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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

12. Mai 2024

Mittwoch, 12.05.2004 – Gebackene Teigfladen

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 22:19

Ich stehe um 05:30 auf und mache mich an die Arbeit. Und die geht auch gleich viel leichter von der Hand, wenn man ausgeschlafen ist! Dennoch hindert mich dieser Umstand nicht daran, während Yamazakis Unterricht vor Langeweile beinahe vom Stuhl zu fallen. Das spannendste Ereignis war noch, dass in diesem Saal der Kassettenrekorder fehlt und Yamazaki sich selbst einen organisieren musste. Und er bringt ihn, den Regeln entsprechend, auch wieder zurück, was ihrerseits Ogasawara-sensei dazu zwingt, selbst irgendwo einen herzubekommen, da wir uns heute ein Lied über Zuckerrohrfelder in Okinawa anhören sollen.
Dabei fällt mir die Ausrüstung dieser Universität wieder deutlich ins Auge. In jedem der Säle befinden sich ein großer Fernseher, dazu ein Videogerät für Kassetten und DVDs, und daneben noch ein Kassettenrekorder für MCs, CDs und MDs. Das will ich mal in Deutschland an einer staatlichen Uni sehen! Yamazaki-sensei bedient das Gerät neuerdings sogar mit einer Art Taschen-PC (?), indem er die Tondaten auf der MD mit einer Wellenlänge von 76,6 MHz auf die Antenne des Radios überträgt. Warum er die MD nicht einfach direkt in die Stereoanlage schiebt, ist mir schleierhaft.

In der Mittagspause verpacke ich zwei verkaufte Artbooks und rede ein bisschen mit BiRei, die heute den Wunsch äußert, auch mal was von Deutschland zu sehen.

Danach tritt Kondô-sensei in Aktion. Oder eigentlich trete ich in Aktion, weil ich ja einen Vortrag über das japanische Autobahnsystem halte, im Hinblick auf dessen Finanzierung. Das dauert auch gleich 70 Minuten, weil für Mei alles noch ins Japanische, bzw. Koreanische übersetzt werden muss, je nachdem, ob Kondô selbst meine Aussage zusammenfasst oder ob er SangSu „an die Front schickt“. Misi ist nicht erschienen, obwohl das eigentlich ganz ratsam wäre, da er nächste Woche über die zweite Hälfte des Aufsatzes reden soll.
MunJu fragt mich nach dem Unterricht nach dem deutschen Universitätssystem, nach Studiendauer, nach Finanzierung des Studiums und der Universitäten. Sie macht sich Notizen? Hat sie was Offizielles damit vor? Ich kann allerdings gerade nicht die Motivation aufbringen, danach zu fragen.

Dann ist Hugosson an der Reihe und erzählt uns was über NPOs in Japan, von denen es mittlerweile 16000 gebe, Tendenz steigend. Der Anfang sei das Erdbeben in Kobe gewesen, wo aus dem ganzen Land auf individuelle Initiative hin eine Flut von 1,5 Millionen freiwilligen Helfern eingetroffen war, die sich wegen des eklatanten Kompetenzmangels der staatlichen Hilfsorganisationen in kürzester Zeit selbst organisierten.
Es gibt natürlich schon seit langer Zeit Nachbarschaftsorganisationen, die ebenfalls in die Definition der NPOs fallen. In feudalen Zeiten und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges handelte es sich dabei um eine Kontrollmöglichkeit der Regierung, um ein Auge auf die Leute werfen zu können. Auch die modernen Nachbarschaftsorganisationen lassen neu hinzugezogenen Anwohnern nicht wirklich eine Wahl, ob sie beitreten wollen oder nicht. Natürlich wird man heutzutage nicht mehr gekreuzigt – man wird ausgegrenzt. Und wer will das schon? Dafür werden Feste organisiert, wie zum Beispiel die „Undôkai“ – „Sportfeste“ – genannten Saufgelage, die ihren Namen nur deshalb tragen, weil die Kinder „organisiert spielen gehen“, während die Erwachsenen ihren asiatischen Enzymdefekt, Alkohol im Blut weniger gut als Europäer abbauen zu können, mit Nichtbeachtung strafen. Oder aber, was doch ganz nützlich ist, man zieht sich Gummistiefel an und sammelt den Müll aus einem „Fluss“, also diesen hässlich kanalisierten Gewässern – und dann geht man was trinken!
Für die kommende Stunde erhalten wir eine Hausaufgabe, wir bekommen Internetlinks mit Informationsquellen und sollen kurze Vorträge über die sozialen Sicherungssysteme unserer Heimatländer halten. Hurra, Deutschland!

Dann ist der Unterricht endlich gelaufen; ich treffe Melanie und fahre mit ihr ins „BariBari“, um Okonomiyaki zu essen. Nach einem unnötigen Umweg zum „Sushi Shôgun“ am Kaufhaus Sakurano heißt das, wo wir feststellten, dass der Laden mittwochs zu hat! Also dann halt gebackene Teigfladen zum Selbstanrühren. Da wollten wir eh schon länger mal hin.
Wir kriegen auch gleich ein Tabehôdai aufs Auge gedrückt, weil uns ein paar Details nicht bekannt sind. Man kann die Gerichte ja schließlich auch einzeln bestellen, aber auf den Gedanken komme ich gerade gar nicht, weil ich solchen Hunger habe. Genau genommen handelt es sich um ein Tabe-nomi-hôdai für 2000 Yen pro Nase, was zwar heißt, dass man essen und trinken kann, so viel man will, aber ich bin hier um zu essen – und da nehme ich für gewöhnlich nicht mehr als einen halben Liter Wasser zu mir. Man könne kein Tabehôdai ohne gleichzeitiges Nomihôdai machen, heißt es, aber umgekehrt ginge das schon. Wäre ich zum Trinken hier, und das Nomihôdai kostet nur um die 1000 Yen, würde sich das wirklich lohnen, denn die Getränkekarte ist recht großzügig: Die enthält sogar „echte“ alkoholische Getränke. Im „SkattLand“ gibt es ja nur „Sour“ und Softdrinks für diesen Preis. Die Dauer ist begrenzt auf 90 Minuten… mal sehen, was in der Zeit alles reinpasst. Ich will von den 2000 Yen auch möglichst viel haben.
Es gibt hier nur Knietische… autsch! Es ist nichts los, also suche ich mir einen Platz in der Ecke des Raums, damit ich die Wand im Rücken habe, und – römische Dekadenz hin oder her – meine Beine längs des Tisches ausstrecken kann. Unter den Tisch passen sie nicht, weil sich dort die Heizvorrichtung für die Backfläche befindet.

Ich trinke dann auch tatsächlich nur ein großes Glas Wasser – esse dafür aber drei Okonomiyaki. Mehr geht auch nicht in 90 Minuten… man muss die Dinger ja mit den Zutaten selbst machen. Man bezahlt hier, wie in wohl so ziemlich jedem Okonomiyaki-Restaurant, nicht die Arbeit eines Kochs, man bekommt die Zutaten auf den Tisch und macht sich das Essen selbst. Von daher sind die Preise meines Erachtens etwas stark.
Man bekommt also die Schüssel mit etwas Teig, Ei, Kraut und verschiedenen Zutaten, wie z.B. Ingwer (zum Glück war nicht viel dran – ich hasse eingelegten Ingwer), Käse, Krabben, Tintenfischstücke oder verschiedene Fleischsorten, je nach Angebot. Das Ganze wird verrührt und dann auf die geölte Bratplatte verteilt, mit einem Durchmesser von vielleicht 15 cm, 4 cm hoch, und gleichmäßig angebraten. Man sollte noch Soße und Mayonnaise darauf verteilen, des Weiteren auch Fischflocken und Aonori (Blaualgen) Puder. Man sollte es gegessen haben, wenn man schon nach Japan kommt. Ist wirklich gut. Nur das Selbermachen nervt.

Melanie isst nur einen solchen Fladen und wendet sich dann einer Reihe von Vorspeisen wie frittiertem Huhn, Kartoffeln und „Omuraisu Cheese“ zu. Bei „Omuraisu“ handelt es sich eigentlich um Reis in einem Omelett, daher der Name, aber in dieser Käsevariante ist überhaupt kein Reis drin – es handelt sich eigentlich nur um ein zugeklapptes Omelett mit Käsefüllung. Diese Sondergerichte allerdings treiben den Preis pro Person um 300 Yen in die Höhe – wer lesen kann, ist klar im Vorteil! An der Wand hängt ein Plakat, auf dem genau das geschrieben steht, aber da wir, anders als Einheimische, informative Inhalte nicht auf einen Blick erkennen können, sondern die Schriftzeichen analysieren müssen, bemerken wir das erst, als es ans Bezahlen geht.
Stelle fest: Tabehôdai lohnt sich hier nicht. Dann lieber drei Okonomiyaki ohne Zeitdruck essen (ich esse eh ziemlich schnell) und 500 Yen weniger dafür ausgeben.

Während des Essens kommt auch eine „Kernfamilie“ in das Lokal, also Eltern mit einem Kind. Und was für eine Familie! Er sieht aus, als hätte er den örtlichen HipHop-Laden ausgeraubt und sie scheint mir dem Ganguro-Milieu nahe zu stehen (Ganguro sind die Mädchen, die sich die Gesichter braun färben und Klamotten tragen, deren Extravaganz eigentlich nur von Cosplayern übertroffen wird). Ich schätze die beiden auf Mitte bis Ende Zwanzig, ihre Tochter auf etwa fünf Jahre. Und die Kleine ist… recht lebhaft, um es so zu nennen. So patscht sie unserer Kellnerin auf den Allerwertesten (die muss sich ja hinknien, um die Zutaten zu servieren) und ruft „Daikô!“. Jetzt habe ich natürlich so einen Verdacht und suche die sino-japanische Lesung des Kanjis für „Shiri“ in meinem elektronischen Wörterbuch… ja, sie lautet „kô“. Das kleine Balg hat eben lautstark die Größe des Hinterns der Kellnerin mokiert. Die lacht verlegen und ich möchte wetten, dass sie gerade hofft, dass die beiden Ausländer da in der Ecke keine Ahnung haben, was für ein Begriff da gerade eben in den Raum gestellt wurde. Die Eltern stören sich daran nicht besonders. Ich dachte, Entschuldigungen für alles, was auch nur entfernt unangenehm sein könnte, seien eine japanische Eigenart? Nicht bei den dreien hier. Nun gut, die Kellnerin (vielleicht 20 Jahre alt) ist zu meinem Wohlgefallen wirklich nicht dürr in der Hose (ohne „dick“ zu sein allerdings, sie liegt nahe an der „Goldenen Mitte“). Aber dennoch…
Wollte ich die Eltern nach ihrem Aussehen beurteilen (was man natürlich unterlassen sollte), dann würde ich annehmen, dass der Nachwuchs nicht das Ergebnis vorheriger Planung war, sondern eher eine Art Unfall.

Auf dem Rückweg zahle ich meine Miete am Bankautomaten, und mache noch einen „Umweg“ in die entgegengesetzte Richtung, zur Bibliothek, aber viel gearbeitet kriege ich heute natürlich nicht mehr.

Dienstag, 11.05.2004 – Das Dunkle Geheimnis[1]

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 22:06

Ich gehe früh, mit Melanie zusammen, zur Universität, damit ich noch vor Beginn des Unterrichts damit beginnen kann, meine Post zu bearbeiten. Ich sitze also bis 14:10 in der Bibliothek.

Kondô-sensei hat heute einen Herrn Kôdô zu Gast, der, wie auch sein Vorgänger vergangene Woche, über geschäftliche Dinge redet. Allerdings macht Kôdô-san das ganz anders als Tsushima-san, und er ist auch nicht selbständig, sondern der Chef der hiesigen Filiale der Versicherung „Tokio Marine & Fire“. Dabei handelt es sich um eine finanziell bedeutende Versicherung in Japan.
Er lässt Einzelheiten seines Werdegangs weg und redet ausschließlich über die Begleiterscheinungen eines Versicherungsunternehmens und wo japanische Besonderheiten liegen. Zum Beispiel schreibt sich der Name seiner Versicherung tatsächlich in westlicher Umschrift, und zwar auf die deutsche Art und Weise „Tokio“ mit „i“ (anstatt wie im Englischen: „Tokyo“), wie zur Meiji-Zeit (1868-1912). Es handele sich um die gewissermaßen graphemische Darstellung der langen Geschichte und der hohen Erfahrung des Hauses.
Des Weiteren gebe es sowohl „Fire & Marine“ als auch „Marine & Fire“ Versicherungen, und die Reihenfolge der Begriffe zeige, ob die Gesellschaft bei ihrer Gründung mit Brand- oder Seefahrtspolicen begonnen habe. Weiterhin neigten „Feuer“ Versicherungen dazu, eher Privatleute, Individuen und ihre Familienhaushalte, zu versichern, während „Marine“ Versicherungen sich mehr an Geschäftskunden, also ganze Unternehmen, wendeten. Tokio Marine & Fire ist also eine solche und Kôdô-san erzählt, dass man hierbei viel höhere Prämien erhalte. Ganz klar, es geht ja auch um wesentlich wertvollere Policen. In diesem Zusammenhang sei es besonders günstig, Mitglied der Handelskammer zu sein, weil man gerade dort viele potentielle Kunden treffe.
Dann geht er auf finanzielle Dinge und Ersatzansprüche ein und kommt schließlich auf Erdbeben zu sprechen. Natürlich könne man sich gegen solche Fälle versichern, wegen der relativen Häufigkeit von Erdbeben in Japan aber nur bis zu einer bestimmten Summe, umgerechnet 400.000 E. Bei einem einzelnen Autounfall können, je nach Situation, schon einmal eine Million (Euro) herausspringen, aber bei Naturkatastrophen sei das wegen des großräumigen Schadensausmaßes und des damit verbundenen Liquiditätsproblems nicht zu machen. Gewissermaßen als Anekdote fügt er hinzu, dass das World Trade Center in New York in erster Linie von einem japanischen Unternehmen versichert worden sei. Diese Firma habe zwar ein paar Stücke vom Kuchen an Subunternehmer weiterverkauft, sei aber in Folge der Anschläge vom 11. September völlig ruiniert gewesen.
Wir werden auch diesmal gebeten, eine kurze Beurteilung des Vortrags zu verfassen.

Dann gehe ich ins Center. Nim hat mir am Morgen zwei kleine Schokoriegel geschenkt und einen davon gebe ich Melanie. Jû bemerkt das, rückt zu mir herüber und fragt in einem schelmischen Tonfall: „Oh, Du hast was zu verschenken?“ Ich gebe ihm den zweiten Riegel, weil ich eigentlich wenig Interesse daran habe. Das wiederum wird von MinJi bemerkt, und sie sieht mich sehr bittend an. Ich spüre schon wieder diese aufkeimende Hitze in meinem Kopf, aber ich habe keinen Schokoriegel mehr. Jû gibt ihr daraufhin die Hälfte von seinem.

Am frühen Abend fahre ich mit meiner Datenübertragung fort, aber ich komme wegen Zeitmangels nicht besonders weit. Immerhin habe ich jetzt meine Fotos wieder auf dem richtigen Rechner liegen. Ich würde den Memorystick also noch eine Weile brauchen und Misi überlässt ihn mir.
Ich fahre nach Hause. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass ich Misis Memorystick während der Fahrt verloren haben muss! Grande Catastrophe. Aber ich erinnere mich an einen sanften Schlag an meiner Hose auf den letzten 75 m vor der Ampel am „King Kong“. Eigentlich dachte ich, es sei ein kleiner Stein gewesen, der durch das Vorderrad weggeschleudert worden war. Möglicherweise und hoffentlich muss ich diese „Hypothese“ überarbeiten – und neu prüfen, und das sofort. Ich ziehe meine Schuhe wieder an und verfluche die schwache Straßenbeleuchtung. Und meine eigene Fahrlässigkeit. „Tu’s in Deinen Geldbeutel!“ hatte er gesagt. „Ich hab noch nie was einfach so aus meiner Hosentasche verloren“, sagte ich dazu.
Ich untersuche minutiös Bürgersteig und Fahrbahnrand ab der Ampel, am Ministop vorbei nach Norden. Die Beleuchtung ist wirklich mies, aber die vorbeifahrenden Wagen sorgen für „Gefechtsfeldbeleuchtung“. Fünfzig Meter hinter dem Ministop finde ich den gesuchten Gegenstand in der (trockenen) Regenrinne wieder, zumindest äußerlich unbeschadet. So weit habe ich also Glück, und durch den kleinen umhüllenden Lederbeutel hat die Plastikoberfläche nicht einmal einen Kratzer, und es scheint auch kein Wagen drübergerollt zu sein. Ob das Stück allerdings tatsächlich noch funktioniert, werde ich erst morgen erfahren. Diesen Vorgang sollte ich Misi besser verschweigen, sonst leiht er mir den Speicherstein nie wieder.

Ich gehe nach Hause und früh schlafen; ich muss auch früh wieder aufstehen, um die Vokabeln zu wiederholen, mit denen ich heute Morgen begonnen habe.


[1] Dieser Eintrag ging durch einen Fehler beim Speichern der Datei verloren und wurde anhand des Manuskripts am 23. Januar 2006 rekonstruiert.

Montag, 10.05.2004 – „… und der müde Reisende, der wo ich bin, will eine Tüte voll Schlaf nehmen“

Filed under: Filme,Japan,My Life — 42317 @ 21:58

Nach etwa fünf Stunden Schlaf stehe ich um 06:00 wieder auf und wiederhole ein paar Vokabeln. Natürlich sind fünf Stunden für mich zu wenig und dem entsprechend tief steht mein heutiges Barometer. Aber es ist generell etwas nicht in Ordnung. Mein Magen teilt mir mit, dass er entweder Ruhe bekommt oder ich die Konsequenzen tragen muss. Nachdem ich den Unterricht von Yamazaki-sensei also überstanden habe, fahre ich nach Hause und lege mich schlafen – bis etwa halb Fünf. Ich fühle mich um Längen besser als vorher.

Zwischendurch hat es kräftig geregnet und die Bücher, die Melanie leider zur falschen Zeit vom Book Off nach Hause transportiert hat, haben den Weg nicht unbeschadet überstanden. Zum Verschenken sehen die Bücher jetzt eigentlich viel zu traurig aus… denn auch wenn sie trocken sind, bleiben diese typischen Wellen am Rand ja erhalten. Der Regen hat mittlerweile aufgehört und ich entschließe mich dazu, noch in die Bibliothek zu fahren, um zumindest noch meine Post bearbeiten zu können.

Neben meiner Post beschäftigt mich das laufende (oder eher „sich anbahnende“) Gefecht gegen Frank, und eine Episode von „Area 88“ sehe ich mir auch noch an, nachdem die Tätigkeit im Online-Forum meinen Zeitplan deutlich unterschritten hat.

Als ich mit Melanie im Kino war, habe ich in der gedruckten Filmwerbung gelesen, dass demnächst ein „Cutey Honey“ Realfilm erscheinen werde und ich habe herumgefragt, ob denn jemand was darüber wisse – ich bin nicht der Typ, der selbst sucht, wenn es nicht notwendig ist. Ich frage lieber andere. Es heißt, der Film sei unter der Regiearbeit von Hideaki Anno („Evangelion“) entstanden. Das klingt an sich nicht schlecht, aber dennoch müsste ich mich in dem Fall fragen, was das für das Verhältnis von Honey zu ihrem Vater bedeutet… die Väter in den Filmen von Hideaki Anno fallen meist nicht in die Kategorie der „netten Onkel von nebenan“. Wie dem auch sei – man hat mir auch einen Link geschickt, wo man sich den Trailer ansehen kann. Und ich habe ihn angesehen. Es handelt sich bei dem Film um eine Koproduktion mit den Warner Bros. Studios. Das scheint zwar vielversprechend zu sein, aber ich persönlich finde den Trailer eher abschreckend. Die Handlung ist natürlich in der heutigen Zeit angesetzt, aber Bekleidung und Accessoires der Charaktere sind definitiv der Zeit entnommen, in der „Cutey Honey“ ihren Ursprung hat – den Siebzigern. Außerdem überzeugen mich die Spezialeffekte nicht sonderlich. Natürlich soll man an solchen Äußerlichkeiten keinen Film bewerten… aber wir reden hier über „Cutey Honey“… Ich glaube, ich werde dafür kein Geld ausgeben, das über eine Videoleihgebühr hinausgeht.

Sonntag, 09.05.2004 – Selbstzensur?

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 21:53

Ich gehe zuerst in der Bibliothek meinem üblichen Tun nach, abgesehen davon, dass ich mir für Combat Mission ein virtuelles Testgelände anlege, das helfen soll, Material- oder Taktikfragen zu beantworten.
Um 17:00 fahre ich mit Melanie ins Naisu Dô und sehe mir erstmals das obere Stockwerk mit den Spielen und Konsolen an, weil man mich letztens gebeten hat, mich nach einem SEGA Saturn umzusehen. Ich finde auch ein gebrauchtes Stück für 5000 Yen und schreibe es für die Rückfrage in mein Notizbuch.

Um etwa halb Sieben fahre ich dann wieder nach Hause und lese den Pokemon Manga weiter. Dort vollzieht sich beim Wechsel vom siebten zum achten Kapitel ein krasser Stilwandel: Kasumi/Misty wechselt ihre Haarfarbe von schwarz auf orange/rot (wie man es aus der TV-Serie kennt), und weil niemand eine Bemerkung dazu macht, muss ich annehmen, dass dies den Normalzustand darstellen soll, als wäre es nie anders gewesen. Des Weiteren bedecken ihre Hosen neuerdings (zumindest teilweise) ihre Oberschenkel (und werden damit ihrer Bezeichnung endlich gerecht) und ihre bislang großzügig angelegte Weiblichkeit in Form einer etwas übertriebenen Oberweite wurde auf ein vernünftiges Maß reduziert. Auch ansonsten wurden die Reize der weiblichen Charaktere zurückgenommen, sieht man von Musashi/Jesse ab, die immer noch sehr *ähem* aussieht. Aber die ist ja auch ein „böses Mädchen“, und die dürfen offenbar nach „Verderbtheit“ aussehen.
Inwiefern die Sprache entschärft wurde, kann ich noch nicht sagen.

Ich habe den starken Verdacht, dass der Kurswechsel möglicherweise auf Protest von Müttern zurückzuführen ist, die sich irgendwann – zu Recht! – gefragt haben, was ihre Kinder da zu lesen und vor allem zu sehen bekommen.[1] Im sechsten und siebten Kapitel (das obligatorische Onsen[2]-Kapitel) befinden sich ein paar Darstellungen, die dem Fass durchaus den Boden ausgeschlagen haben könnten.


[1] „Dengeki Pikachu“ ist ein Dôjinshi, der mit der offiziellen Produktreihe nichts zu tun hat, die hier aufgeführten Gedanken sind also hinfällig.

[2] Heiße Badequelle

Samstag, 08.05.2004 – Kasukabe Boys

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 21:48

Melanie hat sich gestern Abend, mit technischer Unterstützung unseres ungarischen Bekannten, ein neues Fahrrad besorgt und wir entschließen uns dazu, heute ins Kino zu gehen, um den „Shin-chan“ Film „Kasukabe Boys“ anzusehen. Am Sonntag, morgen, läuft die letzte Vorstellung.
Es handelt sich dabei, grob gesagt, um eine Western-Parodie, in der Klaus Kinski und (ein recht junger) John Wayne (als die Bösen) ebenso auftreten, wie auch Yul Brunner und der Rest der Glorreichen Sieben.
Shinnosuke landet mit seinen Freunden beim Spielen in einem alten Kino, in dem zwar niemand anwesend ist, wo aber trotzdem, reichlich unscharf, eine Szene aus einer typischen Western-Wüste auf dem Bildschirm gezeigt wird. Er geht zwischendurch auf die Toilette und als er zurückkommt, sind die anderen vier verschwunden. Er geht nach Hause, aber es stellt sich bald heraus, dass seine Freunde nicht nach Hause gegangen sind. Die komplette Familie macht sich also auf den Weg, das alte Kino zu besuchen – was natürlich dazu führt, dass sie in dem (namenlosen) Film landen…

Wüste. Eine Bahnlinie. Eine klassische Westernstadt. John Wayne und seine Gehilfen lassen die Dorfbewohner für sich arbeiten. Shinnosukes Freund Kazama hat sich der Gang auch inzwischen angeschlossen (er ist der Sheriff geworden) und gibt vor, sich nicht mehr an Shinnosuke zu erinnern. Masao (in der Rolle des unterdrückten Mexikaners) erzählt dasselbe. Nene lebt mit Masao zusammen und Bô ist der einsame Indianer, der in seinem Tipi am Rand eines Canyons wohnt. Es scheint, dass die Stadt voller Leute ist, die hier eigentlich nicht hingehören und wieder aus dem Film raus müssen – aber je mehr Zeit man in „Justice City“ (so der Name der Stadt) verbringt, desto mehr vergisst man von seinem alten Leben.
Des Weiteren steht in dieser Welt die Zeit still. Das heißt, hier ist immer „High Noon“, 12 Uhr mittags. Shinnosuke geht dazu über, den Zeitverlauf daran zu messen, wie häufig der örtliche Erfinder und Bastler (sicherlich auch eine Parodiegestalt, die ich aber nicht erkenne, möglicherweise Steve McQueen) als Strafe für sein freidenkerisches Tun hinter einem Pferd durch die Straßen geschleift wird. Die Bösen haben natürlich ein Interesse daran, dass die Zeit stehen bleibt, denn ein Film, in dem jemand ungerechterweise uneingeschränkte Macht ausübt, kann nur ein „Happy End“ haben – was sich natürlich zu ihren Ungunsten auswirken würde. Als die Leute sich dann zusammentun, um gegen ihr Joch zu protestieren, vergeht endlich etwas Zeit und die Sonne neigt sich ein Stück gegen den Horizont.
Zum Schluss gibt es dann wieder eine Verfolgungsjagd, diesmal Pferd, bzw. Ford, gegen Eisenbahn, und schließlich Eisenbahn gegen „MechaWayne“ (ein großer Roboter), der von John persönlich gesteuert wird und von den zu Superhelden mutierten Kindern zu Fall gebracht werden muss. Natürlich kommt, was kommen muss, nämlich das Happy End, und alle landen wieder in dem kleinen Kinosaal, wo alles angefangen hat.

Ich finde es sehr bedauerlich, dass in diesem Film „echte“ Gewalt zum Einsatz kommt. In „Das Imperium der Erwachsenen schlägt zurück“ waren die Bösen mit Spielzeugwaffen ausgerüstet und niemand wurde verletzt. In „Yakiniku Lord“ (oder „- Road“) gab es zwar einen Kampf am Ende, aber dabei handelte es sich um ein sehr lustig choreographiertes Handgemenge, dessen Schwerpunkt eindeutig auf Humor lag. Aber in „Kasukabe Boys“ schießen die Bösen mit Revolvern, es gibt Verletzte unter den Bewohnern, und Shin-chan und seine Mutter werden von John Wayne mit einer Peitsche bewusstlos geschlagen – ich glaub’, ich spinne! Von allem, was ich von Shin-chan bisher gesehen habe, ist das hier am wenigsten für das nicht erwachsene Publikum geeignet, das hier im Kinosaal so vier bis sieben Jahre alt sein dürfte. Bedauerlich ist eigentlich auch, dass die Kinder die Anspielungen auf klassische Western überhaupt nicht verstehen können. Wer von denen kennt denn Klaus Kinski? Oder gar Yul Brunner? Letzterer ist schon seit 1985 tot. Da war so mancher Elternteil erst so alt wie die anwesenden Kinder heute!
Und dann: Welch Aufhebens wurde in der TV-Werbung für diesen Film um die Präsenz der japanischen Gruppe „No Plan“ gemacht! Dabei waren die Jungs nur in einer einzigen Szene zu sehen, einer sagte einen Satz und damit war der Fall gegessen. Sie haben dann das Schlusslied gesungen, das „Yume Biyori“ von Shimatani Hitomi (einem Doraemon Schlusslied) irgendwie nicht ganz unähnlich ist.

Dann trennen sich unsere Wege – Melanie fährt ins Book Off und ich in die Bibliothek. Ich mache allerdings noch einen Zwischenstopp in der Mazdavertretung und frage dort nach einer Fernbedienung für ein Pioneer Radio, die man am Lenkrad befestigen kann. Ich weiß nicht, wozu das gut ist, aber Kai will so was haben. Hätte ich dabei „Gran Tourismo“ besser im Hinterkopf gehabt, hätte ich zwei Gesprächszeilen bei dem Dialog mit dem Angestellten vermeiden können.
„Für welches Auto?“ fragt der. Ich bin verwirrt.
„Ist das wichtig? Für den Mazda MX5.“
„MX5? Ah so, Roadster. Für welche Radiomarke?“
„Es handelt sich um Pioneer.“
Ich bin mir nicht zu 100 % sicher, ob das noch stimmt, aber ich glaube, Kai kommt gar nichts anderes ins Haus (so lange er es sich Bohse noch nicht leisten kann…). Aber einen bestimmten Typ kann ich leider nicht nennen, weil ich keine Ahnung von Autoradios habe. Der Angestellte wirft einen Blick in den Katalog und meint dann: „Für Stereoradios werden keine Fernbedienungen geliefert.“ Ich weiß, dass Kai bereits eine Fernbedienung hat, also muss ich dann daraus schlussfolgern, dass es sich bei seinem Modell um kein Stereo-Radio handelt? Kai war mit Informationen leider nicht sehr großzügig, entgegen seinem sonst üblichen Perfektionismus in solchen Dingen. Ich sage dem Angestellten also, dass ich nachfragen werde und verabschiede mich bis zum nächsten Mal.
In der Bibliothek gehe ich meinen üblichen Tätigkeiten nach, aber mein Newsletter wird bis 17:00 nicht fertig.

Danach gehe ich mit Melanie essen, und zwar – endlich – in das Lokal des Shamisen-Meisters Daijô Kazuo. Eine sehr gemütliche Atmosphäre herrscht dort, und vor allem erweist sich die Dame des Hauses als sehr gesprächig, und sie lacht gerne. Sie ist sehr erheiternd auf ihre Weise. Ich frage sie, was denn die Spezialität des Hauses sei. „Eigentlich haben wir keine Spezialität“, sagt sie, empfiehlt aber „Tonkatsu Ramen“. Na, dann immer her damit. „Wir hatten schon früher einen Deutschen zu Gast“, erzählt sie, „das war Professor Höffgen. Er hat jeden Tag hier gegessen – bis er 1985 geheiratet hat. Ab dann ist er leider nicht mehr regelmäßig gekommen.“ Seit 1980 habe der Professor hier zu Mittag gespeist, erzählt sie weiter. Und sie erzählt offenbar gerne, interessanterweise ohne etwas zu erwischen, was mich langweilen würde. Sie vergisst darüber sogar, unsere Bestellungen zu bearbeiten, bis sie sich schließlich, nach etwa zehn kommunikativen Minuten, über sich selbst ein wenig erschreckt, besinnt und meint: „Oh, Ihr seid sicher hungrig – ich sollte mich endlich um Euer Essen kümmern.“ Aber es ist mir nicht wirklich aufgefallen, „dass da was fehlt“. Auf so sympathische Art und Weise ist mein Essen noch nie herausgezögert worden. Aber wir werden durch den Geschmack großzügig entschädigt – ich will hier auf jeden Fall noch einmal essen.
Auch Daijô-san ist da und ich frage ihn, wo oder wie man den Soundtrack zu „Nitabô“ kaufen könne. Er ist sich nicht sicher und fragt seinen Sohn. „Es gibt keinen zu kaufen“, sagt der.
AAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!
Wieder ein Traum meines Daseins dahin!

Wir fahren schließlich nach Hause. Melanie überfährt eine rote Ampel, weil die Straße frei ist und sie nicht warten will. Ich halte an und reagiere mit einer resignierenden Geste. Eine Großmutter am Straßenrand lacht vergnügt darüber.

Zuhause sehen wir uns „Kozure Ogami“ an und ich lese weiter in meinem „Pokemon“ Manga, dessen unterschwellige (sagte ich eben unterschwellige???) Sexualisierung mir hier und da die Sprache verschlägt – wie prüde erscheint mir da der Anime! Ich hege den Verdacht, das Ono Toshihiro einen Teil der existierenden Hentai Dôjinshi selbst unter einem Pseudonym zeichnet… seine Freude am Zeichnen üppiger weiblicher Formen ist unübersehbar.[1] Natürlich ist diese Vermutung an den Haaren herbeigezogen, aber ganz unwahrscheinlich ist es auch nicht – immerhin sind die (metaphorischen!) Haare vorhanden. Da befindet sich zum Beispiel auf dem Innenumschlag ein reichlich unbekleideter Shigeru/Gary. Der ist ein männlicher Charakter, ja, aber seine Körpermitte wird nur von einer vor ihm stehenden Figur verhüllt und ein Pfeil, der auf die private Gegend deutet, ist mit dem Kommentar versehen: „Er trägt eine Unterhose!“ Soll heißen: „Nein, er ist nicht nackt!“, aber der Eindruck wird erweckt. Weiterhin befindet sich auf Seite 9 des zweiten Bandes eine Stadtstraßenszene, gesehen aus der Vogelflugperspektive, und in einem der Fenster ist „Spielzeug“ zu sehen, dass definitiv nicht für Kinder ist. Auf Seite 47 im selben Band ist Kasumi/Misty dargestellt, und ihre Kleidung zeigt mehr, als sie verbirgt.
Die Amerikaner haben die Zensur zwar auf die Spitze getrieben, aber ich komme zu dem Schluss, dass der Manga in seiner Originalversion nicht für Kinder geeignet ist. Wenn ich einen guten Tag habe, würde ich sagen „Geeignet für Leser ab 13 Jahren“, aber nicht weniger.
Ich bin natürlich nicht so scheinheilig, zu behaupten, dass mich persönlich das sehr stören würde, aber ich bin auch alt genug und dieser Manga verfehlt eindeutig das offizielle Zielpublikum.


[1] „Dengeki Pikachu“ IST ein Dôjinshi und dessen Schöpfer Ono hat zur offiziellen Produktreihe keine lizenzrechtliche Beziehung.

Freitag, 07.05.2004 – Auf altem Boden

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 11:46

Wir haben uns einen guten Tag ausgesucht, um die Ruinen von Sannai Maruyama in Aomori zu sehen. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, wenn auch der kräftige Wind ein wenig kühl ist. Und beinahe hätte ich den Abfahrtstermin verpasst, weil ich in mein Schrifttum so versunken war. Melanie holt mich im 12:31 aus der Bibliothek und ich mache mich im Dauerlauf auf den Weg zum Bus.
Die Fahrt dauert eine Stunde bei einer Entfernung von ca. 50 km. Ich nutze die Zeit, um das Handout von Hugosson zum Thema NGOs, NPOs usw. zu lesen. Es handelt sich um einen Auszug aus seiner Doktorarbeit und die Angelegenheit liest sich dem entsprechend „spannend“. Die Angelegenheit ist sogar doppelt langweilig, weil mich eingehendere Wirtschaftsstudien nicht die Bohne interessieren. Das letzte Drittel braucht genauso viel Zeit wie die vorangegangenen Abschnitte zusammen, weil ich mich kaum noch konzentrieren kann und die Erläuterungen dreimal lesen muss, um sie zu verstehen. Ich gleite oft genug nur noch mit den Augen über die Zeilen, sehe die Wörter, erfasse aber den Sinngehalt nicht mehr.

Wir kommen dann endlich an und man weist uns einen älteren Herrn als Führer zu. Es handelt sich um einen freiwilligen Helfer, direkt passend zu meinem Text eben, der über ein überraschend gutes Englisch verfügt.
Man kann schnell erkennen, dass die Reste des Stadions, das hier errichtet werden sollte, zum Fund der Siedlung geführt hat und auf den Luftaufnahmen noch zu sehen war, längst entfernt worden sind. Und das, was man hier von der 7000 Jahre alten Anlage besichtigen kann, ist eigentlich nur ein geringer Teil dessen, was tatsächlich vorhanden ist. Man hat vor ein paar Jahren alles ausgegraben, analysiert und erfasst und anschließend wieder eingegraben, um das Material vor dem Einfluss von Wind und Wetter zu schützen. In Europa hätte man wohl alles offen gelassen und die Anlage überdacht.

Die Größe der Siedlung ist dabei der Umstand, der es notwendig machte, die Geschichtsbücher umzuschreiben. So war man bisher davon ausgegangen, dass die Dörfer der damaligen Jäger- und Sammlerkultur nicht mehr als einige Dutzend Menschen beherbergt haben dürften, weil es noch nicht möglich war, Nahrungsmittel effektiv zu lagern oder überhaupt anzubauen. Damals gab es noch keinen Reisanbau – womit der Besuch dieses Freilichtmuseums streng genommen das Thema des Seminars verfehlt. Die Ausgrabungen haben aber aufgezeigt, dass hier etwa 500 Menschen zur gleichen Zeit gelebt haben. Die Müllhalden der damaligen Bewohner legen Zeugnis darüber ab, dass die Gewässer fischreich genug waren, um eine solche Anzahl von Menschen zu ernähren und auch noch weitgehend auf das Jagen verzichten zu lassen. Man findet kaum Überreste von Landtieren in den Abfallhaufen, und das, obwohl die Siedlung etwa 1400 Jahre lang bestanden haben dürfte, bis ein globaler Klimaumschwung zu einer Abkühlung führte, die die Winter strenger machte und die Küste nach und nach auf ihren jetzigen Stand einige Kilometer weiter nördlich verlagerte. Der Meeresspiegel sank um fünf Meter, und 80 % dessen, was heute die Stadt Aomori ist, wurde damals vom Wasser erst freigegeben.
Trotz der an sich großzügigen Natur war die Kindersterblichkeit hoch, die Angaben schwanken zwischen 60 und 80 %. Kinder bis zu drei Jahren wurden übrigens in speziellen Tongefäßen beerdigt. Nach zwei Jahren grub man sie wieder aus, säuberte die Gebeine und beerdigte sie aufs neue, während Erwachsene in Erdkuhlen gelegt wurden und ein paar Beigaben erhielten, dann aber nicht mehr „bearbeitet“ wurden.

Interessant ist auch der etwa 20 m hohe Turm. Er besteht aus zwei „Stockwerken“ (ohne Leiter oder ähnliches allerdings) an vier dicken Baumstämmen. Es handelt sich natürlich um eine Rekonstruktion; der eigentliche Fundplatz befindet sich einige Meter weiter in einem der kleinen Gebäude, die die wichtigsten Stücke oder Fundstellen vor Umwelteinflüssen schützen. Das Original, bzw. die Vorstellung davon, sorgt bei Archäologen gewissermaßen für schlaflose Nächte, weil erstens Baumstämme dieser Größe in Japan sehr selten waren und  sind (das Rohmaterial für die Replik stammt aus Sibirien), weil zweitens das damalige Werkzeug kaum zugelassen haben dürfte, solche Stämme zu bearbeiten, und weil drittens niemand eine Vorstellung davon hat, wie die Stämme aufgerichtet worden sein könnten. Schließlich handelt es sich um mehrere Tonnen Holz. Eines dagegen ist sicher: Es handelte sich nicht um einen Wachturm im kriegerischen Sinne. Es scheint sehr friedlich zugegangen zu sein in dieser Gegend. Keiner der Knochenfunde weist Spuren von Waffengewalt auf. Man geht davon aus, dass es sich um eine weit sichtbare, künstliche Landmarke gehandelt hat. Das senkrechte Aufrichten von kleineren Konstrukten jedoch scheint bereits kein Problem gewesen zu sein: In dem kleinen Museumsgebäude entdecke ich ein einfaches, aber nichtsdestotrotz effektives Senkblei – ein Stein von ca. 500 g an einer Schnur aus Flechten. Zum Schluss werden noch ein paar Gruppenfotos gemacht und ich sehe mir vor der Rückfahrt noch einen kurzen Werbefilm über die Anlage an.

Man hat von dem Gelände übrigens einen sehr schönen Ausblick auf den Berg Hakkôda („Acht-Affen-Feld“). Unser Führer erzählt uns auch eine interessante Geschichte dazu, von der Kashima-sensei sagt, sie sei in Japan sehr bekannt. Im Winter des Jahres 1903 (er sagte eigentlich „zwei Jahre vor dem Krieg mit Russland“, aber ich will von meinen Lesern nicht zu viel verlangen) hatte das örtliche Regiment auf dem Berg den Winterkampf geübt und dabei 100 Mann durch Wettereinflüsse verloren.

Zurück in Hirosaki will Melanie eigentlich mit mir ins Kino, um „Crayon Shin-chan: Kasukabe Boys“ anzusehen, aber leider hat ausgerechnet heute jemand ihr Fahrrad geklaut – das Rad, das sie sich für 5000 Yen gekauft hat, anstatt sich eines aus den Haufen alter Räder zu nehmen, wie ich ihr geraten habe. Absperren stellt halt eine Unbequemlichkeit dar und kostet Zeit. Und Bequemlichkeit kostet Fahrräder. Wenn jemand mein Fahrrad klaut, bin ich zwar nicht begeistert, aber mir geht dadurch finanziell nichts verloren. Während sie sich dann (zusammen mit Misi, der scheinbar immer das passende Werkzeug dabei hat) auf die Suche nach Ersatz macht, besuche ich Yukiyo an ihrem Arbeitsplatz – im Schnapsladen – gegenüber vom Maruesu Supermarkt. Ich bin ja bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach einem trüb-weißen Sake, dessen Existenz bisher von allen verneint worden war, die ich gefragt hatte, auch von Leuten mit Japan-Erfahrung und auch Japanern. Aber Yukiyo hat ihn für mich gefunden. Das Zeug heißt „Nigori Sake“ (= „trüber Sake“, einfacher geht’s nicht) und ist bestimmt nicht jedermanns Ding. Man muss das Getränk schütteln, um die staubartigen Bestandteile aufzuwirbeln. Man spürt die Schwebeteilchen auch deutlich auf der Zunge beim Trinken. Schmeckt stärker als gewöhnlicher Sake (bei gleichem Alkoholgehalt), und der Geschmack ist meiner Meinung nach auch gar nicht schlecht – nur der Geruch ist unhaltbar. Ich bleibe lieber bei Standard-Sake. Ich nehme an, dass diese Art von Sake nicht vollständig vergoren oder gesiebt wurde.

Ich besorge mir im Maruesu eine Kundenkarte, weil es dort öfter preisreduziertes Brot gibt, als das im Beny Mart der Fall ist, und weil ich sie endlich entdecke, kaufe ich auch eine Dose „Fire – Gold Rush“ (das ist Dosenkaffee). Dann gehe ich in die Bibliothek und schreibe meine Post. Als ich fertig bin, um kurz vor Acht, fahre ich noch ins Naisu Dô und kaufe ein „Tenchi Muyô“ Artbook mit Produktionsskizzen drin. Ich setze die Fahrt fort und gehe ins Ito Yôkadô. Dort kaufe ich ein weiteres Artbook – mein erstes neues – das aus Teilen von „Dai Undôkai“, „El Hazard“, „Pretty Sammy“ und „Tenchi Muyô“ zusammengesetzt ist. Darunter befindet sich auch ein Crossover Manga „Dai Undoukai Vs. Pretty Sammy“. Ich stelle später beim Lesen (ja: Lesen!) fest, dass es sich hierbei weniger um ein Artbook als eher um eine Sammlung kurzer Mangastrips handelt. Mir scheint, dass es sich bei den kurzen, farbigen Szenen um Beigaben der Laserdisks handelt, aber es sind auch viele wohl „unabhängige“ in Schwarzweiß dabei. Und eine kleine CD-ROM ist auch drin. Aber da ist wohl nur das gleiche drauf, was schon im Buch drin ist. Ich sollte mir das bei Gelegenheit ansehen. Wenn ich mal Zeit habe… hahaha, Zeit! „Spässle g’macht, Witzle g’risse“, wie mein badensischer Kamerad Jordan immer zu sagen pflegte.
Die Tenchi Manga scheinen übrigens so schlecht gar nicht zu sein – man muss sie nur lesen können, weil viel von dem dargestellten Humor auf Sprache und nicht auf Bildern beruht. Und ich finde eine Übersetzung, die den Humor auch ohne Kenntnisse der japanischen Sprache rüberbringt, stellenweise unmachbar. Beispiel?

Aeka (außerirdischer Herkunft) fragt: „Was ist Hanabi?“ (Hanabi = Feuerwerk)
Ryôko (auch nicht „von hier“) scheuert ihr eine und Aeka sieht Sterne.
Tenchi: „Nein, Ryôko, das ist Hibana, nicht Hanabi!“ (Hibana = Funken)

Der Witz, der aus der simplen Verdrehung der beiden Kanji „Hi“ („Feuer“) und „Hana“ („Blume“) herrührt, kann nicht 1:1 übersetzt werden, die japanischen Begriffe müssen drin bleiben – sonst müsste der Text radikal verändert werden. Übrigens ist dieser Witz, im Rahmen der Geschichte um Tenchi, eigentlich nicht zulässig, weil man auf der Heimatwelt von Aeka erstens ebenfalls Japanisch redet und zweitens auch Feuerwerke kennt. In dem Tenchi Film „Manatsu no Eve“ wird ein solches gezeigt.
Das Lesen der Manga dauert länger als bei „Pokemon“ oder „Bôbobo“, weil hier nämlich keine Hilfszeichen gegeben sind, die mir die Lesung verraten und ein schnelles Nachschlagen möglich machen würden. Zum Glück sind die Namen der Personen derart kompliziert geschrieben, dass man sie schnell lesen lernt – sie schreiben zu lernen, würde allerdings eine ziemliche Mühe bedeuten.