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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

30. April 2024

Freitag, 30.04.2004 – Erbauendes Schrifttum?

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Wegen der sich anbahnenden „Golden Week“, dieser Aneinanderreihung von Feiertagen, macht sich Kuramata-sensei nicht die Mühe, heute Unterricht abzuhalten. Der fällt seinen Urlaubswünschen zum Opfer und ich muss erst um 14:20 zum Unterricht erscheinen. Aber er hat das rechtzeitig vor Tagen angekündigt.

Ogasawara-sensei dagegen bleibt regelkonform, wie nicht anders zu erwarten. Ein guter Teil des heutigen Unterrichts besteht aus altbewährter, interkultureller Kommunikation, was wegen der deutlichen chinesischen Übermacht im Raum immer wieder ein organisatorisches Abenteuer darstellt. Heute geht es um Feiertage und was man gewöhnlich dazu verschenkt.

Yuan setzt sich zu Melanie und kann kaum glauben, dass die deutsche Landwirtschaft kein Standbein im Reisanbau hat. Doktor „Hyde“ Shin ist mir zugeteilt. Da sich meine Gespräche in diesem Rahmen meist nur am Rande um das Thema drehen, das an der Tafel geschrieben steht, unterhalten wir uns auch über andere Dinge. Es ist Shin, der den Klassiker „Hobbys“ auspackt, und ich weiß nie so recht, was ich dann sagen soll. In letzter Zeit nenne ich verstärkt „Lesen“ und „Strategiespiele“. Ich frage ihn, was er denn eigentlich von Beruf sei und wie es mit seinen eigenen Hobbys aussehe. Er sei Pharmakologe, sagt er (auf Japanisch natürlich), und ich muss das Wort erst aus den Tiefen meines elektronischen Wörterbuches hervorkramen, bevor ich von dem japanischen Wort auf die deutsche Bedeutung komme, und er arbeite auch in der Medikamentenforschung, auf der Suche nach neuen und verbesserten Präparaten – daher seine Verbindung zu dem modern ausgestatteten Tierversuchslabor, auf das die Universität Hirosaki sehr stolz ist. Sein liebstes Hobby sei – und ich traue meinen Ohren nicht – „Bier trinken“. Und dabei lacht er leise – ich sage es wirklich nicht gerne – wie ein Schwachsinniger. Das war der erste Vergleich, der mir in den Sinn kam. Ein derart vulgäres Hobby hätte ich einem Mann mit seiner Bildung nicht zugetraut, aber seine allgemeine Erscheinung untermauert die Aussage…[1]
Aber eigentlich soll es ja um Feiertage und Geschenke im jeweiligen Kulturkreis gehen. Ich bin bemüht, all die Feiertage des mitteleuropäischen Abendlandes Revue passieren zu lassen und tue mich schwer bei der Findung typischer oder traditioneller Geschenke, da viele dieser Tage für mich persönlich ihre spirituelle Bedeutung verloren haben und ich mich nie wirklich damit auseinandergesetzt habe. Ich weiß noch nicht einmal, wann Ostern ist.
„In China ist das alles ganz einfach“, sagt Shin, „da verschenkt man an jedem Festtag Bargeld.“ Natürlich wird ihm in dieser Hinsicht (indirekt, durch die übrigen Gruppen) widersprochen, aber ich gehe davon aus, dass die genannten Alternativen traditioneller Natur sind. Ich hätte ebenfalls sagen können, dass man auch in Deutschland alternativ einfach Bargeld verschenkt, weil sich der Empfänger davon kaufen kann, was immer er für angebracht hält. Dem widerspricht natürlich Melanie, da das Auspacken von Geschenken für sie eine große Bedeutung hat.

Den Rest des Tages verbringe ich im Center. MinJi begrüßt mich mit einem lebhaften Kopfschütteln und lacht. Was bedeutet denn das? Ich kann keine Auffälligkeiten an meinem Erscheinungsbild finden.
„Warum schüttelst Du den Kopf?“
„Zur Begrüßung“, sagt sie, „meine Hände waren (zum Winken) gerade nicht frei.“
Ja, sie schreibt wohl gerade einen Eintrag in irgendein Forum. Das sei aber keine koreanische Sitte, sondern nur eine persönliche Marotte. Ich bin dennoch verwirrt, zu ihrer persönlichen Belustigung.

Ich warte darauf, dass die richtigen Rechner frei werden und brenne zwei Daten-CDs. Bei der effektiven Leistungsfähigkeit der Rechner ist in zwei Stunden nicht mehr drin, und die Chinesen verschwinden erst so ab etwa 17:00 von den Rechnern mit Brennerhardware. Der Memorystick wandert siebenmal hin und her.
Außer mir sind ab kurz nach Fünf nur noch Misi und MinJi da. Ich wandere im Raum herum, während ich auf das Ende der Rechnervorgänge warte. MinJi liest, sichtlich gespannt, einen koreanischen Text vom Bildschirm ab. Natürlich kann ich kein Hangul (Koreanisch) lesen, aber am oberen Rand der Internetseite steht ein (japanisches) Wort (in lateinischer Schrift), das ich sehr gut verstehe: YAOI.
Wer das Wort ebenfalls kennt und versteht, sieht mich grinsen. Breit, stark, wasserdicht.
„Was liest Du da?“ frage ich unschuldig.
„Hm… nichts Besonderes… nur eine Geschichte…“ weicht sie aus.
„Um was geht es denn?“
„Ich weiß nicht…“
„Du liest eine Geschichte und weißt nicht, um was es geht?“
Sie überhört die Frage geflissentlich.
Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich weiß, was Yaoi ist.
„Nein, das hier ist was ganz Anderes!“ sagt sie eilig, ohne mich dabei anzusehen.
Aber jetzt ist mir klar, in welchem Teich sie angelt. Natürlich entgeht Misis „geschulten“ Ohren nicht, mit welchen Untertönen meine Konversation mit MinJi, die ich hier ja nur im Kerngehalt wiedergebe, abläuft. Er setzt sich zu uns und erweist sich als nur schwach subtiler Verhörspezialist. Nach fünf Minuten weiß er, dass sie 20 Jahre alt ist, derzeit keinen festen Freund oder ähnliche Bindungen hat und erst heiraten will, wenn sie 26 bis 28 Jahre alt ist – und das scheint ein zentraler Punkt ihrer Lebensplanung zu sein. Die Dreistigkeit seiner Fragestellung verblüfft mich. Schließlich bohrt er auch danach, was sie da lese. Natürlich erhält auch er nur ausweichende Antworten.
Schließlich wechselt sie wieder ins Forum, um einen Kommentar zu schreiben, ohne deshalb unsere Unterhaltung zu unterbrechen. Ich weiß nicht mehr, um was es wirklich ging. Ich glaube, wir waren bei dem Teil angelangt, wo es um ihre Heiratspläne ging. Sie dreht den Kopf herüber und sieht mir ins Gesicht, schreibt währenddessen aber mit geübten Händen weiter. Das bringt mich jetzt völlig aus dem Konzept, und ich könnte noch nicht einmal sagen, ob es an der Darstellung von Geschicklichkeit (Reden und Schreiben über zwei verschiedene Themen) oder an ihren wirklich schönen Augen lag. Jetzt mag jeder denken, was er will, ich weiß es wirklich nicht. Zweifellos allerdings ist für mich, dass sie diese Koordinationsübung vorgeführt hat, um anzugeben.

„Was ist Yaoi eigentlich?“ fragt Misi – mich. MinJi kann kein Englisch, aber der Inhalt seiner Frage ist ihr (wegen des Ihr bekannten Begriffs) offenbar bewusst. Sie dreht sich schnell auf dem Stuhl herum, lacht verlegen und fuchtelt abwehrend mit den Händen. „Du darfst ihm das nicht verraten!“ ruft sie mir zu. Natürlich hindert mich das nicht daran, Misi in einem ruhigeren Moment, später, zu erklären, was es damit auf sich hat. Die Erklärung passt m.E. auch in einen einzigen Satz.
Um kurz nach Sechs beginnt es zu regnen. Auch Gewitterdonner ist zeitweise zu hören. Wir bleiben, bis das Center schließt. MinJi muss 20 Minuten zu Fuß gehen, weil sie im Kaikan wohnt, und an dieser Stelle frage ich mich, ob nicht sie es gewesen ist, die mich damals, im Oktober, gefragt hat, ob ich sie, angesichts dunkler Straßen, nicht bis zur Haustür bringen könne. Aber ich erinnere mich nicht an das Gesicht. Und MinJis Erscheinung hat sich durch das Abschneiden ihrer langen Haare auch deutlich geändert. Ich rate ihr jedenfalls, einen der beiden Schirme zu nehmen, die vor dem Center in dem Ständer stecken. Sie könne sie ja kommende Woche diskret an ihren Platz zurückstellen, aber das will sie nicht. Zu ihrer Erleichterung hat der Regen mittlerweile allerdings wieder aufgehört, bis auf ein paar vereinzelte, feine Tröpfchen.
Sie fragt Misi, wie groß er sei, aber er kennt die genaue Angabe selbst nicht. Ich schätze, dass er etwa zwei Meter groß sein dürfte, vielleicht einen Tick mehr. MinJi erklärt, dass sie gerne 10 cm größer sein wolle. 1,58 m seien ihr zu wenig. Ich sage, dass sie sich wegen ihrer Größe keine Sorgen zu machen brauche, ich fände die gegebenen Proportionen sehr passend. Schließlich gehen wir unserer Wege.

Was muss ich also aus der Beobachtung schließen? MinJi hat offenbar kein Problem mit mir. Wie kommunikativ oder verschlossen sie ist, hängt bei ihr wohl, wie bei vielen Menschen, von der jeweiligen Tageslaune ab. Damit kann ich leben. Ich muss mir immer ein wenig Extra-Mühe geben, um Leute, die vor mir stehen, auf die fundamentalen Unterschiede zwischen meinem Äußeren und meinem Inneren aufmerksam zu machen. Bisher fahre ich damit gut, also habe ich auch weiterhin nicht vor, meinen persönlichen Bekleidungsgeschmack zu ändern.[2]
Misi setzt sich auf sein Fahrrad, während ich mein eigenes aufsuche.
„Sie sieht nicht außerordentlich gut aus, aber sie ist unheimlich süß…“ sagt er.
Ich winke ihm zum Abschied. Mir scheint, dass seine optische Messlatte ziemlich hoch liegt.


[1]   Shin war nicht fettleibig, eher schlank, aber er sah auch deutlich älter aus als Mitte Dreißig.

[2] Es dauerte noch etwa zwei Jahre, bis der Wehrdienst so sehr aus meinem Kopf verschwunden war, dass ich keine Tarnfarben mehr in meiner Freizeit trug.