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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

7. Januar 2024

Mittwoch, 07.01.2004 – Law and Order in China

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Am Morgen verschwindet unser Wäscheberg endlich weitgehend. Hat auch lange genug gedauert, um die Auswirkungen unserer Reise nach Tokyo niederzukämpfen. Ich gehe zur Bibliothek und schreibe meine übliche Post. Misi meldet mir währenddessen, dass Paula uns alle eingeladen habe, ihren Geburtstag zu feiern. Aus nicht näher bekannten Gründen in seinem Apartment. Misi hat übrigens am 12.07.(1978) Geburtstag und füllt damit die Liste der Juligeborenen weiter.

Ich stelle auch weitere Artikel bei E-Bay ein, um auf diese Art und Weise mein deutsches Konto weiter mit Geld zu versorgen, vergesse darüber völlig, zum Frisör zu gehen und gehe am Abend mit Melanie gemeinsam nach Hause. Ich lasse mich von ihr dazu breitschlagen, einen Umweg über Nishihiro (Hirosaki West) zu gehen, weil sie noch im Animedia vorbeischauen will, wo wir unsere Weihnachtsgeschenke gekauft haben.

Wir gehen also zum ersten Mal nach fünf Uhr und nach Anbruch der Dunkelheit durch Nishihiro und es fällt uns somit zum ersten Mal auf, wie viele Restaurants und Kneipen es hier eigentlich gibt, die sich tagsüber hinter Rollos und unscheinbaren Wänden verbergen. Es gibt sehr viele Gelegenheiten, das eine oder andere auszuprobieren. Vor allem ist es ja gar nicht weit von unserer Haustür weg. Im Laden kauft Melanie schließlich ein paar „One Piece“ Buttons, die sie an ihrer Tasche befestigen möchte. Mich lacht ein „Utena“ Poster an, aber ich kaufe es nicht. Vermutlich werde ich es ganz sein lassen. Das Poster ist schön, aber… irgendwas fehlt ihm. Ich kann den Mangel auch nicht benennen. Für gewöhnlich würde ich darüber nachdenken, es zu kaufen, um es weiter zu verkaufen, aber der Transport von Postern… ich weiß nicht.

Der weitere Rückweg führt uns wie üblich am „kleinen Naisu Dô“ vorbei, und wenn wir schon dabei sind, können wir auch mal kurz reingehen. Ich hatte die Regale vor einigen Tagen bereits durchstöbert, war aber unschlüssig geblieben. Ich fand den Besuch damals auch nicht weiter erwähnenswert. Aber manche Gedanken reifen erst mit der Zeit. Also habe ich heute eine ungefähre Vorstellung von dem, was ich so brauche. Was ich aber erst heute entdecke, ist eine Luftpistole, die nach der HK MP-5 gestaltet wurde. Und das Ding soll nur 1500 Yen kosten? Das werde ich mir überlegen. Das Modell ist allerdings lediglich aus Plastik, und den Erklärungen des Verkäufers entnehme ich, dass das Ding irgendeinen Schaden hat.[1] Aber es wird sich bestimmt jemand finden, der bereit ist, einen Preis über 15 E dafür zu bezahlen… ich werde darüber nachdenken. Ich kaufe auf jeden Fall drei Manga für den „Export“ und einen für mich – einen Dôjinshi-Klassiker von 1993, für 500 Yen. „Mun-Mun-Moon“ heißt der Band, und ich bin mir sicher, dass ich den nicht mehr hergeben werde.[2]

Am Abend laufen im Fernsehen natürlich die üblichen eher uninteressanten Shows, aber ein Beitrag interessiert mich intuitiv. Es handelt sich um eine Sendung, die dem staunenden japanischen Publikum Beiträge vorführt, die von den Studiogästen dann mit offenem Mund und ungläubigen Gesichtern zur Kenntnis genommen werden. Meist handelt es sich um reinen journalistischen Müll, für den die BILD Zeitung vielleicht noch eine Ecke auf Seite 3 frei hätte.

Heute geht es um ein Geschehen in China. Das hat wohl mein Interesse erregt und ich sah davon ab, umzuschalten: Handlungsort ist Peking, vor einigen Jahren. Ein einheimischer Geschäftsmann, Ende Dreißig, nimmt sich ein Zimmer für eine Nacht in einem Mittelklassehotel. In dem Zimmer neben dem seinen übernachtet ein gerade frisch verheiratetes Paar. Da das Hotel nicht das Beste ist, gibt es in den einzelnen Zimmern keine Toiletten, diese befinden sich am Ende des Flurs. Die junge Ehefrau geht also mitten in der Nacht auf die Toilette, der Gang ist unbeleuchtet und sie kehrt, verschlafen und nicht sonderlich aufmerksam, in das falsche Zimmer zurück, zu dem Geschäftsmann. Aus dem, was sich in der Geschichte später noch so abspielt, muss ich (interpretierend) entnehmen, dass es wohl zu sexuellen Handlungen gekommen ist, die jener Geschäftsmann offenbar (im wahrsten Sinne des Wortes) stillschweigend hingenommen und als Serviceleistung des Hotels betrachtet hat. Das klingt wirklich unverkennbar nach BILD Zeitung. Aber es wird noch besser, und das reicht schon irgendwo an Rosamunde Pilcher heran.

Nachdem er am folgenden Morgen aufwacht, vermisst der Ehemann seine Frau und findet sie nebenan in einem fremden Bett, nachdem ihr ein Schrei des Entsetzens entwichen war. Zeterzeter, der Ehemann verständigt die Polizei. Die Polizei? Wie bitte? Ja, und so geht’s weiter: Der Geschäftsmann wird wegen Verführung einer verheirateten Frau zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Chinesen sind da offenbar knallhart. Bei der Frau wird außerdem eine Schwangerschaft festgestellt, worauf sie von ihrer Familie verstoßen wird (!) und fortan als einfache Akkordnäherin schuften muss. Aber damit nicht genug! Nach drei Jahren macht sie ihn ausfindig und besucht ihn im Gefängnis, um ihm mitzuteilen, dass er Vater eines Jungen geworden sei. Er scheint die Nachricht zumindest nicht negativ aufzufassen. Kurze Zeit darauf wird sie krank, verliert ihren Arbeitsplatz und muss umziehen, wovon der Mann im Gefängnis allerdings nichts erfährt. Er wird aus der Haft entlassen und findet wieder eine gut bezahlte Arbeit, aber die Frau findet er nicht mehr. Erst einige Jahre später trifft er sie zufällig in einer Nebenstraße in Peking wieder, wo sie mittlerweile als Autowäscherin ihr Dasein fristet und sich und ihren Sohn so vor dem Verhungern bewahrt. Natürlich heiraten die beiden und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Wie aus dem Kitschroman.[3]


[1]  Das Spielzeug hatte keinen Schaden, der Verkäufer wollte mir nur zu verstehen geben, dass die Ware ohne Munition (tama = Kugeln) verkauft wird.

[2]  Der Band wurde ziemlich genau 20 Jahre später weggeworfen. Es musste ja nicht sein, dass mein Sohn ihn findet, und ich hatte auch seit fast 20 Jahren nicht mehr reingesehen.

[3]  Das ist so abstrus wie die BILD-Geschichte von dem Mann, dem nach dem Pinkeln die Toilette um die Ohren fliegt, weil seine Frau nach einer Reinigungsaktion terpentingetränkte Lappen hineingeworfen hat: Er trägt Verbrennungen an seinen edlen Teilen davon, und dann lassen ihn die Sanitäter auch noch vor Lachen auf der Treppe fallen, als sie die Geschichte hören, und der Mann bricht sich dabei auch noch ein Bein. In einer Alternativversion fliegt ein Kugelblitz durch das offene Fenster, zwischen seinen Oberschenkeln hindurch und explodiert in der Kloschüssel. BILD am SONNTAG, Ende der 1980er.