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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

16. Januar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt,Musik — 42317 @ 20:47

Nun pendelte ich also täglich nach Koblenz, im dicksten Februarwinter. Auf der Fahrt hörte ich Radio und fand ganz unerwartet mehrere aktuelle Songs, die mir gefielen, so sehr, dass ich sie auch kaufte. „Everything at once“ war dabei (ein Lied, das möglicherweise niemals so weit gekommen wäre, hätte es diese Kinowerbung damals nicht gegeben…), auch „Guardian“, „Geboren um zu leben“, „Euphoria“ lief ab und zu, „Move in the right direction“… Irgendwann auch dieses Lied von SELIG… wo man sich bei Stress am Paketband dabei erwischte, wie man auf einmal laut „Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte nicht alles auf einmal!“ sang. Radio hören war ungewohnt befriedigend in jenen Tagen, wenn man davon absah, dass der Moderator einem schnell auf den Keks gehen konnte. Nach wenigen Wochen, als all die schönen Lieder wieder out waren, war es dann aber auch schon wieder vorbei.

Dienstlich hatte ich mit Peter um diese Zeit das Gespräch, dass ich den Druck nicht ewig aushalten würde, denn immerhin arbeitete ich bereits seit Mitte November über 12 Stunden pro Tag (gerechnet ab 0430 am Morgen, bis ich denn um 17 Uhr, um 18 Uhr oder sogar noch später endlich nach Hause kam) – was immerhin dazu führte, dass er mir anbot, an zwei Wochenenden, genauer jeweils Sonntag auf Montag, ein Zimmer für mich zu reservieren, damit ich in Koblenz auf Wohnungssuche gehen konnte, da die für mich angedachte Verwendung voraussetzte, dass ich nah am Arbeitsplatz wohnte, und die neuen Aufgaben übernehmen zu können, war die Voraussetzung für weniger Arbeitsstunden.
Der Plan war gut gemeint, machte aber natürlich wenig Sinn, da man heutzutage Wohnungen per Internet sucht, dann einen Termin mit dem Vermieter aushandelt und nach Absprache hinfährt. Diese komplexe Kette von Handlungen an einem Sonntag hinzubekommen, war fast unmöglich (ich hatte die Woche über nicht wirklich Zeit, mich abends noch um sowas zu kümmern), aber ich tat (bzw. versuchte) es trotzdem.

Ich nahm den Laptop meiner Freundin und setzte mich ins Ibis Budget Hotel in Mülheim-Kärlich, das anpries, kostenloses W-LAN zur Verfügung zu stellen.
Die Zimmer mit Dusche waren sauber, das Bett bequem – was will man mehr? Na, ich wollte W-LAN. Aber der Empfang war in den Zimmern (zumindest in den beiden, die ich bewohnte) so schlecht, dass da kein Blumenpott und schon gar keine Wohnungssuche mit zu gewinnen war. W-LAN hatte man genau dann, wenn man sich im Eingangsbereich direkt an den Router setzte, und da der Lobbybereich nach den Frühstückszeiten wieder geschlossen wurde, blieb einem nur der Fußboden. Alternativ gab es einen frei zugänglichen Rechner am Eingang, wo man nach Lust und Laune surfen konnte – im Stehen. Tolle Wurst.

Ich suchte auf einschlägigen Seiten und fand auch Angebote, die mich reizten (höchstens 600 E Warmmiete, 3ZKB, kein Dachgeschoss, höchstens 30 Fahrminuten vom Depot weg, vielleicht auch nicht gerade ein Dorf mitten in der Pampa, wo meine Freundin ohne Auto und Führerschein keine Jobchancen hätte und der Wocheneinkauf schwierig wäre), aber auf telefonische Anfrage hin erhielt ich entweder Absagen oder es offenbarte sich das andere Problem, nämlich, dass ein Besichtigungstermin so kurzfristig nicht zu machen sei. Es lief also so, wie erwartet.
Gefrustet besuchte ich einen in Koblenz lebenden Schulkameraden und verbrachte den ersten Sonntag Nachmittag mit Schwatzen und Fernsehen (die Neufassung von „True Grit“ mit Jeff Bridges und Matt Damon von 2010 – guter Film übrigens).
Die beiden anberaumten Wochenenden vergingen so eher nutzlos, da ich nur das tun konnte, was ich auch von Trier aus hätte tun können: Im Netz nach Wohnungen suchen. Es sollte danach noch ein paar Wochen dauern, bis ich auf konventionellem Wege eine Wohnung fand und den Umzug nach Koblenz in Angriff nehmen konnte. Dazu später mehr.

2013 war (nun auch in Retrospektive) so etwas wie ein ewiges Vorweihnachten. Ich bekam mehr Stopps, als ich je für möglich gehalten hatte. Der erste Rekord waren 63 Kunden auf der Eifeltour, das sind bei meinen Fähigkeiten genug, um bis abends um Sechs mit Ausliefern beschäftigt zu sein. Ich verlor die Nerven, könnte man sagen: Mit einem FedEx-Umschlag kam ich zu einer Kundin, die auf dem Veterinäramt arbeitete und nie zuhause war. Ich brauchte Wochen, bis sie endlich eine Anliefervereinbarung (ALV) einreichte, die es mir erlaubte, ihre Pakete ohne Unterschrift in die Garage zu stellen. Die Nachbarn nahmen nichts mehr für sie an und beschrieben sie als eine Art Zicke, die sich nicht dazu herabließ, auch mal Danke zu sagen…
Ihre ALV galt jedenfalls nur für Transoflex-Pakete, nicht für FedEx-Packstücke, auch, wenn sie vom selben Fahrer gebracht werden (FedEx verlangt einen eigenen Vertrag). Ich wollte das Paket aber loswerden, denn erstens hatte ich so schon genug Stress und zweitens wurde die Straße ausgebessert, das heißt, ich musste 200 m durch die Baustelle gehen, um überhaupt zu ihrer Adresse zu gelangen.
Was tun? Ich schrieb in das Namensfeld des Scanners „Meier“ und improvisierte eine Unterschrift. Wen interesiert schon, wer der Herr Meier ist, wenn das Paket da ankommt, wo es hinsoll? Ich legte es an den gleichen Platz, wo auch sonst immer die anderen Pakete hinkamen, schloss die Garage fest zu und fuhr weiter.

Unerwarteterweise wurde ich am folgenden Tag vom Rasterfahnder und dem R. in die Mangel genommen: Wo das Paket und wer der Herr Meier sei, der sei dort unbekannt. Nein, ich hatte das Paket nicht gestohlen – was sollte ich mit einem Stück Damenbekleidung („Rumba Skirt“ sagte die Inhaltsbeschreibung)? Ich legte die Karten auf den Tisch, der Rasterfahnder informierte die Kundin, die fünf Minuten brauchte, um ein Päckchen mit auffällig buntem „FedEx“ Aufdruck in ihrer kleinen Garage zu finden, und ich hatte bei der Gelegenheit bei R. einen nicht geringen Teil meines guten Rufs verloren. Zum Kotzen war das. Nicht nur, dass ich mich hatte gehen lassen, die Frau war scheinbar genau so dämlich, wie die Nachbarn das behaupteten.

Ich war natürlich nicht der einzige, der nicht wusste, wo ihm der Kopf stand. Die Suche nach Paketen trieb so manchen bis kurz vor die Verzweiflung und bei Doc hatte ich ab und zu den Eindruck, er sei den Tränen nah. Ich half ihm, wo ich konnte (wie ich das bei jedem tat, der es nötig hatte) und sparte ihm durch entsprechende Tipps auch einiges an Zeit. Dann verschwand das verzweifelt zerknitterte Gesicht und machte einem strahlenden Lächeln Platz. Die Verwandlung war angesichts der Polarisierung von einem Extrem ins andere immer wieder amüsant. Er versprach mir, bei Gelegenheit vorbeizukommen und nigerianisches Essen zu kochen, seine Mutter habe nicht versäumt, ihm entsprechende Fähigkeiten mit auf den Weg nach Europa zu geben.

Dann kam er einmal zu mir und beschwerte sich über einen Kollegen, der ihn unhöflich behandelt hatte. „He’s a fucking racist!“ sagte er. Ich dachte einen Moment über den Angeklagten nach, meinte aber dazu: „Nein… der redet mit allen so, wenn er einen schlechten Tag hat. Alle Rassisten sind Idioten, aber nicht jeder Idiot ist auch ein Rassist.“ Leuten mit Vorurteilen gegenüber Minderheiten rutschen in der Regel immer wieder herablassende Wörter heraus (z.B. „Hakennase“ für „Jude“/“Israeli“), die für sie normale Sprache sind (und viele kleiden die fraglichen Vokabeln unterbewusst in einen spöttischen Sprechklang, um dem Ganzen den Anschein eines Scherzes zu geben), das heißt, es fällt ihnen nicht auf, dass sie sich jeden Tag outen; das war bei dem Gemeinten aber nicht der Fall, von daher blieb und bleibe ich bei meinem Urteil.

Es gab natürlich auch unterhaltsame Momente… so sprach er mich einmal an (mit dem situationsgemäß verzweifelt in Falten gelegten Gesicht) und klagte, dass er viele Pakete und einen 12-Uhr-Express in einem der abgelegenen Eifeldörfer habe – wie solle er das schaffen? Bert war in der Nähe und hatte das mit angehört. Er schlurfte zu uns herüber, legte mir brüderlich die Hand auf die Schulter und sagte mit einem Grinsen zu mir:
„Don’t listen to him… you know, for him, everything is, like, faaar and cooomplicated…“
Sogar Doc lachte darüber und rief: „Shut the fuck up!“

Ein andermal ging es um sein Haar, um die Ansammlung desselben auf seinem Kopf. Leider weiß ich nicht mehr, wie wir darauf gekommen waren, aber ich kam nicht umhin, meinen Verdacht laut zu äußern:
„Are you dyeing your hair!?“
Ein Ausdruck des Ertapptseins erschien auf seinem Gesicht, und er erwiderte mit einer Stimme, als flehe er den Richter um Gnade an: „I’m not a young man anymore…“
Ein schlicht köstlicher Moment.

Als kleine Anekdote sei hinzugefügt, dass er Anfang Januar 2013 ein paar Tage krankgeschrieben war, ich wurde an seiner statt in die Eifel geschickt. In Neuerburg erwartete mich die bereits früher beschriebene Frau des Tierarztes, drückte mir 20 E in die Hand und sagte: „Hier, Ihr Weihnachtsgeld, ich hab schon auf sie gewartet.“ Wahn-sinn! Es gibt Tage, da weiß man, dass man etwas richtig macht.

Aber als der Winter dann vorbei war, verließ uns Doc wieder. Er hatte wohl Ende Sommer ein Kind gezeugt, dessen Geburt für Ende Mai angekündigt war, und plante voraus. Um das Kind in guten Händen zu wissen, hatte er den Umzug von Trier nach St. Wendel beschlossen, in die Nachbarschaft seiner Schwiegermutter, die einspringen würde, wenn seine Frau arbeitete, und um die Sache abzurunden, hatte er einen Wechsel ins Transoflex Depot in St. Ingbert erwirkt. Ich telefonierte ein paar Wochen später mit ihm und fragte, wie es ihm so ginge und er zeigte sich guter Stimmung. Er brauche zehn Minuten bis zum ersten Kunden und sei um 16 Uhr zuhause. Ich sprach ihn auf sein Versprechen mit dem Essen an und er versicherte mir, dass er das keinesfalls vergessen habe. Aber der Mai stand vor der Tür und ich fragte ihn, ob es möglich sei, in den kommenden vier Wochen einen Termin zu finden – denn wenn das Kind erst mal geboren sei, werde er keine Zeit mehr für egal was haben. Nein, im Mai habe er leider keine Zeit, aber das werde sicherlich noch im Laufe des Jahres 2013 hinhauen.
Natürlich kam es letztendlich so, wie ich es prophezeit hatte. Wir standen auch nach Mai 2013 noch in lockerem Kontakt, aber sein Familienleben nahm ihn voll und ganz in Anspruch. Es sei ihm gegönnt.

Bei Elmo kam es zu einem Kurzschluss. Es dürfte im April oder Mai gewesen sein. Er arbeitete auch viel zu viel und zu lang, und er machte (zumindest nicht ganz zu Unrecht) die mangelnde Kompetenz von Peter und Rama dafür verantwortlich. An einem warmen Frühlingstag kam es um etwa Viertel nach Acht zur Konfrontation der drei. Es wurde laut und emotional und Rama sprach eine fristlose Kündigung aus, und danach tat er etwas, was ich ihm bei aller sonstiger Sympathie nachtrage: Er forderte die Richtung Trier abfahrenden Fahrer auf, Elmo keinesfalls mitzunehmen, der solle selber gucken, wie er heimkäme.
Ich ignorierte diese Aufforderung geflissentlich, sammelte Elmo am Ende der Straße auf und fuhr ihn zu einer Bekannten nach Ehrang, da ich zu dem Zeitpunkt Trier Nord fuhr.
Ein paar Wochen später traf ich ihn erneut, in Ruwer: Er hatte einen Job bei GLS gefunden (Mike ließ grüßen), wenn auch als Sprinterfahrer. Aber er sah zehn Jahre jünger aus als an dem Tag, an dem man ihm in Koblenz gekündigt hatte. Bei GLS sei auch nicht alles traumhaft, erzählte er, aber er könne nun wieder zu einer verträglichen Zeit aufstehen und habe eine vertretbare Arbeitslast zu tragen.

Auch Bert ging zum Ende der ersten Jahreshälfte. Er fand einen Lagerjob so nah an seinem Wohnort, dass er mit dem Fahrrad hinfahren konnte. Zufällig handelt es sich um einen Kunden der Saarburger Tour, von daher sah ihn Puck ab und zu, wenn er dort eine Zustellung machte.

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