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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

30. November 2023

Sonntag, 30.11.2003 – Dinner für vier

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 21:40

Sonntag. Ausschlafen. Das heißt Aufstehen so etwa um 11:00. Der Blick aus dem Fenster macht mir wenig Laune. Bestes Novemberwetter. Kühl, verregnet, windig. Um 13:30 will ich Mei und ihre Mitbewohnerin BiRei beim Second Hand Laden abholen, um gemeinsam bei uns zu essen. Sie hat nach meiner Einladung noch einmal bei Melanie nachgefragt, ob das auch in Ordnung sei. Ich finde das zwar überflüssig, da ich Melanie davon in Kenntnis gesetzt habe, aber ich finde es auch interessant, dass sie vor ihrem Besuch erst die Zustimmung aller beteiligten Personen einholt. Bis dahin allerdings sollte auch die Bude auf Vordermann gebracht werden. Und damit meine Artbooks aus den Füßen sind, will ich sie schnell noch katalogisieren. Vielleicht hätte ich ein paar Takte früher aufstehen sollen. ?

Beim Durchblättern meines neuen Bestandes ist mir aufgefallen, dass ich etwas doppelt habe. Ich habe das „Tenchi Muyô! Gakken Mook Vol. 1“ noch einmal gekauft. Das wird dann wohl versteigert werden (müssen). Es hat auch nur 1000 Yen gekostet, also ist das verkraftbar. Neu habe ich also:

Newtype 100 % Collection: „Nadesico Gekinaide Zenbu“
Newtype 100 % Collection: „Tenchi Muyô! Earth Chapters“
Newtype 100 % Collection: „Tenchi Muyô! Space Chapters“
Dragon Magazine Collection: „Tenchi Muyô! Manatsu no Eve Movie Edition“
Dragon Magazine Collection: „Yoku wakaru Tenchi Muyô!“
Tenchi Muyô! Official Graphic Book“ (PC Game 1998)
Tenchi Muyô! Ryô Ôki – Complete Song Book“
Sen-nen Joô Movie Artbook“ („Königin der Tausend Jahre“)
eX-Driver Official Guide Book Vol. 1“
Gakken Mook Anime V Special: „Mamono Hunter Yôko“
Love Hina – Anihina Ver. 2“
Roman Album: „Streetfighter 2 – The magnificient World of Chun-Li“
GAINAX: „Princess Maker 1+2 Guide Book“
One Piece – Animation Logbook“

Das ist vorerst alles, was ich brauche. Bis auf zwei oder drei Titel, die ich auf nächstes Jahr verschoben habe.

Dann beschäftigt mich aber voll und ganz die Raumreinigung, und ich komme zu spät weg, erst um 13:35. Ich werde wohl eine Viertelstunde zu spät kommen.

Aber ich bin dennoch nicht ganz so spät. Denn unter dem Second Hand Laden (das nennt man hier „Recycleshop“) verstehen wir ganz unterschiedliche Dinge. Ich meinte damit den Laden in der Tomita-Straße, an dem auch „Recycleshop“ dran steht, und Mei wohnt ja um die Ecke. Sie dagegen meinte den GEO-Spieleladen an der Hauptstrasse, gegenüber der Polizeiwache an der unnötigen Fußgängerbrücke. Ich komme unvermeidlich an diesem Laden vorbei, wenn ich in die Stadt will. Und sie nennt das „Recyclingshop“, weil man dort gebrauchte Spiele kaufen und verkaufen kann. Offensichtlich habe ich Software und dergleichen in meine Definition noch nicht einfließen lassen. Aber so sei es. Und meine Verspätung macht sich noch weniger bemerkbar, weil die beiden noch gar nichts eingekauft haben. Also gehen wir in den Beny Mart, um das nachzuholen.

Dort muss ich den beiden erst einmal klar machen, dass sie kaufen können, was sie wollen, und nicht das, was mir eventuell gefallen könnte. Nur auf Fisch und scharfes Gemüse sollten wir wegen Melanie verzichten. Mei kauft eine Packung panierter Hühnerunterschenkel. Weiterhin kauft sie ein paar Süßigkeiten, darunter daumendicke Teigstangen mit Schokoüberzug, die sich kauen wie Styropor, und auch ein Paket „Pocky“. Das sind etwas kompaktere Gebäckstangen mit Schoko- und Kakaoüberzug („Mikado“ in Deutschland). Ich wende ein, dass man davon ja eh nur fett werde und dass ich Melanie eigentlich ein bisschen „entwöhnen“ möchte, aber Mei wischt diese Bedenken beiseite und sagt, heute sei das erlaubt.

Die Mitbewohnerin von Mei heißt also Lin BiRei und scheint ebenfalls ein sehr umgänglicher Mensch zu sein. Sie sagt, dass sie ebenfalls bereits seit Anfang Oktober da sei, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben… dabei neige ich nicht dazu, hübsche Gesichter zu vergessen… was soll’s, sie ist gerade im Begriff, mich zu besuchen.1 Es wird auch ein lustiger Nachmittag mit den beiden. Sie braten die Hühnerbeine an und köcheln sie dann in einer dickflüssigen Mischung aus dem Bratfett, Sojasoße, Essig und Wasser, dazu etwas Zucker. Ich sehe die Pfanne an und kann mich an nichts vergleichbares erinnern. Dazu gibt es Reis, den ich vorbereitet habe. Unglaublich, wie seltsam es den beiden erscheint, dass ich (der Mann im Haushalt) den Reis wasche. „Bei uns machen das nur Frauen!“ Sehe ich da einen Widerspruch zu der Gleichberechtigungsklausel in der Verfassung der Volksrepublik China? Aber ich nehme an, dass männliche Chinesen ebenso viele und ebenso wenige Gründe haben wie westliche Männer, solche Aufgaben nicht zu übernehmen… ob die beiden in Ohnmacht fallen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich sogar die Toilette putze?

Mei (rosa) BiRei (grau) 2003

Leider braucht der Reis etwas länger als die Hühnerbeine, also langweile ich unseren Besuch mit den Fotos, die ich im Frühsommer 1999 in Italien gemacht habe Dabei stellt sich heraus, dass alle Europäer gleich aussehen. Aha. Und sie machen immer ein furchteinflößendes Gesicht. Soso.

Mei und BiRei probieren die Pocky und finden sie zu süß. Ach nee, wirklich? Das hätte ich ihnen auch vorher sagen können, aber auf mich hört ja keiner. Außerdem erfahre ich, dass Chinesen Angst vor Katzen haben, bzw. im Bezug auf Katzen sehr zum Aberglauben neigen. Weil auch bei ihnen die Legende existiert, dass Katzen mehrere Leben haben. Ich weiß jetzt nicht, ob dieser Aberglaube unabhängig im Westen und im Osten entstanden ist, oder ob der eine des anderen Aberglauben übernommen hat. Auf jeden Fall fürchten sich Chinesen vor den mysteriösen Katzenaugen. Sehr interessant zu erfahren. Das gibt Irenas Erzählung, dass ihre chinesische Bekannte sich einem kleinen Kätzchen nicht nähern wollte, einen deutlich größeren Rahmen. Oh ja, und auch Chinesen essen Hunde. Ich nehme zwar nicht an, dass das alle Chinesen machen (es gibt schließlich sehr viele davon), aber in bestimmten Gebieten, im Nordosten, gibt es das offenbar. Und Mei sagt, Hunde seien sehr schmackhaft.

Mei bewundert meine (deutsche) Handschrift

Der Reis wird schließlich fertig und das Essen, das die beiden gemacht haben, ist mir ein dickes Lob wert. Trotz der abenteuerlichen Mischung von Zutaten ist es umwerfend gut. Und es ist einfach nachzuvollziehen. Ich frage mich allerdings, wie man das effektiv mit Stäbchen essen soll? Ich stecke mir also das Stück als Ganzes in den Mund und ziehe den nackten Knochen nach einer knappen Minute wieder heraus. Allein das Gemüse (eine japanische Imitation von koreanischem Kimchi), das die beiden als Beilage gekauft haben, scheint nicht von überzeugender Qualität zu sein. Und wenn drei Leute das Gesicht verziehen, mache ich mir nicht weiter die Mühe, das Hasenfutter selbst zu probieren. Im Gegenzug überrasche ich unsere Gäste mit meiner Angewohnheit, das Kochwasser für den Reis zu salzen. Ich dachte bislang, das sei völlig normal. Anscheinend habe ich mich geirrt. Aber sie sagen, dass er ihnen schmecke, und sie essen ihn auch. Also mache ich mir weiter keine Gedanken über meine Angewohnheit. Dabei ist so wenig Salz an dem Reis, dass es mir selbst gar nicht auffällt. Aber vielleicht mache ich bei nächster Gelegenheit mal einen Spritzer Sojasoße und einen Schuss Sake an den Reis, um mal zu sehen, was sie davon halten.

BiRei 2003

Melanie und ich haben bereits gestern Lebensmittel eingekauft und mein Hintergedanke war etwa ein Menü mit zwei Gängen. Aber unsere beiden Chinesinnen sind keine starken Esser und am Ende ist das Fleisch zwar alle (ich habe die Hälfte davon allein gegessen), aber der halbe Reis noch da, zusätzlich der fragwürdige Salat. Uns geht auch leider die Zeit aus, weil BiRei um 16:30 bereits die nächste Verabredung hat, mit ihrer Gastfamilie. Sie verabschieden sich also um 16:00 wieder von uns.

Danach spülen wir das Geschirr weg (was die beiden Chinesinnen auch noch übernommen hätten, wenn sie Zeit gehabt hätten) und arbeiten den Wäscheberg in unserem Schrank ab. Danach lerne ich ein paar neue und auch weniger neue Kanji und sehe mir um 20:00 „Musashi“ im Fernsehen an. Langsam kann ich auch die Handlung in den historischen Kontext einordnen, denn es geht gerade um die Eroberung des Schlosses von Osaka – und das war, so weit ich mich erinnere, 1615.

Um 21:00 läuft „Ai Monogatari“, also „Die Geschichte einer Liebe“. Der Zweiteiler wurde bereits seit Wochen angekündigt und ich war nicht abgeneigt, mir das anzusehen. Grob gesagt geht es dabei um den Bruder des letzten Kaisers von China, der wohl als Offizier in der japanischen Armee diente und eine Japanerin geheiratet hat. Wegen der Beziehung dieser beiden trägt der Film seinen Titel. Die beiden heiraten also etwa 1937, dann kommt der Krieg, zwei Töchter und die Niederlage von 1945. Er will seine Familie noch schnell nach Japan schicken, aber so weit kommt es erst einmal nicht, weil der Palast in Dairen von rachedurstigen Chinesen überfallen wird und die Frauen auf abenteuerliche Weise zu Fuß fliehen, in Richtung Korea.2 Er wird in der Mandschurei zusammen mit seinem Bruder von den Russen eingesammelt und landet später in einem Umerziehungslager der neugegründeten Volksrepublik China. Seine Frau schafft es währenddessen auf abenteuerliche Art und Weise mit einer der Töchter nach Japan (wo die andere Tochter bereits bei einem früheren Besuch bei den Schwiegereltern zurückgelassen worden war). Nach fünfzehn Jahren Trennung sehen sie sich endlich wieder, unter unglücklichen Umständen – die ältere Tochter ist auf der Straße erschossen worden (die Gründe habe ich nicht verstanden) und die Ehefrau bringt die Urne der Tochter ihrem Ehemann.3

Sehr kitschig, mit mittelmäßigen Spezialeffekten. Lustig dabei ist, dass die beiden Hauptcharaktere um keinen Tag zu altern scheinen, sieht man von ein paar grauen Haaren auf seinem Kopf ab. Sie dagegen sieht nach 23 Jahren noch aus wie am Tag der Hochzeit. Nach dem Film sieht man Originalfotos der beiden bei ihrem Wiedersehen – da waren beide deutlich alte Leute!

Interessant fand ich die Darstellung der Soldaten. Zum einen gab es natürlich japanische Soldaten. Die beiden hohen Offiziere, die man sieht, sind gerissen und intrigant und benutzen den Manshû-Kaiser PuYi wie eine Marionette (ein Tribut an die Realität). Die unteren Ränge pöbeln die Zivilbevölkerung an, benehmen sich generell recht ungehobelt und „requirieren“ Nahrungsmittel von der Stadtbevölkerung. Sie verhalten sich also recht roh, aber sie fügen niemandem (sichtbaren) körperlichen Schaden zu. „Grob unfreundlich“, könnte man vielleicht sagen. Das ist meines Erachtens purer Positivismus, oder sagen wir „Geschichtsbeschönigung“, angesichts der 19 Millionen toten Chinesen des Zweiten Weltkrieges. Ich glaube, das habe ich bereits erwähnt. Immerhin: Die Japaner sind nicht die tapferen Befreier Ostasiens. Die Menschenversuche durch das Sonderbataillon 731 in der Mandschurei bleiben unerwähnt, und von Nanjing hört man nur, dass da „gekämpft“ werde. Dass dort ein mehrwöchiges Massaker an Zivilisten mit schätzungsweise knapp 300.000 Todesopfern stattgefunden hat, wird in Japan gerne unter den Tisch gekehrt (deshalb weiß es hier auch kaum jemand).

Die Darstellung der Russen dagegen… ja, die ist wesentlich deutlicher. Die bezeichnende Szene: Ein LKW mit fünf (europiden) Sowjetsoldaten fährt in ein chinesisches Dorf nahe der koreanischen Grenze. Natürlich halten sich dort gerade zufällig die Frau des Protagonisten mit ihrer kleinen Tochter und ihren Dienerinnen/Freundinnen auf. Die Russen (ich nenne sie pauschal einmal so, um die Konnotation der Bilder zu unterstreichen) steigen vom LKW, treten vor die Dörfler, die aus lauter Frauen, Kindern und einem alten Mann bestehen. Ja, was wollen die wohl? Sie verlangen die Herausgabe von fünf Frauen/Mädchen. Keiner reagiert. Daraufhin greift sich der Sprecher ein Mädchen heraus (etwa 13 Jahre alt). Der alte Mann widerspricht und wird ohne weiteren Kommentar erschossen. Daraufhin stellen sich die Dienerinnen der Ehefrau den Russen zur Verfügung, damit diese rechtschaffene Japanerin (das Gegenstück zum „guten Deutschen“) und die Kinder verschont bleiben. Sie werden in LKW geladen und wurden wohl nie wieder gesehen.

Der Zweiteiler hat eine Spielzeit von jeweils etwa zwei Stunden, zuzüglich Werbung kommen drei Stunden zusammen, also habe ich an zwei Tagen bis um Mitternacht vor dem Fernseher gesessen. Und vielleicht waren fünf Tassen Kaffee (aus Langeweile mehr oder minder) vielleicht drei Tassen zu viel – weil ich nicht schlafen kann. Ich liege drei Stunden in der Gegend rum, dann stehe ich um 03:00 auf, esse den Rest Reis, bereite neuen für das Frühstück vor und schreibe meinen Tagebucheintrag. In Deutschland ist es 19:45 am Abend, als ich beschließe, mich wieder hinzulegen. Hoffentlich wird der Montag Abend nicht zu lange, ich könnte vielleicht Schlaf nachholen müssen. Außerdem sitze ich gerade leicht bekleidet in einem ungeheizten Raum, und mir wird so langsam kalt…

1 Sie befindet sich definitiv bereits auf einigen Fotos, die ich bei den verschiedenen Kulturpartys gemacht habe.

2 Wer kann es den Chinesen verdenken? Die Japaner haben sich in der Mandschurei benommen wie die Deutschen in Polen und überließen z.B. die Stadt Harbin in einem gegenseitigen Stillhalteabkommen chinesischen und russischen Verbrechersyndikaten.

3 Laut Wikipedia (Stand 19.04.2021) wurde sie von ihrem Geliebten in einem einvernehmlichen Doppelselbstmord getötet, und das nicht „auf der Straße“, sondern am Berg Amagi auf der japanischen Halbinsel von Izu.