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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

25. Januar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 6)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 14:49

Konrad ging nicht mit lautem Donnerknall wie Elmo, aber auch nicht so sanft fließend wie Bert. Eines Morgens erfuhr ich, dass er im Krankenhaus gelandet sei. Ich hakte nach: Nein, er habe keinen Unfall gehabt, aber die Polizei habe ihn aus dem Verkehr gezogen. Mehr konnte oder wollte mir Peter nicht sagen, bat mich aber, die Krankmeldung bei Konrad selbst abzuholen, im Trierer Mutterhaus.
Nach der Tour fuhr ich dorthin, fragte am Empfang und wurde in die psychiatrische Abteilung geschickt. Ich fand ihn schlafend in einem Dreierzimmer und er war ganz baff, dass ihn jemand besuchen kam. Ich war zwar wegen des Attests geschickt worden, nahm mir aber die Zeit, ihn in den kommenden Tagen noch einmal zwanglos zu besuchen und erklärte mich bereit, ihn am Tag seiner Entlassung zum Bahnhof zu bringen.

Wir hatten also etwas Zeit für Dialog und er kam mit den Ereignissen rüber, die ihn in dieses Haus gebracht hatten: Er hatte scheinbar abends eine Auseinandersetzung mit seiner Frau gehabt und war am folgenden Morgen zur Arbeit gefahren. Währenddessen rief seine Frau bei der Polizei an und gab an, er habe sie bedroht. Ein Streifenwagen hatte ihn daraufhin auf der Tour abgefangen und ihn mit den Vorwürfen konfrontiert; er dürfe seine Familie (und damit sein Kind) nicht sehen, bis die Anschuldigungen geklärt seien. Konrad liebt sein Kind natürlich mehr als alles andere und in dieser Situation rutschte ihm wohl die Aussage raus, wenn er sein Kind nicht mehr sehen dürfe, „dann kann ich mich auch gleich umbringen!“ Die beiden Beamten nahmen das wörtlich, nahmen den Fahrzeugschlüssel an sich und brachten Konrad auf direktem Weg ins Mutterhaus.
Ich würde keine Sekunde lang glauben, dass Konrad jemand ist, der jemand anderem drohen würde und dies auch noch ernst meint. Aus den verschiedenen Informationsschnipseln der vergangenen Monate und dem ausführlichen Gespräch an jenem Tag würde ich eher schlussfolgern, dass seine Frau eine Person ist, die ihren Kontrollanspruch mittels des gemeinsamen Kindes als Geisel durchsetzen will: „Du tust, was ich sage, oder ich sorge dafür, dass Du Dein Kind nie wieder siehst!“

Ich habe schon einmal einen solchen Fall kennen gelernt, das ist allerdings eine Weile her. Ein netter Kerl zeugte „versehentlich“ ein Kind mit einer Frau, die er noch nicht allzu lange kannte und sah sich zum Heiraten genötigt; sie stellte sich im Nachhinein als Hexe mit Kontrollwahn heraus, von der er sich gern wieder geschieden hätte, tat es aber nicht, weil er fürchtete, von seinem Kind getrennt zu werden.
Dabei sei allen Vätern in dieser Situation gesagt, dass ihre Rechte in diesem Bereich ausgeprägter sind, als der Laie glauben mag. Erst Ende 2012 wurden die Rechte geschiedener Väter von einem Bundesgericht weiter gestärkt.
Nun ja, Konrad jedenfalls verließ das Krankenhaus nach zwei Wochen wieder, aber nachdem ich ihn am Bahnhof abgesetzt hatte, sah ich ihn nie wieder. Es bleibt nur zu hoffen, dass sein Leben heute besser ist, als in jenen Tagen.

Dies bedeutete dann, dass von den Trierer Fahrern nur noch Felix, Puck und ich übrig waren. Konrad wurde vorerst durch Joe ersetzt, einen stämmigen und sicherlich keinesfalls hübschen Syrer, geschätzt Mitte 40, der hervorragende Arbeit leistete, den Job aber hasste. Ich schätzte ihn als Kollegen und fand es positiv, jemanden wie ihn im Team zu haben. Er wechselte im Laufe des Jahres zu den Stadtwerken Trier, wo man ihn als Busfahrer einstellte, aber er kam über die Probezeit nicht hinaus. Über die Gründe hüllte er sich in Schweigen.

Einer passt hier dann schön in die Lücke: Joes Cousin. Der wohnt in Trier und ist mit einer Frau verheiratet, die am Tage meiner mündlichen Abschlussprüfung in der Anglistik die Nebensitzerin gewesen sein könnte – Frau Dr. Gerbig hatte sie mir natürlich kurz vorgestellt, aber leider war ich an dem Tag zu nervös, um mir ihren Namen zu merken. Ich habe sie allerdings angenehm in Erinnerung, da ihre Ausstrahlung entspannend auf die Situation wirkte. Mit dem Cousin jedenfalls fuhr ich durch die Eifel, wörtlich von früh bis spät, und er war nicht davon angetan, was er erlebte, zumindest bezüglich der Arbeitszeit. Natürlich sagte er ab – was ich ihm nicht verdenken kann und ich riet ihm auch von dem Job ab. Auch er hatte studiert und suchte übergangsweise etwas, aber meine Erfahrung sagte mir damals wie heute, dass man aus diesem Job nur schwer wieder herauskommt – man hat für die Jobsuche schlicht kaum Zeit. Das geflügelte Wort „Einmal Fahrer, immer Fahrer!“ hatte sich bereits zu häufig als wahr herausgestellt.
Ein paar Wochen später stand er erneut auf der Matte. Seine Arbeitssuche war bislang erfolglos, er hatte ein Kind zuhaus und seine Frau verdiente als Doktorandin nicht viel. Vielleicht war Paketfahrer doch besser als nichts? Aber auch an seinem zweiten Probetag fiel sein Urteil negativ aus: Alles, nur das nicht.

Wenn ich Joe in der Folgezeit sah, fragte ich ihn immer, wie es dem Cousin denn gehe, und wie es scheint, war er zumindest zeitweise bei Japan Tobacco in Trier untergekommen, wo man im Vergleich zu anderen Lagerjobs eine Menge verdiente und wo Rauchen am Arbeitsplatz nicht nur erlaubt, sondern erwünscht ist. Der Cousin rauchte also eine Menge über den Tag und bekam die dafür notwendigen Zigaretten auch noch vom Konzern geschenkt. Ich habe JTI ebenfalls beliefert und ich hätte schon wegen des Geruchs, der von dem Werk ausging, kotzen können, und der Geruch begleitete mich den ganzen Tag, wenn ich Tabakproben im Zentnersack auszuliefern hatte. Ich habe nicht umsonst vor ein paar Jahren zu meinem Jobvermittler gesagt, dass er mir mit JTI nicht zu kommen brauche. Aber der Cousin war selbst Raucher und fand an dem Tabakgeruch nichts schlimmes. Nun war ein Lagerjob für einen Akademiker natürlich auch nicht das Wahre, aber, wie gesagt: Bei JTI verdient man wohl nicht schlecht.

Der Cousin klagte auch, dass er zwar schon so lange in Deutschland lebe, aber trotzdem noch keine deutschen Freunde habe. Da ich ihn als intelligenten Gesprächspartner sympathisch fand, bot ich ihm an, in Kontakt zu bleiben, wofür er sich zwar bedankte, aber ich habe nichts mehr von ihm gehört, abgesehen von einem zufälligen Treffen an einer Tankstelle. Sein Mangel an deutschen Freunden geht also nicht allein von den Deutschen aus. Aber ich habe seine Telefonnummer, vielleicht sollte ich sie nutzen… und sei es nur, um herauszufinden, ob ich seine Frau tatsächlich an jenem Tag bereits getroffen habe.

Während Joe in Trier Busse lenkte, fuhr auch ich eine Weile Saarburg, und ich dachte noch, die Tour sei ja eigentlich okay, ich war gegen 17 Uhr zuhause – bis man mir nach zwei Tagen auch Konz zuteilte, das ja eigentlich zur Tour gehörte und das Peter nur deshalb ausgelassen hatte, um mir Zeit zu geben, mich an den Rest der Tour zu gewöhnen. Konz fraß etwa 60 bis 90 Minuten Zeit. Es war also auch weiterhin nicht daran zu denken, zu einer angenehmen (oder auch nur einer annehmbaren) Zeit zuhause zu sein.
12-Uhr-Expresse in Freudenburg – das ist nicht weit nördlich der Saarschleife: ein Albtraum. Eigentlich nicht mehr zu schaffen. Das hat dem Möbelhaus dort nicht gefallen, da bestellte Spülen eigentlich am Nachmittag beim Kunden verbaut werden sollten. Ich beschrieb also die Lage, die der Wechsel nach Koblenz mit sich gebracht hatte und bat um Verständnis.

Kein Verständnis hatte eine Werkstatt im gleichen Ort, da lieferte ich für 12 Uhr bestellte Felgen erst gegen drei Uhr, der Kundentermin war natürlich geplatzt, der Eigentümer stinksauer. Ich entschuldigte mich für die Verspätung und sagte, wahrheitsgemäß, dass auch das Krankenhaus in Saarburg eine Medikamentenlieferung bis 12 Uhr bestellt habe, dass ich aber aus Zeitgründen nicht an so vielen Kunden vorbeifahren könne, um alle Expresse zu schaffen, da ich anschließend wieder zurückfahren müsse, um die geplante Tourroute wieder aufzunehmen, was viel Zeit koste und ich könne ja nicht bis abends um sieben oder acht Uhr ausliefern, wollte ich nicht wegen Übermüdung zur Verkehrsgefahr werden. Ich wollte ja nur, dass er verstand, dass es mir wichtiger erschien, Medikamente pünktlich ans Ziel zu bringen, als Felgen. Von der pünktlichen Lieferung eines Medikaments kann der Erfolg einer ganzen Therapie abhängen. Er glaubte mir allerdings kein Wort und meinte, dass wichtige Medikamente wohl kaum vom Paketdienst geliefert würden. „Ach?“, fragte ich zurück, „Wer bringt die denn sonst? Die Bundeswehr etwa? Aber wenn Sie das sagen, dann wird es wohl stimmen.“
Das Gespräch endete an dieser Stelle, und ich glaube, das war auch besser so. Was will der mir über meinen Job erzählen? Ich erzähle ihm ja auch keine Geschichten von der Drosselklappe, denn wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal die Fresse halten!

Andere auffällige Punkte der Tour bestanden darin, dass ich eine junge Frau Özdemir damit überraschte, dass ich ihren Namen schreiben konnte (weil ich hin und wieder Zeitung lese) und dass ich einen Turnbeutel an der Bushaltestelle fand, den ich prompt in der entsprechenden Schule abgeben und moderne Technik in Anwendung sehen konnte: Da hängen in den Gängen Monitore, auf denen man ablesen kann, welcher Unterricht wann in welchen Raum stattfindet.
Ganz übel fand ich Pakete mit Büromaterial für ein bestimmtes Bergwerk an der Saar – denn dafür musste man quasi bis zur saarländischen Grenze fahren und dann den selben Weg wieder zurück, bis zur Brücke bei Taben-Rodt, um Richtung Freudenburg weiterfahren zu können. Ein irrer Zeitmörder. Der Ferienpark Warsberg, westlich oberhalb von Saarburg, war harmlos dagegen.

Außerdem hatte ich zur Erleichterung meiner Arbeit ein Rollbrett im Baumarkt gekauft, das mir gute Dienste leistete – bis ich es (vermutlich) in Saarburg bei einem Kunden stehen ließ, möglicherweise im Krankenhaus. Es wurde jedenfalls nicht mehr gefunden. Ich kaufte ein neues, aber ein kleineres, weil die großen ohne Angebotspreis dann doch etwas teuer waren, aber das war wegen der geringeren Fläche nicht ganz so praktisch. Außerdem wurde es mir nach wenigen Monaten im Depot gestohlen – ich hatte es einem Kollegen geliehen, damit der seine Pakete ins VL schieben konnte, er vergaß es dort und bis ich davon erfuhr, war es auch schon spurlos verschwunden. Der Rocker hatte nichts bemerkt, denn schließlich kommen und gehen immer wieder Leute mit solchen Dingern.

Es war dann an einem Morgen im Frühjahr (immer noch 2013), als wir um kurz nach Acht merkten, dass nichts mehr ging. Einer nach dem anderen sendete per Scanner seine Anfrage auf Überprüfung der Vollständigkeit der gescannten Packstücke, aber es kam nichts zurück. Der einzige, der davon verschont blieb, war Stransky – der war wie üblich bereits um kurz vor Acht rausgefahren und ging seinem Tagewerk wie üblich nach.
Es stand bald fest, dass das Transoflex Servernetzwerk ausgefallen war, und zwar in der gesamten Republik. Die IT-Abteilung in Weinheim arbeitete nach eigenem Bekunden mit Hochdruck an der Lösung des Problems, aber um 10:30 Uhr saßen immer noch alle Fahrer im Depot herum und mussten untätig warten.
Peter befand sich zu dem Zeitpunkt im Urlaub an der türkischen Riviera, und weil ja nichts zu tun war, rief Rama ihn in einem Anflug von Galgenhumor an:
„Du, wir haben’s hier halb Elf und wir sind noch nicht rausgefahren.“
„Haha, das ist mir grad völlig egal. Ich hab Urlaub.“

Im Laufe der darauf folgenden halben Stunde bahnte sich eine Notlösung an. Nach Anweisung und Anleitung von R. wurden die Scanner im Notbetrieb hochgefahren und sämtliche Scannungen würden in deren Speicher abgelegt, und eben nicht sofort an das Netzwerk weitergeleitet. Während des Arbeitstages musste besonders darauf geachtet werden, dass Abholungen und nicht ausgelieferte Pakete als solche kenntlich gemacht wurden, denn bei einem solch späten Arbeitsstart musste es notwendigerweise dazu kommen, dass man den einen oder anderen Kunden nicht mehr vor dem Ende der Warenannahmezeiten oder des Feierabends erreichte. Und es wurde ein langer Tag.

Am anderen Morgen wurden dann alle Fahrzeuge im Uhrzeigersinn um das Gebäude geleitet, damit der Rocker am Südtor Termine und Abholer in Empfang nehmen konnte. Ob der Aufwand technisch notwendig war, weiß ich nicht, aber es kostete auch wieder Zeit. Immerhin arbeitete das System zu dem Zeitpunkt wieder normal.

Alles andere als normal ist natürlich jedes Jahr die Fastnachtszeit. Sie sorgt immer wieder für Umleitungen und Wartezeiten, weil man immer irgendwo in einen Umzug hineingerät. Auch in jenem Jahr kam ich in Neuerburg bis zum Krankenhaus und machte dann gezwungenermaßen einen kilometerweiten Bogen um die Stadt herum, um am anderen Ende wenigstens das Altenheim und den Stihlhändler beliefern zu können. Die Apotheken und der Frisör mittendrin hatten da halt verloren.
Aber das war ja schon wie gehabt, 2012 war es nicht anders gewesen. Vielmehr hatte ich mich im Vorfeld mit den Kollegen Stransky und Tom abgesprochen, uns zum Rosenmontag zu verkleiden: Stransky hatte noch eine UPS-Uniform im Schrank, Tom besaß noch GLS-Klamotten und ich hatte eine TNT-Jacke.
Am Tag der Wahrheit war ich dann allerdings der Einzige, der sich traute, den Plan durchzuziehen: Ich kam im Depot an und meine beiden Komplizen trugen das übliche Zeug von ToF. Na gut. Es dauerte dann aber auch nicht lange, bis der R. auftauchte, und mich aufforderte, bitte die ToF-Jacke anzuziehen und erklärte mir, dass die Regularien verlangten, dass die Mitarbeiter im Depot die korrekte Arbeitskleidung trügen – was wir außerhalb des Depots anhätten, sei dagegen egal. Das verstand ich nicht; schließlich würde diese „Verkleidung“ ja dazu führen, dass ich beim Kunden quasi Werbung für ein Konkurrenzunternehmen machte. Der R. verstand es auch nicht und erlaubte den Fastnachtsscherz – nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich während des Beladens noch die „richtige“ Bekleidung trug.

Eine interessante Begebenheit im Zusammenhang mit den „tollen“ Tagen kann ich noch berichten: Ich fuhr auf der Landstraße auf einen Hügel zu, als sich dort der Umriss eines Stuhls abzeichnete. Ich dachte einen Moment lang, ich hätte was an den Augen, da die wahrgenommene Größe des Stuhls in keinem Verhältnis zur geschätzten Entfernung zur Hügelkuppe stand. Als sich dann wenige Sekunden später vor dem Stuhl die Silhouette eines Traktors zeigte, wurde mir die Ursache für die Sinnestäuschung bewusst: Es handelte sich um einen Umzugswagen, in Form eines riesigen Stuhls, der hier von einem Umzug zum nächsten geschleppt wurde.

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