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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

15. Februar 2014

Die Fracht am Rhein (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 22:38

Nun sitz ich hier und weiß nicht weiter. Zumindest nicht so, wie gedacht. Der Notizzettel, auf dem ich meine Stichwörter für das erste Halbjahr 2013 festgehalten habe, ist verschwunden, und ich habe so langsam keine Idee mehr, wo der sein könnte. Ich bin mir sicher, ihn aus dem Auto entfernt zu haben, um ihn griffbereit auf dem Schreibtisch zu lagern. Wäre natürlich tragisch, wenn er durch einen dummen Zufall im Papierkorb unter dem Tisch gelandet wäre. Vielleicht wurde er unachtsam irgendwo in irgendeinem Buch als Lesezeichen zweckentfremdet? Jetzt zumindest scheint die Sache darauf hinaus zu laufen, dass ich mich auf mein Gedächtnis verlassen muss und entgegen meinem Plan keine konkreten Daten nennen kann.

Lost in Luxemburg
Ich glaube, es war irgendwann im Februar, als eine Sendung mit zwei Fahrrädern im Depot auftauchte, die für eine Firma in Echternach bestimmt war – und das ist in Luxemburg. Ich fuhr Südwesteifel, also fiel mir das zu, obwohl ich auf der anderen Seite der Sauer nichts zu suchen hatte. Ich erhielt Zustelldokumente auf Papier und Peter instruierte mich über den Standort des Empfängers: Über die Brücke nach Echternach, an der Ampelkreuzung geradeaus, an der Tankstelle vorbei, dann hinter dem Ort am Restaurant „Aux Vieux Moulin“ (irgendwie so heißt das jedenfalls) rechts abbiegen, dort werde man den Betrieb ein Stück weiter finden.
Ja, nun, die Beschreibung machte an sich Sinn, die genannten Wegmarken tauchten in der vorgesehenen Reihenfolge auf, führte aber nicht zu dem gewünschten Ziel. Ich fuhr nach Scheidgen und dann noch nach Consdorf, fand aber keinerlei Unternehmen mit dem angegebenen Namen. Ein Passant, den ich fragte, sagte mir schließlich, dass er den Namen der Firma kenne, dass diese sich jedoch irgendwo in Echternach selbst befinde, er wisse aber nicht genau, wo.
Genervt fuhr ich den Weg zurück, kurvte sogar am Restaurant herum, in der Hoffnung, dass sich in jener Straße vielleicht das gesuchte Ziel versteckt hatte, vergeblich, und fragte in Echternach, ob es denn ein Industriegebiet hier gebe. Ja, hieß es, es befinde sich am Kreisel am Ortseingang.
Ich dachte kurz nach. Wenn ich nicht durch Echternacherbrück, sondern aus Richtung Irrel vor dem Dorf am Supermarkt vorbei über die Hauptstraße rüberfahre – dort befindet sich eine weitere Brücke nach Echternach – gelange ich tatsächlich an einen Kreisel.
Ich fuhr hin und fand tatsächlich ein Industriegebiet – UND die gesuchte Firma.

Nur war es da mit Abgeben und Weiterfahren nicht getan. Die Fahrräder mussten an einen bestimmten Ort in der Industrieanlage, in der scheinbar Metall verarbeitet wird, es war industriell laut und in der Luft lag dieser typische Geruch von heißem Eisen, durch Stahlgänge, einen großen Lastenaufzug hoch und zuletzt in einen Lagerraum. Furchtbares Brimborium. Hat mich auch nur eine Stunde meiner Zeit gekostet.

Das personelle Umfeld
Neue Mitarbeiter und Bekanntschaften? Ja, die gab’s auch. Zum einen die, die da bereits arbeiteten, zum anderen solche, die zufällig im Januar neu angefangen hatten. In der Retrospektive muss ich festhalten, dass es weitgehend überflüssig ist, auf die im Einzelnen einzugehen, da die allermeisten nach einigen Wochen und Monaten wegliefen. Generell scheint mir die Mitarbeiterfluktuation in Koblenz höher – die Arbeitsbedingungen sind auch härter; man muss im Hinterkopf haben, dass man von dort eine Stunde und länger zum ersten Kunden fährt und danach noch mal mindestens die gleiche Zeit nach Hause (sofern man bei Koblenz wohnt). Freizeitvernichtung pur.

Kaiserchen kam Anfang Januar und blieb. So wurde er von seinem Spieß genannt; ein Feldwebel a.D. und ein Küchenbulle noch dazu, aber ein recht schmaler, Anfang 50. Völlig unmilitärischer Typ. Genügsamer und verlässlicher Mann, mit dem ich gern zusammenarbeite.
Ich versuche immer wieder, ihn dazu zu überreden, bei mir vorbeizukommen und was zu kochen, aber er sagt, er gehe am Wochenende grundsätzlich angeln.

Marlon, dunkelhaarriger Südosteuropäer von knapp 1,70 m. War zuständig für die Dauner Tour. Als neu eingeteilter Springer sollte ich einen Tag mit ihm fahren, da er demnächst Urlaub haben sollte, und meine Aufgabe würde es sein, ihn um Daun zu vertreten. Über die Tour gibt es eigentlich nichts zu sagen; aber sie liegt deutlich näher an Koblenz als zum Beispiel Trier oder gar die Südwesteifel und ihr Umfang ist überschaubar. Wir sind sogar durch ein paar Dörfer gefahren, die ich von meiner alten Gerolsteiner Tour her kannte. Das war irgendwie angenehm, aber ansonsten gab es keine Besonderheiten, die mir besonders im Gedächtnis haften geblieben wären.
Marlon hörte eine Art Rap-Musik in einer Sprache, die ich nicht zuordnen konnte. Als er dann irgendwann zum Telefon griff und in der gleichen Sprache kommunizierte, fragte ich ihn, woher er denn eigentlich stamme, und er antwortete, er sei Albaner aus dem Kosovo.
Bei dem Stichwort „Albaner“ fallen mir immer zwei Dinge ein: Zum einen der kleine albanische Austauschschüler in der „Simpsons“ TV-Serie, der nach Springfield gekommen war, um das Atomkraftwerk auszuspionieren, und zum anderen der baden-württembergische No-Budget-Film „Deiner Mudda sei G’sicht“, den man in der Calwer Videothek auf Wochen vorbestellen musste, wenn man ihn ausleihen wollte:
„Ey Albaner! Wer bist Du eigentlich??“
„Was redest Du, Mann? Isch häng schon seit sechs Woche mit Eusch rum!“

Marlon redet natürlich keineswegs so, er ist bereits seit frühester Jugend in Deutschland und redet akzentfrei.
Ich war dennoch erstaunt, dass er sagte, er sei Albaner und gab zurück, ich hätte eher geraten, dass er Bosnier sei. Die wenigen Albaner, die ich in meinem Leben getroffen hatte, sahen irgendwie anders aus.
„Ja,“ meinte er und grinste, „wir oben im Kosovo sind nicht so schwarz wie die da unten.“
Auch Marlon war ein angenehmer Zeitgenosse, der zumindest den Eindruck vermittelte, dass er sich bei der Arbeit Mühe gab, aber er verließ uns im Sommer 2013.

Im Februar kam Sub75 dazu. Netter Kerl, der mich immer „Domme“ nannte, half einem bei allem, ohne ein Wort darüber zu verlieren, aber er war nicht sehr helle. Seine erste Aufgabe bestand darin, Pakete vom Bandende per Palette nach vorn zu rollen und wieder aufs Band zu packen, um den Fahrern die Zeit zu sparen, die für das Suchen von Paketen in dem bisher chaotischen Haufen draufging. Nebenher sollte er auch Touren fahren. Er fuhr ein paar Großkunden und wurde auch sonst als Notfallfahrer eingesetzt, um einzelne Touren je nach Tagesbedarf zu entlasten.
Er zeigte allerdings keinen Lerneffekt. Er bekam 20 Kunden, zum Beispiel in Schweich und Kenn, und fuhr damit bis abends nach Sieben in der Gegend herum, ohne dass diese Bilanz sich im Laufe seiner paar Monate beim Unternehmen bedeutend besserte. Er selbst schwieg dazu, keiner wusste eine Erklärung.

Peter war neugierig und gab ihn erst Felix mit. Der bekam eine Ahnung von dem, was lief: An mehreren Stellen der Moseltour (in deren Mitte Sub75 wohnte) zeigte er auf Häuser und sagte, er kenne den oder die, und ob Felix nicht Lust hätte, auf einen Kaffee mitzukommen. Nein, Felix will nach Hause, spätestens nach Bandstart, und so wurde es nichts mit den Kaffeepausen.

Schließlich fuhr er mit mir in die Gegend Simmern/Flughafen Hahn, wo ich vertretungsweise unterwegs war (die Südwesteifel wurde ja neuerdings von Doc bedient). Um Viertel nach Drei setzte ich ihn zuhause ab und er sagte, so früh sei er noch nie zuhause gewesen. Was war geschehen?
Ich habe den Verdacht, dass er effizienter arbeitet, wenn jemand dabei ist, von dem er der Meinung ist, er müsse sich bei dem zusammenreißen. Ich musste ihm nie sagen, was er zu tun hatte, er machte alles allein, machte den Laufschritt mit und trug unaufgefordert bereitwillig alle Pakete selbst. Auch dann, wenn ich selber welche tragen wollte. Es ging echt flott, und er machte mir auch keine Kaffeeangebote. Es muss wohl an mir gelegen haben.
Nur beim Pakete aussuchen passte er nicht genügend auf: So stellte er ein Tchibo-Paket im falschen Supermarkt zu, weil er nicht auf das Adressfeld geachtet, sondern den ersten Tchibo gegriffen hatte, der ihm ins Auge gefallen war. Ich bemerkte das Versehen allerdings gleich, wenn auch erst nach der Unterschrift, tauschte die Sendungen an der Warenannahme aus und überbrachte den ursprünglich vertauschten Karton eben einfach so zum richtigen Empfänger.

Er brachte mich an anderer Stelle aber auch zur Verzweiflung. Das Konzept, dass Pakete, die gleich aussehen und gleichzeitig übers Band rollen, nicht zwangsläufig für den selben Empfänger gedacht sind, kam nicht ganz bei ihm an. An einem Morgen teilte mir die Ablaufkontrolle mit, dass ich noch ein Paket suchen müsse. Das sei um soundsoviel Uhr übers Band gelaufen. Ich suchte und suchte und suchte. Ich besah mir schließlich den Absender: Es handelte sich um einen Elektronikgroßhandel, ich wusste, wie die Pakete aussehen. Als letzte Option ging ich zu Subs bereits gepackter Palette (er fuhr bei Bedarf auch LKW) für einen Elektronikzwischenhändler, schnitt sie wieder auf und nahm sie auseinander. Das gesuchte Paket war dabei – und ausgerechnet das hatte er vor dem Einpacken nicht gescannt!? In dem Fall hätte ich eine Meldung erhalten, dass die Tournummer XY mein Paket habe. Hätte mir eine Stunde Zeit gespart. Ich wäre beinah laut geworden.

Dieses Ereignis machte mich aber in der Tat wütend und der Tag lief entsprechend. Bei einem Tierarzt mit angeschlossenem Tierbedarfsgroßhandel in Trier fuhr ich zuerst zu schnell auf den Hof. Der Tierarzt kam aus seiner Praxis und hielt mir verärgert einen Vortrag darüber, dass mein Verhalten gefährlich sei und ob ich denn jemanden überfahren wolle. Meine ansonsten kühle Diplomatie versagte an dieser Stelle völlig, und dass ich ihm nicht sagte, er solle mir nicht auf den Sack gehen, war auch alles, was noch fehlte. Nach diesem unglücklichen Dialog verschwand er wieder, ich holte einen Rollwagen für seine acht Zentner Hundefutter, nur um dabei festzustellen, dass ich damit um einen ungünstig geparkten PKW nicht herumkam. Mir platzte der Kragen und ich fluchte laut. Sofort war der Doktor wieder draußen und sagte, er werde mir Hausverbot erteilen, wenn ich mich nicht benähme. Wenn ich mich recht erinnere, sagte ich etwas in der Art, das mir das egal sei und dass ich den Krempel dann eben wieder mitnähme. Damit hatte ich wohl einen falschen Knopf gedrückt und er verlangte meine Personaldaten, also Name, Arbeitgeber und dergleichen. Ich nannte sie ihm in einem Tonfall, in dem man sonst „Fick Dich doch ins Knie…“ sagen würde und er wies seinen ebenfalls hinzugekommenen Lagermitarbeiter an, diese Daten aufzuschreiben.
Dazu kam es nicht, aber ich stand kurz vorm Explodieren. Ich glaube, mein Atem ging stoßweise und meine Hände zitterten. In dem Moment tat mein Gegenüber das einzig Vernünftige: Er deeskalierte. Er redete ruhig.
„Jetzt kommen Sie doch mal wieder runter… setzen Sie sich einen Augenblick hin und atmen Sie mal durch.“ Dann ging er einfach in seine Praxis und sein Mitarbeiter stand zunächst noch unschlüssig auf dem Hof rum.

Ich setzte mich auf den Rollwagen, der Mitarbeiter ging zögerlich wieder ins Lager, und ich saß fünf Minuten in der milden Sonne, bis mein Puls wieder einen normalen Wert erreicht hatte. Dann konnte ich weiterarbeiten. Ich lud das Futter auf den Wagen, rollte ihn ins Lager. Der Angestellte sah noch etwas geschockt aus, sagte aber nichts. Mangels Grund kam etwas solches nie wieder vor und ich erfreue mich eines guten Arbeitsverhältnisses zu dem Kunden.

Verschlug es mich in Gegenden, in denen Sub75 die Tage zuvor zugestellt hatte, bekam ich Beschwerden über ihn zu hören. Ein Stihl-Händler in Trier berichtete mir, dass Sub75 mit der Kippe im Mundwinkel und zwei Paketen lässig am langen Arm zu ihm in die Werkstatt gelatscht sei, als er gerade mit dem Stihl-Außendienstmitarbeiter redete, und der habe sich noch mehr über die mangelnde Etikette aufgeregt, als er selbst.
Bei einem Baumarkt wurde mir mitgeteilt, dass man ab sofort die Pakete genau auf Schäden und Vollständigkeit prüfe (die hatten immer unterschrieben, ohne auf die Mengenangabe auf dem Display zu achten), weil letztlich ein Hochdruckreiniger gefehlt habe. Ich habe allerdings nicht erfahren, ob das Paket tatsächlich verschwunden oder nur im Auto vergessen worden war.
An einem anderen Tag waren verantwortliche Leute in heller Aufruhr, weil er einen sündhaft teuren Drucker nicht fand. Am Tag zuvor hatte er einen erneuten Liefertermin angegeben, weil der Kunde bei seiner Ankunft wegen der fortgeschrittenen Zeit keine Waren mehr annahm. Am Folgetag war der Drucker allerdings verschwunden. Sub75 wurde in die Mangel genommen, sagte, er habe das Fehlen des Druckers auch erst beim Öffnen des Wagens im Depot bemerkt. Dass er im Laufe der eindringlichen Befragung nicht in Tränen ausbrach, war auch alles, was noch gefehlt hatte. Er schniefte aber auffällig, als es vorbei war und er mich bat, ihm bei der Stoppsetzung zu helfen. Er hatte den Kastenwagen wohl am Abend zuvor ausgekehrt und dabei vergessen, den Drucker wieder in den Laderaum zu stellen!

Seine Arbeitsleistung ging noch mehr in den Keller, als seine Mutter so krank wurde, dass sie ein paar Wochen auf der Intensivstation einer saarländischen Klinik verbringen musste. Subs Vater fuhr jeden Tag nach der Arbeit ins Saarland und kam gegen 23 Uhr wieder zurück. Sub75 blieb so lange wach, um Neuigkeiten von der Mutter zu erfahren. Dadurch schlief er natürlich erst recht nicht genug, er kam häufig zu spät. Irgendwann stellte ihm Peter ein Ultimatum: Wenn er morgen noch einmal zu spät komme, würde er ihn entlassen. Was tat Sub75, um diesem Schicksal zu entgehen? Er fuhr nach seiner Tour nach Koblenz hoch und schlief im Auto vorm Tor des Depots.

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