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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

23. November 2023

Sonntag, 23.11.2003 – Der Tag danach

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:08

Heute Mittag kommt einiges in schneller Reihenfolge. Kurz nach 12 ruft SangSu an und entschuldigt sich für sein Verhalten gestern. Er sagt, er könne sich kaum an den letzten Abend erinnern. Kopfschmerzen habe er keine, sagt er. Dann kommt er nach oben und bringt uns eine Tüte mit acht Äpfeln, als Schadensersatz. Er entschuldigt sich noch einmal. Ja, das sei schon in Ordnung. Er sei ja leicht und habe sich auch nicht übermäßig daneben verhalten. Wir verabreden uns für den Nachmittag, um unsere Fahrräder abzuholen.

20 Minuten später, als ich gerade einen Apfel in Viertel schneide, wird der Feueralarm ausgelöst. Es ist nicht das erste Mal. Beim letzten Mal habe ich den Grund nicht einmal nachvollziehen können, und der Alarm war nach nicht einmal einer Minute wieder verstummt. Aber diesmal riecht es in der Nähe der Tür nach Rauch. Ich werfe einen Blick nach draußen und sehe das Treppenhaus vernebelt. SongMin und Jû haben ihre Türen weit offen und der Rauch kommt aus SongMins Wohnung. Ich denke zuerst an den Ölofen – aber mein zweiter Gedanke beruhigt mich, weil ein Ölfeuer ganz anders riechen würde.
Sie hat Wasser gekocht und den Topf vergessen. Das Wasser ist komplett verdunstet und der Topf angebrannt. Als sie dann zum Lüften die Tür zum Flur öffnete, hat der Feuermelder dort Alarm ausgelöst – irrsinnigerweise funktioniert nämlich der Rauchmelder in ihrer Küche nicht. Und wenn ich unseren so ansehe, bin ich ganz sicher, dass der auch bereits vor langer Zeit den Geist aufgegeben hat. Wir öffnen auch das Fenster im Flur, damit der Rauchmelder endlich Ruhe gibt. Nach knapp fünf Minuten herrscht wieder gewohnte Stille. Die Feuerwehr hat von den anderen fünf Bewohnern glücklicherweise keiner gerufen…

Das Missgeschick ist ihr sehr peinlich und sie wird nicht müde, sich dafür zu entschuldigen, auch nachdem sich der Rauch verzogen hat. Jû macht sich aber einen Spaß daraus, sie damit aufzuziehen.
Los! Geh zu allen Nachbarn und entschuldige Dich! Los, vorwärts!“ sagt er und grinst breit.
Am Nachmittag kommt er noch einmal in den Flur, hält die Nase in die Luft und sagt zu SongMin: „Was riecht hier so komisch? Hat da jemand mit Feuer gespielt?“ Auf Japanisch, damit es auch ja jeder versteht. Ich schenke den Koreanern zur Entspannung der Nerven drei Stücke Traubenzucker und schlage vor, um 17:00 doch gemeinsam Ramen essen zu gehen. Zumindest hoffe ich, dass SangSu wieder in der Lage sein wird, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Aber ich kann ihn ja gleich fragen, weil wir unsere Räder noch holen müssen.

Der Schnee hat sich nicht gehalten, Außentemperatur fünf Grad Celsius. Die Straßen sind nur noch feucht, und es scheint sogar die Sonne, also ist Rad fahren ungefährlich. SangSu kann sich in der Tat an nichts erinnern, was nach 22:30 vorgefallen ist. Aber er fühle sich gut und werde mit essen gehen. Auf dem Weg klären wir ihn über sein Sündenregister auf und er schämt sich in Grund und Boden. Ich muss Glenn bei Gelegenheit fragen, ob sie es gut verkraftet hat, von dem hoffnungslos betrunkenen SangSu mehrfach umarmt zu werden.
Als wir bei Misi eintreffen, macht er sich mit Irena, Valerie und Paola gerade auf den Weg, um ihre Wäsche im Kaikan zu waschen. Offenbar verfügen ihre Apartments nicht über eine Waschmaschine. SangSu entschuldigt sich auch bei ihnen und bestätigt aufs Neue, dass wer den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht.

Misis Nachbarin hat mein Fahrrad woanders hingestellt, nicht weit, aber der Sattel, bzw. dessen Schaumstofffüllung, ist mit Wasser vollgesogen und ich muss im Stehen fahren. Ist ja kein Beinbruch, aber es lehrt mich, für solche Gelegenheiten besser eine Plastiktüte dabei zu haben, um sie über den Sattel zu ziehen, falls er mal wieder im Regen landen sollte.

Eigentlich wollen wir in die Bibliothek, aber da morgen, am Montag, ebenfalls ein Feiertag ist, bleibt die Bibliothek auch heute geschlossen. Dann eben keine Post heute. Was mir mehr Sorgen macht, ist die Aussage von Alex, dass die Bibliothek über die Weihnachtsferien komplett die Türen schließe. Aber er sagt auch, dass es andere Gelegenheiten wie z.B. die öffentliche Bibliothek gebe, wo man ebenfalls einen Computer benutzen könne, wenn auch nur für 30 Minuten. Noch später erfahre ich allerdings, dass „Winter Break“ sich nicht auf die Semesterferien bezieht (das nennt Alex „Spring Break“), sondern nur auf die freie Zeit um und nach Weihnachten. Etwa drei Wochen sind da frei, wie es scheint. Ich weiß also nicht, wie sich das in der Zeit mit dem Newsletter verhalten wird. Alex nennt mir Möglichkeiten, Post zu lesen und auch zu schreiben, aber ein Newsletter ist eine längere Angelegenheit, die sich während dieser drei Wochen wahrscheinlich nur schwer realisieren lassen wird. Vielleicht fahre ich mit den Internet Cafés am besten, da kostet mich eine Stunde 100 Yen, und ich brauche etwa zwei Stunden, um einen normalen Newsletter von drei Seiten zu schreiben. Ja, was heißt da „Wie bitte!?“. Ich schaffe das zwar auch mit erheblich weniger Zeitaufwand – aber dann leidet die Qualität.

Um 1700 stehen wir bereit bei SongMin vor der Tür. Jû sei noch nicht erschienen, sagt sie – er hat verschlafen. Verschlafen? Vor lauter Glück über das wohlig warme Zimmer ist er am frühen Nachmittag über seiner Arbeit eingeschlafen und erst kurz vor fünf Uhr durch SongMin geweckt worden. Er wird noch ein paar Minuten brauchen. SangSu ist doch nicht so auf dem Damm, wie er dachte, also schläft er lieber. Soll er mal besser.
Um 17:15 ist Jû dann so weit. Wir gehen zu Fuß hin, weil SongMin das Fahrradfahren nie gelernt hat. Ihre Mutter hat es ihr verboten, weil der Straßenverkehr in Korea offenbar zu gefährlich ist. Jû sagt, dass viele Mütter das so machten.

Wir essen jeder eine Portion „Bunpuku Ramen“, das heißt eine Nudelsuppe mit Gemüse und gegrilltem Hühnerfleisch. Es ist die Spezialität unseres Stammlokals, nach der es auch benannt wurde. Als Beilage „Ebi Cream Korokke“, eine Mischung aus zerstoßenen Kartoffeln, Shrimps und Sahne mit Panade drum herum, etwa handtellergroß. Mein Handteller. Jû erzählt, dass er aus dem südlichsten Südkorea stamme, und dass er noch nie Schnee gesehen habe, bis er eingezogen worden war und ihn die Armee ihn in schneereiche Bergregionen „verschleppt“ habe. Seitdem sei er kein Freund von Schnee mehr. Die Aussage kommt mir übertrieben vor, aber es ist schon schwer genug, sich jemanden wie Jû in einem Kampfanzug vorzustellen, weil er viel zu intellektuell dafür aussieht. SongMin auf der anderen Seite stellt sich als ein wenig eitel heraus, denn immer, wenn sie weiß, dass sie fotografiert werden soll, nimmt sie ihre Brille ab. Ich lache darüber. Und finde es ganz toll, dass meine Kamera ein TFT-Display hat, so dass ich die Kamera nicht offensichtlich vor meine Augen halten muss, um eine Aufnahme zu machen. So kriege ich also Bilder von ihr, auf denen sie echt aussieht. Ihre Brille hat jedenfalls eine wirklich umwerfende Vergrößerung. Sie sagt, ohne Brille sehe sie eigentlich nur gerade gut genug, um nicht gegen Laternenpfähle zu laufen.

SongMin und Jû 2003

Auf dem Rückweg zeigen wir den beiden noch die anderen Lokale, die auf dem Weg von der Uni zu den Shimoda Heights liegen. Sie sagen, dass diese ihnen noch nicht aufgefallen seien. Ich hege Zweifel an dieser Aussage, weil niemand so blind sein kann; andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, warum man in dieser Situation eine Falschaussage machen sollte. Also lege ich die Sache ad Acta und schlage vor, auch mal Spieße essen zu gehen.1

Schließlich gehen wir in den Beny Mart, um Getränke zu kaufen. Dort fällt mir dann auf, dass ich meine Handschuhe im Ramenladen habe liegen lassen. Also bringe ich mein Boco (und die um 133 Yen reduzierte Packung Sushi) nach Hause und mache mich noch einmal auf den Weg, meine Handschuhe zu holen.
Sie sind scheinbar unter den Tisch gerutscht, als ich meine Jacke angezogen habe. Ich entschuldige mich für die Störung und nehme mir vor, besser auf meine Handschuhe zu achten – auch wenn sie nur 100 Yen gekostet haben.

Ab 21:00 läuft im Fernsehen die japanische Version von „Bad Boys“ mit Will Smith. Natürlich der erste Teil, wahrscheinlich als Werbung für den hier gerade im Kino anlaufenden zweiten Teil. Ich glaube, ich höre Will Smith lieber im Originalton. Das Ganze einmal auf Japanisch zu erleben, ist interessant, aber beim Thema Spielfilmsynchro müssen die Japaner noch einiges lernen… der Ton hört sich zu künstlich an, denke ich. Und die Stimmen hören sich verstellt an (um in die Rollen zu passen). Nicht gut…2

1 Einem japanischen Sprecher würde ich zutrauen, eine solche kleine Lüge vorzubringen, um mir so das angenehme Gefühl zu vermitteln, ich hätte ihm etwas interessantes Neues erzählt.

2 Japan verfügt über eine Reihe der besten Synchronsprecher weltweit, es handelt sich dort um einen Ausbildungsberuf. Die besten arbeiten allerdings im Animebereich. Gleichzeitig heißt es, dass jedes Jahr 10.000 Menschen diesen Beruf erlernen – was also machen die alle? Jedenfalls keine Filmsynchro. Meine Vermutung ist, dass durch schlechte Vertonung der Wert der Importware gegenüber den heimischen Produktionen gesenkt werden soll, auf denen ein eindeutiger Fokus liegt.