Samstag, 10.01.2004 – Armed and harmless
Heute läuft, endlich nach der Neujahrsunterbrechung, die erste SailorMoon Episode des neuen Jahres. Und das Jahr fängt gar nicht gut an. Meine Hoffnungen, die Serie könnte in großem Stil Eigenleben entwickeln, zerschlagen sich weitgehend. Ja, Kunzyte hat Usagi/SailorMoon zwar mit einem Yôma „infiziert“ und im Anschluss sogar vom Krankenbett entführt, aber statt mal so richtig Amok zu laufen, ihre Senshi aufzumischen oder sonstiges Unheil zu stiften, liegt sie im Negaversum einfach nur rum – schlafend auf einer Art Steinbett. Merkur kommt zwar, sie zu retten, bald gefolgt von den übrigen Senshi und Tuxedo Kamen, aber Usagi heilt sich im Prinzip selbst. Bäh, wie einfallslos. Ich fühlte mich ein bisschen an die Geschichte von Rasputin erinnert, dem man genug Gift ins Essen getan hatte, um damit zehn Elefanten niederzustrecken, der aber darauf nur herzhaft rülpsen musste – es ist anzunehmen, dass sein ständiger Alkoholmissbrauch ihn quasi gerettet hat. Aber gut, Usagi rülpst nicht. Sie macht die Augen auf, gähnt, und ist wieder bester Dinge, als sei nichts geschehen. Kunzytes Gesicht war einfach toll.
Venus hat sich noch immer nicht zu der Truppe bequemt und so langsam frage ich mich, welche dramatischen Ereignisse sie dazu bewegen könnten, sich den anderen so richtig anzuschließen. Ich fürchte: Es wird der Endkampf sein. Komatsu Ayaka scheint die leichteste Rolle zu haben, gemessen an ihrer Bildschirmpräsenz. Aber dafür rennt sie auch rum, als hätte sie an der Uhu-Tube geschnüffelt. Mit abgestreckten Armen, als sei sie der Meinung, fliegen zu können, wenn sie schnell genug läuft. Es ist jedes Mal aufs Neue lustig.
Ich bin müde, also schlafe ich weiter, bis 12:00. Vorher war da kein Wachwerden.
Ich will in der Bibliothek aber auch noch mindestens einen Bericht schreiben, also mache ich mich baldigst mit Melanie zusammen auf den Weg. Das heutige Wetter muss ich als „warm“ bezeichnen. Man spürt die Sonne richtig auf der Haut. Nach 500 Metern verstaue ich Schal und Handschuhe wieder im Rucksack, weil ich merke, dass es sonst nicht mehr lange dauern wird, bis ich in Schweiß ausbreche. Ja, wo ist er denn, der harte Hirosaki-Winter, der angeblich Mitte November anfangen und bis Mitte März andauern soll? Wo sind die unglaublichen Minustemperaturen, die man mir prophezeit hat? Wo sind die Berge von Schnee? Bis jetzt haben sich Frost, Schnee und Eis noch nicht länger als drei Tage am Stück halten können. Und die angekündigten „zwei bis sechs Meter Schnee“ habe ich bis dato nur in Form von Abraumhalden gesehen. Ich erinnere mich an härtere Winter in Deutschland. Ich gehe derzeit davon aus, dass der Winter in Hirosaki generell nicht härter ist als in Deutschland, dass aber diese Legende von Leuten, die möglicherweise nicht sonderlich winterfest sind, mehr oder minder absichtlich gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Vor zwanzig Jahren sei der Winter viel härter gewesen, heißt es, unter anderem von Professor Vesterhoven. Ja, das ist mir klar. Vor zwanzig Jahren war auch Winter in Deutschland noch richtiger Winter. Was interessiert mich die Wetterlage in Japan von anno 1983/84? Ich bin jetzt da. Ich wollte hier mal einen richtig extrem verschneiten, sibirisch kalten Winter erleben und werde bisher herb enttäuscht.
Enttäuscht bin ich auch von der Bibliothek. Die nutzt nämlich den Feiertag am Montag, um übers Wochenende Urlaub zu machen. Also wieder kein Bericht heute. Wir gehen stattdessen in die Stadt. Dort gibt es einen Laden, wo man gegen Entgelt eine oder mehrere Stunden im Internet surfen kann. Ein Internetcafé möchte ich es nicht nennen. Es ist ein Laden, der gebrauchte Manga, CDs und sogar Schallplatten verkauft und zwei Quadratmeter für Internetnutzer frei gemacht hat. Im hintersten Eckchen von dem Laden kann man auch Videospiele spielen und, wie sollte es anders sein, Sammelkarten tauschen oder die entsprechenden Kartenspiele spielen. Der Preis für eine Stunde Internet liegt bei 200 Yen, also etwa 1,50 E. Und man bekommt ein Getränk umsonst dazu. Ich erinnere mich, dass Mitte der Neunziger Jahre eine halbe Stunde im Karstadt (Saarbrücken) mal 5 DM gekostet hat, ohne irgendwelchen Service. Melanie kauft eine Stunde und erlaubt mir, schnell meine Post durchzugehen. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, den Laden nach brauchbarem Material zu durchsuchen.
Das Angebot an CDs von Tomoyasu Hotei (er hat sowohl den Antagonisten in „Samurai Fiction“ als auch den dazu gehörenden Soundtrack gespielt) und TWO MIX gefällt mir, aber was mir nicht gefällt, sind die Preise. Aber ich kaufe zwei Soundtracks von „Yû Yû Hakusho“, in erster Linie, weil Ogata Megumi mit von der Partie ist und in zweiter Linie, weil man die bestimmt auch wieder mit Gewinn verkaufen kann. 900 Yen pro CD sind annehmbar als Einkaufspreis. Hm… aber bei dem Zustand der Plastikhülle hätte ich das gleiche Produkt im Book Off wahrscheinlich für die Hälfte bekommen. Da wäre zum einen „Karaoke Battle Royal“ und „Music Battle 2“. Die Karaoke CD ist ein Doppelpack. Auf der ersten CD befinden sich die Originallieder, auf der zweiten CD die Instrumentalversionen. Das Booklet präsentiert alle Songtexte, die Titel sogar in lateinischer Umschrift. Leider stellt sich am Abend heraus, dass beide Produkte nicht genug zu bieten haben, als dass ich sie behalten wollte, also werden sie für den Verkauf vorgemerkt.[1]
Der Laden hat aber, wie ich feststelle, wirklich altes Material. Ich sehe in einer Ecke Kartonstapel und Ausstellungsmodelle von „Sega Saturn“, „Super NES“, alte GameBoys aus der ersten Produktionsreihe (1989) und „Playstation“ Konsolen, daneben ebenso altes Zubehör – zum Beispiel die Bazooka für das Super NES, von der ich bisher angenommen hatte, ihre Existenz sei nur ein Gerücht.
Es gibt also auch GameBoys und Gameboy Pocket Modelle. Hm… jetzt habe ich bereits seit Monaten das „SailorMoon R“ Spiel in meiner Schublade rumliegen und möchte es ausprobieren… aber die Color GameBoys sind mir zu teuer, die alten sind mir zu schlecht (und sie brauchen vier Batterien) und für die Pocket GameBoys brauche ich spezielle, kleinere Batterien – also verwerfe ich den Gedanken wieder.
Schließlich finde ich auch Artbooks, aber das Angebot ist schwach, und der Zustand ist fragwürdig. Zuletzt gibt es hier eine ganze Wand mit alten Schallplatten und LDs, und gerade Schallplatten sind etwas, das jemand, der jünger als 20 Jahre ist, bestenfalls noch vom Hörensagen kennt, wenn er nicht mal beim Aufräumen des Dachbodens zufällig auf eine verstaubte Kiste der Eltern oder Großeltern gestoßen ist. Aber die Titel, die hier herumliegen, sagen mir alle nichts, obwohl die Mehrzahl nicht japanischen Ursprungs ist.
Weil sonst nichts mehr da ist, sehe ich mir die alten Manga eben auch noch an. Und ich werde nach wenigen Sekunden fündig. Ich finde einen SailorMoon Anime-Manga. Also nicht einen Band der ursprünglichen Manga, sondern einen Band der Veröffentlichung, die die Geschichte anhand von Bildern aus der Animeserie nacherzählt, mit Sprechblasen und so. Und wie es der Zufall will, handelt es sich um einen ganz besonderen Band. „Besonders“ deshalb, weil er mir etwas über die Originalfassung verrät, was ich schon lange habe wissen wollen. Es handelt sich um Band #8, und das Kapitel, bzw. die Episode, behandelt den Tod von Zoisyte. In der deutschen Version der Serie nun sagt er im Angesicht des Todes an dieser Stelle: „Kunzyte… lass mich in Schönheit sterben…“, worauf Kunzyte die Illusion einer Blumenwiese mit rieselnden Rosenblättern erzeugt, um ihm den Wunsch zu erfüllen.[2]
So (ha!), jetzt gibt es in der japanischen Version natürlich auch diese Blumen und die Blütenblätter, aber Zoisyte sagt: „Kunzyte-sama… anata no Ude no naka ni shinitai…“
Für alle die, die des Japanischen nicht mächtig sind: „Verehrter Kunzyte… ich möchte in Deinen Armen sterben…“
Man beachte den feinen Unterschied. Die Blumen waren also nur nettes Beiwerk und Kunzytes höchsteigene Idee. Ich sehe aber von einem Kauf ab. So wichtig ist es nun auch wieder nicht, und es reicht mir, zu wissen, was ich wissen wollte.
Wir gehen schließlich wieder. Und es hat wieder zu schneien begonnen. Mal sehen, wie lange es diesmal hält. Es schneit nicht einmal eine Stunde lang, und obwohl es in manchen Augenblicken ziemlich kräftig vom Himmel schneit, reicht der Schneefall nicht einmal aus, um als Verzierung für die freigeschmolzenen Stellen zu dienen.
Auf dem Rückweg nach Nakano gehe ich ins kleine Naisu Dô und kaufe die HK MP5. Sie hält von nahem betrachtet, wirklich nicht viel her, aber eigentlich will ich, sobald das Wetter es zulässt, nur ein paar Bilder davon machen und sie dann verkaufen. Wohl kaum nach Deutschland.
Den Einkauf der Getränke will ich auf später verschieben, vor allem, weil ich jetzt ein relativ großes Paket mit mir rumschleppe. Nicht schwer, aber sperrig. Und was würden Kunden und Belegschaft wohl davon halten, wenn ich mit einer Maschinenpistole im Gepäck in den Supermarkt marschiere?
Zuhause stopfe ich eine dreifache Portion Reis in mich hinein und sehe mir „Sazae-san“, „Crayon Shin-chan“ und natürlich „Bobobôbo Bôbobo“ an. Ich bewundere immer wieder die Eigenschaft dieser Serie, einen Aufbau wie „DragonBall“ zu haben (die Gruppe kämpft sich von einem Gegner zum nächsten), aber nicht einen Moment lang eine Art Spannung aufkommen zu lassen, wie man sie von dieser Art von Geschichte eigentlich erwarten sollte. Bôbobo und Donpachi machen im Angesicht ihrer Gegner so viel Unsinn, dass man völlig vergisst, dass da eigentlich gerade ein Kampf stattfindet, oder eher „stattfinden sollte“. Diese Kämpfe gehen ganz schnell vonstatten, ohne einen Zweifel daran zu lassen, wer am Ende gewinnen wird – nämlich der Nasenhaarfighter Bôbobo.
Um etwa 21:00 gehe ich dann einkaufen und kehre danach vor den Fernseher zurück. Ich bin mir allmählich ganz sicher, dass Azama Miyû, die die Rolle der SailorJupiter bekommen hat, Werbung für ADSL-Flatrate Internetanschlüsse macht. Für den Werbeclip hat man ihr, warum auch immer, einen Schnurrbart in ihr hübsches Gesicht geklebt, und ich habe eigentlich kein Talent dafür, mir Gesichter zu merken. Aber die Stimme aus der Werbung versichert mir mehr und mehr, dass sie es sein muss. Jetzt frage ich mich natürlich, was Azama Miyû bereits so bekannt gemacht hat, dass sie in der Werbung gelandet ist. Japanische Werbung baut sehr auf bekannten Gesichtern aus Film und Fernsehen auf. Ich glaube kaum, dass ihre „unglaubliche“ Leistung in der Werbung ihr genügend Referenzen verschafft haben, um in der SailorMoon Serie eine der Hauptrollen zu spielen. Oder umgekehrt. Ihre offizielle Homepage ist leider nicht erreichbar (seit Wochen), also kann ich über den bisherigen Verlauf ihrer Karriere keine Aussage machen.
[1] Kein Mensch wollte das kaufen, YûYû Hakusho ist zu unbekannt.
[2] Ist natürlich auch ein Witz der Dialogregie…
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