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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

23. Mai 2011

King of Kylltal (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:25

Was für eine Woche! Die vergangenen Tage haben meinen Tagesrhythmus radikal umgekrempelt und aufgezeigt, welche Auswirkungen Motivation hat.

Montag bin ich nach Wittlich gefahren, um mich bei UPS als Transportfahrer zu bewerben und traf dort einen Herrn B., der mir die Rahmenbedingungen darlegte. Ein UPS Fahrer darf nicht auffällig tätowiert oder gepiercet (wie schreibt man das??) sein, darf nicht nur keinen Vollbart haben, sondern muss auch täglich frisch rasiert zum Dienst erscheinen. Muss immer aussehen, wie aus dem Ei gepellt.
Ähnliches gilt für die Autos: Da darf keine Schramme und kein Schmutz dran sein – tägliche Fahrt durch die firmeneigene Waschanlage nach Fahrtende ist Pflicht.

Als UPS Fahrer genießt man einen kleinen Vorteil: Man muss Pakete nicht selbst sortieren und muss das Auto nicht selbst einräumen, in dem jeder Ort der Tour ein Regalteil hat. Das Einräumen übernimmt ein Minijobber, der Fahrer muss nur noch kontrollieren, ob auch wirklich alles dort steht, wo es hingehört.
Das scheint mir aber auch der einzige Vorteil zu sein, und selbst der erscheint mir heute, am Ende der Woche, fraglich. Ich persönlich sehe bei UPS in der Tat einige Nachteile für mich. Zuerst einmal steht meine Haut nicht auf tägliches Rasieren, das weiß ich von der Zeit bei der Bundeswehr her, die Rasur artete da bislang in eine Tortur aus.
Dank des einräumenden Minijobbers beginnt der Fahrer bei UPS seinen Dienst erst um 0715, aber zum Ausgleich muss er bis 1600 in seinem Zustellungsraum bleiben, falls ein Kunde noch ein Paket aufgeben will.
Erst danach darf er ins Depot zurück, und muss dort noch in die Waschstraße – und je nachdem, wie weit hinten er in der Warteschlange der ca. 30 Autos steht, ist mit einer Stunde Wartezeit zu rechnen.
Der größte Nachteil für mich allerdings ist der Standort Wittlich – eine Überprüfung der Bus- und Zugfahrpläne ergab, dass eine Ankunft zuhause um acht Uhr abends nicht selten sein würde. Nach einem Besuch bei einer anderen Transportfirma mit Standort Trier verabschiedete ich mich ganz schnell wieder von der Aussicht auf die braune Uniform und sagte am Dienstag Abend die für Mittwoch vereinbarte Testfahrt wieder ab.

Just an diesem Tag, als ich wieder im Zug nach Hause saß, rief mich der Personaldienstleister „inPersona“ aus der Trierer Bruchhausenstraße an, um mir mitzuteilen, dass ich ab Donnerstag an einem Bewerbertraining teilnehmen solle. Zu den Auswirkungen komme ich später.

Dienstag war ich in Ehrang bei Transoflex, genauer bei einem Subunternehmer (nennen wir den mal JP Transporte, damit ich keinen Ärger bekomme), um mir ein Bild von einem typischen Arbeitstag zu machen. Wie an solchen Tagen üblich erwachte ich kurz bevor der Wecker klingelte von alleine. Ich wusste nicht, dass das auch um halb Fünf funktioniert.
Als ich den Disponenten vergangenen Freitag wegen der Adresse anrief, sagte der mir „bei Bayer und Sohn“, woraus ich schlussfolgerte, dass das Unternehmen auf dem gleichen Firmengelände angesiedelt sei, was nicht der Realität entspricht. Dass „JP Transporte“ ein Subunternehmer von Transoflex ist, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, er erwähnte das auch nicht, und als ich um 0600 bei Bayer & Sohn stand, wusste ich es immer noch nicht. Erst, als ich ihn da noch einmal anrief, erfuhr ich, dass ich noch ein Stück die Straße runtergehen musste, und als ich an der Laderamperampe von Transoflex nachfragte, einfach weil’s die nächste Spedition in der Richtung war, hieß es „Ja, JP, das ist hier.“

Dort ist Dienstbeginn um 0530, weil die Fahrer ihre Pakete selbst vom Band nehmen und ins Auto räumen müssen.
Dieses Paketband ist gewöhnungsbedürftig, und sich daran zu gewöhnen, dauert ein paar Tage. Ich würde schätzen, dass die Pakete mit etwas mehr als einem Meter pro Sekunde vorbeikommen, und da es sich um ein manuelles System handelt, kommen sie in unregelmäßigen Abständen: Selbst wenn man nach etwas Eingewöhnung die der eigenen Fahrt zugeteilten Postleitzahlen und Ortsnamen auswendig kennt, liegen sie je nach Laune der Aufleger manchmal so eng aufeinander, dass man nicht schnell genug alle Etiketten lesen kann. Darüber hinaus sind nicht alle Etiketten („Labels“) gleich, das heißt, auf den meisten sind die Postleitzahlen fett gedruckt, auf anderen nicht, und man muss deshalb genauer hinsehen. Und abgesehen davon kommen die Pakete aufs Band, wie die Verpacker sie in die Hände bekommen, da muss man die Etiketten mit den Adressen auch schon mal kopfüber lesen können. Die Pfeile, die die Oberseite der Pakete anzeigen, werdenbei weitem nicht immer beachtet, aber Gefahrgutbehälter landen in einer kleinen Plastikwanne (so zum Beispiel Kanister mit Desinfektionsalkohol).

Von den hunderten vorbeirollender Pakete wird einem Neuling mitunter wörtlich schwindlig. Verpasst man ein eigenes Paket, landet es im schlimmsten Fall am Ende des Bands, wo ein Mitarbeiter steht, der diese „Irrläufer“ auf einen Rollwagen stellt. Sagt der Taschencomputer des Fahrers, dass er nicht alle Pakete erfasst hat, ist das der erste Ort, wo er nachsieht. Allerdings helfen die Kollegen auch aus. Wer höher am Band steht und weiß, dass ein nachfolgender Kollege gerade nicht die Augen am Band hat (weil er Pakete scannt oder stapelt), ruft dessen Ortsnamen auf, soweit er sie weiß („Bitburg!“), um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Im gleichen Maße nehmen Kollegen, die weiter unten stehen, verpasste Pakete auf und schieben sie zurück.

Trotz der notwendigen Arbeitsgeschwindigkeit (Etiketten erkennen, Pakete vom Band nehmen, scannen, grob geordnet hinter dem Wagen aufstellen) ist die Atmosphäre erstaunlich entspannt, die Laune ist allgemein gut. Im Unterschied zu UPS gibt es hier sowohl Piercings als auch Drei- oder Siebentagebärte, aber ich kann bislang niemanden mit offen ersichtlichen Tätowierungen entdecken. Der mir zugeteilte Wagen… hm, der würde bei UPS eindeutig nicht durchgehen. Der vorherige Fahrer hat beim Verlassen der Halle einen der Pfeiler gestreift und damit die rechte Seite eingedrückt. Ich interpretiere aus der Schilderung, dass dies der Grund ist, warum er nicht mehr der Fahrer ist. Die Frontscheibe ist ein Pandämonium von angetrockneten Körperflüssigkeiten und Gedärmen zerschmetterter Insekten. Aber auch das Innenleben ist gräulich: Der Mann war Raucher, und das einzig Positive ist, dass der Innenraum des Sprinters nicht dem entsprechend riecht. Aber sauber gemacht wurde hier schon länger nicht mehr.

Bevor nicht alle Pakete erfasst sind, gibt es keine Fahrfreigabe von der Ablaufkontrolle. Mein Einweiser ist einer der Disponenten, er stellt sich als Mike vor und wir bleiben gleich bei den Vornamen. Er hat zehn Jahre bei UPS gearbeitet und sagt, Herr B. sei ein guter Freund von ihm. Der andere Disponent heißt Peter, und seinen Nachnamen erfahre ich nur nebenbei später in der Woche. Hier wird scheinbar nur einer mit „Sie“ angeredet, und das ist Herr R., der direkt für Transoflex arbeitet und dafür bezahlt wird, dem Subunternehmer auf die Finger zu schauen.

Der mir zugeteilte Sektor ist die Eifel, die bedeutendste Stadt auf dem Plan ist Gerolstein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Eifeltour im Winter ein Vergnügen ist. Andere Orte sind Speicher, Spangdahlem, Kyllburg, und eine ganze Reihe, von denen ich noch nie gehört habe. Ich wusste auch nicht, dass es sowohl Neunkirchen als auch Burbach auch in der Eifel gibt. Die am weitesten von Trier entfernten Orte sind Reuth und Ormont an der Grenze zu NRW, die Tagesleistung beträgt um die 270 km.

Dieser erste Tag dient in erster Linie dazu, mit dem Scanner umgehen zu lernen, der gleichzeitig ein Minicomputer ist, mit Hilfe dessen jeder Fahrer seine Tour organisiert. Wenn eine Palette mit Paketen ankommt, bestätigen die Bandaufleger zunächst deren Ankunft, indem sie jedes Etikett beim Auflegen scannen. Der Fahrer scannt die Pakete, die er vom Band nimmt, und noch einmal, wenn er sie ausliefert. Auf diese Weise entsteht die Kontrollmöglichkeit im Internet für den Kunden, die Spur seines Pakets nachzuvollziehen. Jeder dieser Vorgänge mit dem Scanner/Taschencomputer wird per Internetverbindung sofort an den Server gemeldet.

Nachdem alles im Wagen ist, wird der Tourplan organisiert, das heißt, anhand der erfassten Zielorte wird eine effiziente Route geplant, und Sendungen mit gleicher Zieladresse werden als einzelner Stopp zusammengefasst, damit der Kunde nur eine Unterschrift zu leisten braucht. Apotheken und Tierärzte erhalten schonmal mehr als ein Dutzend Pakete auf einmal, da ist das praktisch.
Die meisten Kunden sind Geschäftskunden, also viele Ärzte, Apotheken und Firmen wie Gerolsteiner oder Stihl, und auch eine Videothek. Das erhöht die Zahl der Zusammenfassungen, das heißt die Zahl der Stopps ist im Verhältnis zu der Zahl der Pakete relativ gering, und es stellt sich auch irgendwann unweigerlich eine gewisse Routine beim Aufsuchen und Benennen der Kunden ein.

Warum nun ist es nur ein fragwürdiger Vorteil, wenn man den Wagen eingeräumt bekommt? Es ist sicher kein Nachteil, wenn man nicht so früh da sein muss, also länger schlafen kann, und die Arbeit des Einpackers nur noch kontrolliert werden muss, aber der Vorteil des Einräumens besteht darin, dass ich als Selbstpacker dann intuitiv weiß, wo das nächste Paket liegt. UPS hat dafür die Fächer im Laderaum, die aber auch die Ladekapazität einschränken dürften.

Um Viertel nach Acht rollen wir los, halten aber zuerst am Getränkemarkt, wo ich mich vor Jahren mal erfolglos für einen Minijob als Fahrer beworben hatte, und kaufe mir eine Flasche Saft, bevor wir als erste Station Zemmer/Rodt anlaufen.
Spangdahlem, das heißt der US Flughafen dort, bekommt scheinbar täglich Post, und die dortigen Stellen haben eine niedrige Abholdisziplin – das heißt, selbst wenn der Fahrer zehn Minuten vor seiner Ankunft den Empfänger anruft, kann es schon mal über eine halbe Stunde dauern, bis ein Abholer am Tor erscheint. Da oft Terminfracht gefahren wird, landet Spangdahlem meist auf dem letzten Platz des Plans, um die pünktliche Auslieferung nicht zu gefährden.
Gerolstein ist nicht groß, aber wegen der Vielzahl an Kunden eine organisatorische Herausforderung, damit man nicht im Zickzack durch die Stadt fährt. Einen Platz muss ich jedenfalls eindeutig als „Festung Gerolstein“ bezeichnen: Die Sprudelfabrik. Die lassen nur eine Person pro Fahrzeug auf das Werksgelände, der andere muss draußen warten, Trainingesfahrt hin oder her. Interessant ist auch zu hören, dass früher jeder Lieferfahrer zwei Flaschen Mineralwasser geschenkt bekam; heute erhalten nur noch LKW-Fahrer Getränke, die dafür aber drei Flaschen. Kleintransporter bekommen nichts mehr, ohne, dass jemand den Unterschied hätte erklären können.
Das Kylltal wird mir als Erholungsgebiet in Erinnerung bleiben. Mürlenbach zum Beispiel. Man muss es schon beinahe malerisch nennen. Hier und da stehen Männer im Fluss und angeln.
Den ganzen Tag über bin ich derjenige, der die Pakete reinbringt und den Scanner bedient. Das braucht mehr Übung, als man meint, denn bei Tageslicht ist es nicht einfach, das „Zielkreuz“ des Scanners zu sehen, damit man den Barcode besser trifft, von daher brauche ich immer wieder eine Weile, bis das Ding auch piept.

Um kurz nach Vier sindwir zurück im Depot in Ehrang. Wegen der Vielzahl der neuen Informationen schwirrt mir der Kopf, aber die Sache macht Spaß. Man darf den ganzen Tag Sprinter fahren und dabei Musik hören und wird auch noch dafür bezahlt. Nicht viel, es gibt pauschal etwa 1250 E netto. Es gibt scheinbar Zulagen, wenn man mehr als eine Tour beherrscht und wenn man Scheine für Gefahrgut und radioaktive Stoffe macht (für die Röntgenanlagen der Krankenhäuser und Zahnärzte). LKW-Fahrer haben angeblich 400 E brutto mehr, und den Vorteil, dass sie nur relativ wenige Paletten fahren, anstatt über hundert einzelne Pakete. Ein C1E Führerschein würde mich in der Tat reizen.

Für Mittwoch sind weitere Scannerübungen angesetzt, Donnerstag soll ich selber fahren, wenn auch noch begleitet, um meine Ortskenntnis zu erhöhen. Aber nicht nur das, denn auch eine Gruppe von Transoflex-Managern hat sich angekündigt, um die Effizienz des Depots unter die Lupe zu nehmen.

Nun dachte ich eigentlich, nach dem Probearbeitstag würde ich erst einmal wieder zuhause sitzen und auf einen Bescheid warten, ob man mich komplett einarbeiten würde, aber keineswegs: Mike sagt, ich solle mit meinem Jobvermittler Kontakt aufnehmen und ihm mitteilen, dass ich ab sofort ein Praktikum bei Transoflex mache und dass ich morgen schon um halb Sechs da sein solle.
Interessant dabei ist, dass die Fahrer die Autos mit nach Hause nehmen, sofern sie einen Stellplatz dafür haben, dass bedeutet, sie haben keine Pendelkosten mit PKW oder Bus und können den Transporter für den abendlichen Einkauf im Supermarkt nutzen. Ausnahmen existieren, falls einer zur Inspektion muss oder andere bedeutende Gründe vorliegen. Als Gegenleistung wird von den Mitarbeitern erwartet, dass sie ihren „Arbeitsplatz“ sauber halten und den Wagen vielleicht einmal im Monat (oder bei akutem Bedarf) durch die Waschstraße fahren. Bei Mercedes Hess in Trier West kann man seinen Sprinter für drei Euro waschen lassen, heißt es.

Am Abend setze ich mich also an den Rechner und schreibe drei Mails: Eine an meinen Vermittler, eine an Herrn B., in der ich den ausgemachten Termin absage, und eine an inPersona, in der ich ihnen mitteile, dass ich an dem Bewerbertraining „leider“ nicht teilnehmen könne.

Danach fand noch ein Spielabend mit dem „Battlestar Galactica“ Brettspiel statt, der, weil spannend und unterhaltsam, unguterweise bis kurz vor Mitternacht dauerte, was mir noch etwa vier Stunden Schlaf ließ.

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