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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. Januar 2024

Samstag, 24.01.2004 – Bye-bye, Angela

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Nach vier Stunden Schlaf wieder eine Episode „SailorMoon“. Während Naru und Ami wohl Freundinnen werden, fasst Usagi den Plan, Mamoru etwas zu schenken (ich glaube, es sind Plätzchen), nur um vor seiner Haustür festzustellen, dass er offenbar mit einer gleichaltrigen Frau ausgeht und verleugnet, Usagi zu kennen. Usagi ist darüber sehr unglücklich und so weiter und damit hat sich die heutige Handlungsweite auch eigentlich schon erschöpft. Für die nächste Episode wird ein Venus-Einsatz angekündigt, und aus den Bildern muss ich entnehmen, dass Minako wohl in dieser Interpretation dem christlichen Glauben anhängt, so inbrünstig, wie sie in der Kirche kniet.

Wir schlafen weiter bis Mittag. Dann gehe ich in die Bibliothek und schreibe alles Notwendige und Machbare. Um 17:00 gehe ich wieder nach Hause, esse, und wir machen uns fertig, mit Angela nach Nishihiro zu gehen, wo sie ihren Abschied feiern wird. Vor dem Circle K treffen wir Daniel und Nora, beide aus Rumänien, die mir bisher noch nicht bewusst über den Weg gelaufen sind. Ah so, Nora arbeitet an ihrem Doktor und ist selten an der Uni, während Daniel eigentlich gar nicht nach Hirosaki gehört, er besucht sie nur. Und der macht bitte was? Der Mann ist Professor für Mathematik! An der Universität von Tokyo… an der Tôdai! Ja, wenn’s weiter nichts ist… Die Tôdai steht zumindest in dem Ruf, dass dort nur Asse ihres Fachs beschäftigt werden.

Wir gehen zum „Sunkus“ (ebenfalls ein Konbini) in Nishihiro und warten auf weitere Leute. Angela verfährt ähnlich wie ich: Sie lädt nicht ein, sie kündigt nur „Veranstaltungen“ an, damit sich niemand schlecht vorkommen muss, weil er/sie einer Einladung, trotz Zusage vielleicht, nicht folgt, daher gibt es auch keine Einladung per definitione. Nach wenigen Minuten kommt David. Wie auch sonst immer hat er seine Querflöte in dem dazu passenden kleinen Koffer dabei. Wir wollen noch auf Paula und Irena warten. Ich unterhalte mich mit David über die kulturellen Vorteile einer Großstadt und die Eintönigkeit japanischer Popmusik. Und ich möchte von ihm wissen, warum er seine Flöte ständig mit sich herumtrage. Eine Art Schatz vielleicht? Er erinnere mich da deutlich an jemanden, der sich von seinem Laptop nicht trennen kann. David sagt, seine Mutter habe sie vor 20 Jahren für 2000 Pfund in England gekauft – oh, in Ordnung, das Ding ist ein Schatz. Und vor 20 Jahren waren 2000 Pfund wohl sogar noch einiges mehr wert als heute. Sein Vater ist übrigens Mexikaner, daher sein Familienname „Texeira“. David hat 15 Jahre in Mexiko gelebt, bevor er nach Neuseeland gekommen ist, vor nur sechs Jahren.

Irena und Paula kommen wohl nicht. Also gehen wir schon mal los und fallen vorerst zu fünft in dem ausgesuchten Lokal ein, dessen Namen ich mir (noch) nicht gemerkt habe. Ich erinnere mich nur, dass das Schild rot, die Schrift schwarz und der Laden recht klein war.[1] Rechts hinter dem Eingang steht ein Tisch, an den man vielleicht zehn Leute quetschen kann. Links hinter dem Eingang befinden sich, etwas erhöht, drei Tische in japanischer Art, also ohne Stühle, zum Knien. Direkt gegenüber vom Eingang, knapp zwei Meter davon entfernt (und diese Schätzung ist großzügig bemessen), befindet sich bereits die Theke. In der äußersten rechten Ecke befindet sich die Toilette und gegenüber davon der Eingang zur Küche. Wir platzieren uns um die japanischen Tische. Das begrüße ich zwar nicht, aber ich kann mit dem Rücken zur Wand und damit halbwegs bequem zu sitzen. Wir bestellen ein allgemeines Nomihôdai, das kostet hier 1500 Yen pro Nase, dafür kann man alles auf der Getränkeliste trinken, bis man umfällt. Aber es gibt ein Zeitlimit von 120 Minuten, die letzte Bestellung muss dann um 22:15 erfolgen. Wir fangen schon mal an und nach und nach treffen weitere Gäste ein: Valérie, Mélanie, Luba, Ramona, Dave mit seiner Freundin (aus der Mongolei), zwei Japanerinnen und ein Japaner, die mir nicht näher vorgestellt werden, und schließlich auch Alex, der wegen einer Prüfung für ein paar Tage aus Rumänien angereist ist. Den „richtigen“ Namen von Daves Freundin habe ich schon wieder vergessen. Das mongolische Original ist ein wahrer Zungenbrecher, also verbleiben wir bei der japanischen Interpretation „Oyuna“.

Bis auf David trinken wir auch alle ziemlich was – er sagt, er habe Alkohol versucht und nichts daran gefunden. Von daher bleibt er der Nüchterne, der zuletzt noch lacht. Die große Masse trinkt Bier, ich halte mich an warmen Nihonshû (das ist das, was der Ausländer „Sake“ nennt). Was Melanie (meins) und Ramona da trinken, heißt „Sour“ (also „Sauer“), und es handelt sich um eine Reihe von Fruchtsirup-Präparaten in poppigen Farben mit einem Anflug von Alkohol (und auch nur mit einem Anflug von Geschmack), von dem man überhaupt nichts mitbekommt. Wahrscheinlich deutlich weniger als 5 %.

Mit David und Daniel unterhalte ich mich über alles Mögliche, aber ich habe den größten Teil bereits wieder vergessen. Aus irgendeiner (alkoholisierten) Laune heraus frage ich Daniel, was „Irrationale Zahlen“ denn nun eigentlich seien. „Das willst Du gar nicht wissen…“ sagt er und lacht. Eigentlich hat er Recht. Aber: „Das sind Zahlen, die man nicht als Bruch ausdrücken kann, grob gesagt“, fährt er fort. „Zum Beispiel die Quadratwurzel von 2.“ Der Rest des Gesprächs versickert irgendwo zwischen Trommelfell und Gehirn.

Um 22:15 bestelle ich dann erst meinen vierten Pott Sake, aber ich werde nicht mehr ganz fertig. Auf einmal wird abgeräumt und es heißt, die Kneipe schließe jetzt. So früh???
Merke: Nomihôdai mit Zeitbegrenzung lohnt sich zumindest in diesem Lokal nicht. Ich glaube nicht, dass ein kleiner Krug Sake hier 400 Yen kosten kann. Die Zeitbegrenzung macht die Sache völlig hinfällig. Ich will von dem Zeug ja auch was haben, und der Genuss ist einfach nicht gegeben, wenn man sich den Reiswein einfach so in den Bauch schüttet, nur um das „All you can drink“ voll auszunutzen.

Wir ziehen also ab und suchen uns einen anderen Laden. In der Straße vor dem klitzekleinen Bahnhof von Nishihiro finden wir das „Skatt Land“ und kehren dort ein. Dort hängt ein Angebot aus, für 2500 Yen ein „Tabe-Nomihôdai“ zu machen, also Essen und Trinken so viel man kann, natürlich mit Zeitlimit. Ich frage mich ernsthaft, wie interessant dieses Angebot aus wirtschaftlicher Sicht ist. Aber ich kümmere mich nicht weiter um die Preise und folge der Herde bei der Order des Angebots für alle. Alex bestellt ein paar Pizzen (30 cm Durchmesser) und die sind gar nicht schlecht. Vor allem der starke Gebrauch von Käse kommt meinem Geschmack sehr entgegen. Zwei Stunden später haben wir auch das hinter uns und brechen auf, diesmal nach Hause.[2]

Es ist kalt, der Schnee auf der Straße ist festgefahren und die Bürgersteige sind ebenfalls spiegelglatt. Wir gehen zu Fuß, also Melanie, Angela und ich, in Richtung Nakano. Und Angela merkt man den Alkohol deutlich an. Dennoch geht sie recht flott, was mich hin- und herreißt zwischen dem Bedarf, auf Melanie zu warten, die nie sonderlich schnell geht, und der Notwendigkeit, nahe bei Angela zu bleiben, damit ihr in ihrem Zustand nichts (oder weniger) passiert. Melanie hat ihre Sinne noch weit besser zusammen als Angela, also entscheide ich mich für die zweite Option. Und Angela landet auch zweimal auf dem Boden, weil sie ausrutscht. Ich stelle sie jeweils wieder auf die Füße. Sie dürfte etwa 50 kg wiegen, keinesfalls mehr, stelle ich dabei unweigerlich fest. Dabei ist sie etwa so groß wie ich. Um 01:15 sind wir zuhause und können schlafen. Die Kleider werden wir morgen komplett waschen müssen… der Kneipengeruch ist sehr auffällig daran haften geblieben.


[1] Das Lokal heißt „Hattachi“ und schreibt sich wie „88“

[2] Das „Skatt Land“ war die einzige Kneipe, in der ich mich je wohl gefühlt habe. In Japan durfte bereits damals dort nicht geraucht werden. Leider hat das Lokal ein paar Jahre später dicht gemacht.