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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

3. Januar 2024

Samstag, 03.01.2004 – Punkte sammeln

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 9:22

Nach dem Aufstehen arbeiten wir unseren Wäscheberg weiter ab und machen uns gegen 15:00 auf den Weg nach Osten – zum Book Off und ins Kaufhaus „Sakurano“. Das heißt, wir schaffen es noch bis zum Book Off – das Sakurano verschwindet unauffällig hinter der Suchaktion nach Schnäppchen in dem Second Hand Laden. Im Book Off läuft heute außerdem eine Aktion wegen Neujahr, „Hatsu-uri“, „Erster Verkauf (des Jahres)“, nennt sich das und wird in so ziemlich allen bedeutenden Kaufhäusern und Läden durchgeführt. Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht von einem Schrein zum anderen getingelt, sondern hätte mich nach Sonderangeboten umgesehen. Die Schreine laufen mir nicht weg, die Neujahrsangebote schon. Aber was soll’s? Ich kümmere mich um das Hier und Jetzt. Die Verkaufsaktion im Laden wird lautlich untermalt von… markiger Marschmusik!? Immer wieder das gleiche Stück, stundenlang. Ich mag Marschmusik, und ich finde auch das laufende Stück gar nicht schlecht, aber diese Tretmühle ist wirklich anstrengend… ich tue also mein Bestes, nicht weiter hinzuhören.

Ich gehe zuerst die Regale mit den DVDs durch und ich bin geschockt. Es zeigt sich, dass es billiger ist, die Anime DVDs in Deutschland im Laden zu kaufen oder in den USA zu bestellen, als sie im Ursprungsland gebraucht zu kaufen! Nee, ohne mich. So nötig habe ich es dann doch nicht. Aber mehrere Soundtracks finden meinen Gefallen und ich verlasse 7040 Yen ärmer und neun CDs reicher den Laden. Und weil heute ja noch Sonderverkaufstag ist, bekomme ich pro 1000 Yen ein Los gutgeschrieben, mit dem man verschiedene Sachen gewinnen kann… u.a. ein Mountainbike, ein Urlaub in einem Ryôkan mit Onsen (= eine japanische Pension mit heißen Quellen zum Baden), eine Digitalkamera oder eine Soundanlage von SONY. Ich trage also meine Daten ein, mache meine Kreuzchen an den gewünschten Preisen und werfe das Los in die Trommel. Die Losaktion findet landesweit in allen Book Off Läden statt, also mache ich mir nicht die geringsten Hoffnungen auf einen Preis. Was wir auf jeden Fall bekommen, sind je eine echt stabile Stofftüte mit „Book Off“ Aufdruck und zwei Tüten Kartoffelchips.

Das Rabattsystem lädt immer wieder zum Einkaufen ein. Fünf Prozent des Warenwertes werden als Bonuspunkte gutgeschrieben und jeder Punkt gibt einen Abzug von 1 Yen auf den nächsten Einkauf, wenn man den Bonusgutschein vorlegt. Meiner Meinung nach ist dieses System verlockender, als wenn man die 5 % einfach vom Kaufpreis subtrahiert. Man erhält den Rabatt nämlich nur, wenn man noch einmal hingeht und was kauft.

Draußen ist es bereits dunkel. Wir vergessen deshalb die Idee mit dem Sakurano wieder und fahren nach Hause.

Zum Schluss noch ein Wort an alle, die auch in Japan den Genuss von Milch nicht vermissen wollen: Vom Kauf der Marke „Teishibô Gyûnyû“ möchte ich dringend abraten. Der Geschmack mag relativ normal erscheinen, aber die Milch riecht wie ein Betriebsunfall bei BASF. Ich rate dazu, möglichst fette Milch zu trinken. Melanie und ich sind hängen geblieben bei Milch der Firma „Morinaga“, die u.a. ganz leicht an dem Aufdruck „4.0 %“ zu erkennen ist. Ja, diese Milch hat tatsächlich vier Prozent Fettgehalt. Und sie schmeckt ganz hervorragend, vergleichbar mit der „Bärenmarke“ Milch in Deutschland. Der Geruch ist immer noch nicht ganz das Wahre, aber deutlich besser als bei dem „Billigprodukt“.

Und vielleicht sollte ich bei dieser Gelegenheit den Begriff „Billigprodukt“ in Bezug auf Milch näher definieren. Die billige Milch, die ich keinem empfehlen möchte, kostet 148 Yen pro Liter. Das sind derzeit etwa 1,10 E. Die Morinaga Milch kostet pro Liter gleich 198 Yen, also ca. 1,50 E. Das würde ich teuer nennen, bedenkt man, was Milch in Europa so kostet. Ich kann auf Milch voll und ganz verzichten, bis auf die ein oder zwei Liter, die ich pro Jahr so trinke. Aber Melanie ist eine leidenschaftliche Kakaotrinkerin, die es sich, angestachelt durch die Tatsache, dass man hier „Nesquik“ kaufen kann, nicht entgehen lässt, immer einen Liter im Kühlschrank stehen zu haben. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass die Milch bereits einige Tage vor Erreichen des Haltbarkeitsdatums reduziert wird. Es ist also keine Seltenheit, die Morinaga schon für 148 bis 168 Yen zu bekommen.

Freitag, 02.01.2004 – On the Road again

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Sport — 42317 @ 9:15

Spätes Aufstehen verkürzt unsere möglichen Ausflugszeiten ganz erheblich. Wir wollen (sie will) einen weiteren Schrein besuchen, außerdem war im Fernsehen nach unserer Interpretation die Rede von einer Festveranstaltung im Schlosspark. Wir fahren also dorthin und durchsuchen den Park, finden aber nichts. Am Abend werden wir herausfinden, dass es sich bei der Ankündigung im Fernsehen um Werbung für eine Sendung gehandelt hat, die heute ausgestrahlt (d.h. vor wenigen Tagen aufgenommen) wurde, und nicht für eine aktuelle Veranstaltung.

Der Schrein, den wir ansteuern, ist klein, das heißt nicht nur das Gebäude an sich, sondern auch was das Gelände betrifft. Aber der Spielplatz daneben ist sehr geräumig. Melanie urteilt, dass die Mamori, die Talismane, die es hier zu kaufen gibt, sehr schön seien und lässt es sich natürlich nicht entgehen, einen davon zu kaufen. Eigentlich habe ich nicht vor, mir ein Exemplar zuzulegen, weil ich an derlei Dinge nicht glaube, aber wenn ich schon im Lande bin, kann ich ja dennoch ein wenig Geld darin investieren, um überhaupt einen solchen Talisman zu haben – Japanologie verpflichtet. Aber nicht heute.

Von dem Spielplatz aus hat man einen schönen Ausblick auf den Nordwesten der Stadt. Am Abhang des Hügels steht ein Hinweisschild, auf dem Ash Ketchum warnt, „nicht zu nah!“ an den steilen Abhang heranzutreten. Zu jeder anderen Jahreszeit (als Winter) ist es bestimmt schön hier oben, aber die blattlosen Büsche und Bäume sehen zusammen mit dem tristen Wetter wirklich traurig aus.

Wir fahren ins Ito Yôkadô, um für Ricci das von ihr gewünschte Stofftier zu kaufen. Leider ist es in der gewünschten Größe nicht mehr vorhanden, also muss ein kleineres Exemplar ausreichen. Das nächstgrößere ist ein wenig teuer. Wir fahren nach Hause. Melanie will auf dem Weg zurück noch bei Ricci anrufen, und weil das von meinem „passiven“ Telefon aus nicht geht, suchen und finden wir eine Telefonzelle, vor einem der zahlreichen kleinen Krankenhäuser der Stadt. Meine Blase drückt seit geraumer Zeit, und weil es inzwischen dringend wird, will ich die Gelegenheit nutzen, um in dem Krankenhaus eine Toilette aufzusuchen. Aber der Eingang ist verschlossen. Ich setze mich also auf mein Fahrrad, um nach Hause zu fahren, bevor ich gezwungen bin, in einem Schatten an der Hauswand zu verschwinden. Melanie hat was dagegen – ich solle auf sie warten und mich gefälligst nicht so anstellen. Da hat mein Hebel im Kopf mal wieder „klick“ gemacht und ich bin losgefahren. Und das schnell. Wie kommt sie eigentlich auf die Idee, mir zu sagen, wann ich nach Hause fahren kann und wann nicht? Ich glaub, mein Schwein pfeift! Ich bin alt genug, um das nach Dringlichkeit zu entscheiden. Das lasse ich mir doch nicht verbieten, nur, weil Melanie offenbar der Meinung ist, ich sei irgendwo an ihr festgewachsen oder umgekehrt… vor allem will ich gar nicht wissen, wie viel Strafe man hierzulande so fürs Urinieren in der Öffentlichkeit zahlt. Aber mit sinkendem Druck steigt dann aber auch meine Laune wieder und ich nehme ihr das nicht weiter übel.

Das Packpapier (um das Stofftier) des Kaufhauses werfen wir zuhause umgehend in den tiefsten Müllsack den wir haben, weil das Zeug nach angebranntem Plastik stinkt. Widerlich.

Am Abend kommt eine weitere interessante Sportsendung. Interessant deshalb, weil sie reichlich verrückt ist. Aber die Ideen gefallen mir. Da ist z.B. ein Japaner namens Noritake, offenbar ein Entertainer aus dem japanischen Privatfernsehen, und er tritt, unterstützt von einem ebenfalls japanischen Torwart, gegen Oliver Kahn im Elfmeterschießen und im „Shoot Out“ an. Im Olympiastadion in München.
„Shoot Out“ bedeutet, dass man ab der 16-Meter-Linie in Richtung Tor zu dribbeln beginnt und fünf Sekunden Zeit hat, den Tormann zu umspielen und den Ball wegzutreten. Ins Tor natürlich.
Kahn gewinnt das Elfmeterschießen und Noritake das Shoot Out. Am Schluss folgt dann also noch einmal ein Elfmeterschießen, um den Sieger zu bestimmen. Kahn gewinnt, weil Noritake einen Ball an die Latte pfeffert. Kahn tat hier wohl auch sein Bestes, um seinem (japanischen) Image als beinharter „Fußballkämpfer“ gerecht zu werden. Sein Gesicht ist wie gemacht dafür, brutal auszusehen. Und offenbar erregte der Wettstreit auch in Deutschland genügend Aufmerksamkeit: Man sieht die Sportseite der BILD Zeitung, wo ein Bericht und ein großes Foto des Ereignisses dargestellt sind.

Der nächste Wettkampf ist so seltsam, dass man meinen könnte, dass nur Japaner auf eine solche Idee kommen können. Die sportliche Grundlage ist Golf. An einer vorgegebenen Linie werden nur Abschläge gemacht, während 250 Yards weiter, im Zielgebiet quasi, eine Gruppe von Baseballveteranen Aufstellung genommen hat, deren Aufgabe es nun ist, die eintreffenden Bälle zu fangen. Wer die meisten Bälle fängt, gewinnt.
Weiterhin gibt es ein Spiel gegen die Uhr. Es werden zwei Teams gebildet, zu je drei Mann; das Zeitlimit liegt bei zwei Minuten. Spieler 1 schlägt den Ball 250 Yards weit etwa dahin, wo Spieler 2 steht, und rennt los. Spieler 2 schlägt den Ball weitere 250 Yards weit zu Spieler 3, dessen Aufgabe es ist, den Ball über eine immer noch recht weite Strecke möglichst nah an das Loch heranzubringen, während Spieler 1 den Ball einlochen soll – nach einem Lauf von mehr als 500 Metern in dieser kurzen Zeit. Die Sieger erreichen das Ziel in 1:53 Minuten, während die Verlierer mehr als zwei Minuten brauchen, weil der Schlag von Spieler 2 völlig abseits gelandet war.

Donnerstag, 01.01.2004 – Affentanz?

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Sport — 42317 @ 9:05

Das Jahr des Affen hat also heute offiziell begonnen und Melanie fühlt sich so lebendig, dass sie für heute eine Tour vorbei an mehreren Schreinen der Stadt geplant hat. Die Straßen sind frei, also kann man bedenkenlos mit den Rad fahren. Zunächst ist der Himmel allerdings bewölkt. Zehn Minuten nach Abfahrt scheint dann aber die Sonne trübe durch die Wolkendecke, nur um fünf Minuten darauf wieder zu verschwinden, um einer eiskalten Portion Schneeregen Platz zu machen. Ich freue mich tierisch über diese Entwicklung. Hoffentlich bleibt das Wetter nicht so, sonst passiert es noch, dass ich die Schreintour äußerst unangenehm in Erinnerung behalten werde.

Wir kommen an der Hauptpost vorbei, und dort offenbart sich uns ein besonderes Phänomen japanischer Dienstleistungen, und ich brauche ein paar Minuten, bis ich begriffen habe, was ich da eigentlich sehe. Da stehen zwei Herren im Dienstanzug am Straßenrand, bewaffnet mit einer großen Plastikkiste und einem noch größeren Postsack. Alle paar Sekunden hält ein Wagen, das Beifahrerfenster wird geöffnet und die Person in dem Auto übergibt ein dickes Bündel von Briefen oder Postkarten, die sofort in dem Postsack verschwinden. Dann fährt das Auto weiter, um dem nächsten Platz zu machen. Alle paar Sekunden hält ein Fahrer am Straßenrand, um Post loszuwerden.
Natürlich wird hier keine gewöhnliche Post weitergereicht. Ein „Post Drive-In“ wäre zwar ein interessantes Konzept, aber ein bisschen extravagant, denke ich. Nein, hier geht es um Grußkarten zu Neujahr. Japaner versenden unglaubliche Mengen an Neujahrsgrüßen, und ich nehme an, dass es den Rahmen der Postämter sprengen würde, wenn jeder, der Karten verschicken will, versucht, in der Nähe des Schaltergebäudes einen Parkplatz zu finden. Und wie es hier zugeht, würde es zu ernsthaften Staus im Stadtgebiet kommen, wenn jeder Absender anhalten und aussteigen müsste, um den Briefkasten aufzusuchen. Also ist diese Sammelaktion eine wirklich gute Idee. Und das Interesse ist groß. In Deutschland reicht noch nicht einmal die Weihnachtspost aus, um eine solche Dienstleistungsmaßnahme zu rechtfertigen.

Während wir noch staunend an der Straßenecke stehen und entsprechende Fotos machen, hört auch der Schneeregen wieder auf. Das beruhigt meine Nerven doch sehr. Die Sonne setzt sich wieder durch. Wir fahren die Hauptstraße in Richtung Norden entlang, ein Stück zu weit, wie wir bald feststellen, aber das tut unserer Sache keinen Abbruch, weil auf Melanies Plan so ziemlich alle Schreine im Nordosten Hirosakis stehen, also biegen wir die nächste Straße ein und fangen beim Hachiman-Schrein an, nach dem auch gleich das Stadtviertel benannt wurde. Für hiesige (= ländliche) Verhältnisse ist am Schrein die Hölle los, wenn ich mir diesen paradoxen Vergleich erlauben darf. Hier sieht es nicht anders aus als vor dem Tempel und dem Schrein gestern Nacht. Da steht eine Schlange von mehr als 50 Metern Länge und etwas mehr als zwei Metern Breite, und alle diese Leute warten darauf, ihr erstes Gebet des neuen Jahres sprechen zu können.
Jetzt muss man natürlich nicht annehmen, dass Japaner unheimlich religiös seien. Ich wage zu behaupten, dass Religion, sei es Shintô oder Buddhismus, zwar tief in der Kultur verwurzelt ist, aber in dem Bewusstsein der Menschen nur sehr oberflächlich vorhanden ist. Ich behaupte, die sind alle eher deshalb hier, „weil man das an Neujahr halt so macht.“ Die Schlange ist, verglichen mit dem Weg, schmal genug, um bequem daran vorbeigehen zu können, wenn man, wie wir beide, einfach nur mal schauen will, was hier so abgeht.
Wie jeder andere japanische Schrein verkauft auch dieser hier eine größere Anzahl von Talismanen für verschiedene Angelegenheiten; in erster Linie, wie schon der Meji-Schrein, für Gesundheit, Liebe, Reisen und natürlich Prüfungen jeder Art. Und wo ich schon von verkaufen, bzw. Verkäuferinnen spreche: hübsche junge Damen in rotweißer Tracht! Seien es nun „echte“ Tempeldienerinnen („Miko“) oder Schülerinnen/Studentinnen, die hier nebenher jobben – ich glaube, ich komme im Sommer noch mal her. Ich kann doch nicht nach Japan kommen, ohne ein Bild von einer Miko zu machen…

Wir wollen auch noch andere Schreine abklappern, und auf dem Weg zu den Fahrrädern kaufen wir „Yaki-imo“ = geröstete Süßkartoffeln. Und solch seltsame Kartoffeln habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen. Die schmecken gar nicht nach Kartoffeln, und eigentlich habe ich den Verdacht, dass man diese länglichen Kartoffeln eine Woche lang in Zuckerwasser oder Honig einlegt, bevor man sie röstet. Aber die Dinger schmecken wohl tatsächlich so… gar nicht schlecht.[1] Ansonsten gibt es auch hier glasierte Bananen; und große Fleischspieße – für 400 Yen? Ich bin doch nicht meschugge… an den Dingern ist vielleicht so viel Fleisch dran, wie an zwei „normalen“ Spießen, und zwei Spieße kosten mich an der Bratbude auf dem Nachhauseweg gerade mal 140 Yen. Nee, Ihr dürft die hier ruhig behalten.

An den anderen Schreinen ist bedeutend weniger los. Weniger Leute bedeuten niedrigere Preise. Und natürlich wird der Tag nicht jünger, die meisten Leute dürften also bereits fertig sein mit ihrem Neujahrsritual. Und man merkt, dass bald die Dunkelheit hereinbrechen wird. Ich bin auch ganz froh, irgendwann wieder zuhause zu sein. Es ist mir doch zu kühl, um stundenlang mit dem Rad in der Gegend rumzugondeln, vor allem wenn ich wegen Melanie so langsam fahren muss, dass mir davon nicht warm wird.

Wir sehen uns am Abend dann eine Art Sportsendung an. „Wer ist der stärkste Mann?“ heißt die. Eine Reihe von Freizeit- und Profisportlern – und wohl auch „Profikörperkultisten“, so möchte ich sie mal nennen – treten gegeneinander in verschiedenen Disziplinen an. Die Disziplinen sind recht ausgewogen, es geht mal um Kraft, mal Technik, Ausdauer oder Geschicklichkeit. Wie es scheint, handelt es sich bei allen Teilnehmern um bekannte Gesichter aus der japanischen Sportpresse, und zum Teil auch aus dem Werbefernsehen, wie zum Beispiel ein gewisser Kane (engl. Lesung wie „Cain“) Kosugi, der hier in der Show einen weitaus weniger sympathischen Eindruck macht als in der lustigen Currywerbung, in der er auftritt. Ansonsten sind da ein Turner, ein Rugbyspieler, zwei Footballspieler, ein Baseballspieler (alle diese Leute sind Japaner), und als besondere Gäste sind unter anderem der amerikanische Kraftsportler Bob Sapp und der japanische Yokozuna Akebono Tarô dabei, der mit seinem Bart um den Mund und dem Ring am Öhrläppchen so richtig normal aussieht. Abgesehen davon, dass er 203 cm groß ist und 200 kg wiegt. Man sieht ihm die Größe wegen seiner Breite nur nicht so an. Von Bob Sapp hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört, bevor ich nach Japan gekommen bin. Hier ist er im öffentlichen Bewusstsein allgegenwärtig, als Werbeträger auf Plakaten, im Fernsehen, in den Kaufhäusern und so weiter. Es handelt sich dabei um einen riesigen Afroamerikaner von zwei Metern Größe und 170 kg reiner Muskelmasse.

Zu den Disziplinen: Da wäre zum Beispiel eine Disziplin mit der Bezeichnung „Gallon Throw“. Wer an der Reihe ist, nimmt ein mit Haltegriffen versehenes kleines Fass von 10 kg Masse aus der Halterung und nimmt Ausgangsposition ein, mit dem Rücken zu einer aufgestellten Wand. Ziel des Spiels ist, das Fass mit beiden Händen über den Kopf hinweg über diese Wand hinter sich zu schleudern. Das Spiel beginnt bei fünf Metern und die Höhe steigert sich in jedem Durchgang um 25 cm. Der Rugbyspieler gewinnt schließlich mit einer Wurfhöhe von 5,75 Metern. Akebono nimmt ebenfalls daran teil. Bob Sapp scheint sich hier zurückzuhalten.[2]

Als kleines Intermezzo werfen auch ein paar andere Gäste. Es handelt sich bei diesen um eine Handvoll Sportler, die offenbar alle irgendwann eine Goldmedaille im Hammerwerfen gewonnen haben. Es treten an (ich habe die Namen nicht alle notiert) ein Amerikaner, ein Weißrusse, ein Slowene, ein Ungar, ein Japaner und ein Russe namens Ilya Konowarow (das zumindest entnehme ich der jap. Schreibung seines Namens auf dem Bildschirm), der aussieht wie eine „Power-Version“ von Volker Greimann – in erster Linie wegen der Frisur und der Brille, aber auch die Gesichtskonturen finde ich sehr ähnlich. Leider sehe ich mich nicht in der Lage, ein Bild aufzutreiben, das diese Aussage auch untermauern könnte. Aber gut – die Jungs hier fangen bei sechs Metern Höhe überhaupt erst an und steigern in Schritten von 50 cm.
Der Japaner gewinnt den Durchgang mit 7,50 m, aber er will den Vorjahresrekord des Amerikaners (7,75 cm) schlagen und lässt 7,80 m einstellen. Er schafft sie und steigert auf acht Meter. Auch die schafft er. Und er ist klug genug, an dieser Stelle aufzuhören.

Bob Sapp nimmt an einer Disziplin teil, die „Spin Off“ heißt. Das Spielfeld ist etwa 5 x 5 Meter groß und in zwei Dreiecke aufgeteilt, eine rote und eine blaue Hälfte. In der Mitte liegt eine Kugel von 1,50 Meter Durchmesser, aus einer Art Plastik, mit einem Gewicht von einem Zentner. Aufgabe ist nun, die Kugel aus der Spielfeldhälfte des Gegners herauszurollen, also von der Matte herunter. Das Los entscheidet, wer gegen wen antritt, und es stellt sich heraus, dass „sugoi“ („super“, „toll“) offenbar das einzige Wort ist, das der gute Bob auf Japanisch beherrscht. Er zieht die Nummer „9“ und eine Stimme hinter der Kamera sagt „kyû“, was er dann wiederholt.
Wie ich bereits sagte, ist Bob Sapp ein reiner Muskelberg von zwei Metern Höhe und einem Kampfgewicht von 170 kg. Ein ehemaliger Footballspieler, wie er angibt. Der ihm zugeteilte Gegner ist, äh, 165 cm groß und 68 kg schwer. Es ist nicht schwer zu raten, wer diesen Zweikampf gewinnt… Sapp gewinnt überdies die Disziplin als Ganzes, und nur der schmale, aber blitzschnelle Turner hätte ihn beinahe den Sieg gekostet.

Ansonsten gibt es u.a. Bockspringen, ab 150 cm bis auf drei Meter Höhe, was natürlich allein der leichte Turner schafft, während sich die Footballspieler als zu schwer erweisen, um sich in solche Höhen zu schwingen.
Das LKW-Ziehen gewinnt der Footballspieler Kawaguchi, der ein bisschen aussieht, als sei er der ältere Bruder des Autors Mishima Yukio. Der zweite Footballspieler unter den Teilnehmern, Satomi Kôhei, kommt übrigens aus dem gleichen Team wie Kawaguchi, ist aber ein oder zwei Jahre jünger. Kôhei ist also ein Kôhai. Das kann als „Japanologenwitz“ durchgehen.
Der jüngere Footballspieler ist dann derjenige, der den „Flag Catcher“ Wettbewerb gewinnt. Man legt sich flach bäuchlings auf den Boden, Blick weg vom Ziel, springt auf Signal auf, sprintet zehn Meter, stürzt sich in eine Grube voll mit Styroporflocken und „reißt“ eine der angebrachten Fahnen an sich. Es ist immer eine Flagge weniger als Sportler vorhanden sind, bis nur noch einer übrigbleibt. Wieder scheitert der Turner erst in einer Finalausscheidung.

Satomi gewinnt auch den „Gunshot Drop“. Der Bewerber rennt los, etwa zwei Meter weiter befindet sich am Rand der Sprintstrecke eine Apparatur, wo man im Vorbeirennen auf einen Schalter schlagen muss. Dieser Schalter löst einen Mechanismus an der Decke der Halle aus, der einen Ball senkrecht nach unten fallen lässt und Ziel der Sache ist es, den Ball zu berühren, bevor er auf die Matte aufschlägt. Start ist bei einer Strecke von zwölf Metern, und bei 13 m bleibt nur noch Satomi übrig – was mich ein wenig wundert, weil er ja ein recht massiger Footballspieler ist. Hier hätte ich erwartet, dass der windschnittige Turner gewinnt.

Interessant ist auch der Wettkampf, in dem zwei der Sportler, deren Gewicht möglichst übereinstimmen muss, mit einem flexiblen Seil verbunden sind und in entgegengesetzten Richtungen loslaufen, um am Ende ihrer Laufmatten den „Siegerschalter“ zu drücken. Die maximale Dehnbarkeit des Seils ist natürlich an einem Punkt erschöpft, wo man mit ausgestrecktem Arm noch etwa 50 cm bis zum Schalter hat. Man muss also schnell laufen und sich im richtigen Moment hinwerfen, um Halt auf der Matte zu erhalten, sonst wird man vom Gegner umgerissen und verliert. Landen beide gleichzeitig, kommt es darauf an, wer mehr Ausdauer dafür aufbringt, sich langsam vorwärts zu arbeiten und den entsprechenden Versuchen des Gegners entgegenzuwirken. Wenn man den Arm zu kühn ausstreckt, kann es ebenfalls sein, dass man vom Gegner umgerissen wird. Hier gewinnt Kawaguchi. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Sendung, wie es heißt, an der er offenbar schon mehrfach teilgenommen hat.

Sehr interessant eigentlich. Es würde mir durchaus Spaß machen, die eine oder andere Disziplin selbst einmal auszuprobieren.


[1] Kartoffeln („Solanum tuberosum“) und so genannte Süßkartoffeln („Ipomoea batatas“) sind auch nur entfernt verwandte Gewächse, aus der Ordnung der Nachtschattenartigen.

[2]   In einer kurzen Einblendung zu Beginn einer Werbepause sieht man Bob Sapp das Fass werfen: Es fliegt auf auf und davon, weit über das Gestell hinaus. Vielleicht hat man Bob nicht teilnehmen lassen, um für mehr Spannung zu sorgen.