Montag, 29.12.2003 – Sweet Home Hirosaki
Bei unserem Bus zurück nach Norden handelt es sich leider nicht um einen designierten Nachtbus, sondern um einen ganz gewöhnlichen Reisebus ohne besonderen Komfort. Das bedeutet, dass es in der Nacht mehrere Zwischenstopps geben wird, damit die Fahrgäste eine Toilette aufsuchen können. Dem entsprechend unmöglich ist es, wirklich ein Auge zuzutun. Es dauert zwei Stunden, bis ich die bequemste Liegemethode festgestellt habe: Mit dem Kopf nach vorne auf das ausklappbare Lunchbrett gelegt, gepolstert mit dem Pullover. Im Bus ist es warm genug, um mit einem T-Shirt rumzusitzen. Händler an der Strecke sind voll und ganz darauf vorbereitet, dass ein Dutzend voll besetzter Busse hier durchfährt und Pause macht. An jeder Raststätte warten kleine Stände, an denen man Essen kaufen kann, warm oder kalt, und machen den Raststätten selbst somit Konkurrenz. Ich kaufe beim ersten Stopp ein Netz Mandarinen (aus der Provinz Ehime auf Shikoku), das für 210 Yen angeboten wird. Die Mandarinen sind wirklich gut. Beim zweiten Stopp kaufe ich auch noch was zu trinken. Beim dritten Stopp verlasse ich den Bus mangels Bedarf allerdings nicht mehr. Melanie stapft ebenfalls in eine der Raststätten, um was zu besorgen, und macht dabei ein Gesicht, als möge sie Kinder… am liebsten, wenn sie mit Bohnen und Speck serviert werden. Sie erweist sich als unansprechbar, also lasse ich es.
Man merkt direkt, wo man hinfährt: Je weiter wir vom sonnigen Tokyo aus nach Norden kommen, desto stärker wird der Regen. In Hirosaki schließlich stellen wir fest, dass es um die Weihnachtszeit geschneit hat. Die Landschaft ist weitgehend weiß. Am Busbahnhof treffen wir Jû wieder, der aus Korea zurück ist. Die Hochzeit seiner Schwester muss ja einige Zeit in Anspruch genommen haben. Wir fahren mit dem Taxi nach Hause, weil es angeblich bequemer ist, als mit dem Bus zu fahren. Das Taxi fährt uns natürlich direkt vor die Haustür und erspart uns damit wahnsinnige fünf Minuten Fußmarsch (mit Gepäck), kostet aber kurzerhand das Doppelte pro Nase. Was soll’s. Ich bin müde. Im Briefkasten erwartet uns die Stromrechnung für den letzten Monat, die ich noch gar nicht ansehen will… es werden wohl um die 1500 Yen sein. Wir packen die Koffer wieder aus und räumen das Zeug weg. Wir haben jetzt einen massiven Wäscheberg in unserem Kleiderschrank liegen… das wird eine Zeit lang dauern, bis der weggespült ist. Und ich muss meine Tagebucheinträge seit dem 27.12. nachholen, weil mir irgendwie die Zeit und wohl auch die Motivation dafür gefehlt hat. Ich will schlafen. Aber vor 11:30 wird daraus nichts. Wir sind also seit drei Stunden zuhause und immer noch nicht mit der Nachbereitung fertig. Die Vorbereitung hat nicht so lange gedauert, glaube ich. Außerdem ist nichts zu trinken im Haus… aber mir ist so richtig gar nicht nach einem Spaziergang in den Supermarkt, so nah er auch sein mag. Außerdem regnet es gerade heftig und eiskalt vom Himmel herunter. Und dann gibt es ein Gewitter. Nicht direkt über Hirosaki, aber ich höre den Donner in einiger Entfernung. Wie kann das sein? Habe ich nicht vor etwa 15 Jahren in einem „Was ist Was“ Buch gelesen, dass es im Winter keine Gewitter geben könne, weil es dazu einer kalten und einer warmen Luftströmung bedarf? Wo sollte hier eine warme Luftströmung herkommen? Vielleicht irre ich mich auch, was die Information betrifft, und von den Feinheiten der Meteorologie habe ich schon gar keine Ahnung. Zumindest habe ich persönlich noch kein Gewitter im Winter erlebt.
Wir legen uns schließlich aufs Ohr und schlafen bis um Viertel vor Fünf am Nachmittag. Wir müssen anfangen, unsere Wäsche zu waschen und wir müssen Vorräte für die Feiertage kaufen, da wir ja aufgrund von „Augenzeugenberichten“ davon ausgehen müssen, dass wir drei Tage lang an nichts rankommen, ohne in einen teuren Konbini gehen zu müssen. Wir kaufen Nahrungsmittel und anderen täglichen Bedarf für 8317 Yen, so viel wie noch nie. Das sollte bis zum 05.01. reichen. Am Eingang des Supermarkts hängen allerdings Informationsschilder, die etwas anderes als die von den Augenzeugen angekündigte Mega-Urlaubszeit ankündigen… aber ich will die Bestätigung dessen selbst sehen. In drei Tagen ist es ja soweit.
Melanie möchte eigentlich Spaghetti mit Hackfleischsoße kochen, aber wir haben beim Einkaufen glorreicherweise die Tomatensoße vergessen. Also gehe ich um 19:40 noch einmal zum Beny Mart, um das nachzuholen. Es ist also schon um die acht Uhr, und die Sushi sind entsprechend billiger. Die 50 % Schilder lachen mich an. Vor allem, da ich Sushi in den letzten Tagen ein wenig vermisst habe. Da komme ich nach Tokyo und kriege kein Gramm Sushi zu Gesicht… dabei sagte Shizuka, dass Sushi sogar eine Spezialität in Tokyo sei. Wie dem auch sei, ich nehme eine große Packung und bin glücklich damit. Für Pakete dieser Größe (30 x 30 cm) gibt es eine besondere Verpackung, da die üblichen Plastiktüten zu klein sind, als dass man die Sushi, die ja belegt sind, aufrecht transportieren könnte. Die junge Frau an der Kasse legt also mit geschickten Händen los, mir ein Paket zu schnüren und sie macht das, für meine Begriffe, wirklich gut. Also denke ich mir, ich könnte ja was Nettes darüber sagen und sage, dass sie das schön mache. Jetzt hätte ich damit gerechnet, dass sie japanisch lächelt und leise und höflich „Danke“ sagt. Stattdessen lacht sie verlegen und wechselt die Gesichtsfarbe. Aber es scheint sie positiv zu berühren. Vielleicht wird mir das als die heutige gute Tat auf mein Karma angerechnet…
Und weil wir wegen Abwesenheit nicht dazu gekommen sind, sehen wir uns heute Abend die SailorMoon Episode vom Samstag an. Da scheint Bewegung in die Sache zu kommen… Kunzyte erscheint. Und zwar als sanfter junger Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und eine Vorliebe für weiße Rosen besitzt. Königin Beryll frischt sein Gedächtnis natürlich recht schnell auf, und er beginnt, Menschen in Yôma zu verwandeln, indem er ihnen einen Strang Haare um den Hals wickelt, über den die Dämonen in die Wirtskörper eindringen können. Die Haare von Kunzyte sind übrigens schwarz, und es ist sehr erholsam, ihn einmal nicht mit der (deutschen) Stimme von Al Bundy zu hören, wie das in der Animeserie der Fall war. Und als er dann Tuxedo Kamen und SailorMoon gegenübertritt, da dachte ich eigentlich, dass Mamoru das Opfer sein würde. Mamoru ist schließlich auch König Endymion und die Bösen wissen das (sofern Nephlyte das weitererzählt hat). Und wie einige unter meinen verehrten Lesern wissen, hat Mamoru alias Tuxedo Kamen in der Animeserie ja auf Betreiben der Bösen die Seiten gewechselt, und ich bin davon ausgegangen, dass genau das jetzt sofort in die Tat umgesetzt werden sollte. Aber nichts da! Mamoru kommt mit seiner Rettungsaktion einen Tick zu spät – und SailorMoon wechselt die Seiten! Darkmoon Rising? Das würde ich sehen wollen! Na ja, sie wird mit einem Haarstrang geschmückt und es scheint, dass nur ihre Sailor-Energie sie davor bewahrt, sofort zum Dämon zu werden.
In der nächsten Episode ziehen ihre Freundinnen los, um sie zu retten. Aus der Idee mit einer bösen SailorMoon (Ja! „DarkMoon“!) könnte man richtig was machen. Aber… aarghl!! Die nächste Episode kommt wegen der Feiertage um Neujahr erst am 10. Januar! So lange werde ich warten müssen. Die Spannung wird mich natürlich kaum zerreißen, aber ein Blick in das Fernsehprogramm vom 03.01. verrät mir, dass am Morgen keinerlei neujahrsrelevantes Sonderprogramm läuft, das es rechtfertigen würde, meine derzeitige Lieblingssendung ausfallen zu lassen! Das wurmt mich dabei dann doch ein wenig.
Ich höre mir am Abend die CD von Miyamura Yûko an, die ich in Tokyo gekauft habe. Hm… die CD ist vom Dezember 1996, das sollte vor „Shin Seiki Evangelion“, wo sie Asuka ihre Stimme lieh, gewesen sein. Ich mag ihre Stimme, wirklich. Aber ich frage mich ernsthaft, wer aus welchem Grund auch immer auf die Idee gekommen ist, die liebe Yûko singen zu lassen. Denn eigentlich kann sie das überhaupt nicht. Sie hat ein kräftiges, jugendliches Organ, und ich höre ihr gerne zu (weswegen ich die CD auch nicht mehr hergebe), aber „Singen“ ist was anderes.
Um 23:45 beende ich den Tag auch schon wieder und gehe schlafen. Morgen will noch mehr Wäsche gewaschen werden. Sofern die von heute dann trocken ist.
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