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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

5. Januar 2024

Montag, 05.01.2004 – Wiedereröffnung

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Das Center öffnet ab heute nach der Weihnachtspause wieder seine Pforten, also lasse ich mich nicht zweimal bitten. Immerhin hat mein Newsletter schon genug Urlaubstage gesehen. Die Monbusho-Stipendiaten (das schließt Melanie ein) sollen erscheinen, um den Empfang ihrer Zuwendungen zu quittieren.

Natürlich sind wir auch sehr gespannt, wie viel (elektronische) Post uns so über Weihnachten erreicht hat, und wir sehen uns sehr unterschiedlichen Ergebnissen gegenüber. Meine Mailbox zeigt einen Inhalt von 42 Mails an, die seit dem 22. Dezember eingetroffen sind. 27 davon sind reiner Spam und vier weitere sind ebenfalls eher überflüssig, wie z.B. der GMX Newsletter. Macht immerhin 11 Mails von mir bekannten Personen. Melanie dagegen hat noch nicht einmal ein halbes Dutzend Nachrichten erhalten. Das wundert mich doch sehr, bedenkt man, wie viele Mühen sie auf sich nimmt, um allen möglichen Leuten Post zu schreiben, also „materielle“ Post, echte Briefe aus Papier mit Briefmarke und Poststempel, nicht nur elektronische Mails. Ich bedauere sie.

Von Ricci ist zu hören, dass Februar in der Tat der letzte Monat sei, in dem es Ronald noch möglich sein werde, nach Hirosaki zu kommen, um uns zu besuchen. Also noch mitten im Winter. Ich hatte darauf spekuliert, dass sich dieser Besuch in den März verlagern ließe, um mehr von der schönen Umgebung in Hirosaki zu haben, die man unter der Schneedecke bestenfalls erahnen kann. Außerdem ist im Winter hier oben im Norden noch weniger los als im Sommer. Ich gehe also mit Melanie zur Touristeninformation am Rande des Schlossparks, gegenüber vom Rathaus, um in Erfahrung zu bringen, was man hier so machen kann über die kalten Tage. Wie erwartet, ist das Angebot recht spärlich.

Im Erdgeschoss, wo man die Informationsstelle findet, befindet sich auch ein Souvenirladen für Mitbringsel aus lokaler Produktion und einer dieser „Megalampignons“, wie sie zum Neputa-Fest in Massen durch die Gegend gezogen werden. Es handelt sich um einen gigantischen Lampenschirm, in diesem Fall ca. drei Meter hoch und ebenso lang, ein mit Reispapier bespanntes Gestell aus Draht und Holz in Form einer Kampfszene. Ich bedauere, meine Kamera nicht mitgenommen zu haben. Ach ja, ich vergaß: Es kommt ja noch hinzu, dass ich überhaupt keine Fotos machen könnte, selbst wenn ich die Kamera dabeihätte, weil der Bilderspeicher der Kamera voll und das Übertragungskabel noch immer in Tokyo ist.

Es gibt um die Ecke, im gleichen Gebäude, auch ein japanisches Restaurant, das sehr gemütlich aussieht, und weil uns gerade danach ist, gehen wir was essen. Ich habe bisher noch keine Gelegenheit gefunden, frittierte Garnelenschwänze zu essen, also bestelle ich das und verwirre die Kellnerin mit dem Wunsch, die dazu gehörenden Soba-Nudeln warm essen zu wollen. Ja, die Garnelenschwänze sind hervorragend, und nicht so fett, wie ich das wegen des Frittierens vermutet hatte. Ein gutes Stück Arbeit.

Auf den Tischen befinden sich kleine vorbereitete Formulare, auf denen man seine Meinung zum Restaurant eintragen kann: wie man die Atmosphäre findet, wie das Essen geschmeckt hat, ob die Menge ausreichend war und ähnliche Fragen. Wir sind zufrieden. Die Frage, ob wir mit der Menge zufrieden seien, beantworten wir höflich, da der durchschnittliche Japaner, für den hier Essen gemacht wird, höchstwahrscheinlich eine bescheidenere Vorstellung von einer ausreichenden Portion hat.
Auf der Theke, wo man bezahlt, steht ein großer Korb Äpfel. „Bitte bedienen Sie sich!“ steht auf einem Zettel. Oh, ich habe nichts einzuwenden gegen einen Apfel zum Nachtisch. Melanie fragt noch einmal, ob das auch tatsächlich in Ordnung sei. Ja natürlich, sagt die Bedienung (und außerdem hat ein Gast, der vor einer Minute gegangen ist, sich auch einfach so einen Apfel rausgenommen), aber dann bittet sie uns, kurz zu warten und verschwindet in der Küche. Was denn nun? Ein paar Sekunden später erscheint sie wieder – mit einer Tüte Äpfel, fünf Stück. Wir bedanken uns und gehen wieder. Zurück ins Center.

Im Center treffen wir Jû und SongMin. Sie hat ihre Frisur geändert und ihre Haare braun färben lassen. Sie sieht älter damit aus. Aber das klingt eigentlich viel zu negativ. „Sie sieht erwachsener aus.“ Das trifft es viel besser. Es steht ihr und sie sieht gut so aus. Auch Tanja und Mareike sind da und schreiben an ihrer Post. Mareike erzählt, sie habe ihren Geldbeutel irgendwann nach Weihnachten verloren und ihn am Neujahrstag wiederbekommen. Das heißt, sie konnte ihn auf der Polizeiwache abholen. Der komplette Inhalt war noch vorhanden, alle Karten, jeder einzelne Geldschein. Für meine Begriffe schier unglaublich. Das erinnert mich an eine Hass-Schrift (besser kann man es nicht nennen), die ich vor zwei Jahren einmal per Mail zum Lesen erhalten habe. Der betreffende Text war geschrieben worden von einem Austauschstudenten, wie ich annehmen muss, dem in einem Schwimmbad in Tokyo (?) der Geldbeutel aus dem Schließfach gestohlen worden war und der daraufhin kollektiv alle Japaner zu einer niederen Lebensform erklärt hatte, auch nicht zuletzt wegen der wohl umständlichen bürokratischen Vorgänge, die so eine Anzeige („gegen Unbekannt“) wahrscheinlich mit sich bringt. Man hatte den Fall wohl nicht mit dem Enthusiasmus bearbeitet, den der Bestohlene sich gewünscht hatte. Natürlich hatte ich Verständnis für seine Situation, aber ich konnte den Text damals nur zur Hälfte lesen, bis mir das Gekeife dieses Idioten auf die Nerven ging und ich seine überbordenden Anfeindungen von meiner Festplatte löschte. Ich glaube, in einer Stadt mit 12 Millionen Einwohnern gehen pro Tag eine ganze Menge solcher kleinen Anzeigen bei der Polizei ein, und warum sollte man gerade seiner mehr Aufmerksamkeit widmen? Zumindest war das meine Auffassung von seiner Laune, die da rüberkam.
Wie dem auch sei. Jû hält uns den schlagenden Beweis vor Augen, dass sich das Einkaufen während der Neujahrsfeiertage lohnt: Er hat sich eine Digitalkamera zugelegt, Neupreis: 30.000 Yen, Verkaufspreis: 10.000 Yen. Das ist deutlich. Also merke: Bei strategischen Anschaffungen auf jeden Fall Hatsu-Uri nutzen!

Am Abend sehen wir uns eine der Serien an, die die dieser Tage neu anlaufen. „Die Sieben vom Achten Graben“ (wohl eine Adressangabe innerhalb der Stadt) heißt die Show übersetzt etwa. Ein Samurai Drama. Aber wir finden es schlicht langweilig.