Freitag, 12.12.2003 – Der Tag, an dem die Welt stillstand
Es regnet und regnet und regnet. Man könnte sagen, es regnet wie bescheuert. Am stärksten am Morgen. Und ich habe seit Anfang November keinen Schirm mehr. Gegen Mittag ist der Regen nicht so stark, vielleicht kann ich sogar mit dem Fahrrad fahren, ohne gleich die Hose wechseln zu müssen. Zuvor muss ich noch ein paar Kanji in den Kopf bekommen, und um 13:00 sehe ich zu, dass ich fertig werde.
Nach dem Unterricht lasse ich mir von Ogasawara-sensei noch einmal die Unterschiede zwischen „aru to“, „areba“ und „attara“ erklären, und es ist ein echter Vorteil, dass die Frau Englisch spricht. Und das sogar sehr gut, beinahe akzentfrei. Ihre Aussprache ist definitiv besser als die von Kashima-sensei. Um 16:45 gehen Melanie und ich wie verabredet zu dem Yakiniku-Restaurant am Maruesu Supermarkt – nur um festzustellen, dass keiner kommt. Wie kann es sein, dass ich etwa zehn Zusagen erhalte und dann niemand erscheint? Das habe ich zuletzt an meinem neunten Geburtstag erlebt. Und wir warten sogar eine halbe Stunde, weil David sagte, dass es bei ihm länger dauern könne. Um 1730 gehen wir dann in den Supermarkt und besorgen uns eine kleine Pizza für 100 Yen. Diese Dinger sind gar nicht schlecht, gemessen am Preis. Vor allem ist eine ordentliche Portion Käse drauf. Nur die Zwiebeln hätte man ein bisschen kleiner schneiden können. Es scheint eine japanische Angewohnheit zu sein, die Zwiebeln in der Tomatensoße sehen zu wollen. Auf dem Heimweg beschließe ich die Einrichtung einer „Yakiniku Mailingliste“. Die soll nicht den Zweck haben, die Leute besser an Fresstermine erinnern zu können – es geht mir darum, einfach ein Datum nennen zu können, ohne erst groß rumzufragen, wann denn nun wer Zeit hat. Ich nenne einen Tag und eine Uhrzeit und schaue, ob sich mindestens zwei Freiwillige einfinden. Wenn niemand kommt, braucht sich auch keiner bei mir zu entschuldigen. Weil ich keine Einladung ausgesprochen habe und auch keiner eine Zusage gegeben hat, nicht wahr? Das spart auch mir Nerven. Wir kommen rechtzeitig nach Hause, um noch „Doraemon“ und „Atashi’n’chi“ sehen zu können. Kurz nach Acht gehen wir noch ein paar notwendige Dinge einkaufen, vor allem was zu Essen. Es ist eine tolle Sache, dass der Supermarkt bis um 21:45 geöffnet hat.
Und als wir gerade vom Einkaufen wieder zurück sind, ruft Jin Eiko an und teilt mir mit, dass sie eben mit dem Wagen vorgefahren sei, um mir einen Lageplan zu bringen, mit dessen Hilfe ich den Dotemachi Square finden könne. Aber sie bringt noch mehr – eine große Tüte Äpfel. Auch Yûmiko ist mitgefahren und scheint sich sehr darüber zu freuen, mich zu sehen. Darüber freue ich mich natürlich. Den Plan hat sie auf eine Weihnachtskarte gemalt, die recht laut ein Weihnachtslied spielt. Auf dem Umschlag steht „Doitsu no Dominik-kun“ („Dominik aus Deutschland“). Die Erwähnung des Vaterlandes (ähem) wirkt auf mich etwas stark, ist aber in Japan relativ normal, um damit eine Zugehörigkeit auszudrücken. Wäre ich Angestellter einer Firma, würde anstatt „Doitsu“ eben jene Firma genannt worden sein. Aber in erster Linie gefällt mir „kun“ besser als „san“. Das klingt vertrauter, und an die Anrede „Herr Schwarz“ will ich mich nicht recht gewöhnen. Ich werde schon noch alt genug dafür werden. In deutschen Begriffen ausgedrückt, lasse ich mich auch nur von Leuten siezen, die das wegen einer wie auch immer von Fall zu Fall gegebenen Hierarchie tun müssen (oder von solchen, die ich nicht ausstehen kann – und damit habe ich das betroffene Publikum jetzt vielleicht ins Grübeln gebracht, haha!). Die Rückseite der Karte sagt „Nihon no Haha, Jin Eiko“ („japanische Mutter, Jin Eiko“). Ja, die Frau trägt wesentlich dazu bei, dass es mir auf dieser Insel so gut gefällt. Aber sie ist natürlich nur einer von vielen Faktoren, die ich möglicherweise gar nicht alle rational erfassen kann.
Sollte ich mir Sorgen darüber machen, dass ich eigentlich bereits jetzt schon gar nicht mehr so richtig von hier weg will? Gibt es nicht zu viele Menschen in der Heimat, an denen mir viel liegt, und die ihrerseits darauf warten, dass ich zurückkomme? Ich fürchte, für mein Problem gibt es keinen bequemen Mittelweg. Ich muss herausfinden, welche Möglichkeiten sich mir wo bieten. Ich darf mich nicht auf einen Weg beschränken – damit bin ich schon einmal derart auf die Nase gefallen, dass es mein Leben radikal verändert hat. Ich muss ausloten, wie es in Deutschland aussieht, wenn ich wieder dorthin zurück muss, aber ich will auch nicht verpassen, was sich mir in Japan bietet. Wenn ich allein daran denke, was mich in Deutschland erwartet, wird mir schon ganz schlecht.
Das „Worst Case Scenario“: Wenn ich zurückkomme, bin ich sehr wahrscheinlich pleite. Das heißt keine Wohnung in Trier für mich (vorausgesetzt, da ist überhaupt was frei!). Wenn ich nicht in Trier wohne, kann ich auch nicht in Trier arbeiten, das bedeutet: kein Geld für Semesterbeiträge und andere notwendige Dinge. Ergo: Studium Ende. Weitere Möglichkeit: Wenn ich etwas Geld in Japan ansparen kann (und sei es durch Geschäfte über E-Bay), komme ich vielleicht ein paar (wenige) Monate über die Runden und habe daher vielleicht Zeit, einen Job zu finden. Auch wenn im Winter eigentlich eher Flaute herrscht. Und das alles setzt immer noch voraus, dass ich einen Platz zum Wohnen finde. Was in Trier nicht so ganz einfach ist. Ich habe noch Anspruch auf zwei Semester Wohnheim, aber die wollte ich eigentlich für das Ende des Hauptstudiums aufheben. Aber was soll ich machen? Notfall ist Notfall und ich muss wohl einen Antrag auf Wohnheim stellen, ob ich will oder nicht, damit ich mein Studium nicht radikal unterbrechen muss, weil ich mal wieder keine Wohnung habe. Ich kann mir wirklich schönere Dinge vorstellen, als Jobsuche in Deutschland… ich werde mal mit ein paar Leuten reden, um mich ein bisschen zu orientieren.
Abrupter Themenwechsel – ich muss mir nicht selbst Magengeschwüre zusammendenken. Die japanische Version des Films „Jingle all the Way“ (dtsch.: „Versprochen ist versprochen“) mit Arnold Schwarzenegger überzeugt mich nicht davon, dass ich den Film noch einmal ansehen möchte, egal, in welcher Sprache. Und wie viele Synchronsprecher für importierte Spielfilme gibt es in Japan eigentlich? Jeder Film hört sich gleich an. Hier gibt es eine Unzahl von hochgradig begabten, gut ausgebildeten und geeigneten Sprechern, die im Anime-Geschäft tätig sind, aber offenbar nur ein halbes Dutzend Sprecher für Realfilme, die alle Rollen sprechen, egal welche. Jedes Mal, wenn ich die Kinderstimmen in einem Film höre, rollen sich mir die Zehennägel hoch, weil man genau hört, dass es sich bei dem Sprecher/der Sprecherin um eine erwachsene Person handelt, die ihre Stimme verstellt. Ich könnte jetzt auf Anhieb und ohne irgendwo nachzuschlagen ein halbes Dutzend Damen nennen, alle in den 1960ern geboren, die ebenfalls Kinderrollen sprechen und denen man nicht anhört, wie alt die Stimme tatsächlich schon ist. Man könnte meinen, dass die Filmindustrie die Rollen in Importfilmen extra schlecht besetzt, um die Kundschaft auf den einheimischen (Anime-) Markt zu lenken.
Und weil der Tag nicht schon schön genug ist, verheddert sich das Band einer Videokassette im Videogerät – und zwar so, dass die Kassette nicht mehr rauskommt. Hurra! Preiset den Herrn! Vielleicht rutsche ich ja noch aus und stoße mir den Kopf an der Türkante… diese Komödie muss doch noch einen dramatischen Höhepunkt finden! Egal… Aufnahmen haben sich damit erst einmal erledigt. Das ist zwar nicht schön, aber mich tröstet der Gedanke, dass ich „SailorMoon“ auch bei „Animesuki“ runterladen kann (oder ich nutze die Tatsache aus, dass sich das noch mehr Leute runterladen). Gute Nacht denn. Ohne Beule oder Platzwunde.