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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

8. Dezember 2023

Montag, 08.12.2003 – Der Nikolaus findet seinen Weg nach Japan

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Der Morgen ist wolkig und kalt, aber das Eis auf den Straßen hat sich wieder gelöst. Ab Mittag beginnt es wieder zu schneien, aber nicht sehr stark. Der Wetterbericht gestern Abend sprach von einem bis neun Zentimeter Neuschnee heute. Wenn das so weiter schneit, dann wird es bei einem bis zwei Zentimetern bleiben…

Ich mache die Runde und frage alle bekannten Gesichter, die mir über den Weg laufen, ob sie Interesse an einem Tabehôdai am Freitag hätten. David sagt zu, ebenso Misi und Alexej. (Meine) Melanie will eigentlich Geld sparen, Alex fährt nach Hause, ebenso Valérie. Die fallen also ganz aus. Ramona will sich das Ganze noch überlegen (was „Nein“ heißen dürfte), und Irena hat am Freitag Chorprobe. Mathieu bekundet „prinzipiell“ Interesse, aber ich bin jetzt nicht ganz sicher, was ich davon zu halten habe. Ich werde ihn noch einmal fragen, sobald ich ihn sehe. Er hat Yannick gefragt, aber der hatte kein Interesse. Mein Interesse an Yannick nähert sich damit wieder dem Nullpunkt, weil er selten an der Uni und generell nicht sehr gesprächig ist. Man soll mir nicht nachsagen, dass ich es nicht versucht hätte. Dave habe ich am Morgen ebenfalls gesehen, aber natürlich vergessen, ihn zu fragen.

Nach Tagen des Wartens komme ich auch endlich wieder an den Rechner, den ich für meine Bilder verwende. Also mache ich meine Kamera wieder leer und nutze die Gelegenheit, Karls Mailbox mit meinen Bildern zuzustopfen, damit er sie auf meine Festplatte überträgt. Kurz darauf beschwert er sich, weil ich die neuen Bilder gerade dann schicke, nachdem er meine Festplatte wieder von seinem Computer abgeklemmt hatte… Tut mir ja leid, aber ich kann mir leider nicht aussuchen, wann ich Gelegenheit dazu habe.

Am Abend schneit es wieder verstärkt, und am Ende kommen etwa 5 cm Neuschnee zusammen.

Melanie erwartet heute ein Paket. Das heißt, wir nehmen an, dass es ein Paket ist. Wahrscheinlich von ihrer Mutter, der sie vor einiger Zeit ihr Leid darüber geklagt hat, dass es in Japan an dem Krempel mangelt, den man zum Nikolausfest am 06.12. in Deutschland normalerweise verschenkt oder bekommt. Ihre Mutter hat daraufhin ein Paket geschnürt und ihrer Tochter was geschickt. Wegen des zu erwartenden Inhaltes nenne ich es jetzt einfach „das Fresspaket“. Der Postbote hat auf dem Benachrichtigungszettel allerdings nicht „Paket“ angekreuzt, auch nicht „Päckchen“ oder „Brief“, sondern „Sonstiges“. Also sind wir nicht zu 100 % sicher, was da kommen wird. Es war am Freitag bereits hier, aber wegen unserer Abwesenheit musste Melanie mit der Post einen günstigeren Termin ausmachen. Ich sagte ihr, sie solle Mittwoch angeben, das sei sicher. Aber sie wollte lieber schon am Montag ihr Fresspaket haben. Die ausgemachte Zeit verstreicht, und der Postbote ist noch nicht da. Um das Klopfen oder Klingeln auf jeden Fall zu hören, hat Melanie sogar die Schiebetür zur Küche aufgemacht (und leistet sich so den Luxus, zwei Räume zu heizen), obwohl man die Klingel nicht überhören kann… und weil der Postbote nicht wie gewünscht kommt, lässt sich eine deutliche Verschlechterung ihrer Laune feststellen. Darüber muss ich verständnislos den Kopf schütteln. Wie nötig kann man denn so was haben?

War „Montag“ eine zu eilige Angabe? Immerhin liegt das Wochenende dazwischen, und wer weiß, ob die japanische Post das in diesem Zeitraum hinbekommt, auf ihren Terminwunsch zu reagieren? Auf jeden Fall scheint das Fresspaket dringend benötigt zu werden, da Melanie einen so enttäuschten Eindruck macht, dass man sich nicht mehr normal mit ihr unterhalten kann. Aber ich gebe zu, dass ich ihr gegenüber auch keinen Hehl daraus mache, dass ich ihre Reaktion für schlichtweg unvernünftig halte.

Aber der Postbote kommt schließlich doch noch. Melanies Laune verkehrt sich in das komplette Gegenteil. Sie macht ein Foto von dem geöffneten Paket. Sie macht ein Foto von dem geöffneten Paket? Ja, sie macht ein Foto von dem geöffneten Paket. Und es ist, was ich mir dachte. Ein Korb voll mit Erd- und Walnüssen, zwei Nikoläuse und zwei Tafeln Lindt-Schokolade, dazu etwas Tisch- und Wandverzierung. Als nächstes räumt sie die Oberfläche des Schuhschrankes komplett leer. Das Waschmittel landet vor der Waschmaschine, die Obstschale und die Waage müssen ebenfalls auf „Notunterkünfte“ ausweichen. Aha. An dieser Stelle proklamiert sie „Melanies Weihnachtsecke“.

Die Weihnachtsecke

Warum auch nicht, wenn sie sich darüber freut… so lange sie akzeptiert, dass mir die Angelegenheit völlig gleichgültig ist. Das versteht sie aber nicht. Weihnachten hat für sie eine sehr glückselige Bedeutung. Bei mir ist Weihnachten (betrachtet man die „optische“ Gestaltung) in den letzten zehn Jahren immer trister geworden und ich habe mehr und mehr das Interesse an dem ganzen Drumherum verloren. Schön ist, dass Ferien sind und dass man eine Gelegenheit hat, Familienmitglieder zu besuchen. Solche Gelegenheiten gibt es zwar das ganze Jahr über, aber ich bin in dieser Hinsicht etwas bequem. Sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die bestimmt der Meinung sind, ich hätte was gegen sie, weil ich sie nur drei- oder viermal im Jahr besuche, trotz eher unbedeutender Wohnortunterschiede.

Ich nehme nicht an, dass Melanies Geschenk so schnell schlecht wird… die Küche wird für gewöhnlich nicht geheizt und es ist normalerweise um die zehn bis 12 Grad kühl in diesen Tagen.

Aber ein bisschen übertrieben fand ich die Idee, das Paket (knapp 2 kg) per Luftpost zu schicken – Portokosten: 30 E. Ein heftiger Preis, bedenkt man, dass Melanies Mutter sich nicht in der besten finanziellen Lage befindet. Hoffentlich kommt meine Mutter nicht auf eine solche Idee. Es gibt offenbar Dinge auf der Welt, die man nicht mit einer Währung bewerten kann. Herzlichen Glückwunsch.