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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

2. April 2017

Die Fracht am Rhein (Teil 13)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 13:39

Wir befinden uns jetzt im Oktober 2013. Für Felix ein richtig toller Monat, da ihm seine Mühle glatte dreimal unterm Hintern zusammenbrach und er mehrere Stunden Zeit verlor, bis jeweils ein Ersatzwagen bei ihm war und er mit dem Überbringer alle Pakete umgeräumt hatte. Felix war völlig bedient.

Ich fühlte mich Ende September bereits völlig bedient, da ich ja nicht nur Eifeldörfer, sondern auch noch ein paar Bitburger Dörfer anfuhr, weil der neue Bitburger Fahrer es nicht einsah, die komplette ihm zugeteilte Arbeit auch zu erledigen. Statt dem aber Druck zu machen, bekam ich zusätzliche Arbeit – so zwei Stunden pro Tag. Ich knackte die 70-Wochenstunden-Marke.
Ich fasste also den folgenden Plan: Da die meisten Kunden Stammkunden waren, würde ich bestimmte Dörfer auslassen und nur alle zwei Tage anfahren, denn ob ich jemandem drei Pakete oder sechs Pakete brachte, machte keinen echten Unterschied im Zeitaufwand. Auf meiner Tour kam der Zeitverlust durch das „Kilometer schrubben“.

Ich würde also an einem Tag zum Beispiel Butzweiler, Newel, Aach und Trierweiler weglassen und stattdessen gleich über Kordel und Welschbillig nach Irrel fahren. Am nächsten Tag würde ich von Neuerburg über Waxweiler direkt zur Autobahn und nach Hause fahren, anstatt erst noch die 3DI-Route anzusteuern (Dasburg, Dahnen, Daleiden, Irrhausen, dazu noch Arzfeld), sofern der Rollifahrer in Irrhausen, der wegen eines seitlichen Darmausgangs spezielle Exkrementbeutel benötigte, nicht ebenfalls auf dem Plan stand. Ich fasste die Stopps, die ich überspringen wollte, gleich am Morgen zu einem Stopp zusammen, setzte die Sendungen auf „Kunde abwesend“ und fuhr gegen 17 Uhr aus Neuerburg heraus.
Das blieb Peter natürlich nicht verborgen, weil er die Zustellungen seiner Fahrer immer wieder über sein Citrix Dispoprogramm verfolgte. Also rief er mich an.
„Du hast die Stopps bereits heute morgen zusammengefasst – hast Du das also geplant?“
„Ja, das habe ich eiskalt geplant. Ich hab keinen Bock, jeden Morgen um halb Fünf in der Halle zu stehen und abends gegen Sieben irgendwann nach Hause zu kommen!“

Die heute ausgelassene Nordroute kostete etwas mehr als eine Stunde, von der AS Waxweiler bis nach Hause dauerte es eine weitere Dreiviertelstunde.
Peter nahm das zähneknirschend hin, machte mir aber am Folgetag klar, dass das auch keine Lösung sei.

Am 14. Oktober kam ein vorläufiger Höhepunkt. Ich hatte wohl gegen Mittag ein schweres Paket unvorsichtig angehoben und merkte kurz danach, dass ich mir einen Muskel am Rücken gezerrt hatte – und das nicht zu knapp. Bald konnte ich nicht mehr durchatmen, mehr als vorsichtig flach atmen ließen die Schmerzen nicht zu. Natürlich musste ich auch möglichst vorsichtig beim Fahren sitzen. Interessanterweise war sich draußen zu bewegen und Pakete zustellen nicht so das Problem – das Problem war im Auto zu sitzen und zu fahren. Machte ich eine kleine falsche Bewegung, ja, wenn ich nur mal falsch atmete, bekam ich sofort einen heftigen Krampf in der Mitte des Rückens, gleich rechts neben der Wirbelsäule. Ich fuhr dann schreiend, während mir Tränen das Gesicht herabliefen.

Der 14. Oktober war – mein Leben hasst mich zuweilen – natürlich ein Montag. Es dauerte bis Donnerstag, bis die Krämpfe ausblieben, es zog dann nur noch und ich konnte mich dann übers Wochenende weitgehend auskurieren. Aber ich hatte genug, zuviel war zuviel und die Konsequenzen erschienen mir tragbarer als das, was ich gerade erlebte. Ich rief Peter gleich am Nachmittag des 14. an und teilte ihm mit, dass ich diesen Job nicht länger machen könne. Ich war völlig erschöpft und die Schmerzen machten mich wahnsinnig.
Ob ich gegen die Schmerzen nicht eine Tablette nehmen könne, meinte er.
„Du willst, dass ich unter Einfluss von Betäubungsmitteln Auto fahre? Kann ich das schriftlich haben?“ fragte ich zurück. Darauf gab er lieber keine Antwort. Aber ich machte ihm klar, dass es mir nicht nur um die aktuellen Rückenprobleme ging, sondern um die Arbeitsbedingungen im Allgemeinen – ich war das, was man „am Ende“ nennt. Er schien aber beeindruckt, denn er rief mich abends noch einmal an, um die ganze Geschichte zu hören, und tat, was er immer tat. Versprach Besserung und bat um noch etwas Geduld. Der Bitburger Fahrer wurde in der Folge etwas stärker belastet und immerhin rutschte meine Wochenleistung für eine Weile unter die Marke von 70 Stunden. Natürlich nicht allzu lange, denn im Oktober beginnt jedes Jahr aufs Neue das Weihnachtsgeschäft.

Lenken wir den Blick kurz auf neue Kollegen. Da wäre zum einen „Hibbel“, der Bitburger Fahrer, und zum anderen „das Schnitzel“. Hibbel hatte ihm den Namen gegeben. Keine Ahnung, warum. Das Schnitzel war wohl ein Verwandter des Tourenfürsten (der im Teil 3 dieser Serie kurz vorgestellt wurde), und manche Leute erzählten, er habe schon einige Lieferdienste hinter sich und habe überall bei mindestens einem Kunden Hausverbot erhalten, weil er keine Kritik vertrug – sprich: weil er zu schnell über den Hof gefahren war und dann auch noch diskutiert hatte, anstatt einfach zu sagen, dass es nie wieder vorkommen werde. Klar hatte der auch irgendwo ein sprichwörtliches Rad ab, aber ich fand ihn eigentlich ganz umgänglich. Im Gegensatz zu Hibbel.

Hibbel war streng darauf bedacht, seine Arbeitszeit so kurz wie möglich zu halten. Das bedeutete, dass er fuhr wie eine gesengte Sau (er war innerorts schon mit über 70 geblitzt worden, was er auch unumwunden zugab) und er wehrte sich durch strikte Verweigerungshaltung dagegen, sein gesamtes Tourgebiet zu fahren. Wenn ihm irgendwelche Ortschaften vom Zeitaufwand nicht zusagten, dann ließ er sie aus und fuhr dann freitags mal hin, weil freitags oft nicht ganz so viel los ist. Es war ein asoziales Kalkül. Zum Beispiel gibt es da einen Flecken mit Namen Echtershausen, ein paar vergessen wirkende Häuser am Ende einer etwa sechs Kilometer langen Sackgasse. Dort lebte ein älterer Herr, der wegen gewisser Alterserscheinungen auf Pflegeartikel angewiesen war, die er spätestens alle zwei Wochen erhielt. Der Herr war nicht nur nett, sondern auch durchaus dankbar, wenn man ihm seine Sendungen zeitnah zustellte, denn wie ich in der Vergangenheit zumindest andeutete, gibt es Ware, ohne deren Verfügbarkeit es mit der Menschenwürde schnell vorbei ist. Der bekam seine Sachen dann eben nicht montags, sondern erst freitags. Hibbel war das scheißegal. Der lag nach eigener Darstellung nachmittags um Fünf geduscht und gesättigt auf der Couch. Da hatte ich noch zwei Stunden vor mir.

Mir war klar, dass es sich um einen Typen handelte, bei dem Druck nur zu mehr trotziger Blockade führen würde, also versuchte ich es mit Softpower, fixte ihn zum Beispiel mit Dr. Pepper Cola an, die er auf Anhieb mochte. Immerhin kamen wir in der Halle gut miteinander aus, aber außerhalb der Halle endete für ihn die Kameradschaft. Er war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man auch als Verweigerer einen solchen Job behalten kann – denn obwohl es Arbeitsuchende in genügender Anzahl gibt, gibt es nur ganz wenige Leute, denen man eine solche Arbeit geben kann, ohne dass die entsprechende Tour quasi zusammenbricht. Ein Verweigerer ist nur die zweitschlechteste Wahl: Die schlechteste ist jemand wie Sub75, der bei allem guten Willen nicht mehr leisten kann als vielleicht 50 %, während der Verweigerer immerhin 80 % leistet. Das nimmt dem Arbeitgeber einiges von seinem Drohpotential. Was bei mir natürlich trotzdem nicht zog, weil ich meine Kunden nicht im Stich lassen wollte. Ich bin halt so einer.

Ich musste also 120 % leisten und wurde kreativ darin, Abkürzungen zu finden.
Da gibt es zum Beispiel einen Waldweg zwischen Altscheid und Hamm, gerade gut genug, um ihn mit dem Sprinter zu fahren. Auf diese Weise sparte ich ein paar Kilometer und konnte quasi von Altscheid fast direkt nach Wiersdorf fahren, ohne den ganzen See weiträumig durch Koosbüsch und Hermesdorf umfahren zu müssen.
Jetzt geschah es aber an einem Tag im Herbst, dass ich aus vergessenen Gründen mit einem Ersatzwagen unterwegs war. In der Regel fuhr ich einen weißen 211er Sprinter, an jenem Tag war ich mit einem 313er Sprinter in ToF Farben unterwegs, als ich den Waldweg hinunterfuhr und die Brücke über die Prüm in mein Sichtfeld rückte.

Mir wich das Blut aus dem Kopf und mein Magen wurde so flau, dass mir spontan sogar im Sitzen die Knie weich wurden: Der Weg aus dem Wald heraus war wegen des felsigen Hangs rechts und dem Bach auf der linken Seite recht eng und ließ keinen Platz zum Ausholen oder Kurbeln zu, und der Weg endete am Brückenansatz in einer rechtwinkligen Linkskurve. In diesem Momant, als ich die Brücke sah, überkam es mich siedend heiß, dass mein Wagen heute einen Meter länger war als sonst. Ich brach in Schweiß aus. Wenn ich den Sprinter nicht um diese Ecke steuern konnte – und das war mehr als fraglich – saß ich bis zum Hals in der Fäkalientonne. Ich käme nicht mehr nach vorn, weil die Kurve zu eng ist, ich könnte aber auch nicht mehr zurück, denn selbst wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, das Fahrzeug zu wenden, wäre ich damit nie im Leben den abschüssigen Waldweg wieder hoch gekommen. An rückwarts Fahren war erst gar nicht zu denken. Auch die Chancen, (mal wieder) einen Schlepper aufzutreiben, der in der Lage wäre, meinen Transporter da hochzuziehen, rückwärts, wohlgemerkt, schätzte ich als sehr gering ein. Im schlimmsten Falle müsste eine Art Kran bestellt werden, der den Sprinter über den Bach hob.

Aber ich musste es zumindest versuchen. Ich nahm so viel Platz zum Ausholen, wie irgendwie möglich war. Nach drei Versuchen wurde klar: Die Fahrspur der Brücke war aber zu eng – ich würde mir am linken Pfeiler die Seite eindrücken und dabei vielleicht sogar die Brücke beschädigen, denn die ist aus Holz.
Letzte Chance: Die Fahrspur der Brücke wird beidseitig durch eine Holzbohle von 25 cm Durchmesser begrenzt, erst jenseits dieser 25 cm beginnt das Brückengeländer. Ich holte also tief Luft und setzte den rechten Vorderreifen auf die Bohle, die Fahrzeugschnauze kann also nur zwei Finger breit vom Geländer entfernt gewesen sein, das Rad dürfte daran gescheuert haben. Zentimeter um Zentimeter schob ich den Transporter weiter und behielt scharf die linke Seite mit dem Spiegel im Auge – und es passte! Dabei waren zwischen Pfeiler und Blech keine drei Zentimeter mehr frei. Ich atmete kurz durch und verbuchte dies unter Erfahrungen: Fahr niemals mit einem 313er diesen Weg runter!

Am 27. Oktober 2013 klingelte mich die Polizei um 09:00 Uhr aus dem Schlaf. Ich war natürlich nicht wenig erstaunt und war sicher, dass ich keine Verfehlung begangen haben konnte, die ein persönliches Erscheinen an meiner Haustür notwendig machte. Die Sache war schnell erklärt: Jemand hatte sich des Nachts am Sprinter zu schaffen gemacht, hatte die nicht zugestellten Pakete geöffnet, zum Teil mitgenommen und bei Nichtgefallen des Inhalts denselben auf der Straße und in Vorgärten verteilt.
Wie war das möglich? Ganz einfach. An diesem Wochenende fand irgendeine Feierlichkeit vermutlich am Sportplatz statt und ich hatte Samstagabend eine größere Anzahl von Jugendlichen beobachtet, die die Straße hoch in diese Richtung gezogen waren. Der Verdacht lag also nahe, dass sich von denen welche genug gelangweilt hatten, um auf dem Weg nach Hause mal eben zu checken, ob die Türen von dem Sprinter da auch abgeschlossen sind.

Dass JP Transporte mit Schrottkisten fährt, ist ja hinlänglich bekannt. In meinem speziellen Fall war bei dem 313er das Schloss der Hintertür nicht mit der Zentralverriegelung verbunden, man hätte also theoretisch mit dem Zündschlüssel mechanisch schließen müssen, wenn, ja: wenn, das Schloss hinten noch das Originalschloss gewesen wäre. Deswegen die mangelnde Verbindung zur Zentralverrieggelung, und: Der Zündschlüssel passte nicht. Ich konnte diese Tür nicht zusperren. Zumindest wusste ich nicht, wie ich es sonst anstellen sollte. Alarmanlage: Fehlanzeige.
Nun, was hatte ich denn noch dabei? Hundetabletten, Microfasertücher, Reinigungssteine gegen Hornhaut, Kompressen, eine Kabelrolle und das einzige Stück, das vollständig fehlte: Ein Radio der Firma Karcher AG. Ich machte eine Aussage und der verteilte Kartoninhalt wurde zur Beweissicherung mitgenommen. Ich holte das Zeug dann Anfang November irgendwann wieder im Polizeipräsidium ab und brachte es ins Depot zurück, von wo die Reste dann an die Versender zurückgesandt wurden.

Der Chefoberboss von JP Transporte war davon natürlich total unbegeistert und fragte mich, warum ich die Tür nicht auf die verbliebene Art und Weise verriegelt hätte: Man müsse per Knopf von innen abschließen und dann zur Seitentür hinausgehen, an der die Zentralverriegelung ja noch funktioniere.
„Woher soll ich das wissen? Sowas hat mir niemand gesagt.“
Das dürfte einiges gekostet haben, denn letztendlich war ToF ein Schaden entstanden, weil die Fahrzeuge des Fuhrunternehmers nicht vorschriftsmäßig funktionierten.

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