Samstag, 27.12.2003 – Back to Akihabara
Nachdem gestern mein zweites Notizbuch voll geworden ist, fange ich heute morgen ein neues an. Und in Tokyo herrscht noch immer strahlender Sonnenschein, auch wenn der Wind hin und wieder etwas kühler ist.
Nachdem ich gestern bereits Hiroyuki in Akihabara getroffen habe, fahre ich heute gleich noch einmal hin, um Shizuka zu treffen; an der gleichen Stelle vor dem Bahnhof, „Ausgang Electric City“. Das heißt, ich habe ihr gesagt, dass wir uns am „Denkigai Deguchi“ treffen sollten, aber es gab ein kleines Missverständnis. Ich war vor ihr da und ging nach draußen, damit sie mich sofort sehen würde, wenn sie den Bahnhof verließ. Sie kam ein paar Minuten später, blieb aber drinnen. Auf diese Art und Weise entstand leider eine Verzögerung von 15 Minuten (bis 14:15) und es war gut, ein Telefon zu haben. Ich beschrieb meine Umgebung, inklusive des heute aufgefahrenen Blutspendebusses, bis sie mich dann von hinten ansprach. Sie sieht noch genauso aus wie vor zwei Jahren, allerdings möchte ich behaupten, dass ihre Haare länger sind als zu der Zeit, als sie in Trier war. Und ihre Finger verbiegt sie immer noch auf abstrus-abenteuerliche Weise, als sei es die normalste Angelegenheit der Welt. Es schockt mich immer wieder. Ich gebe mich übertrieben entsetzt. „Hidoi!“ sagt sie und lacht. So bin ich.
Da ich noch nichts im Bauch habe, gehen wir was essen. Und weil mir kein besserer Platz einfällt, gehen wir in das chinesische Restaurant, wo ich bereits gestern Abend mit meinen vier Freunden gewesen bin. Ich esse eine Portion Ramen mit Krabben, und es ist gut, aber… ich möchte an dieser Stelle einschieben, dass ich in Hirosaki bessere Ramen bekomme als zumindest in diesem Restaurant. Ich will ja nicht pauschal die Ramensuppe von ganz Tokyo den Ramen in Hirosaki unterordnen.
Ich folge Shizuka also in einen Laden mit dem Namen „Asobitcity“. Ein Haus voll mit Spielen und allem, was dazugehört. Ich sehe es mir aber vorerst nicht genauer an. In diesem Kaufhaus befindet sich die von Stefan beschriebene Schießbahn. Der Laden hängt voll mit Modellen aller gängigen Handfeuerwaffen. Revolver, halbautomatische Pistolen, vollautomatische Maschinenpistolen, Sturmgewehre… sehr schön anzusehen, aber fotografieren ist hier verboten. Ach, was soll’s, ich habe ein „AirGun Magazin“, da sind genug Bilder drin.
Wir kaufen Munition und mieten 30 Minuten. Shizuka hat Stefans Pistolen mitgebracht, es handelt sich um eine Desert Eagle AE und eine Beretta. Glaube ich zumindest. Das letztere Modell habe ich mir nicht so genau gemerkt, da es die halbe Zeit nicht so wollte, wie ich, und ich daher lieber die Desert Eagle benutzt habe. Die Desert Eagle verfügt über einen eingebauten Rückstoßverstärker, und es ist schon irgendwo cool, das Stück zu benutzen. Shizuka hat außerdem eine eigene Spielwaffe mitgebracht. Sie hat eine eigene… ich finde das wirklich interessant, weil ich derartiges Spielzeug erfahrungsgemäß nicht den Interessen von Frauen zuordne.
Die Bahn ist 20 Meter lang, eine eigentlich lächerliche Entfernung, und die Zielscheiben werden mit einem elektrischen Seilzug auf die gewünschte Entfernung gebracht. Fünf Meter, zehn Meter, 15 Meter, 20 Meter. Die Zielscheiben sind in einen Rahmen eingespannte Papierblätter mit verschiedenen Aufdrucken, sei es eine große Zielscheibe, mehrere kleine oder aber das klassische Personenziel mit Zielscheibe in der Herzgegend.
Ich bin gleich ein zweites Mal überrascht, als ich feststelle, dass Shizuka herzlich wenig Ahnung von dem Umgang mit den Airguns hat. Da sie eine eigene mitgebracht hat, ging ich eigentlich davon aus, dass sie das schon öfter gemacht hat. Umgekehrt war sie der Meinung, dass ich wüsste, wie das alles funktioniert. Ich habe so was allerdings noch nie in der Hand gehabt. Na gut, dann gehen eben ein paar Minuten dafür drauf, herauszufinden, wie man das Gas nachfüllt, die Plastikbälle schnellstmöglich in das Magazin presst usw. Ist ja nicht weiter schlimm.
Das Geschehen entwickelt sich wie folgt: Das Gas verbraucht sich sehr schnell, und nach drei verschossenen Magazinen muss ich das Gas nachfüllen. Vielleicht mache ich beim Nachfüllen etwas falsch, aber auf jeden Fall ist mir die Angelegenheit viel zu stressig. Des weiteren ist das Nachladen mit diesen winzigen Kügelchen viel zu fummelig. Und wenn schon, hätte man die realistische Munitionsmenge für die entsprechenden Waffen einrichten sollen, also 15 für die Beretta und sieben für die Desert Eagle. Es passt zu viel rein, um realistisch zu sein, aber zu wenig, um so richtig auf Touren zu kommen… und da andauernd so viele Bällchen reinzustopfen… nein, nicht ich, Herr. Und zuletzt ist die Munition viel zu leicht. Auf 20 Meter kann man (bei Windstille im Laden) bereits um die Ecke schießen. Die Munition fliegt nicht dorthin, wo ich sie haben will, die Abweichungen nach oben, unten, links und rechts sind viel zu extrem. Ich möchte erwarten können, dass ich auf 25 Meter noch zielgenau schießen kann, wenn ich auch eine ruhige Situation als Grundlage nehme. Hier ist es ruhig (abgesehen von unserem Nachbarn, der eine vollautomatische Airgun ausprobiert), aber die Abweichung ist einfach immens.
Ich gebe definitiv meinen Plan auf, an einem Spiel in Japan aktiv teilzunehmen. Diese Airguns sind optisch ganz hervorragend realistisch gearbeitete Modelle, und sie machen sich in der Vitrine richtig gut, zum Ansehen und zum dran Herumspielen, wenn man mal wieder ein Rollenspiel in gemütlicher Runde im Keller laufen hat. Aber spielfeldtauglich nenne ich das nicht. Ergo: Ich bleibe beim Paintball. Mein Tank (12 Unzen Gas) reicht aus, um etwa 1000 Kugeln zu verschießen, das Nachladen ist einfacher, weil man die Munition einfach in den Loader schütten kann, anstatt sie einzeln reinzupressen, und es passen 200 Kugeln in den Loader. In meinen zumindest. Ich kann beim Paintball auch noch bequem auf 50 Meter jemanden aufs Korn nehmen. Diese Entfernung ist zwar bereits als „weit“ einzustufen, aber die Gefechtsentfernungen sind eh seltenst größer. Auf 20 Meter habe ich auf jeden Fall und ohne Probleme nur eine minimale Abweichung. Außerdem sehe ich mehr Spielspaß beim Paintball. Nicht zuletzt, weil bei Treffern die Farbe spritzt und man auch was von den Treffern spürt… und das Adrenalin spielt stärker mit.
Nach Ablauf der halben Stunde habe ich quasi allein gespielt, die Kosten aber fifty-fifty aufgeteilt. Natürlich ist das ungerecht, denn Shizuka hat die ganze Zeit nur nachgeladen und mir anderweitig geholfen. Also vereinbaren wir, dass wir eine weitere halbe Stunde mieten, wo Shizuka zum Zug kommen sollte und ich den Ladeschützen spiele. Leider steht hinter uns bereits der nächste Kunde, also müssen wir eine Weile warten. In diesem Zeitraum gehen wir in die CD Abteilung. Es gibt ja immer noch etwas Musik, die ich gerne hätte. Hier gibt es eine Option, die mir in Hirosaki sehr fehlt: Man kann an einem Computerterminal mit einem Touchscreen und mit Hilfe von Kopfhörern Lieder von CDs abrufen, um zu entscheiden, ob man diese oder jene CD auch kaufen möchte.
Ich höre in „Stop and Go“ von Ogata Megumi rein, während Shizuka die Lage an der Schießbahn überprüft, und beschließe umgehend, die CD zu kaufen. Megumis Gesangsleistung ist auf dieser Scheibe zwar ein wenig „trashig“, aber ich mag ihre Stimme. Und sie kann in der Tat singen, wenn sie will. Die CD beschäftigt sich mit dem aktuellen Weltgeschehen, und ich möchte annehmen, dass sie ihre Ablehnung der Umstände zum Ausdruck bringen will. Und wenn ich schon dabei bin, kaufe ich die „Love, Love, Manhattan“ Single der Band TOKIO, weil Melanie so sehr an dem Lied hängt und ich es ebenfalls nicht schlecht finde. Shizuka kommt schließlich zurück und sagt, dass die Bahn jetzt frei sei. Also noch einmal 30 Minuten. Und ich stelle fest, dass sie dabei mehr Spaß hat, als ich. Das sei ihr gegönnt. Wegen der gemachten Erfahrungen geht ja auch alles flotter.
Zuletzt machen wir einen Abstecher in die Buchabteilung. In der Ecke für „Shônen Ai“ ist ein Buch nicht zu übersehen: Von dem Umschlag springt mich ein Hakenkreuz an, diesmal ein „deutsches“, auf der entsprechenden rot-weißen Flagge, davor sitzen zwei laszive junge Männer in SS-Uniformen. Ich muss die Zusammenfassung auf dem Buchrücken nicht erst lesen, um zu wissen, um was es grob geht. „Shounen Ai“ bedeutet, dass es sich um Geschichten mit homosexuellen Inhalten handelt, und in diesem Fall… vor einem offensichtlichen historischen Hintergrund. Nach meinem Empfinden handelt es sich bei „Shônen Ai“ um einen Unterbegriff von „Yaoi“ – aber ich kann mich irren, da ich in diesem Bereich aus verständlichen Gründen ein Laie bin. Die aufgedruckte Zusammenfassung verrät mir allerdings, dass der Protagonist „Rolf Schwarz“ heißt. Ich fühle mich nicht sehr geehrt. Gleich doppelt angeschmiert. Dass der Held „Schwarz“ heißt, ist ja noch tolerierbar, aber „Rolf“? ich würde nicht so heißen wollen. Na denn prost.
Ein paar Meter weiter steht ein Regal mit eingeschweißten Fotoalben von „Idols“. Ein englischer Begriff, unter dem man in Japan hübsche junge Damen (und wohl auch Herren) versteht, die im Showbusiness tätig sind, meist Sängerinnen.[1] Diese Fotoalben sind im extremsten Fall „erotisch“ zu nennen, aber weniger als einen Badeanzug haben die Damen für gewöhnlich nicht an. Hier geht es in erster Linie um Ästhetik, in zweiter Linie um Frischfleisch. Zumindest offiziell. Und weil ich heute Mittag auf dem Weg in das Restaurant wegen einer Werbung eine entsprechende Bemerkung gemacht habe, zeigt Shizuka sofort auf einen bestimmten Band: „Nakama Yukie“. Aaaaah… die hübscheste Frau Japans (nach meiner bescheidenen Meinung), Jahrgang 1979. Kostenpunkt: 2500 Yen. Ich habe Interesse. Aber das Cover zeigt sie in einem Badeanzug. Das ändert meine Meinung. Wäre ich „normal“, hätte ich breit gegrinst und das Buch gekauft. Aber ich bin „seltsam“ und lasse es. Man mag meine Beweggründe, den Kauf zu unterlassen, naiv finden, und ich habe auch gar nichts dagegen, weil sie vermutlich naiv sind, aber ich habe von Nakama Yukie ein bestimmtes Image im Hinterkopf, und ich befürchte, dass der Inhalt mein Bild von ihr zerstören könnte, wenn ich das Buch ansehe. Nakama Yukie scheint mir eine sehr lebendige und selbstbewusste Person zu sein, und ich lege keinen Wert darauf, Bilder von ihr zu sehen, auf denen sie lasziv oder gar… (ja, wie eigentlich?) abgebildet ist Die englischen Begriffe „docile“ und „submissive“ gehen mir als Beschreibung der Darstellungsweise durch den Kopf. Vielleicht werde ich die Entscheidung irgendwann einmal bereuen, aber so ist das Leben.
Um 17:30 verabschiedet sich Shizuka plötzlich. Sie muss wegen einem Konzert um 18:30 in Shinjuku sein. Also sagen wir uns „Mata ne“, und in der Eile vergesse ich völlig, ein Bild von Ihr zu machen. Sie wird mir eines per Mail schicken müssen. Da ich jetzt auf mich allein gestellt bin und noch keinen Treffpunkt mit den anderen drei ausgemacht habe, beschließe ich, in Akihabara noch ein bisschen spazieren zu gehen. Vielleicht findet sich ja doch noch etwas, das mich interessiert, oder etwas, was sich verkaufen lässt (und gleichzeitig nicht wegen expliziten Inhalts gesperrt werden kann). Aber es findet sich nichts. Stattdessen laufe ich, und das ist kein Witz, zufällig Ronald, Ricci und Melanie über den Weg, die gerade aus Shibuya zurückgekommen sind und sich ebenfalls mehr oder weniger planlos einfach mal hier umsehen wollten. Na, dann muss ich mir ja keine Gedanken machen, wie ich gegebenenfalls zu einem wie auch immer gearteten Treffpunkt komme. Wir sehen uns gemeinsam noch ein wenig um, ohne etwas Bedeutendes zu kaufen oder zu sehen, abgesehen von den zwei Millionen Leuten, die einem auf der Straße Werbegeschenke in die Hand drücken, meist Taschentücher oder auch kleine Handtücher (weil japanische Toiletten in der Regel keine Handtücher bereitstellen). Einzig erwähnenswert ist mein Besuch bei einem der „au“ Werbestände. „au“ ist eine japanische Telekommunikationsfirma, man kann da also Verträge für Handys abschließen. Das interessiert mich natürlich überhaupt nicht – mich interessiert dieses große Stoffposter von etwa 1,50 m Höhe und 50 cm Breite, das die Person zeigt, die momentan der Werbeträger von „au“ ist: Nakama Yukie.
Leider kann das Poster weder verschenkt werden noch „auf seltsame Art und Weise verschwinden“. Die Mitarbeiter hier sind unbestechlich. Man teilt mir mit, dass ich warten müsse, bis die Werbekampagne ausgelaufen sei. Dann würden die Poster und all das irgendwie entsorgt und man könne ein solches Plakat bekommen. Hm… es gibt „au“ Geschäfte in Hirosaki…[2]
Kurze Zeit später fahren wir nach Odaiba zurück. Im „Daily Yamazaki“, das ist, wie ich schon angedeutet habe, einer der 24 Stunden am Tag geöffneten „Konbini“ Läden (wie auch „Circle K“, „Hotspar“ oder „Mini Stop“ und wie sie alle heißen), kaufe ich spontan eine Pappschachtel mit der Aufschrift „World Panzer Museum“, für 300 Yen. Der Aufdruck auf der Rückseite scheint auszusagen, dass es sich bei dem Inhalt um ein Panzermodell aus dem Zweiten Weltkrieg handelt, aber es ist dem Zufall überlassen, was für ein Typ enthalten ist. Kauft man mehrere, besteht also die Chance, dass man das selbe Modell erhält. Zu meiner großen Freude befindet sich in meiner Schachtel ein „Tiger“. Sieht ganz gut aus. Vielleicht werde ich irgendwann noch mehr von diesen Schachteln kaufen. Interessierte Freunde habe ich ja (bestimmt).
[1] Das trifft es aber nicht. Die japanische Industrie will ihre Idols multimedial über alle Sparten hinweg vermarkten, also kann man dieser Personengruppe nicht pauschal einen „Hauptberuf“ zuordnen. Die einen machen vielleicht mehr dies, die anderen mehr das, je nach Meinung der Marketingabteilung.
[2] Nach meinem Besuch der Filiale in Hirosaki einige Tage später musste ich allerdings erfahren, dass das Poster Teil einer Werbekampagne war, die sich auf den Raum Tokyo beschränkte.
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