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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

31. Dezember 2023

Mittwoch, 31.12.2003 – Wofür ein Schrein nicht alles gut sein kann…

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 16:14

Entsprechend der Zeit, zu der ich schlafen gegangen bin, wache ich spät auf. Aber viel haben wir ja nicht vor. Wir gehen noch einkaufen und wollen auch noch Post loswerden, aber die Post hat bereits ab heute geschlossen – bis zum 04. Januar. Die Supermärkte, wie auch der 100-Yen Laden, haben allerdings geöffnet, wenn auch nicht so lange wie gewöhnlich. Und wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich die Schriftzeichen an der Tür unseres BenyMarts entschlüsseln. Darauf ist zu lesen, dass morgen, am 01. Januar, der Laden in der Tat dicht bleiben wird. Aber am 02. Januar hat er bereits wieder geöffnet, mit der Einschränkung, dass erst ab zehn Uhr am Morgen offen sein wird – entgegen Volkers Warnung, dass an den ersten drei Tagen im Jahr tote Hose sein würde. Mein Gott, hat sich das seit dem letzten Jahr denn so radikal geändert, oder gönnt man sich in Tokyo mehr Urlaubstage als hier draußen auf dem Land?[1] Ich vervollständige dennoch meinen Getränkevorrat, und Sushi möchte ich auch nicht vermissen wollen. Aber die Platten, die da heute wegen des Feiertages verkauft werden, kosten kurzerhand 4000 Yen (ca. 30 E) und die nehme ich nicht einmal zum halben Preis. Das Preis-Leistungsverhältnis ist mir dann doch zu mies.

Zuhause wartet trotz unserer Waschbemühungen noch immer eine große Menge Wäsche auf uns. Wird das denn nie weniger? Um 18:00 kommt ein Doraemon Special, und es handelt sich um die lange Episode, in der Doraemon ins 22. Jahrhundert zurückkehren muss und wo Nobita sich als nahezu unfähig herausstellt, ohne seinen „Katerbot“ auszukommen. Leider kann ich mir das Special nicht ganz ansehen, da um 19:30 die alljährliche „Kohaku“ Sendung beginnt. Diese Show hat den Zweck, die erfolgreichsten Musiker des Jahres zu präsentieren, und zwar aus allen in Japan gängigen Sparten musikalischer Unterhaltung. Untermalt wird das Ganze von kleinen Showeinlagen. Diese Sendung reizt mich allerdings mehr zum Gähnen als zum Zusehen, also muss ich mir das wirklich nicht ansehen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Ich kam in Trier bereits in den zweifelhaften Genuss, eine der Sendungen als Bandaufzeichnung zu sehen.
Meine Güte, ist das langweilig! Man stelle sich die ZDF Hitparade mit Dieter Thomas Heck gemeinsam mit der Goldenen Hitparade der deutschen Volksmusik mit Marianne und Michael als Koproduktion vor. Ja, gleichzeitig. Die Hälfte der Interpreten sind gewöhnlich Enka-Sänger, und bei Enka handelt es sich um… nennen wir es das japanische Äquivalent zur deutschen Volksmusik. Die Lieder sind sehr emotional, zum Teil schmalzig bis jammervoll, handeln von verlorener Liebe oder ferner Heimat (oder von beidem gleichzeitig) und angesichts des eigenen Textes brechen die SängerInnen auch schon mal gerne in Tränen aus. Das heißt, Volksmusik ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wenn ich einem Deutschen gegenüber von „Volksmusik“ spreche, assoziiert er oder sie das mit Musikanten, die in ländliche Trachten gekleidet sind, und mit eher bierseliger Atmosphäre, Schunkeln und so. Vielleicht sollte man Enka besser beschreiben als eine Art von Musik, bei der die Texte zwar sentimental-volkstümlich sind, deren Aufmachung aber eher dem Sammelbegriff „Schlagermusik“ gerecht wird.[2]

Subjektiv von meiner Position aus betrachtet ist es aber auch eine Art von Musik, von der ich Zahnschmerzen bekomme. Ich bleibe lieber bei meinem „Krach“. Jedem das seine. Denn die Enka-Interpreten sind sehr erfolgreiche und zum Teil steinreiche Musiker, die ein Publikum ansprechen, das Geld hat. Leute ab Mitte 40, möchte ich annehmen. Für eine Eintrittskarte in ein Live-Konzert bezahlt man ein kleines Vermögen – selbst wenn man sich mit drittklassigen Sitzplätzen zufriedengibt. Ich habe mir den genauen Preis aus einer der Werbesendungen nicht herausgeschrieben, aber es handelt sich um einen Gegenwert von mehreren Hundert Euro. Für einen drittklassigen Sitz.

Der Rest des Programms besteht aus dem bunten Haufen des japanischen Einheitsbreis, sei es Pop, Rap, HipHop, Rock, oder was man sonst noch so kennt. Für zwei Lieder, die mir möglicherweise gefallen könnten, sehe ich mir doch keine Sendung von vier Stunden an, die allgemein eher einschläfernd wirkt. Ich lege mich um 20:30 aufs Ohr.

Melanie weckt mich um 22:30 wieder, um zum Tempel zu gehen. Wir gehen um etwa 22:50 aus dem Haus, und wir wollen uns Zeit lassen, nur nicht hetzen. Wir gehen zu Fuß, weil wir nicht sicher sein können, dass die Straße nach Mitternacht noch eisfrei sein wird. Wir erreichen den Tempel gegen 23:30 und treffen dort bereits mehrere Hundert Anwohner der Stadt an, die in einer langen und breiten Schlange vor dem Tempel stehen. Der zwei Meter breite Weg ist voll und daneben ist es ebenfalls ziemlich eng. Am Eingang zum Allerheiligsten hängt eine kleine Glocke, die man läutet, und dann kann man kurz beten, wenn man das will. Und damit die Leute in der Schlange sich nicht langweilen, hängt neben dem Eingang ein Flachbildfernseher, der Landschafts- und Wetteraufnahmen zeigt.

Wir laufen dort David und Arpi über den Weg. Ansonsten bemerken wir niemanden, den wir kennen. Das einzige uns bekannte japanische Gesicht ist Kazu (aber die kommt erst später an die Reihe). Wir sehen uns um und finden ein nicht zu verachtendes Nahrungsangebot in den typischen kleinen Buden vor. Ich esse Takoyaki, das sind Tintenfischstücke in einem Teigmantel, und das zu einem horrenden Preis. Ansonsten gibt es Fleischspieße, „Frankfurter Würstchen“ am Stiel, Bananen mit Schoko-, Erdbeer- oder Melonenglasur, und noch einige Dinge mehr, die ich wahrscheinlich schon wieder vergessen habe. Ja, natürlich wird auch Sake ausgeschenkt. Aber mir ist nicht danach. Auch das hängt mit den Preisen zusammen. 450 Yen pro Glas sind mir zu viel des Guten, Feiertag hin oder her.

Das Läuten der Hauptglocke beginnt um kurz vor Mitternacht. Unter der großen Glocke wird ein kleiner Holzstapel abgebrannt. Vor der Glocke steht der Priester und rezitiert eine Art Gebet. Dann nimmt er einen Stock, an dem weiße Papierbänder befestigt sind und geht damit einmal um die Glocke herum. Dann schlägt er die Glocke dreimal mit dem etwa armdicken Holzschwengel, der an dem Gerüst um die Glocke befestigt ist.
Vor diesem Konstrukt steht eine große Menschenmenge, die nicht einfach nur Zuschauer sind. Die Leute halten nummerierte Zettel in der Hand, und als der Priester die Szene wieder verlässt, rufen seine Gehilfen Nummern auf. Die aufgerufenen Leute gehen zur Glocke und läuten sie. Die meisten machen das einmal. Andere schlagen den Schwengel gleich zwei- oder dreimal an die Glocke. Ich bin nicht ganz sicher, wie das System funktioniert. Ich dachte eigentlich, dass die Glocke 108-mal geschlagen würde, stellvertretend für die Anzahl der Sünden, die der Buddhismus offenbar kennt. Aber ich bin sicher, dass die Glocke heute Nacht öfter geläutet wird. Es heißt, jeder schlage die Glocke entsprechend der Arten von Sünden, die er oder sie begangen hat. Also quasi Beichte und Absolution in einem, ohne dass ein Wort gesagt werden muss. Und einige Jugendliche machen sich auch mehr einen Spaß aus der Angelegenheit und fotografieren sich in reißerischen und wenig feierlichen Posen vor oder an der Glocke.

An anderer Stelle stehen Jugendliche um ein Feuer herum, in dem alles Mögliche verbrannt wird, nicht nur das dafür vorgesehene Holz. Alle Müllerziehung scheint völlig an den Beteiligten vorübergegangen zu sein, und die „Täter“ sind nicht nur Jugendliche. Da wird alles ins Feuer geworfen, was gerade störend erscheint, Neujahrsschmuck und Plastikmüll gleichermaßen. Und wenn die Flammen am schönsten sind, springen manche der Jungs in das Feuer und tanzen einige Sekunden darin herum. Man merkt direkt, dass sie was getrunken haben und ihre Klamotten vermutlich nicht selbst bezahlt haben. Neben dieser Art von Mutprobe pöbeln sie auch noch die anwesenden Polizisten an, die aus mir völlig unersichtlichen Gründen dabeistehen. Sie hindern niemanden daran, Plastikmüll von den Verkaufsständen zu verbrennen, lassen die Jungen im Feuer rumhüpfen und reagieren auf antiautoritäre Handlungen auch noch mit einer stoischen Gelassenheit, die mich doch erstaunt.

Dieses Schauspiel fesselt mich letztendlich allerdings wenig und ich gehe mit Melanie vom Tempel zum angrenzenden Yasaka-Schrein hinüber, vorbei an Steinfiguren von buddhistischen Gottheiten, denen offenbar auch „Hello Kitty“ Luftballons geopfert werden können. Vor dem Schrein befindet sich ebenfalls eine lange Schlange von Menschen, wenn auch nicht ganz so groß wie vor dem Tempel. Das könnte natürlich daran liegen, dass weniger Platz vorhanden ist. Der Weg ist nur zwei Meter breit, aber ausgefüllt, und die Warteschlange ist etwa 75 Meter lang. Auch hier will man das erste Gebet des Jahres sprechen, kurz nach Mitternacht. Dazu rüttelt man an dem dicken Seil aus Reisstroh, das vom Tempeldach herunterhängt und mit dem man die daran befestigte Rassel tönen lässt. Es handelt sich nicht um eine Glocke, sondern um einen hohlen Metallball, in dem Metallkugeln eingeschlossen sind. Man rüttelt am Seil und es rasselt. Die Aufmerksamkeit der Götter muss ja irgendwie erregt werden. Dann klatscht man zweimal in die Hände (zumindest haben das die Leute gemacht, die ich beobachten konnte) und spricht sein wie auch immer geartetes Gebet, inklusive guter Vorsätze und irgendwelcher Wünsche. Soweit mir bekannt, bedarf es dazu keiner besonderen Formel. Dann wirft man eine Münze in den obligatorischen Opferkasten, und wie in Tokyo handelt es sich auch hier zum größten Teil um 1- bis 10-Yen-Muenzen. Nur selten sehe ich eine silberfarbene Münze (50 Yen oder mehr) durch die Gegend fliegen.

Auf der Veranda des Schreins sitzt oder kniet ein älterer Herr, der eine Mandarinenkiste nach der anderen an die Besucher verteilt. Das heißt, er verteilt natürlich keine Kisten, sondern deren Inhalt, und gibt jedem, der an ihm vorbeigeht, eine oder zwei Mandarinen, je nach Größe der Mandarinen oder je nach Person. Ich komme nicht dazu, repräsentativ festzustellen, ob z.B. Frauen durchschnittlich mehr Mandarinen erhalten, als die Männer. Ich stehe zwei Meter vor dem Schrein auf einem Schneehaufen wie Napoleon auf seinem Feldherrenhügel bei Austerlitz und betrachte die Szene ruhig. Dann sieht mich der Mandarinenverteiler an und winkt mich zu sich her. Ich gehe zu ihm hin und frage, was denn sein Begehr sei.
Es ist doch bestimmt kalt da draußen, oder?“ fragt er.
Hm, ja, es ist in der Tat ein wenig kalt.
Ja dann kommt doch rein und feiert ein bisschen mit uns!
Einfach so – in den Schrein?
Ja, natürlich. Jeder darf rein. Wir trinken und essen im Schrein.

Hm, ja, vor allem „trinken“, habe ich den Eindruck. Ich winke also Melanie her und mache ihr das Angebot klar. Kurz darauf sitzen wir im Inneren des Schreins, bekommen Tassen und werden mit Sake versorgt, ebenso mit allerlei köstlichen Happen, kalt zwar, aber unheimlich gut. Ich sitze also im Yasaka Schrein zu Hirosaki, esse Hühnchen, Gemüse-Tempura und Ebi-Tempura (frittiertes Gemüse und Garnelenschwänze), sowie Maguro Sashimi (eine Art von rotem Fisch, in Streifen geschnitten, natürlich roh mit Sojasoße) und trinke einen Becher Sake nach dem anderen, weil er „auf wundersame Weise“ nicht leer werden will. Ich bekomme auch eine Kostprobe süßen Sake. Er hat einen sehr angenehmen Geschmack, der mich ein wenig an lieblichen Weißwein erinnert. Es ist für mich immer noch arg seltsam, den Sake kalt zu trinken, aber mit dem, was man mir hier kredenzt, kann man das tatsächlich machen – nicht wie das Zeug von Choya, das man in Deutschland als Sake-Liebhaber trinken muss.[3]

Der Raum hat eine Größe von etwa vier mal fünf Metern, und darin befinden sich etwa ein Dutzend Leute: Vier oder fünf ältere Herren, alle reichlich angetrunken, dann noch drei oder vier Männer von maximal 40 Jahren, ein Ehepaar und drei Kinder. Es werde gefeiert bis zum Morgen, sagt unser linker Sitznachbar, ein ergrauter Herr, pensionierter Elektroingenieur, wie er später noch hinzufügt. Sake sei genug da, hebt er noch hervor. In der Tat stehen in der Ecke noch mehrere Pappkisten, in denen sich jeweils sechs Flaschen mit jeweils 1,8 Litern Inhalt befinden. Ich schätze, dass da drüben noch mindestens 44 Liter astreiner japanischer Sake herumstehen. Und eine Handvoll Flaschen kursiert geöffnet im Raum. Der Sake hat einen Geschmack, dass man sich an ihm tot trinken möchte. Na ja, nicht ernsthaft. Aber gut ist er auf jeden Fall.

Man zeigt sich erfreut, dass wir Deutsche sind, beschwert sich über die aktuelle Außenpolitik der USA und über den Schmusekurs der japanischen Regierung (der Ingenieur nennt die Amerikaner bevorzugt „Yankees“, schimpft auf den Krieg im Irak und meint, Hiroshima und Nagasaki hätten ihm gereicht), verwendet deutsche Floskeln wie „Guten Abend“, „Auf Wiedersehen“ und „Ich liebe Dich“ und schlägt nebenher hin und wieder die kleine Taikotrommel, während es von außen lustig weiter Geld ins Innere des Schreins regnet. Während der Zeit, in der ich im Schrein sitze, rollen mehrere Münzen, die die Opferkiste verfehlen, zu mir herüber, und einmal ist sogar eine 50 Yen Münze darunter. Ansonsten nur geringeres Kleingeld.

Um 01:00 fühle ich mich ziemlich angeheitert und Melanie, die es bei einer höflichen Probierportion belassen hat, mahnt mich dazu an, die Gastfreundschaft nicht zu sehr zu strapazieren. Um 01:30 gehen wir dann tatsächlich. Und weil ich die ganze Zeit im ungewohnten Schneidersitz auf dem Boden gesessen habe, stehe ich auf wie ein alter Mann und ernte dafür natürlich das Gelächter der echten alten Männer. Mein rechter Nachbar lässt es sich nicht nehmen, meine Beine mit lockeren Handkantenschlägen zu massieren, damit wieder etwas Leben hineinkomme und ich wieder gehfähig werde. Das ist mir natürlich peinlich, aber er scheint einen ungeheuren Spaß daran zu haben. Wir bedanken uns für alles und verlassen den Schrein wieder.

Und zehn Meter weiter treffen wir Kazu und ihre Familie, die zum Neujahrsgebet hergekommen sind. Das heißt, ich erkenne ihr Gesicht, aber in meinem derzeitigen Zustand kann ich mich an ihren Namen nicht mehr erinnern. Sie frischt mein Gedächtnis auf und stellt mir ihre Mutter, ihren Onkel und dessen Ehefrau vor. Ich frage, wo denn der Vater abgeblieben sei, und sie sagt, den gebe es nicht (was auch immer das bedeutet), und Melanie bedeutet mir, das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Und das ist auch nicht weiter schwer. Kazus Mutter ist offenbar erfreut, ihre Englischkenntnisse zum Besten geben zu können, wird aber von ihrer Tochter unterbrochen, in der Art „Mama, mach mich bitte nicht lächerlich hier!

Ja, und die Gattin des Onkels hat es auch in sich. Ich würde sie als (auf durchaus positive Art und Weise) „frech“ nennen. Sie fährt sich mit der Hand durch ihre langen, dunkelblond gefärbten Haare und fragt mich „Bin ich nicht hübsch, hm?“ Ich bin etwas perplex angesichts dieser unvermuteten Frage, und sage „Ja, das sind Sie wirklich. Aber Sie scheinen mir auch ein wenig seltsam zu sein…“ Darauf zieht sie einen Schmollmund und meint „Das ist aber unhöflich!“ Ich bekomme das Adjektiv „hidoi“ als Umschreibung meines Verhaltens oft zu hören und japanische Damen geizen auch nicht mit dem Gebrauch. Aber bislang nur bei Gelegenheiten, wo es nicht ernst gemeint ist. Ich glaube, wenn ich Leuten durch meinen Mangel an Kultur auf die Füße trete, halten die lieber den Mund, anstatt sich zu beschweren. Ich bekomme immer nur Hinweise durch die Hintertür, und das auch nur von dritten (oder vierten) Personen. Also z.B. von „vierten“ Leuten, denen „Dritte“, Beobachter meiner Unhöflichkeit gegenüber einer „zweiten“ Person, eine solche vorgetragen haben. Ich muss besser auf meine Sprache achten.[4]

Wir verabschieden uns von der Familie und gehen Richtung Ausgang, nur um wieder umzukehren, weil ich meinen Schal im Schrein habe liegen lassen. Aber der wird binnen drei Sekunden gefunden und ich habe dann wohl alles wieder beisammen, mit Ausnahme meiner Sinne, die noch recht vernebelt sind.
Die Temperatur ist nicht weiter gefallen und die Straßen sind eisfrei. Auf den Bürgersteigen hält sich zwar immer noch Restschnee, aber wenn die Temperaturen nicht winterlicher werden, wird der Schnee auch bald verschwinden.


[1] Mein Kamerad Volker hatte aber in erster Linie die Schließung der Geldautomaten beklagt, wovon ich mangels Bedarf nichts merkte.

[2] In der Tat beruht Enka auf Protestliedern der Liberal-Demokratischen Partei Japans aus der Zeit der politischen Repression vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

[3] Streng genommen muss man dies nicht, aber man müsste idealerweise nach Düsseldorf fahre, um eine gute Flasche zu bekommen; wenn man das Angebot kennt, kann man natürlich heutzutage den Onlinehandel bemühen.

[4] Jener Onkel verstarb 18 oder 19 Jahre später ganz unerwartet, was mich überraschend traurig stimmte, denn an den Herrn kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ich verspürte aber starkes Mitgefühl für die liebenswürdige Dame, die mich bei unserer kurzen Begegnung doch nachhaltig beeindruckt hatte.

Dienstag, 30.12.2003 – Kekse!

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 15:46

Nachdem wir gegen Mittag aufgestanden sind, klingelt fünf Sekunden danach auch schon der Postbote und bringt Melanie zwei weitere Weihnachtspakete. Mit Schokolade und Keksen drin. Na gut, es ist Weihnachten. Das Paket, das ihr Vater ihr zum Nikolaustag geschickt hat, ist allerdings noch nicht da. Ich hege langsam den Verdacht, dass es „verschwunden“ ist.

Hm… vielleicht entsteht durch solche Aussagen ein falsches Bild von Melanie… wie biege ich das hin?

Ich persönlich lehne den Verzehr von Keksen und sonstigen Süßigkeiten nicht grundsätzlich ab, ich habe nur keine großen Sympathien dafür. Ein bisschen was, hin und wieder, muss auch bei mir sein, das weiß ich und ich gebe es zu. Man darf sich aber nicht über Übergewicht beschweren und gleichzeitig solches Zeug essen. Ich für meinen Teil möchte, nachdem ich schon so weit bin, das letzte Loch meines Gürtels auch noch zubekommen. Es ist also, trotz meiner negativen „Berichterstattung“ über die Pakete, die Melanie erhält, definitiv nicht der Fall, dass sie Süßigkeiten in unkontrollierter Manier und in ungeheuren Mengen in sich hineinstopfen würde. Sie isst das schon Stück für Stück, über einen relativ großen Zeitraum verteilt. Sie will nicht, dass man glaubt, sie sei ein Vielfraß, weil sich das, was ich schreibe, so anhört, also füge ich diese Klarstellung ein.[1]

Oh ja, ich probiere die Kekse natürlich ebenfalls. Ich bin ja sicher, dass sie gut sind. Es soll niemand meinen, ich würde seine oder ihre liebevollen Backbemühungen verschmähen oder geringschätzen. Ich werde es aber bei der Probierportion belassen, auch wenn die Plätzchen gut sind, wie sie nur sein können. Es reicht mir voll und ganz, wenn Käse in seinen vielen Formen meine einzige essbare Leidenschaft bleibt. Auf Süßigkeiten kann ich bequem verzichten, auf Käse nicht. Und natürlich derzeit auch nur ungern auf Sushi. Aber da muss man, im Gegensatz zum Käse, die Kalorien ja fast mit der Lupe suchen.

Am Nachmittag fahren wir in die Stadt, um Neujahrsgeschenke für verschiedene Personen zu kaufen. Und wie ich mich kenne, werden meine einige Wochen lang im Schrank rumliegen, bevor ich endlich daran denke, sie auch zu verschicken. Und da wir morgen Nacht zur Pagode gehen wollen, um dem Läuten der Glocke (und den Feierlichkeiten drum herum) beizuwohnen, gehen wir vorsichtshalber einen Umweg in diese Richtung, um sicher zu gehen, dass wir den Tempel auch auf Anhieb finden und nicht mitten in der Nacht zu suchen beginnen müssen.

Am Abend nehme ich in Angriff, verschiedene, seit langem fällige Briefe zu schreiben… deshalb dauert das auch gleich bis um vier Uhr morgens…


[1] Melanie litt über Jahrzehnte an Zuckersucht, falls man das so nennt, das Bedürfnis, immer wieder Süßigkeiten zu essen. Knapp 20 Jahre später kam sie davon los und hielt sich tapfer davon fern, mit der unmittelbaren Folge, dass sie nicht mehr von Heißhunger überfallen wurde und auch schnell ein paar Kilogramm Gewicht verlor.

Montag, 29.12.2003 – Sweet Home Hirosaki

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 15:33

Bei unserem Bus zurück nach Norden handelt es sich leider nicht um einen designierten Nachtbus, sondern um einen ganz gewöhnlichen Reisebus ohne besonderen Komfort. Das bedeutet, dass es in der Nacht mehrere Zwischenstopps geben wird, damit die Fahrgäste eine Toilette aufsuchen können. Dem entsprechend unmöglich ist es, wirklich ein Auge zuzutun. Es dauert zwei Stunden, bis ich die bequemste Liegemethode festgestellt habe: Mit dem Kopf nach vorne auf das ausklappbare Lunchbrett gelegt, gepolstert mit dem Pullover. Im Bus ist es warm genug, um mit einem T-Shirt rumzusitzen. Händler an der Strecke sind voll und ganz darauf vorbereitet, dass ein Dutzend voll besetzter Busse hier durchfährt und Pause macht. An jeder Raststätte warten kleine Stände, an denen man Essen kaufen kann, warm oder kalt, und machen den Raststätten selbst somit Konkurrenz. Ich kaufe beim ersten Stopp ein Netz Mandarinen (aus der Provinz Ehime auf Shikoku), das für 210 Yen angeboten wird. Die Mandarinen sind wirklich gut. Beim zweiten Stopp kaufe ich auch noch was zu trinken. Beim dritten Stopp verlasse ich den Bus mangels Bedarf allerdings nicht mehr. Melanie stapft ebenfalls in eine der Raststätten, um was zu besorgen, und macht dabei ein Gesicht, als möge sie Kinder… am liebsten, wenn sie mit Bohnen und Speck serviert werden. Sie erweist sich als unansprechbar, also lasse ich es.

Man merkt direkt, wo man hinfährt: Je weiter wir vom sonnigen Tokyo aus nach Norden kommen, desto stärker wird der Regen. In Hirosaki schließlich stellen wir fest, dass es um die Weihnachtszeit geschneit hat. Die Landschaft ist weitgehend weiß. Am Busbahnhof treffen wir Jû wieder, der aus Korea zurück ist. Die Hochzeit seiner Schwester muss ja einige Zeit in Anspruch genommen haben. Wir fahren mit dem Taxi nach Hause, weil es angeblich bequemer ist, als mit dem Bus zu fahren. Das Taxi fährt uns natürlich direkt vor die Haustür und erspart uns damit wahnsinnige fünf Minuten Fußmarsch (mit Gepäck), kostet aber kurzerhand das Doppelte pro Nase. Was soll’s. Ich bin müde. Im Briefkasten erwartet uns die Stromrechnung für den letzten Monat, die ich noch gar nicht ansehen will… es werden wohl um die 1500 Yen sein. Wir packen die Koffer wieder aus und räumen das Zeug weg. Wir haben jetzt einen massiven Wäscheberg in unserem Kleiderschrank liegen… das wird eine Zeit lang dauern, bis der weggespült ist. Und ich muss meine Tagebucheinträge seit dem 27.12. nachholen, weil mir irgendwie die Zeit und wohl auch die Motivation dafür gefehlt hat. Ich will schlafen. Aber vor 11:30 wird daraus nichts. Wir sind also seit drei Stunden zuhause und immer noch nicht mit der Nachbereitung fertig. Die Vorbereitung hat nicht so lange gedauert, glaube ich. Außerdem ist nichts zu trinken im Haus… aber mir ist so richtig gar nicht nach einem Spaziergang in den Supermarkt, so nah er auch sein mag. Außerdem regnet es gerade heftig und eiskalt vom Himmel herunter. Und dann gibt es ein Gewitter. Nicht direkt über Hirosaki, aber ich höre den Donner in einiger Entfernung. Wie kann das sein? Habe ich nicht vor etwa 15 Jahren in einem „Was ist Was“ Buch gelesen, dass es im Winter keine Gewitter geben könne, weil es dazu einer kalten und einer warmen Luftströmung bedarf? Wo sollte hier eine warme Luftströmung herkommen? Vielleicht irre ich mich auch, was die Information betrifft, und von den Feinheiten der Meteorologie habe ich schon gar keine Ahnung. Zumindest habe ich persönlich noch kein Gewitter im Winter erlebt.

Wir legen uns schließlich aufs Ohr und schlafen bis um Viertel vor Fünf am Nachmittag. Wir müssen anfangen, unsere Wäsche zu waschen und wir müssen Vorräte für die Feiertage kaufen, da wir ja aufgrund von „Augenzeugenberichten“ davon ausgehen müssen, dass wir drei Tage lang an nichts rankommen, ohne in einen teuren Konbini gehen zu müssen. Wir kaufen Nahrungsmittel und anderen täglichen Bedarf für 8317 Yen, so viel wie noch nie. Das sollte bis zum 05.01. reichen. Am Eingang des Supermarkts hängen allerdings Informationsschilder, die etwas anderes als die von den Augenzeugen angekündigte Mega-Urlaubszeit ankündigen… aber ich will die Bestätigung dessen selbst sehen. In drei Tagen ist es ja soweit.

Melanie möchte eigentlich Spaghetti mit Hackfleischsoße kochen, aber wir haben beim Einkaufen glorreicherweise die Tomatensoße vergessen. Also gehe ich um 19:40 noch einmal zum Beny Mart, um das nachzuholen. Es ist also schon um die acht Uhr, und die Sushi sind entsprechend billiger. Die 50 % Schilder lachen mich an. Vor allem, da ich Sushi in den letzten Tagen ein wenig vermisst habe. Da komme ich nach Tokyo und kriege kein Gramm Sushi zu Gesicht… dabei sagte Shizuka, dass Sushi sogar eine Spezialität in Tokyo sei. Wie dem auch sei, ich nehme eine große Packung und bin glücklich damit. Für Pakete dieser Größe (30 x 30 cm) gibt es eine besondere Verpackung, da die üblichen Plastiktüten zu klein sind, als dass man die Sushi, die ja belegt sind, aufrecht transportieren könnte. Die junge Frau an der Kasse legt also mit geschickten Händen los, mir ein Paket zu schnüren und sie macht das, für meine Begriffe, wirklich gut. Also denke ich mir, ich könnte ja was Nettes darüber sagen und sage, dass sie das schön mache. Jetzt hätte ich damit gerechnet, dass sie japanisch lächelt und leise und höflich „Danke“ sagt. Stattdessen lacht sie verlegen und wechselt die Gesichtsfarbe. Aber es scheint sie positiv zu berühren. Vielleicht wird mir das als die heutige gute Tat auf mein Karma angerechnet…

Und weil wir wegen Abwesenheit nicht dazu gekommen sind, sehen wir uns heute Abend die SailorMoon Episode vom Samstag an. Da scheint Bewegung in die Sache zu kommen… Kunzyte erscheint. Und zwar als sanfter junger Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und eine Vorliebe für weiße Rosen besitzt. Königin Beryll frischt sein Gedächtnis natürlich recht schnell auf, und er beginnt, Menschen in Yôma zu verwandeln, indem er ihnen einen Strang Haare um den Hals wickelt, über den die Dämonen in die Wirtskörper eindringen können. Die Haare von Kunzyte sind übrigens schwarz, und es ist sehr erholsam, ihn einmal nicht mit der (deutschen) Stimme von Al Bundy zu hören, wie das in der Animeserie der Fall war. Und als er dann Tuxedo Kamen und SailorMoon gegenübertritt, da dachte ich eigentlich, dass Mamoru das Opfer sein würde. Mamoru ist schließlich auch König Endymion und die Bösen wissen das (sofern Nephlyte das weitererzählt hat). Und wie einige unter meinen verehrten Lesern wissen, hat Mamoru alias Tuxedo Kamen in der Animeserie ja auf Betreiben der Bösen die Seiten gewechselt, und ich bin davon ausgegangen, dass genau das jetzt sofort in die Tat umgesetzt werden sollte. Aber nichts da! Mamoru kommt mit seiner Rettungsaktion einen Tick zu spät – und SailorMoon wechselt die Seiten! Darkmoon Rising? Das würde ich sehen wollen! Na ja, sie wird mit einem Haarstrang geschmückt und es scheint, dass nur ihre Sailor-Energie sie davor bewahrt, sofort zum Dämon zu werden.
In der nächsten Episode ziehen ihre Freundinnen los, um sie zu retten. Aus der Idee mit einer bösen SailorMoon (Ja! „DarkMoon“!) könnte man richtig was machen. Aber… aarghl!! Die nächste Episode kommt wegen der Feiertage um Neujahr erst am 10. Januar! So lange werde ich warten müssen. Die Spannung wird mich natürlich kaum zerreißen, aber ein Blick in das Fernsehprogramm vom 03.01. verrät mir, dass am Morgen keinerlei neujahrsrelevantes Sonderprogramm läuft, das es rechtfertigen würde, meine derzeitige Lieblingssendung ausfallen zu lassen! Das wurmt mich dabei dann doch ein wenig.

Ich höre mir am Abend die CD von Miyamura Yûko an, die ich in Tokyo gekauft habe. Hm… die CD ist vom Dezember 1996, das sollte vorShin Seiki Evangelion“, wo sie Asuka ihre Stimme lieh, gewesen sein. Ich mag ihre Stimme, wirklich. Aber ich frage mich ernsthaft, wer aus welchem Grund auch immer auf die Idee gekommen ist, die liebe Yûko singen zu lassen. Denn eigentlich kann sie das überhaupt nicht. Sie hat ein kräftiges, jugendliches Organ, und ich höre ihr gerne zu (weswegen ich die CD auch nicht mehr hergebe), aber „Singen“ ist was anderes.

Um 23:45 beende ich den Tag auch schon wieder und gehe schlafen. Morgen will noch mehr Wäsche gewaschen werden. Sofern die von heute dann trocken ist.

Sonntag, 28.12.2003 – Der letzte Tag

Filed under: Filme,Japan,My Life — 42317 @ 15:25

Heute verbringen wir unseren letzten Tag in der japanischen Hauptstadt. Wir stehen um 11:00 auf und packen zuerst die Koffer. Wir wollen sie am Busbahnhof Hamamatsu-cho in ein Schließfach sperren, um für den Tag „freie Hand“ zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Da ich die ganze Woche über nicht dazu gekommen bin, will ich den strahlend schönen Mittag ausnutzen, um endlich das „Emily“ Flugboot gegenüber vom Wohnheim aus naher Entfernung zu fotografieren. Ich gehe also zu dem Gelände hinüber. Aber heute steht da ein Wachmann, der mich abweist: „Heute ist Ruhetag.“ Die Außenanlagen seien doch frei zugänglich, und ich wolle ja nur drei oder vier Bilder von dem Flugboot machen, nicht mehr. Nein, heute geht das nicht. Aber heute sei mein letzter Tag in Tokyo und ich wisse nicht, wann ich die nächste Gelegenheit hätte. Nein, da könne ja jeder kommen. Du &$%*@?#&#%$! www.gotohell.com/ und kauf dir ne Mütze…
Bleibt also zu hoffen, dass ich im Sommer tatsächlich noch einmal herkommen kann. Obwohl ich nicht darauf wetten würde… ich will auch noch was anderes vom Land sehen.

Wir fahren zum Bahnhof, um unsere Koffer abzustellen, und von dort aus nach Harajuku. Der „Sage“ nach ist Harajuku der Versammlungsort für Cosplayer schlechthin, und warum sollte ich nicht einen Blick darauf werfen, wenn ich schon hinfahre? „Cosplayer“ sind Leute, die sich ein Kostüm selber basteln, das sie in einem Manga oder Anime gesehen haben. Und weil immer die Vielfalt der dargestellten Kostüme hervorgehoben worden war, hatte sich in meinem Kopf das Bild einer Straße von mindestens 200 Metern Länge, wenn nicht mehr, geformt, in der diese meist jungen Leute sich aufhalten würden. Stattdessen präsentiert uns Ronald eine eher unscheinbare, steinerne Bogenbrücke von allerhöchstens 40 Metern Länge, auf der ich knapp zehn junge Menschen beiderlei Geschlechts in Kostümen sehe. Das da ist alles? Das ist, wovon alle reden? Diese kleine Brücke?? Und deswegen macht die halbe Welt der mir mehr oder minder persönlich bekannten Tokyobesucher so einen Aufriss?
Okay, halt, Einschränkung: Es ist immerhin Winter. Und da die Jungs und Mädchen keine Hirosaki-Winter gewohnt sind (Tokyo ist nicht mehr weit von der subtropischen Zone), muss ich annehmen, dass denen zu kühl ist, um sich in ein Kostüm zu werfen, das nicht darauf ausgelegt ist, wintertauglich zu sein. Aber dennoch finde ich es ein wenig lächerlich dafür, dass so viel Wind um diesen Ort gemacht wird. Auch in den westlichen Medien, in denen schon von einer „Meile“ gesprochen worden ist, wo die Jugendlichen den angeblichen Alltagsuniformismus mal ausklammern könnten und würden. Vielleicht tun sie das ja, aber wenn da mehr als fünfzig gleichzeitig auftauchen, wird’s eng.

Aber: Was soll’s? Die Cosplayer zu sehen war ja nur als Nebenattraktion geplant. Denn hinter der besagten Brücke befindet sich gleich der Eingang zum Meiji-Schrein. Einer der bedeutendsten Kulturschätze Japans. Hinter dem Tor muss man erst einmal einer Straße folgen, und man hat den Eindruck, man geht durch einen Wald. Ein grüner Fleck im Asphaltdschungel. Die Stadt ist völlig ausgeschaltet. Sieht man von einigen Stellen ab, wo man ein Hochhaus durch das Blattwerk erspähen kann oder von sporadischen Lautsprecherdurchsagen, die aus den Bäumen herausschallen. Ich schätze, dass die Straße etwas mehr als einen Kilometer lang ist, bis man an den Schrein gelangt, und ich muss sagen: Die hölzerne Tempelanlage ist recht beeindruckend. Tore und Gänge und Höfe. Und natürlich Verkaufsstände, wo man Talismane kaufen kann. Vor dem Heiligtum die obligatorischen Holzkisten, in die man Spendengelder werfen soll. Ich habe noch nie im Leben eine so große Sammlung von 1 Yen und 5 Yen Münzen gesehen. Ich erinnere daran, dass 1 Yen etwa 0,75 europäische Cent sind.

Mit dem Verkauf von Glücksbringern wird wahrscheinlich mehr Geld gemacht, und die haben auffällige Preise – aber immerhin handelt es sich hier um den Meiji-Schrein. Fast so gut wie Ise. Der Schrein von Ise ist, nach meinem aktuellen Verständnis, das Äquivalent zum Petersdom in Rom, was seine Bedeutung für die japanische Shinto-Religion betrifft. Und es gibt hier Glücksbringer für alles notwendige, also für Gesundheit, für Reisen… und für Schulprüfungen??? Ja, ich habe davon gehört, aber so richtig glauben kann ich das erst jetzt. Haben denn christliche Schüler einen besonderen Schutzpatron, der sie durch Prüfungen bringen soll? Melanie kauft einige Exemplare als Geschenke für Freunde und Familienmitglieder, und auch etwas für den „Eigengebrauch“. Da ich an solche Dinge nicht glaube, habe ich auch meine Bedenken, wenn es darum geht, so was zu verschenken. Für mich ist es nur ein hübsches Stück Stoff, in das ein Schriftzug eingearbeitet wurde.

Wir verlassen den Schrein wieder. Und begeben uns in eine vollgestopfte Ladenstraße. Positiv ausgedrückt: Eine belebte Ladenstraße. Und ihr Angebot richtet sich in erster Linie an junge Leute. Na ja, dies ist schließlich Harajuku. Oha, da: Ein 100 Yen Laden. Während die anderen drei ein Geschäft umkrempeln, in dem man Fotos von irgendwelchen Stars kaufen kann (darunter auch „Oliber Kahn“, weil den Japanern die Unterscheidung von stimmhaftem „v“ und „b“ schwerfällt), gehe ich mir zwei Tüten Krabbenchips besorgen, weil ich noch nichts gegessen habe. Der Fotoladen langweilt mich zu Tode. Die ganze Straße ist voll von Krempel, eher weniger als mehr nötig, und bietet hauptsächlich „hippe“ Kleidung. Ah ja, hip: Ein punkiges Outfit mit „No Future“ Krawatte und Hakenkreuzbinde. Schick…

Einige Zeit später landen wir im „Book Off“ von Harajuku. In Hirosaki gibt es ebenfalls eine Filiale der „Book Off“ Kette, aber ich bin noch nie dort gewesen. Wie der Name vermuten lässt, kann man dort gebrauchte Bücher kaufen. Aber nicht nur das; es gibt auch CDs mit Musik, DVDs und Videokassetten mit Filmen und Serien, und Spiele für jede denkbare Konsole. Nur PC (oder auch MAC) Spiele fallen mir keine auf. Und „gebraucht“ bedeutet, dass sich das Material in einem einwandfreien Zustand befindet. Die Preise sind angenehm. Eine normale CD kostet beispielsweise 950 Yen, also etwa 7 Euro. Man sollte halt nicht damit rechnen, toppaktuelle Titel zu finden. Aber fragen kann man auf jeden Fall… manchmal hat man Glück. DVDs kosten hier zwar weniger als im Neuwarenhandel, aber die Preise sind immer noch recht gesalzen und höher als deutsche Neupreise. Und… natürlich gibt es auch eine Ecke mit erotischem Material. Ich möchte nur insoweit auf diese eingehen, als mir das folgende „Phänomen“ (zum wiederholten Male) deutlich aufgefallen ist:
Auf dem Cover der DVD (oder der Videokassette) befindet sich ein Mädchen (was auch sonst), im Alter von vielleicht 12 Jahren. Ja, wirklich. Die dargestellte Person ist tatsächlich ein Kind und kein Schaf im Lammfell. Die Darstellung weckt bedenkliche Assoziationen, obwohl das Cover, objektiv und ohne irgendwelches Hintergrundwissen betrachtet, völlig harmlos aussieht. Mit Hintergrundwissen wirkt die Darstellung bedenklich. Aber auch auf der Rückseite ist ebenfalls nichts… Explizites zu sehen. Was bitte ist das? Ich habe bereits von solchen Videos gehört… bei dieser Art von Filmen, die ganz eindeutig für Pädophile gemacht sind (was ja eigentlich nur aussagt, dass der Betreffende Kinder mag, Konnotation hin oder her), werden die Kinder nicht angefasst. Und sie ziehen auch nichts aus. Außer vielleicht Jacken und Schuhe, falls sie ein entsprechendes Gebäude betreten. Hier wird in der Tat überhaupt nichts gemacht, außer die Mädchen bei ihrem täglichen Leben zu zeigen. Und bevor es wegen dieser Aussage Kritik hagelt und man mir Verharmlosung vorwirft: Ich bin mir sehr wohl dessen bewusst, dass es eine Menge Material gibt, das hart an der Grenze und auch jenseits davon liegt. Ich war in Akihabara. Aber bei dem, was ich hier in der Hand halte, handelt es sich meines Erachtens um nichts wirklich Verwerfliches. Der Verkauf von Kunstdünger, Zucker und Metallrohren ist ja auch nicht fragwürdig, nur weil man Bomben daraus basteln kann. Der Käufer macht aus einem Produkt eben das, was ihm am besten gefällt. Aber auch im Falle dieser „harmlosen“ Videos stellt sich die Frage, ob solche Aufnahmen ein wie auch immer geartetes Verlangen anstauen, oder ob sie eine Ventilfunktion haben. Auch über Hentai-Anime wurde schon (im Westen, Quelle unbekannt) die Vermutung angestellt, dass Frauen in Japan auch nach Anbruch der Dunkelheit auf der Straße relativ sicher seien, weil es Anime gibt, in denen den weiblichen Charakteren… äh… allerlei… „Unbill“ widerfährt… und nicht, obwohl es äußerst abartige Filme gibt.[1]

Aber genug davon. Ich wende mich den Musik CDs zu. Ich nehme einen Schemel, der den Angestellten eigentlich beim Einräumen in die oberen Regale dienlich ist, setze mich darauf und forste das gesamte Regal mit Anime-Musik durch, und noch das eine oder andere mehr. Ich gehe schließlich nach Hause mit den „Animetal Marathon“ CDs #1 und #4, dem „Hamtarô“ Soundtrack (ja, so einer bin ich), zwei CDs von „Fushigi no Umi no Nadia“ (was bei uns als „Die Macht des Zaubersteins“ = „Secret of Blue Water“ lief) und den OST von „Blues Brothers 2000“. Und weil ich schon immer ein solches Spiel haben wollte, kaufe ich für 350 Yen „Tokimeki Memorial Private Collection“ von 1996 für die Playstation (und hoffe, dass es sich um ein Dating Game handelt und nicht um einen sinnlosen Ableger der „Tokimeki“ Serie, wo man Kreuzworträtsel oder Geschicklichkeitsspielchen mit den Charakteren im Hintergrund bewältigen muss). Die Anleitung, die ich später erst in Augenschein nehmen kann, verheißt jedoch nichts Gutes[2], aber vielleicht kann man es ja wieder verkaufen. Mehr als 3 E werden bei E-Bay wohl drin sein. Um festzustellen, was ich denn nun eigentlich gekauft habe, muss ich in Hirosaki jemanden finden, der mir seine Playstation mal für einen Tag ausleiht. Leider kenne ich noch nicht einmal jemanden, der ein solches Ding besitzt. Melanie kauft eine Tüte voll mit Manga von CLAMP.

Wir gehen noch was essen, in einem recht günstigen Lokal mit dem Namen „Jonathan“, wenn ich mich recht erinnere. Teurer als „Saizeriya“, aber akzeptabel, und das Essen ist nicht schlecht. Nur von den Würstchen rate ich ab, die sind nicht berauschend.

Was mir an dieser Stelle viel mehr auffällt, sind die beiden Menschen am Tisch gegenüber. Und ich meine jetzt nicht die zwei Mädchen eine Ecke weiter, über die sich Ronald so ereifert, weil sie sich seiner Meinung nach völlig daneben benehmen. Ja, sie hängen in den Stühlen, anstatt darauf zu sitzen und sie bewerfen sich mit Papierkügelchen. Mindestens einmal. Aber sie scheinen die übrigen Gäste wirklich nicht zu stören. Ich persönlich finde sie weder herausragend laut, noch trifft mich irgendein Geschoss von dort. Die beiden sitzen auch links hinter mir, also betreffen sie mich wirklich nicht.

Nein, ich meine die beiden gegenüber links vor mir. Es handelt sich möglicherweise um Mutter und Tochter; letztere ist wohl 12 bis 14 Jahre alt und sieht meiner Meinung nach nur entfernt japanisch aus (abgesehen von der schwarzen Haarfarbe), aber der Punkt dabei ist, dass ich mir absolut sicher bin, die beiden in einer bestimmten Fernsehshow schon mal als Gäste gesehen zu haben, wo sie als „Mutter-Tochter“ Gespann aufgetreten sind. Hintergrund dieser Show ist der folgende: Mitarbeiter des Senders oder auch bekannte Showstars gehen mit einem Kamerateam auf die Straße und suchen nach Müttern mit Töchtern, wobei die Mutter überraschend jung aussehen sollte, die sie dann fragen, ob sie auftreten möchten und wie alt sie sind. Im Idealfall sollte die Mutter 20 Jahre jünger aussehen, als sie tatsächlich ist. Um die Spannung zu erhöhen, wird das Gesicht der Person im Clip der Vorschau elektronisch unkenntlich gemacht und wird erst in der Fernsehsendung selbst preisgegeben.
Und ich bin mir eben sicher, dass die beiden da in einer solchen Show angetreten sind und getanzt haben. Das Gesicht der Mutter sehe ich zwar nicht richtig, weil sie halb mit dem Rücken und halb mit ihrer linken Seite zu mir sitzt, aber das Gesicht der Tochter fand ich beim Ansehen der Show sehr markant. Ich bin mir absolut sicher, es schon einmal gesehen zu haben. So frech, einfach mal zu fragen, will ich dann aber doch nicht sein. Sogar ich habe Grenzen. Auch wenn das so mancher nicht glauben mag. Stattdessen amüsiere ich mich darüber, dass die beiden von dem bisschen, was sie bestellen, nur die Hälfte essen und den Rest offenbar dem Mülleimer überlassen. Warum geht Ihr essen, wenn Ihr keinen Hunger habt?

Wir müssen letztendlich zum Bus. Wir verabschieden uns und fahren um 22:20 los – mit SangSu, der sein Reiseziel offenbar gefunden hat. Aber warum er hier einsteigt, anstatt dort, wo er ursprünglich hätte aussteigen sollen… ah ja, die Reise hat hier ihren Startpunkt. Also drei Endpunkte in Tokyo, aber nur einen Startpunkt.

Auf den Bus und die Reise gehe ich morgen ein.


[1]   Wie ich bereits früher angedeutet habe, wird die Bedeutung von Anime in Japan von westlichen Medien maßlos übertrieben, und zum Thema Sicherheit der japanischen Straßen möchte ich hinzufügen, dass die Dunkelziffer wegen des gesteigerten japanischen Schamgefühls als hoch einzuschätzen ist: Misshandelte Frauen haben einen gesteigerten Hang dazu, die Tat zu verschweigen.

[2]  Es handelte sich in der Tat um ein Quizspiel mit Thema „Tokimeki“, und niemand wollte es kaufen.

Samstag, 27.12.2003 – Back to Akihabara

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 15:04

Nachdem gestern mein zweites Notizbuch voll geworden ist, fange ich heute morgen ein neues an. Und in Tokyo herrscht noch immer strahlender Sonnenschein, auch wenn der Wind hin und wieder etwas kühler ist.

Nachdem ich gestern bereits Hiroyuki in Akihabara getroffen habe, fahre ich heute gleich noch einmal hin, um Shizuka zu treffen; an der gleichen Stelle vor dem Bahnhof, „Ausgang Electric City“. Das heißt, ich habe ihr gesagt, dass wir uns am „Denkigai Deguchi“ treffen sollten, aber es gab ein kleines Missverständnis. Ich war vor ihr da und ging nach draußen, damit sie mich sofort sehen würde, wenn sie den Bahnhof verließ. Sie kam ein paar Minuten später, blieb aber drinnen. Auf diese Art und Weise entstand leider eine Verzögerung von 15 Minuten (bis 14:15) und es war gut, ein Telefon zu haben. Ich beschrieb meine Umgebung, inklusive des heute aufgefahrenen Blutspendebusses, bis sie mich dann von hinten ansprach. Sie sieht noch genauso aus wie vor zwei Jahren, allerdings möchte ich behaupten, dass ihre Haare länger sind als zu der Zeit, als sie in Trier war. Und ihre Finger verbiegt sie immer noch auf abstrus-abenteuerliche Weise, als sei es die normalste Angelegenheit der Welt. Es schockt mich immer wieder. Ich gebe mich übertrieben entsetzt. „Hidoi!“ sagt sie und lacht. So bin ich.

Da ich noch nichts im Bauch habe, gehen wir was essen. Und weil mir kein besserer Platz einfällt, gehen wir in das chinesische Restaurant, wo ich bereits gestern Abend mit meinen vier Freunden gewesen bin. Ich esse eine Portion Ramen mit Krabben, und es ist gut, aber… ich möchte an dieser Stelle einschieben, dass ich in Hirosaki bessere Ramen bekomme als zumindest in diesem Restaurant. Ich will ja nicht pauschal die Ramensuppe von ganz Tokyo den Ramen in Hirosaki unterordnen.

Ich folge Shizuka also in einen Laden mit dem Namen „Asobitcity“. Ein Haus voll mit Spielen und allem, was dazugehört. Ich sehe es mir aber vorerst nicht genauer an. In diesem Kaufhaus befindet sich die von Stefan beschriebene Schießbahn. Der Laden hängt voll mit Modellen aller gängigen Handfeuerwaffen. Revolver, halbautomatische Pistolen, vollautomatische Maschinenpistolen, Sturmgewehre… sehr schön anzusehen, aber fotografieren ist hier verboten. Ach, was soll’s, ich habe ein „AirGun Magazin“, da sind genug Bilder drin.
Wir kaufen Munition und mieten 30 Minuten. Shizuka hat Stefans Pistolen mitgebracht, es handelt sich um eine Desert Eagle AE und eine Beretta. Glaube ich zumindest. Das letztere Modell habe ich mir nicht so genau gemerkt, da es die halbe Zeit nicht so wollte, wie ich, und ich daher lieber die Desert Eagle benutzt habe. Die Desert Eagle verfügt über einen eingebauten Rückstoßverstärker, und es ist schon irgendwo cool, das Stück zu benutzen. Shizuka hat außerdem eine eigene Spielwaffe mitgebracht. Sie hat eine eigene… ich finde das wirklich interessant, weil ich derartiges Spielzeug erfahrungsgemäß nicht den Interessen von Frauen zuordne.

Die Bahn ist 20 Meter lang, eine eigentlich lächerliche Entfernung, und die Zielscheiben werden mit einem elektrischen Seilzug auf die gewünschte Entfernung gebracht. Fünf Meter, zehn Meter, 15 Meter, 20 Meter. Die Zielscheiben sind in einen Rahmen eingespannte Papierblätter mit verschiedenen Aufdrucken, sei es eine große Zielscheibe, mehrere kleine oder aber das klassische Personenziel mit Zielscheibe in der Herzgegend.
Ich bin gleich ein zweites Mal überrascht, als ich feststelle, dass Shizuka herzlich wenig Ahnung von dem Umgang mit den Airguns hat. Da sie eine eigene mitgebracht hat, ging ich eigentlich davon aus, dass sie das schon öfter gemacht hat. Umgekehrt war sie der Meinung, dass ich wüsste, wie das alles funktioniert. Ich habe so was allerdings noch nie in der Hand gehabt. Na gut, dann gehen eben ein paar Minuten dafür drauf, herauszufinden, wie man das Gas nachfüllt, die Plastikbälle schnellstmöglich in das Magazin presst usw. Ist ja nicht weiter schlimm.

Das Geschehen entwickelt sich wie folgt: Das Gas verbraucht sich sehr schnell, und nach drei verschossenen Magazinen muss ich das Gas nachfüllen. Vielleicht mache ich beim Nachfüllen etwas falsch, aber auf jeden Fall ist mir die Angelegenheit viel zu stressig. Des weiteren ist das Nachladen mit diesen winzigen Kügelchen viel zu fummelig. Und wenn schon, hätte man die realistische Munitionsmenge für die entsprechenden Waffen einrichten sollen, also 15 für die Beretta und sieben für die Desert Eagle. Es passt zu viel rein, um realistisch zu sein, aber zu wenig, um so richtig auf Touren zu kommen… und da andauernd so viele Bällchen reinzustopfen… nein, nicht ich, Herr. Und zuletzt ist die Munition viel zu leicht. Auf 20 Meter kann man (bei Windstille im Laden) bereits um die Ecke schießen. Die Munition fliegt nicht dorthin, wo ich sie haben will, die Abweichungen nach oben, unten, links und rechts sind viel zu extrem. Ich möchte erwarten können, dass ich auf 25 Meter noch zielgenau schießen kann, wenn ich auch eine ruhige Situation als Grundlage nehme. Hier ist es ruhig (abgesehen von unserem Nachbarn, der eine vollautomatische Airgun ausprobiert), aber die Abweichung ist einfach immens.

Ich gebe definitiv meinen Plan auf, an einem Spiel in Japan aktiv teilzunehmen. Diese Airguns sind optisch ganz hervorragend realistisch gearbeitete Modelle, und sie machen sich in der Vitrine richtig gut, zum Ansehen und zum dran Herumspielen, wenn man mal wieder ein Rollenspiel in gemütlicher Runde im Keller laufen hat. Aber spielfeldtauglich nenne ich das nicht. Ergo: Ich bleibe beim Paintball. Mein Tank (12 Unzen Gas) reicht aus, um etwa 1000 Kugeln zu verschießen, das Nachladen ist einfacher, weil man die Munition einfach in den Loader schütten kann, anstatt sie einzeln reinzupressen, und es passen 200 Kugeln in den Loader. In meinen zumindest. Ich kann beim Paintball auch noch bequem auf 50 Meter jemanden aufs Korn nehmen. Diese Entfernung ist zwar bereits als „weit“ einzustufen, aber die Gefechtsentfernungen sind eh seltenst größer. Auf 20 Meter habe ich auf jeden Fall und ohne Probleme nur eine minimale Abweichung. Außerdem sehe ich mehr Spielspaß beim Paintball. Nicht zuletzt, weil bei Treffern die Farbe spritzt und man auch was von den Treffern spürt… und das Adrenalin spielt stärker mit.

Nach Ablauf der halben Stunde habe ich quasi allein gespielt, die Kosten aber fifty-fifty aufgeteilt. Natürlich ist das ungerecht, denn Shizuka hat die ganze Zeit nur nachgeladen und mir anderweitig geholfen. Also vereinbaren wir, dass wir eine weitere halbe Stunde mieten, wo Shizuka zum Zug kommen sollte und ich den Ladeschützen spiele. Leider steht hinter uns bereits der nächste Kunde, also müssen wir eine Weile warten. In diesem Zeitraum gehen wir in die CD Abteilung. Es gibt ja immer noch etwas Musik, die ich gerne hätte. Hier gibt es eine Option, die mir in Hirosaki sehr fehlt: Man kann an einem Computerterminal mit einem Touchscreen und mit Hilfe von Kopfhörern Lieder von CDs abrufen, um zu entscheiden, ob man diese oder jene CD auch kaufen möchte.

Ich höre in „Stop and Go“ von Ogata Megumi rein, während Shizuka die Lage an der Schießbahn überprüft, und beschließe umgehend, die CD zu kaufen. Megumis Gesangsleistung ist auf dieser Scheibe zwar ein wenig „trashig“, aber ich mag ihre Stimme. Und sie kann in der Tat singen, wenn sie will. Die CD beschäftigt sich mit dem aktuellen Weltgeschehen, und ich möchte annehmen, dass sie ihre Ablehnung der Umstände zum Ausdruck bringen will. Und wenn ich schon dabei bin, kaufe ich die „Love, Love, Manhattan“ Single der Band TOKIO, weil Melanie so sehr an dem Lied hängt und ich es ebenfalls nicht schlecht finde. Shizuka kommt schließlich zurück und sagt, dass die Bahn jetzt frei sei. Also noch einmal 30 Minuten. Und ich stelle fest, dass sie dabei mehr Spaß hat, als ich. Das sei ihr gegönnt. Wegen der gemachten Erfahrungen geht ja auch alles flotter.

Zuletzt machen wir einen Abstecher in die Buchabteilung. In der Ecke für „Shônen Ai“ ist ein Buch nicht zu übersehen: Von dem Umschlag springt mich ein Hakenkreuz an, diesmal ein „deutsches“, auf der entsprechenden rot-weißen Flagge, davor sitzen zwei laszive junge Männer in SS-Uniformen. Ich muss die Zusammenfassung auf dem Buchrücken nicht erst lesen, um zu wissen, um was es grob geht. „Shounen Ai“ bedeutet, dass es sich um Geschichten mit homosexuellen Inhalten handelt, und in diesem Fall… vor einem offensichtlichen historischen Hintergrund. Nach meinem Empfinden handelt es sich bei „Shônen Ai“ um einen Unterbegriff von „Yaoi“ – aber ich kann mich irren, da ich in diesem Bereich aus verständlichen Gründen ein Laie bin. Die aufgedruckte Zusammenfassung verrät mir allerdings, dass der Protagonist „Rolf Schwarz“ heißt. Ich fühle mich nicht sehr geehrt. Gleich doppelt angeschmiert. Dass der Held „Schwarz“ heißt, ist ja noch tolerierbar, aber „Rolf“? ich würde nicht so heißen wollen. Na denn prost.

Ein paar Meter weiter steht ein Regal mit eingeschweißten Fotoalben von „Idols“. Ein englischer Begriff, unter dem man in Japan hübsche junge Damen (und wohl auch Herren) versteht, die im Showbusiness tätig sind, meist Sängerinnen.[1] Diese Fotoalben sind im extremsten Fall „erotisch“ zu nennen, aber weniger als einen Badeanzug haben die Damen für gewöhnlich nicht an. Hier geht es in erster Linie um Ästhetik, in zweiter Linie um Frischfleisch. Zumindest offiziell. Und weil ich heute Mittag auf dem Weg in das Restaurant wegen einer Werbung eine entsprechende Bemerkung gemacht habe, zeigt Shizuka sofort auf einen bestimmten Band: „Nakama Yukie“. Aaaaah… die hübscheste Frau Japans (nach meiner bescheidenen Meinung), Jahrgang 1979. Kostenpunkt: 2500 Yen. Ich habe Interesse. Aber das Cover zeigt sie in einem Badeanzug. Das ändert meine Meinung. Wäre ich „normal“, hätte ich breit gegrinst und das Buch gekauft. Aber ich bin „seltsam“ und lasse es. Man mag meine Beweggründe, den Kauf zu unterlassen, naiv finden, und ich habe auch gar nichts dagegen, weil sie vermutlich naiv sind, aber ich habe von Nakama Yukie ein bestimmtes Image im Hinterkopf, und ich befürchte, dass der Inhalt mein Bild von ihr zerstören könnte, wenn ich das Buch ansehe. Nakama Yukie scheint mir eine sehr lebendige und selbstbewusste Person zu sein, und ich lege keinen Wert darauf, Bilder von ihr zu sehen, auf denen sie lasziv oder gar… (ja, wie eigentlich?) abgebildet ist Die englischen Begriffe „docile“ und „submissive“ gehen mir als Beschreibung der Darstellungsweise durch den Kopf. Vielleicht werde ich die Entscheidung irgendwann einmal bereuen, aber so ist das Leben.

Um 17:30 verabschiedet sich Shizuka plötzlich. Sie muss wegen einem Konzert um 18:30 in Shinjuku sein. Also sagen wir uns „Mata ne“, und in der Eile vergesse ich völlig, ein Bild von Ihr zu machen. Sie wird mir eines per Mail schicken müssen. Da ich jetzt auf mich allein gestellt bin und noch keinen Treffpunkt mit den anderen drei ausgemacht habe, beschließe ich, in Akihabara noch ein bisschen spazieren zu gehen. Vielleicht findet sich ja doch noch etwas, das mich interessiert, oder etwas, was sich verkaufen lässt (und gleichzeitig nicht wegen expliziten Inhalts gesperrt werden kann). Aber es findet sich nichts. Stattdessen laufe ich, und das ist kein Witz, zufällig Ronald, Ricci und Melanie über den Weg, die gerade aus Shibuya zurückgekommen sind und sich ebenfalls mehr oder weniger planlos einfach mal hier umsehen wollten. Na, dann muss ich mir ja keine Gedanken machen, wie ich gegebenenfalls zu einem wie auch immer gearteten Treffpunkt komme. Wir sehen uns gemeinsam noch ein wenig um, ohne etwas Bedeutendes zu kaufen oder zu sehen, abgesehen von den zwei Millionen Leuten, die einem auf der Straße Werbegeschenke in die Hand drücken, meist Taschentücher oder auch kleine Handtücher (weil japanische Toiletten in der Regel keine Handtücher bereitstellen). Einzig erwähnenswert ist mein Besuch bei einem der „au“ Werbestände. „au“ ist eine japanische Telekommunikationsfirma, man kann da also Verträge für Handys abschließen. Das interessiert mich natürlich überhaupt nicht – mich interessiert dieses große Stoffposter von etwa 1,50 m Höhe und 50 cm Breite, das die Person zeigt, die momentan der Werbeträger von „au“ ist: Nakama Yukie.

Leider kann das Poster weder verschenkt werden noch „auf seltsame Art und Weise verschwinden“. Die Mitarbeiter hier sind unbestechlich. Man teilt mir mit, dass ich warten müsse, bis die Werbekampagne ausgelaufen sei. Dann würden die Poster und all das irgendwie entsorgt und man könne ein solches Plakat bekommen. Hm… es gibt „au“ Geschäfte in Hirosaki…[2]

Kurze Zeit später fahren wir nach Odaiba zurück. Im „Daily Yamazaki“, das ist, wie ich schon angedeutet habe, einer der 24 Stunden am Tag geöffneten „Konbini“ Läden (wie auch „Circle K“, „Hotspar“ oder „Mini Stop“ und wie sie alle heißen), kaufe ich spontan eine Pappschachtel mit der Aufschrift „World Panzer Museum“, für 300 Yen. Der Aufdruck auf der Rückseite scheint auszusagen, dass es sich bei dem Inhalt um ein Panzermodell aus dem Zweiten Weltkrieg handelt, aber es ist dem Zufall überlassen, was für ein Typ enthalten ist. Kauft man mehrere, besteht also die Chance, dass man das selbe Modell erhält. Zu meiner großen Freude befindet sich in meiner Schachtel ein „Tiger“. Sieht ganz gut aus. Vielleicht werde ich irgendwann noch mehr von diesen Schachteln kaufen. Interessierte Freunde habe ich ja (bestimmt).


[1] Das trifft es aber nicht. Die japanische Industrie will ihre Idols multimedial über alle Sparten hinweg vermarkten, also kann man dieser Personengruppe nicht pauschal einen „Hauptberuf“ zuordnen. Die einen machen vielleicht mehr dies, die anderen mehr das, je nach Meinung der Marketingabteilung.

[2]  Nach meinem Besuch der Filiale in Hirosaki einige Tage später musste ich allerdings erfahren, dass das Poster Teil einer Werbekampagne war, die sich auf den Raum Tokyo beschränkte.

Freitag, 26.12.2003 – Lange nicht gesehen!

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 14:21

Um 14:00 treffe ich meinen ehemaligen Tandempartner Honda Hiroyuki am Bahnhof von Akihabara. Die anderen drei gehen lieber in einen Freizeitpark. Es handelt sich dabei übrigens um den Park, in dem die SailorMoon (2003) Episode Nummer 7 gedreht wurde. Aber ich bin in Akihabara und nachdem mir Hiroyuki schon im Vorfeld die Nase lang gemacht hatte, wollte ich das dortige Angebot auch einmal live und in Farbe sehen. Wir kämmen eine Handvoll Läden nach Dôjinshi durch (Dôjinshi sind inoffizielle Manga in Anlehnung an existierende Serien, die von Fans gemacht werden und oft erotische Inhalte vermitteln). Das heißt, ich „kämme“ und hoffe, dass er sich dabei nicht allzu sehr langweilt. Ich hoffe auch, irgendwann Zeit und Gelegenheit für einen „gesitteten“ Besuch zu haben, der mehr auf Dialog als auf Sightseeing ausgelegt ist.[1]

Ich finde ein „One Piece“ Dôjinshi für Melanie in guter Zeichenqualität, aber leider handelt es sich dabei um „Yuri“ und nicht um „Yaoi“. Jugendfrei kurz gefasst handelt es sich bei so genannten „Yuri“ Produkten um Geschichten mit ausschließlich weiblicher Besetzung, während „Yaoi“ sich um männliche Protagonisten und ihre Abenteuer dreht. Beides ist dem Bereich der Homoerotik zuzuordnen, und die Skala geht von „zart“ bis „hart“, mit nach oben offener Skala, je nach Zeichner. Für einen anderen Bekannten kaufe ich zwei Bände der Serie „Yuri and Friends“ des Zeichnerteams Saigadô.

Mein Blick in die Läden verrät mir, dass ich alles, was mich interessiert, bereits auf einer DVD-ROM als Datensatz gespeichert und abrufbereit habe. Jedes Mal, wenn ich ein interessantes Cover entdecke, stelle ich auf der Previewseite (so vorhanden) fest, dass ich die Geschichte schon kenne. Die Bände sind alle in Plastikfolie verpackt, um einer Wertminderung durch Probelesen entgegenzuwirken. In manchen Geschäften gibt es dafür extra Leseproben und oft genug gibt es in der Plastikfolie zusätzlich eine kopierte Seite, damit man eine Ahnung davon bekommt, was man in der Hand hält. Vielleicht hätte ich allerdings die großen (größer als DIN A4!) farbigen EVA Dôjinshi („Rei only“) kaufen sollen, die wären ihr Geld wahrscheinlich wert gewesen… aber was soll’s. So sehr zieht es mich auch nicht mehr zu Manga und Anime Dôjinshi. Natürlich hätte ich auch eine der neueren Sammlungen kaufen können, mit einem breiten Spektrum von verschiedenen „Parodien“, aber da besteht für mich immer die Gefahr, dass 90 % davon Mist sind, mit dem ich nichts anfangen kann.

Die Zeit fliegt dahin und weiß nicht, wo sie bloß geblieben ist. Während ich ein Regal mit preisreduzierten Manga Dôjinshi durchforste, ruft Ricci an und fragt, wann wir uns denn wo treffen könnten. Wir einigen uns auf den Laden „Animate“. Es handelt sich um ein recht großes Geschäft, das so ziemlich alles verkauft, was mit Anime zu tun hat. Wir treffen uns, inklusive Hiroyuki, etwa um 19:00 vor dem Laden, um diesen im Anschluss sofort zu betreten. Und ich erhalte Gelegenheit, auch „normales“ Merchandising zu sehen und zu kaufen. Ich kaufe ein paar Bilder von Nami (ein Charakter des „One Piece“ Anime), drei Cels des SailorMoon Anime, einen Kalender der SailorMoon Realserie, eine CD von Miyamura Yûko (die Originalstimme von Asuka, die eigentlich gar nicht singen kann, aber ein starkes Organ hat) und den „Animetal Marathon IV“. I-III habe ich leider auch in Akihabara nicht gefunden. Offenbar sind die CDs eine Spur zu alt. Und wenn ich auf alle übrigen vielleicht verzichten kann: Das Original des „Animetal Lady Marathon“ muss ich haben. Ich habe bereits vor einiger Zeit eine Kopie auf eine CD gebrannt, aber das Original ist die Investition wert. Zuletzt erhalte ich ein Poster als Werbegeschenk. Ich habe keine Ahnung, wer oder was die Figuren auf dem Poster sind, aber andernorts wird das selbe Poster für 800 Yen verkauft, also lasse ich mich nicht zweimal bitten.

Und mittendrin ruft mich Shizuka an. Sie sagt, sie habe morgen Zeit, mich zu treffen, auch um die Angelegenheit mit Stefans Airguns ein wenig weiter zu bringen, die der bei ihr gelagert hat. Außerdem hat Stefan mir erlaubt, seine Pistolen für ein Probeschießen zu leihen.[2] Und treffen könnten wir uns gleich an Ort und Stelle in Akihabara, weil der Schießstand eben dort ist. Sie werde mir den Laden morgen zeigen. Das ist mir Recht, also wird mir auch morgen nicht langweilig sein. Da wir, Ricci, Ronald, Melanie und meine Wenigkeit, außerdem beschlossen haben, morgen den Fischmarkt zu besuchen, werde ich morgen wahrscheinlich auch viel zu müde sein, um ein Gefühl von Langeweile entwickeln zu können… wenn wir zur richtigen Zeit da sein wollen, um das frischeste Sushi der Welt zu kosten, müssen wir um 04:00 aufstehen. Und nach dem Fischmarkt wollten wir noch ein berühmtes Kabukitheater ansehen… das heißt das Gebäude, kein Theaterstück. Für Kabuki kann ich kein Interesse aufbringen – man wird von Farben erschlagen. Das ist mir zu grell. Ich wage dieses Urteil nach einer TV-Vorführung im Rahmen der Vorlesung über japanische Theaterformen von Frau Professor Scholz-Cionca. Und da „ein Gebäude betrachten und fotografieren“ ja allerhöchstens 15 Minuten dauern kann (den Theaterspezialisten werden sich jetzt bestimmt die Haare sträuben), habe ich bestimmt genug Zeit für alles.
Fischmarkt, Sushi, Kabuki, Shizuka, Schießstand. FSKSS.

Wir gehen abschließend zu fünft zum Essen, chinesisch, und im Anschluss wieder zum Bahnhof. Ich lasse ein Foto von Hiroyuki und mir machen (Ronald ist so freundlich, das zu übernehmen) und ich trenne mich wieder von „HH“ für unbestimmte Zeit. Was mich daran erinnert, dass ich ihm eigentlich das Foto schicken wollte. Es war schön, ihn mal wiederzusehen. Der Typ sieht noch genauso aus wie vor drei Jahren und auch im Kopf scheint er sich nicht auffällig verändert zu haben. J

Um 23:25, zurück in Odaiba, sagt uns ein Blick auf die Uhr allerdings, dass wir um 04:00 keine Lust haben werden, aufzustehen (obwohl, wie manche vielleicht wissen, Lust nur für Tiere und Liebesspiele gut ist), also vergessen wir den Fischmarkt wieder. Wir suchen nach Ausweichmöglichkeiten, finden aber nichts Konkretes. Ja, eigentlich finden wir gar nichts. Ich wollte nur, dass sich der Satz besser anhört. Wenn doch noch eine Entscheidung gefällt wurde, ist sie mir entgangen. Stattdessen sitzen wir Stunde um Stunde da und reden drauflos. Obwohl ich vor Müdigkeit bald vom Stuhl falle.


[1] Diese Hoffnung hat sich mangels ausreichenden Einkommens in den letzten 20 Jahren nicht realisieren lassen.

[2] Stefan hatte sich in Japan begeistert zwei Airguns im Pistolenformat gekauft und sich erst danach überlegt, dass dies Probleme mit dem deutschen Zoll ergeben könnte. Er bat also Shizuka, die Objekte zu lagern, bis er eine Lösung gefunden hatte. Die Lösung war ich, weil meine Mutter in Frankreich lebt, wo man solches Spielzeug weniger kritisch betrachtet. Allerdings dauerte es über drei Jahre, bis Shizuka an den (bereits bezahlten) Versand dachte; Stefan hatte bereits vor jenem Zeitpunkt Probleme mit seinen Eltern, die endlich seine Hinkehr zum ernsthaften Leben eines Erwachsenen sehen wollten, also schenkte er die Dinger kurzerhand mir – lange, bevor sie in Frankreich eintrafen und so irgendwann in meinem Schrank landeten.