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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

4. Oktober 2023

Samstag, 04.10.2003 – Klischees und Realitäten

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:28

Der Tag beginnt – heute um 07:00, Sonnenschein durchs Fenster – schön. Ich bin auch sehr gespannt, den neuen Reiskocher auszutesten. Fünf Go Reis passen hinein, ich glaube, das sind etwa 900 ml Material, zzgl. etwa vier Liter Wasser, die man dann zum Kochen braucht.1 Professor Fuhrt sagte ja, dass zwei Go ganz bequem für zwei Personen ausreichten. Wenn er das sagt, wird es wohl stimmen. Im Gegensatz zu mir kann er sich unter dem gekochten Endergebnis von zwei Go trockenem Reis ja etwas vorstellen. Der Kocher wird auf jeden Fall genug Reis liefern, auch wenn wir mal drei oder vier Leute zum Essen hier haben sollten.

Abnehmen scheint hier recht leicht zu sein, obwohl die Ramen-Suppe nicht den Eindruck macht, kalorienarm zu sein, aber seit meiner Ankunft vor etwa einer Woche habe ich bereits 10 cm um die Gürtellinie verloren. Und mehr als ein Loch will ich am Gürtel auch gar nicht frei haben.

Heute um 15:00 sollen die ersten „Proben“ für das kommende Fest stattfinden. In unserem Fall heißt das, dass sieben oder acht wildfremde (deutsche) Leute, die sich überhaupt nicht kennen und sich gegenseitig kaum einschätzen können, einen Liedvortrag koordinieren sollen. Na Mahlzeit. Ich werde heute Morgen mit Melanie zusammen erst einmal einen Spaziergang koordinieren, das dürfte gerade so hinhauen. Ich bin schon überrascht, dass sie dem Plan so schnell und bereitwillig zustimmt… na denn los. Wir drehen die Runde durch die Apfelfelder mit obligatorischer Kostprobe, die ich vor wenigen Tagen bereits gemacht habe.

Zurück im äußeren Stadtgebiet treffen wir zufällig auf Yui, die auf dem Weg zur Bank ist. Und drei Minuten später laufen wir Misi, dem Ungarn, über den Weg, der auf der Suche nach einer Telefonzelle ist. Leider sind wir selbst noch nicht lange genug da, um ihm weiterhelfen zu können und Yui fällt auch nichts dazu ein. Ich habe auch noch gar nicht auf Telefonzellen geachtet. Wenn ich an einer vorbeigegangen bin, kann ich mich nicht daran erinnern. Es zeigte sich später, dass er eine gefunden hätte, wenn er im Folgenden in der entgegengesetzten Richtung gesucht hätte.

Übrigens hat Misi auffälligerweise ein Fahrrad. Ei, wo hat er denn das her? Es sieht nicht aus, als hätte er es beim Händler gekauft. Gebrauchte Ware sieht in Japan für gewöhnlich besser aus. Ja, das habe er auch nicht gekauft, sagt er. Er empfiehlt, nach herrenlosen Fahrrädern Ausschau zu halten, also solche mit platten Reifen, deren Kette total verrostet ist und deren Sattel bereits eine Menge Schmutz angesetzt hat, denn die sind offensichtlich lange nicht benutzt und einfach stehengelassen worden, wahrscheinlich von Leuten, die ihren Abschluss gemacht haben und den alten Drahtesel nicht mehr brauchen. Im Gegenzug empfehle ich ihm, einen kleinen Reiskocher im Daiei zu kaufen, bevor die Sonderangebote entweder ausverkauft waren oder die Aktion am 8. Oktober endete.

Ich gehe mit Melanie ebenfalls noch in den dortigen „100 Yen Shop“, um ein paar Dinge zu kaufen. So ein Laden ist an sich eine praktische Sache. Da kostet alles nur 100 Yen, zzgl. der Steuern in Höhe von fünf Prozent. Natürlich bieten diese Läden nicht die beste Qualität, aber sie ist allemal besser, als die Qualität in den so genannten „Türkenläden“ in Deutschland, wo man ja ebenfalls massenweise Artikel zum Preis von einem Euro findet. Aber nicht nur die Qualität, sondern auch die Produktauswahl ist in Japan ganz eindeutig besser. In dem entsprechenden Geschäft gegenüber der Porta Nigra habe ich bis dato noch nichts gefunden, was mich zum Kaufen gereizt hätte. Andererseits, das muss ich zugeben, war ich auch noch nie in dem Laden, wenn ich gerade dabei war, meinen Haushalt einzurichten.

Und dieser Punkt führt mich zurück zum Wetter. Gut, ich bin erst seit einer Woche hier, aber ich habe das Gefühl, dass der Regen hierzulande nach einem festen Zeitplan fällt. Wenn es an einem Tag regnet, dann fängt es kurz nach Mittag an und regnet dann in den frühen Nachmittag. Um etwa 21:00 regnet es dann noch einmal eine Weile und dann wieder morgens um 04:00. Und wegen dieser Regenfälle sollte man einen Schirm haben, weil man seine Einkäufe eben nicht immer nach dem gegebenen Zeitplan organisieren kann, und wir verbringen dieser Tage eben nicht wenig Zeit mit Einkaufen. Nass sein zehrt auf Dauer sehr an den Nerven. Vor allem nach dem Supersommer in Deutschland muss man dieses Wetter hier schon beinahe als deprimierend empfinden. Einen „Goldenen Oktober“ scheint es hier nur streckenweise zu geben, quasi stundenweise auf die einzelnen Tage verteilt.

Dann also am Nachmittag die „Proben“ für den deutschen Beitrag zur „Welcome Party”. Wir treffen uns im Kaikan, dem Studentenwohnheim der Universität, in der Wohnung von Mareike und Tanja, die wie Ramona und die eingebürgerte Russin Luba in Bonn studieren. Die zwei leben zusammen in einer Wohnung für Ehepaare. Die zwei haben zwar nichts Intimes miteinander, haben aber dennoch, wohl auf Wunsch, dieses Apartment bekommen. Es sieht nicht schlecht aus, kommt aber ein wenig düster daher. Zumindest ist das mein Eindruck. Die Einrichtung erinnert mich auch ein bisschen an die frühen Achtziger Jahre in Deutschland. Woher ich diese Assoziation nehme, kann ich leider nicht sagen.

Die Mehrheit meiner Landsleute hier bleibt bei dem Plan, die „Ode an die Freude“ zu singen. Ich bleibe bei meinem Soloprojekt „Palästinalied“. Von daher mache ich bei den Proben auch nicht sonderlich viel und stoppe nur die Zeit, wie lange es dauert, den Text zu singen. Für mein eigenes Projekt werde ich mich bei Gelegenheit in leere Lehrsäle zurückziehen, um dort zu üben. Zuhause würde ich nur die Nachbarn stören, und ein Lied leise einzuüben, ist ja völliger Blödsinn, weil die Leistungssituation bei der Vorführung eine ganz andere ist, da ich ja laut und deutlich singen muss. Da würde ich ebenso gut gar nicht das Singen, sondern nur den Text üben können. In „freier Wildbahn“ zu üben ist mir dann doch zu peinlich, also werde ich mir Lehrsäle suchen.

Im Anschluss an diese Episode dürfen wir auch mal Marks Zimmer bewundern. Es ist zuvor JPs Zimmer gewesen und Mark sagt, er habe es im „Originalzustand“ übernommen, inklusive des starken Rauchgeruchs und einer Kakerlake, sagt er. Bei der Gelegenheit klärt er uns darüber auf, dass wir die nötigen Leistungspunkte des Semestercurriculums auch mit Sportkursen ableisten könnten. Das klingt an sich nicht uninteressant, aber… ich weiß nicht.

Auf dem Weg nach Hause sehe ich mir kurz den „GEO“ Laden an der Ecke gegenüber von der Polizeistation an der Abzweigung nach Nishihiro an. Man kann dort neue und gebrauchte Spiele ausleihen und kaufen und bekommt einiges an Material, was mit Spielen in Verbindung gebracht werden kann. Ich entdecke allerdings auch eine Reihe von „SailorMoon“ Plastikfiguren. Einen Preis kann ich auf den ersten Blick nicht ausmachen… vielleicht ist das Schild abgefallen. Ich habe derzeit eh wenig Geld, also frage ich erst gar nicht nach dem Preis. Vielleicht komme ich später mal wieder und kaufe welche, falls mir der Preis zusagt. Die Figuren sehen gut aus, aber Vinyl-Kunstwerke sind es nicht.

Als ich nach Hause komme, finde ich dort meine Versicherungskarte in der Post. Und die brauche ich, falls ich ein Bankkonto eröffnen will. Melanie braucht ein solches, um ihr Stipendium auch überwiesen bekommen zu können.

Melanie hat heute festgestellt, dass der BeniMart nach sieben Uhr abends seine Preise für Frischwaren zum Teil drastisch senkt, und verfällt daraufhin in einen wahren Kaufrausch. Sushi, Sashimi, Onigiri für insgesamt 2000 Yen. Dürfte etwa für zwei Tage reichen. Ich bin beim Fisch noch nicht recht auf den Geschmack gekommen, von daher ziehe ich derzeit noch Ramen als Abendessen vor. Aber was soll’s, wer in Japan ist, sollte auch Fisch essen. Es dürfte nirgendwo auf der Welt besseren geben.

Heute Abend ist auch mal wieder eine Portion Wäsche fällig, und was für eine schrottige Maschine das hier ist, muss ich auch erst noch herausfinden.

Waschmaschine

Nein, die ist nicht schwer zu bedienen, das Problem ist ja ein ganz anderes. Man könnte sagen, dass die Kleider schmutziger herauskommen, als man sie hineintut. Alles ist voller Fusseln, und zum Teil handelt es sich um richtig dicke Fusselknoten. Ich spiele mit dem Gedanken, zum Waschen ins Kaikan zu gehen, da es dort „richtige“ Waschmaschinen gibt, also solche, die man an der Vorderseite öffnet anstatt oben, und die auch heißes Wasser zum Waschen verwenden. Vor allem gibt es im Kaikan auch einen Trockner. Unsere Wäsche braucht bei den herrschenden Wetterverhältnissen etwa 48 Stunden zum trocken werden, und weil die Maschine bei maximalem Wasserverbrauch nur ein begrenztes Fassungsvermögen hat, muss die nächste Ladung gewaschen werden, sobald der Platz zum Aufhängen frei ist. Unser Raumklima ist also nicht unbedingt das angenehmste. Der Gedanke an das Kaikan reizt mich natürlich, aber wenn ich ruhig darüber nachdenke, blicke ich mit mehr Zuversicht in den Winter – dann ist die Wohnung nämlich geheizt. Zum Heizen ist es derzeit nicht kalt genug, aber wenn der Ofen mal dauerhaft läuft, wird unsere feuchte Kleidung sicher schneller trocknen.

Am Abend mache ich einen weiteren Spaziergang, in die örtliche Videothek. Sie hat eine Größe, wie ich sie in einem Vorort erwarten würde. Das Ordnungsprinzip erkenne ich nicht auf den ersten Blick… aber das macht ja nichts, weil ich ja nach Filmen fragen kann, die ich sehen möchte, außerdem nehme ich den Laden eh genauer in Augenschein und kann mir ja merken, wo in etwa Dinge stehen, die mich interessieren. Da steht zum Beispiel viel Anime im Hauptraum rum, auch alte Sachen. Da kann ich später noch mal reinschauen, weil mir gerade einfällt, dass ich ein ganz bestimmtes Phänomen untersuchen wollte: Ich gehe in den Nebenraum „für Männer“. Der ist natürlich nicht als „für Männer“ gekennzeichnet, sondern mit dem Hinweis „ab 18, nur für Erwachsene“.

Wenn man davon ausgeht, dass hier hauptsächlich Unterthemen vertreten sind, die sich gut verkaufen, dann sind die hiesigen Vorlieben leicht erkennbar: Uniformen. Man sollte jetzt nicht zu sehr ans Militär denken (obwohl es auch einen Streifen mit militärischem Setting gibt), sondern eine oder mehrere Stufen niedriger: Schulmädchen, Stewardessen, Krankenschwestern, Polizistinnen und allgemein junge Damen im Badeanzug, daneben auch so genannte „Avex Girls“ und „Race Queens“.

Den Begriff „Avex Girl“ kann ich nicht recht erklären. Bei „Avex“ handelt es sich um eine Firma im Medienbereich, und die weiblichen Aushängeschilder („Kanban Musume“) tragen eben eine bestimmte Art von Kleidung. Es handelt sich um ein enges, kurzes Kleid aus Plastik, wohl meist in silber-grau mit weißen Seitenstreifen, das knapp unterhalb vom Gesäß endet. Unterhalb vom Hals über dem oberen Brustbein befindet sich ein quer eiförmiger durchsichtiger Bereich, auf dessen Material „Avex“ aufgedruckt ist. Zumindest ist dies eine Beschreibung eines solchen Outfits, das ich in einem „zivilen“ Kontext im Fernsehen gesehen habe.

Race Queen“ ist möglicherweise nicht der richtige Ausdruck. Wenn man sich Bilder der „Tokyo Motor Show“, der bedeutendsten japanischen Automobilausstellung, ansieht, erhält man einen Eindruck von diesem Typus. Es handelt sich um die jungen Damen, die sich „schmückend“ auf Motorhauben räkeln, man kann sie in Automobilmagazinen der ganzen Welt sehen. Die Art von spärlicher Bekleidung, die dabei zur Schau gestellt wird, hat es hierzulande offenbar zum Fetisch gebracht.

Wie dem auch sei, Live-Action Pornografie (nennen wir die Dinge doch beim Namen) gibt es eine ganze Menge. Ich habe schon größere Sortimente in Deutschland gesehen, aber auffällig ist hier eben, dass alle Produktionen japanischer Natur sind, wohingegen man in Deutschland eine sehr internationale Auswahl findet. Aber deswegen bin ich ja gar nicht hier. Mich interessiert ja, wie es mit Hentai Anime aussieht. Will man der deutschen Antipropaganda glauben, dann machen animierte Filme dieses Genres einen bedeutenden Teil des Angebots in Japan aus. Aber damit ist es nichts. Die Realität sieht viel realistischer aus. Es mag wohl sein, dass hier mehr Animationsfilme zu finden sind, als in einer deutschen Videothek vergleichbarer Größe, aber den Anteil „bedeutend“ zu nennen, wäre eine polemische Übertreibung. Für Insider: Die Hälfte (!) von „Kite“ ist hier zu finden, des weiteren eine Staffel von „Bible Black“ und noch zwei Serien, die mir nichts sagen und mir auch nicht im Gedächtnis haften blieben. Keine Spur von „Countdown“, „Cool Devices“ oder „XYZ of Darkness“. Ich hätte zumindest eine der Serien im Regal erwartet. Alter kann keine große Rolle spielen, da „Bible Black“ ja mittlerweile ebenfalls ein gewisses Alter hat und nicht mehr als hochaktuell bezeichnet werden kann.

Die Hentai Anime Fixiertheit der Japaner, von deutschen Jugendschützern oft als warnendes Beispiel zitiert, ist in dem geschilderten Maße ganz einfach nicht vorhanden. Die Fans dieses Genres sind eine klar und eng einzugrenzende Klientel, die keineswegs als für die Allgemeinheit repräsentativ aufzufassen ist. Ein klarer Fall von Medienmanipulation. Was man feststellen kann, sind durch den kulturellen Hintergrund bedingte Geschmacksunterschiede, was die Kunden sehen wollen. Aber ein Unterschied, der eine Dämonisierung rechtfertigt, existiert m.E. nicht.

Lustig ist übrigens, dass diese Abteilung ein extra Servicefenster hat. Normalerweise geht man zur Theke am Ausgang, legt den Film vor, den man haben will, sagt, wie lange man ihn ausleihen will und bezahlt den entsprechenden Betrag. Dieses Fenster hier dient jedoch ganz eindeutig der Diskretion. Es befindet sich etwa auf Bauchhöhe und ist mit einer Klingel versehen, damit man einen Angestellten von der Haupttheke herrufen kann. Der Bezahlvorgang ist derselbe, aber der Angestellte kann das Gesicht des Kunden nicht sehen. Äußert sich auf diese Art und Weise das beinahe sprichwörtliche Schamgefühl der Japaner, unter dem Deckmantel der Wahrung der Privatsphäre? Wie dem auch sei, ich finde die Idee interessant. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ein gerade achtzehn Jahre alter junger Mann im Sommer 1995 zum ersten Mal einen solchen Film ausgeliehen hatte und dann an der offenen Theke von einer weiblichen Angestellten bedient worden war. Heute kommt mir diese Situation natürlich lustig vor, aber damals… ?

Wenn ich schon bei der Erforschung von Realität und Dämonisierung bin, könnte ich ja versuchen, Schulen zu besuchen, um mir dort ein Bild von den ach so grausamen Zuständen im japanischen Bildungswesen zu machen. Wann immer ich Schüler auf der Straße sehe, entdecke ich fröhliche Gesichter, die Jungs machen Scherze und benehmen sich so cool, wie sie’s halt hinbekommen, während die Mädchen hier nicht anders kichern als in Deutschland. Denen scheint es zumindest nicht schlecht zu gehen. Manche machen sich den Spaß und grüßen mich, den großen Ausländer, mit „Hallo“ und ich freue mich und grüße zurück. Sieht man entsprechende Reportagen im deutschen Fernsehen, könnte man meinen, alle japanischen Schüler seien hoffnungslos überarbeitet, meist depressiv und generell potentielle Selbstmörder. Liebe Freunde und Bekannte, glaubt bloß nicht, was Ihr im Fernsehen hört und seht oder in Zeitungen und Magazinen lest! Fremde Kulturen auf der anderen Seite des Erdballs zu stigmatisieren, ist leider einfacher, als den Dreck vor der eigenen Tür wegzukehren, auch wenn eine solch negative Berichterstattung über Japan vielleicht auch den an sich noblen Hintergedanken haben kann, dem deutschen Publikum mitzuteilen, dass die Umstände bei uns zuhause doch nicht so übel sind, wie der deutsche Bundesbürger es zu glauben viel zu gerne bereit ist.

1 1 Go sind 160 g Reis, 5 Go also 800 g, und um 1 Go Reis zu kochen benötigt man etwa 200 ml Wasser.

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