bekanntgabe erläutert man uns, wie man einen Stundenplan zusammenstellt, und welche Schritte notwendig sind, um Kurse zu belegen. Das ist nicht so wie in Deutschland, wo man sich an einer Uni einschreibt und dann einfach in die Kurse geht, sich dort in eine Anwesenheitsliste einträgt (wenn es überhaupt eine gibt) und man selbst sehen muss, wie man sich und seine Arbeit organisiert. Hier muss man drei Formulare ausfüllen, mit Name, Adresse, Passfoto (!) und Werdegang. Die Lehrer müssen die Anmeldung im jeweiligen Kurs mit einem hochoffiziellen Stempel bestätigen. Und wenn das alles fertig ist, gehen die Unterlagen an das Sekretariat, damit die dort genau wissen, was bei den Studis so läuft. Es dauert zwei Stunden, das alles zu verstehen und auszufüllen.

Danach wird uns das japanische Müllsystem erklärt, bzw. seine Anwendung im Raum Hirosaki. Es ist leider nicht ganz so einfach, wie ich dachte. Aber auch nicht so kompliziert, wie es sich im Folgenden anhören könnte.

Zunächst einmal gibt es tatsächlich Mülltüten, und der Müll trennt sich in mehr als vier Unterteilungen, entgegen meinem bisherigen Denken. Die meisten Säcke, die ich an den Sammelplätzen gesehen habe, sind allerdings Kaufhaustüten, die annähernd durchsichtig sind. Obwohl man doch in Hirosaki angeblich so genau darauf achtet, wie der Müll entsorgt wird. Ich sehe es kommen, dass die Austauschstudenten, denen das hier erklärt wird, den Müll vorbildlicher entsorgen werden, als die Einheimischen. Fängt schon damit an, dass Melanie „echte“ Mülltüten besorgen geht…

Digital Camera

Aber zum System: Der Müll wird getrennt nach

  • Zeitungspapier
  • sonstiges Papier (Glanzpapier)
  • Kartonagen (Milch und Saft)
  • Karton (Pappkisten)
  • PET-Flaschen
  • sonstiger Plastikmüll (Tüten, Verpackungen)
  • brennbarer Müll (Taschentücher, Küchenabfälle)
  • nicht-brennbarer Müll (kleine Metallteile, Alufolie)
  • Sperrmüll
  • Dosen (Getränke)
  • Glas grün
  • Glas weiß
  • Glas braun

Das sind die Hauptgruppen. Meine Kôhais können ja schon mal mit dem Üben anfangen. Das System impliziert, wie ich möglicherweise bereits erwähnte, dass man die Schraubverschlüsse der Flaschen ebenso wie die Folie, auf der der Produktname steht, entfernt und in den jeweils richtigen Müllsack wirft. Kugelschreiber auseinanderfummeln ist besonders lustig. Da ist nämlich Plastik, Metall und noch mehr Plastik dran, und das Material ist zum Teil verklebt, wie z.B. der Clip am Kopfende des Schreibers. Als Deutscher bin ich mit dem Trennungsprinzip natürlich vertraut, aber man kann auch übertreiben. Ich finde das deutsche System durchaus brauchbar. Dass der Müllmann nicht noch sein „Okay“ zum Inhalt geben muss und Beanstandungen den Behörden meldet, ist alles, was noch fehlt, glaube ich.

Nach der Müllshow („Gomigeki“ habe ich es Kashima-sensei gegenüber genannt) findet die Welcome Party statt, die Eröffnungsparty in erster Linie für die Austauschstudenten, aber auch für alle interessierten Japaner. Der Platz wimmelt von ihnen, wenn ich das mal so sagen darf, aber die Mensa ist nicht überlaufen.

Einleitend muss ich schon bemerken, dass ich eine solch traurige Party noch nicht erlebt habe. Und ich bedauere ein wenig die Vorführenden, die zumeist gegen eine Wand aus Geräuschen antreten mussten. Die Deutschen (mit Ausnahme meiner Person und Luba) singen eine (absichtlich) schauerlich schlechte Version der „Ode an die Freude“. Dazu haben sie eine Wand aus Zeitungspapier gebastelt, hinter der sie sich verstecken. In diese Wand sind Löcher eingerissen, und sie strecken ihre Hände hindurch, die in Wollsocken stecken, auf die Augen aufgenäht sind. Es singen also diese improvisierten Handpuppen. Meiner Meinung nach ein schwacher Vortrag, der nicht wirklich lustig war. Ich habe meine Zweifel, ob irgendjemandem klar geworden ist, dass hier eine absichtlich schlechte Version dargeboten wurde… zum Glück habe ich da nur den Wandpfeiler gemimt, der die Papierwand festhielt.

Ja, und dann… wollte ich eigentlich meinen Vogelweide zum Besten geben, für den ich stundenlang geübt habe, in leeren Lehrsälen, in denen man niemanden durch lauten Gesang stört. Aber Sawada-sensei ist so beeilt, die nächsten anzusagen, dass ich nicht zum Zug komme. Ich teile ihr mit, dass ich auch am Schluss auftreten kann, aber das wird vergessen. S U P E R. Alle Mühen umsonst!

Aber immerhin kann ich jetzt das Palästinalied auswendig. Wer kann das schon? Das ist doch auch was. Es ist mein zweiter Text von Vogelweide, nach „Suo die Bluomen uz dem Grase dringet“. Aber erst einmal bin ich oberstinkesauer wegen der investierten Mühen. Auf dem Rückweg streite ich mich mit Melanie wegen irgendeinem Mist. Das tut mir natürlich leid.

Die Party fing um 18:00 an und endete plangemäß um 20:00. Eine organisierte Zwei-Stunden-Party. Alkohol gab es da auch keinen. Nicht, dass mir persönlich das sehr gefehlt hätte, obwohl ich wegen der Aufregung vorher natürlich gerne ein Glas getrunken hätte. Nein, meiner bescheidenen Meinung nach wäre Alkohol für die Kontaktaufnahme wichtig gewesen. Das „Spiel“, das zu diesem Zweck (Kontakte knüpfen) veranstaltet wurde, wirkte nüchtern nämlich wie eine „Hauruck-Aktion“: Wir erhielten Zettel und Kugelschreiber. Auf dem Zettel befanden sich freie Felder und die Aufgabe lautete, in jedes Feld eine Kontaktadresse einzutragen, und zu diesem Zweck musste man losgehen und die Leute nach Name und E-Mail-Adresse fragen.

Am Ende des Tages habe ich einen Chinesen, einen Iraner, und zwei Japanerinnen. Meinen Namen habe ich etwa ein Dutzend Mal weggegeben. Ich rechne nicht damit, jemals etwas von diesen Leuten zu hören, denen ich meine E-Mail Adresse gegeben habe. Was soll’s. Ich beschließe, auf jeden Fall dem Iraner zu schreiben. Anders als Behrang, den ich in Trier kennen gelernt habe, kommt er direkt aus dem Iran. Und nicht irgendwie indirekt. Ich würde gerne ein bisschen mit ihm diskutieren.1

Ohne Adressaustausch habe ich noch Arpi kennen gelernt, einen Ungarn aus der Slowakei (eine Erinnerung an Minderheitenprobleme in Zentraleuropa), und eine Französin aus Bordeaux. Die Französin heißt, wie es der Zufall will, Mélanie (Mathieu). Dann wäre da noch ein Koreaner namens Jû. Ist natürlich ein Kürzel, weil es mir nicht gelingt, einen koreanischen Namen in voller Länge auszusprechen, obwohl sie schon einfacher auszusprechen sind als chinesische. Der vorletzte, den ich noch treffen darf, ist David aus Neuseeland (den man nicht mit David „Dave“ Ryan verwechseln darf). Er hat einen Gesichtsausdruck wie Stefan, geht und bewegt sich wie Stefan, spricht wie Stefan – aber seine Hingabe gehört einem anderen Fach: David ist Jazz-Musiker. Und gar kein schlechter, so weit ich das beurteilen kann. Er spielt ein paar Blasinstrumente, Saxophon und Klarinette sind dabei. Und seine Frisur erinnert an Larry von den drei Stooges. Zumindest entfernt. Ansonsten ist er auch ebenso gesprächig wie Stefan. ? Er redet auch mehr Japanisch. Und das kann er wirklich gut. Er redet langsam, aber flüssig, und er scheint nicht groß darüber nachdenken zu müssen, wie er seinen Satz konstruieren muss, wie das bei unsereins der Fall ist.

Die letzte Person ist Yukiyo, Japanerin. Die sich im Anschluss, als wir gerade gehen wollen, noch einmal versichert, ob ich mich an sie erinnere. Ähem. Sie hat meine Mailadresse. Wenn sie nicht schreibt, ist sie selber schuld.

Aber ich will auch was Positives über die völlig „totorganisierte“ und äußerst alkoholfreie Party sagen. Besonders auffallend waren zwei Tanzvorstellungen, die zum Vergleich einladen:

Der erste Tanz war japanisch. Leider habe ich zu wenig Ahnung von japanischem Tanz, um das Gezeigte zuordnen zu können. Aber als Laie möchte ich meine, wenn auch unqualifizierte, Meinung schildern.

Der japanische Tanz war sehr förmlich, geradezu formalisiert. Sehr strenge Formen wurden da vorgeführt und man konnte die Konzentration der Tänzerin geradezu spüren. Es war eine schöne, ästhetische Darbietung. Ich frage ein paar Japaner, die neben mir knien, und sie sagen, sie mache ihre Sache sehr gut. Aber welcher historischen Periode (die ich im Gegensatz zu den Japanern hier auswendig kenne) die Musik und der Tanz zuzuordnen ist, kann mir niemand sagen. Ich finde aber auffallend, dass da in erster Linie eine ästhetische Unflexibilität zu spüren ist. So will ich es einmal nennen. Wirklich bewundernswert, aber wie in einer Zwangsjacke.

Die Chinesin dagegen, die mir knapp über das Zwerchfell hinausragt, hat schnell (als Einzige an diesem Abend!) die ungeteilte Aufmerksamkeit des gesamten Publikums. Ihr Tanz ist locker und beschwingt, direkt fröhlich, und sie gibt diese Laune auch weiter. Da klatscht das Publikum im Takt mit. Hier sieht der Laie in erster Linie keine Kunst, sondern etwas, das Spaß macht. Beides zusammen im selben Paket wird gerade in diesem Moment von der kleinen Chinesin vorgeführt, aber in der (vormodernen) japanischen Kultur scheint mir Kunst und Spaß (ich möchte den Begriff „Genuss“ wegen seiner Dehnbarkeit vermeiden) ein Widerspruch zu sein.

Die beiden Tänze waren das Beste, was der kurze Abend zu bieten hatte, aber die Japanerin muss hinter der Chinesin zurückstehen, trotz ihres hohen Könnens. Eine zu ausgeprägte Spezialisierung lässt die Formen erstarren, deshalb gebührt ihr nur der zweite Platz. Aber eben jene Spezialisierung ist ein deutliches Merkmal der Kulturgeschichte, die ich studiere.

Übrigens verspeisen wir in diesen Tagen ein „Neon Genesis Evangelion“ Kultobjekt: Baumkuchen.

Steht auch hübsch groß auf der Verpackung drauf. Und war im Preis herabgesetzt. Also essen wir Baumkuchen. Eigentlich ist es ein langweiliger Kuchen, der aus einem knapp handbreiten, zusammengerollten Teigstück besteht, um anhand der Ränder Jahresringe zu imitieren. Viel Geschmack hat die Sache nicht. Aber immerhin habe ich jetzt auch mal Baumkuchen gegessen, den ich in Deutschland noch nie gesehen habe.

1 Meine Anfrage wurde nie beantwortet (wie übrigens von keiner der Personen, deren Adressen ich gesammelt habe) und ich habe ihn danach auch nur noch einmal wiedergesehen.

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