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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

16. Februar 2024

Montag, 16.02.2004 – Vorschlaghammerpädagogik

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Eigentlich hat die Universität bereits Ferien. Ich habe den Ferienbeginn ja bereits „offiziell“ bekannt gegeben. Aber stattdessen: Yamazaki-sensei hat heute wegen der vielen freien Montage eine Nachholstunde angesetzt, und die beiden treu-doofen Deutschen (ja, das sind Melanie und ich) sind die einzigen!, die diesem Ruf folgen. Valérie weiß zwar von dem Unterricht, aber sie chattet lieber mit ihrem Freund. Sogar eine WebCam hat sie sich dafür zugelegt. Also veranstaltet Yamazaki quasi Privatunterricht für zwei Personen. In dieser Hinsicht ist er wirklich konsequent. Die Klausuren hat er noch nicht fertig. Die werde er uns morgen geben, sagt er. Jawohl, richtig gehört: Morgen findet eine weitere Unterrichtseinheit statt. Wenn ich nicht schon so einen Hals hätte, hätte ich jetzt so einen Hals! Das nur, um meinen Freund Christian den Roten zu zitieren.

Nach dem Unterricht gehe ich ins Center und sehe nach meiner Post und den neuen Einträgen im Animetric Forum. Es ist nicht sehr viel, dennoch werde ich ständig von Melanie beäugt, die mich dazu anhält, schneller zu machen. Ich mache ja, so schnell es geht – aber es dauert nun mal alles so lange, wie es eben dauert.

Zuhause steht die nächste Serie auf dem Plan: GTO. Der Titel hat nichts mit dem Sportwagen von Mitsubishi zu tun. „GTO“ steht für „Great Teacher Onizuka“, und „Onizuka“ ist der Name des Protagonisten, gespielt von Sorimachi Takashi. Wie unschwer zu erraten, geht es um einen Lehrer. Aber nicht irgendeinen. Onizuka ist ehemaliger Anführer einer Motorradgang, lebt in einer klassischen Junggesellenbude, hat eine Affinität für sehr junge Frauen (lies: Oberschülerinnen) und ein Regal voller entsprechender Pornofilme, kommt von einer drittklassigen Universität und hat sein Lehrerexamen nicht selbst geschrieben… aber er wollte schon immer ein „great teacher“ sein und erhält eine Chance, als auf einer eher berüchtigten Schule ein Lehrer gesucht wird.

Seine antiautoritäre Einstellung und reichlich unkonventionellen Methoden (den Oberlehrer hat er kurz nach dem Vorstellungsgespräch in die Ecke des Gangs getreten, als dieser zwei Schüler als „Abfall“ bezeichnete) machen ihn bei der konservativen Lehrerschaft nicht gerade beliebt. Gerade die beiden führenden Köpfe unter den Lehrern möchte man bald auf den Mond oder aber am besten gleich standrechtlich erschießen. Mein Kumpel Kai würde sie wahrscheinlich genüsslich hassen. Vielleicht sollte ich ihm die Serie mal zeigen.[1]

Aus Gründen, die sich dem Zuschauer erst später offenbaren, stellt sich die Klasse gegen Onizuka, boykottiert seinen Unterricht und jeder tut sein oder ihr Bestes, um ihn wieder loszuwerden. Aber Onizuka erteilt jedem eine heilsame Lektion und zieht einen nach dem anderen auf seine Seite. Ständig von der Entlassung (bzw. forcierter Kündigung) bedroht, stellt er seine Bedürfnisse hinter die der Schüler und lässt keine Gelegenheit aus, auf seine Art und Weise Schicksale wieder hinzubiegen.

Natürlich wird mit Klischees gearbeitet, mit Kitsch und Extremen und für Showzwecke wird halt gerne übertrieben. Onizuka lehrt „Lebe Deine Träume heute und jetzt – das Morgen ist unwichtig“. Das klingt zwar toll, aber wie soll man ohne eine materielle Basis, die Onizuka so offensiv vernachlässigt, seine Träume ausleben? Die kosten für gewöhnlich Geld. Aber im Fernsehen geht halt alles, und es macht einfach großen Spaß, die Serie zu sehen. Man sollte sie Lehramtskandidaten empfehlen. Der bedeutendste Faktor Onizukas ist nämlich seine grenzenlose Motivation, Lehrer und für seine Schüler da zu sein, das überträgt sich auf seine Schüler, er besitzt Begeisterungsfähigkeit – und die fehlt dem durchschnittlichen Lehrer, soweit ich ihn/sie kennen gelernt habe. Zumindest war das zu meiner Zeit so, und ich habe meine Zweifel, dass sich daran viel geändert haben könnte. Ich brauche keine halbe Hand, um die Lehrer abzuzählen, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie viel Motivation verspürten oder eine solche zu vermitteln versuchten. Man sollte keinen erzieherischen Beruf ergreifen, wenn man darin nur einen Broterwerb sieht.

Da sieht man’s! Ich sehe mir eine harmlose TV-Serie an und fange an, die personellen Faktoren im Bildungswesen zu kommentieren!


[1]   Vorschlag abgelehnt – er hasse den Klang japanischer Sprache. Und das war Stand 2004.
Stand 2023: „Ich versuch gerade, ein bisschen Japanisch zu lernen. Es gibt da eine topp Handy-App…“