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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

15. Juli 2018

Op da schäl Seit (Teil 6)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 15:47

Es wurde November – der 17. November 2014, um genau zu sein. Verwunderlicherweise erschien die Firma Bluhm nicht in meiner Abholliste. Was war geschehen? Hatten die etwa so viel Zeug, dass stattdessen ein LKW die Sachen abholte? Nein, keineswegs. Stattdessen erfuhr ich auf Anfrage, dass Planungen im Gange seien, den dortigen Abholer ganz aus meiner Tour zu nehmen. Ja, und da dieser Abholer mich heute nicht aufhielt, war ich um 18 Uhr zuhause, also nach nur etwas mehr als 12 Stunden. Ich sagte ja bereits an früherer Stelle, dass man als Paketfahrer bescheiden in seinen Wünschen wird.
Am Folgetag machte die Dispo mir die offizielle Mitteilung, dass ich Bluhm nur noch eine Woche lang abholen müsse – na, dann mal ran. Am 25. November hieß es dann: „Noch drei Tage.“ Und es wurde wahr. Diesen Abholer machte ab sofort der TNT Special Service. Das verkürzte meine Arbeitszeit gleich um ein gutes Stück. Ich will aber schon an dieser Stelle offenbaren, dass dies nicht mein Ende bei Bluhm war. Andere Dinge spielten da mit rein, die die Situation noch weiter verbessern würden.

Vorerst geschahen wenig auffällige Dinge. Der Tourenfürst veranstaltete am 29. November unsere Weihnachtsfeier – in einer Shishabar in ich sage mal nicht, wo. Gehört wohl seiner Mutter. Wir hatten das Hinterzimmer für uns und es war gerade so nicht zu klein für die Anzahl der Fahrer. Ich will den Nachteil, der mir meine Anwesenheit ziemlich anstrengend gemacht hat, als erstes nennen: Eine Shishabar ist ein Ort, dessen Zweck daraus besteht, dass dort geraucht wird. Kleiner Vorteil: Rauch aus Wasserpfeifen verursacht mir nur leichtes Unwohlsein, anders als trockener Tabakrauch, der dafür sorgt, dass ich mich wie ein Asthmapatient fühle und sich mein Magen bald entleeren möchte.
Das Gewinnspiel war… mittelmäßig. Ich glaube, am Ende gewann ich für irgendwas einen LED-Weihnachtsbaum für das Armaturenbrett. Den ich prompt an Ort und Stelle „vergaß“, und zum Glück hatte der Tourenfürst keine Erinnerung daran, wer ihn gewonnen hatte.
„Khan“ war mit Frau und Sohn gekommen, interessanter Einfall. Meine Frau würde im Leben nicht freiwillig zu einer solchen Veranstaltung mitkommen. Khans statistisches Übergewicht beim Gewinnspiel machte sich auch gleich darin bemerkbar, dass er zwei Preise abstaubte, einen durch eigene Arbeit und einen durch eine gut geratene Schätzung seines Sohnes, von dem ich nicht sicher war, ob er sich an einem solchen Ort überhaupt aufhalten durfte; der war wohl 10 oder so.

Khan… ist ein an sich netter, aber durch niedrige Stressresistenz auch schwieriger Tournachbar. Ich fahre unten am Rhein, er fährt oben auf der Höhe, Windhagen, die Honnefer Dörfer, und so weiter bis rüber nach Asbach und Buchholz (Landkreis Neuwied), und damals waren die Tourgebiete ineinander greifender als ein Jahr später. Es wurde erwartet, dass wir bei Abholern, die uns zeitliche Schwierigkeiten bereiten würden, den entsprechenden Tournachbarn anrufen würden, ob der vielleicht effizienter zu dem fraglichen Kunden kommen würde. Idealerweise ein faires Geben und Nehmen, aber wir waren alle beide relativ neu (und Fairness war nicht in jedermanns Sinn verankert). Okay, ich machte meine Tour seit einem knappen halben Jahr und begann, irgendwie klarzukommen, er machte es erst seit vielleicht einem Vierteljahr und hatte Schwierigkeiten. Dennoch war es hin und wieder notwendig, dass ich ihn um die Übernahme eines Abholers bitten musste. Die Gemeinde Königswinter hat 20 km Durchmesser, und gerade in den Grenzregionen des Gebiets konnte es sich anbieten, dass der Nachbar sich um einen Kunden kümmerte. Ich habe mir auch immer Mühe gegeben, nur dann um solche Hilfe zu bitten, wenn sie wirklich notwendig war.

Soweit zum Ideal. Khan konnte die Entfernungen nicht abschätzen, also wie lange er brauchen würde, um von einem Punkt seines Gebiets an einen anderen zu gelangen. Das sind Erfahrungswerte, die sich nach einem halben Jahr oder so erst einstellen. Aber er war auch ein besonderer Fall von Stressanfälligkeit. Wenn ich ihn anrief und nach der Möglichkeit fragte, an meiner statt einen Kunden in zum Beispiel Rostingen zu bedienen, dann sagte er nicht „ja“ oder „nein“ – er erzählte mir quasi seine gesamte Lebensgeschichte diesen Tages, was schon alles mies gelaufen war und wieviel zu tun er noch hatte. Es war zum aus der Haut fahren; manchmal legte ich nach 30 Sekunden informationsfreier Darlegungen einfach auf. Er hatte nicht das Rückgrat, nein zu sagen, hatte aber auch nicht den Nerv, ja zu sagen und die zusätzliche Fahrzeit auf sich zu nehmen. Das hätte mir schon sagen sollen, was er für einer war, aber ich sah erst einmal nur die niedrige Stressschwelle.

Auf der Weihnachtsfeier unterhielt ich mich eine Weile mit ihm, denn wenn er nicht gerade von A nach B rasen musste, sprach er ruhig und langsam. Er hatte wohl Stress mit seinem Schwiegervater, der wohl damals Schnappatmung bekommen hatte, als ihm seine Tochter offenbart hatte, dass sie einen knapp zehn Jahre jüngeren Ausländer heiraten würde, den sie im Urlaub kennen gelernt hatte. Wenn ich die beiden so ansah, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die zwei unterbewusst einen Deal zum gegenseitigen Vorteil geschlossen hatten. Sie schien nicht der Typ Frau, nach dem sich Männer auf der Straße umdrehen, und sie hatte die Mitte 30 schon hinter sich, als sie ihr Kind bekam. Er dagegen hätte nie eine bessere Chance bekommen, aus seinem Provinznest ins gelobte Deutschland zu kommen. Ich betone, dies ist meine subjektive Interpretation im Rahmen einer nur dreistündigen Beobachtung, man möge dies also bitte nicht für bare Münze nehmen.

Nun ja, die beiden lebten aus finanziellen Gründen in einer Wohnung im Haus des Schwiegervaters und Khan sagte, der Mann mache ihm das Leben zur Hölle, unter anderem, indem er seine Tochter, Khans Frau, unter dem Vorwand der Bedürftigkeit an sich fesselte und ihnen fast jede Privatheit unmöglich machte. Sein Stressfaktor war also auch zuhause schon beachtlich, wie mir schien, dabei ist es bei stressiger Arbeit notwendig, einen Ruhe- und Erholungspunkt zu haben.
Anyways, diese und noch einige Details mehr raunte er mir quasi am Rande der Feier zu und bat gleichzeitig darum, dies nicht weiterzuerzählen, was ich versprach. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, ihn mal mit Familie an einem Wochenende einzuladen, für eine kleine Auszeit sozusagen.
Vermutlich hätte ich dies auch getan, wenn ich nicht im Laufe der darauf folgenden zwei Wochen oder so herausbekommen hätte, dass er die Geschichte so ziemlich jedem erzählt hatte, der ihm mitfühlend sein Ohr geliehen hatte, und diese Personen haben sich nicht darum geschert, trotz Khans Bitte, wie ich vermuten möchte, die Geschichte niemandem sonst anzuvertrauen.
Also nicht einfach Stress, sondern tief verwurzeltes Selbstmitleid. Na gut, was soll’s, Khan blieb eh nicht mehr lang.

Zum Glück erhielt ich Gelegenheit, noch mit anderen Leuten zu plaudern. Nennen wir sie mal Homer und Marge, ohne wirklichen Zusammenhang mit den Simpsons. Die beiden waren vor nicht allzu langer Zeit zum Tourenfürsten gekommen, waren aber alte Veteranen im Depot und schon Jahre für einen im Herbst abgesprungenen Unternehmer gefahren. Die beiden waren Fans des Kölner FC und verbrachten Wochenendjobs auf dem Nürburgring, als Parkeinweiser, Platzwarte, und was es da sonst noch gab. Abseits von der geforderten Arbeitsleistung könne man den Rummel dort sehen und bekam auch noch Geld dafür. Lustig fand ich die Geschichte, wie die beiden sich kennen lernten: Er war damals frisch ausgelernter Straßenbauer, sie noch Schülerin. Während eines Ausbesserungsauftrags am Gehweg, just vor ihrer Haustür, hatte er sie wohl entdeckt und beschlossen, sie auf sich aufmerksam zu machen. Also rückte er mit einer motorisierten Asphaltsäge an, am frühen Samstagmorgen, und begann, am Gehweg zu sägen. Die so aus dem Schlaf gerissene erschien am Fenster, bedachte ihn mit allerlei vulgären Schmähungen und warf schließlich mit einem Eimer Wasser nach ihm. Irgendwie vollbrachte sein gewinnendes Wesen den Rest, bis sie ihn ein paar Jahre später heiratete.

Am 1. Dezember stellte ich ein teures Nachnahmepaket bei einem Privathaushalt zu, um bei der Rückkehr zu bemerken, dass der Kunde mir einen 50-Euro-Schein zu viel gegeben hatte. Wäre natürlich ein schönes Trinkgeld, aber… man soll nicht fies sein. Ich brachte das überzählige Geld am Folgetag zurück und erhielt ein kleines Weihnachtsgeschenk; ich weiß nur schon nicht mehr, was es war.
Ebenso am diesem 2. Dezember entdeckte ich ein Handy auf der Straße in Bad Hönningen. Ich hielt kurz am Straßenrand bei der Bahnüberführung an und sammelte das Ding ein, ein unbeschädigtes Smartphone mit Gebrauchsspuren, genauer ein iPhone mit 16 GB Speicherplatz. Interessanterweise war es nicht durch ein Passwort oder ähnliches geschützt und ich konnte auf alle Daten zugreifen. Das heißt, ich hätte können, wenn mir klar gewesen wäre, wie man so ein Ding bedient. Mein erster Gedanke war, im Adressbuch nachzusehen, ob da sowas wie eine „Zuhause“ Nummer gespeichert war, oder irgendjemanden in der Liste anzurufen, um über diese Ecke den Besitzer benachrichtigen zu können. Aber – ich hatte keine Ahnung und die vielen Symbole verwirrten mich, was mich selbst unangenehm überraschte. Ich legte das Ding auf den Beifahrersitz und dachte über das Problem nach, während ich meiner Arbeit nachging. Der Besitzer allerdings löste das Problem, indem er mich (oder eigentlich: sich selbst) anrief. Ich musste ein paar Sekunden darüber nachdenken, wie man mit einem solchen Gerät ein Gespräch annahm, erinnerte mich aber schnell genug daran, wie ich das Verfahren bei meiner Frau beobachtet hatte. Ich wischte den blinkenden Knopf beiseite und sprach daraufhin mit einem sehr erleichterten Herrn, den ich kurz darauf in der Nähe seines Wohnhauses traf. Er sagte, er habe sich die vergangenen zwei Stunden nach dem Bemerken des Verlusts große Sorgen gemacht, weil alle seine Geschäftsdaten auf dem Telefon gespeichert seien, und gab mir 30 Euro Finderlohn. ich würde das einen interessanten Tag nennen.

Den nächsten „interessanten“ Tag hatte ich dann am 3. Februar 2015. Ich stand wie üblich um Viertel nach Vier auf, wankte erst ins Bad, zog mich an und schlurfte schließlich in die Küche. Ich hatte vergessen, Brot aufzutauen. Also kein Frühstück, stattdessen nur etwas Tee.
Um Fünf setzte ich mich dann in den Sprinter und rollte rückwärts von meinem Parkplatz über die Straße, um zu wenden, aber irgendwas war an der Rollbewegung seltsam. Ich stieg wieder aus und musste feststellen, dass der linke Vorderreifen platt war. Gut, ich hatte einen Ersatzreifen… aber nicht ausreichend Werkzeug. Ich hatte einen kleinen Wagenheber und einen Radschraubenschlüssel von der Länge meines Unterarms, dessen Hebelwirkung nicht ausreichte, um die Schrauben zu öffnen. Ich rollte also langsam und vorsichtig zur Tankstelle – aber die öffnete erst um Sechs, vorher hatte der Kompressor keinen Druck.
Der Tourenfürst schickte jemanden hoch, der Werkzeug brachte und mir beim Reifenwechsel half, aber es dauerte immer noch bis um Sieben, bis ich im Depot ankam. Bis dahin hatten andere Leute meine Pakete in eine Box geräumt, und ich musste erst mal die rausnehmen, die gar nicht in mein Tourgebiet gehörten.

Die Zuteilung der so genannten Cluster Codes ist älter als die gegenwärtigen Umstände. Im Laufe der Zeit hatte die zunehmende Frachtauslastung dazu geführt, dass sich die Gebietsgrenzen verschoben. Bad Hönningen hatte ursprünglich zu (Tourgebiet 101) Neuwied gehört, während die Dörfer parallel zur A3 oben einmal zu meinem Tourgebiet Honnef/Köniswinter gehört hatten. Es war für Anfänger sehr verwirrend, denn man musste gerade in Bad Honnef die Straßen quasi auswendig kennen, um zu wissen, welche Straßen oben in den Dörfern waren (Tourgebiet 103) und welche sich unten in der Stadt befanden (Tourgebiet 102).

Und weil das alles noch nicht reichte, um jenen 3. Februar zu was besonderem zu machen, fiel auch noch am Nachmittag das Datennetz von TNT aus. Dies führte zu einem Abholstopp, weil eingehende Aufträge nicht bearbeitet werden konnten, was den 3. Februar zu einem kurzen Arbeitstag machte – aber die Ware war ja nicht aus der Welt: Morgen würde es dafür um so mehr sein.

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