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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

28. September 2023

Sonntag, 28.09.2003 – Einsamer Cowboy, weit weg von zuhaus’… 1

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:03

Japan ist nur eine Tagesreise von Deutschland entfernt. Aber es ist eine richtige. Um 07:00 bin ich aufgestanden, nach zwei Stunden Schlaf, weil ich meinen Koffer auf den letzten Drücker gepackt habe. Mein quasi eben erst erfolgter Auszug aus dem Studentenwohnheim Petrisberg und der Abtransport meiner persönlichen Sachen nach Gersheim haben solche Vorbereitungen nicht zugelassen.

Immer um meine Fahrpraxis besorgt, hat mich mein Großvater trotz meiner Übermüdung das Auto selbst nach Frankfurt steuern lassen. Ich nenne das fahrlässig, aber… es ist ja gut gegangen, also will ich mich nicht zu laut beschweren. Ich hoffe nur, dass ich nicht so schnell noch einmal im Halbschlaf etwa 400 km Auto fahren muss. Die Fahrt nach Frankfurt ging glatt, abgesehen von einem kleinen Stau bei Kaiserslautern; der war aber vorhersehbar, und wir sind deshalb auch früh genug weggefahren.

Entgegen meiner Bedenken läuft der Abschied schnell und schmerzlos. Mein Großvater will die Sache wohl auch im eigenen Interesse nicht in die Länge ziehen und verabschiedet sich, nachdem ich mein Gepäck aus dem Auto auf eine Karre verladen habe. Ich bin sicher, er will vermeiden, am Ende doch noch emotional zu werden, und ich bin ihm ganz dankbar. Sein einziger Satz sagte auch alles aus: „Falls wir uns nicht wieder sehen sollten…“ Ich gebe diesen Satz nur zur Hälfte wieder, aus persönlichen Gründen. Ich werde ihn in seiner Gesamtheit aber nie vergessen, so lange ich lebe, von daher ist es überflüssig, ihn aufzuschreiben.

Der Frankfurter Flughafen („FraPort“) ist ungeheuer groß, und auch deswegen ein wenig verwirrend, vor allem, wenn man wie ich aus der Provinz stammt, aus einer Familie ohne Geld, wenn man jemand ist, der noch nie in seinem Leben mit einer großen Passagiermaschine geflogen ist und der lediglich das Flughäfchen in Ensheim mal aus der Nähe gesehen hat.

Ich erinnere mich an den Sommer 1988. Die Sommerferien zwischen der Grundschule und dem Gymnasium. Ich war gerade elf Jahre alt geworden und freute mich wie ein Schneekönig darüber, dass ich ab sofort, nach den Ferien, jeden Tag mit dem Zug zur Schule fahren würde. Ich gehörte zu den kleinen Jungs, die Eisenbahnen ganz toll fanden. Und weil ich es nicht erwarten konnte, habe ich vier Mark von meinem gesparten Taschengeld genommen, um zusammen mit einem damaligen Freund gewissermaßen schon vor der Zeit einen Ausflug nach Blieskastel zu machen. Es war meine erste Fahrt aus Gersheim hinaus ohne einen Erziehungsberechtigten, aber darauf will ich gar nicht hinaus. Es geht mir mehr um einen anderen Vergleich. Denn in unserem kleinen Bahnhof befand sich ein ordinäres Fenster, hinter dem ein nicht mehr ganz junger Bahnbeamter saß, zu dem man einfach hinging und sagte, wo man hinwollte. Er nannte darauf den Preis, ich zahlte ihn, erhielt meine Fahrkarte, und gut war’s. Dann musste ich nur noch in den Zug steigen. Der ganze Vorgang war so unkompliziert, dass ich als Elfjähriger keine Probleme damit hatte und zu jedem Zeitpunkt wusste, was zu tun war.

So, und 15 Jahre (und circa drei Monate) später stehe ich als 26-jähriger am FraPort. Die Tatsache, dass mein Ticket bereits gekauft worden ist, stellt einen großen Vorteil und eine Entlastung für meine nervösen Nerven dar. Ich muss das Ticket nur abholen. Nach einigem Hin und Her finde ich den richtigen Schalter und erhalte mein Ticket. Ich werde gefragt, ob ich am Fenster sitzen möchte. Interessant… ich dachte, jedes Ticket sei einem festen Platz zugeordnet. Trotz dieser Gelegenheit sage ich, das sei egal – weil ich erstens bescheiden bin, und zweitens, weil ich keine Ahnung habe, was mich erwartet. Ein paar Meter weiter gebe ich mein Gepäck ab. Ich habe mich an das Maximalgewicht gehalten, aber mein Koffer ist so alt, dass er nicht zubleiben will, er wird also extra gesichert. Und dann warte ich auf meinen Aufruf, indem ich einen Stuhl in der Halle besetze.

Die ersten Japaner erblicke und höre ich bereits hier, zwei Meter links von mir. Es handelt sich um eine Familie mit drei Kindern, die etwa zwei bis fünf Jahre alt sind, wie ich schätzen möchte. Den Kindern ist langweilig und sie machen allerlei Unsinn oder zanken sich. Die Mutter ermahnt die Kinder auf Japanisch, aber die Kinder streiten sich munter weiter – auf Deutsch. Es wirkt surreal. Und irgendwie bin ich dem Schicksal dankbar, dass ich diese Episode erleben darf, so banal sie auch scheinen mag.

Der Start ist ein echtes Erlebnis. Die Bremsen sind noch dicht, aber die Triebwerke laufen bereits. Eine ungeheure Schubkraft entfaltet sich, der ganze Laden wackelt wie bei einem kleinen Erdbeben. Dann werden die Bremsen gelöst und die Beschleunigung drückt mich stärker in meinen Sitz als irgendeines von Kais Autos das bisher gekonnt hätte (ich erinnere mich gerade an seine „Fünf-Mark-Wette“). Wir erheben uns in die Luft, beschreiben eine Rechtskurve und steigen allmählich auf 11.000 Meter Höhe. Ich komme mir vor, als würde ich in einer Achterbahn sitzen, die langsam auf den Beschleunigungsberg gezogen wird. Ich habe das Gefühl, wir bewegten uns in Zeitlupe, dabei sind wir mit etwa 1000 km/h unterwegs.

Mir wird der erste Nachteil des Nicht-am-Fenster-sitzens klar: Man sieht weniger von der Landschaft und den Wolken, und die sind anziehender, als ich gedacht habe. Andererseits sitze ich in einer Preisklasse, deren Plätze über den Flügeln liegen – direkt nach unten sehen kann man also gar nicht.

Die Route führt grob an Schwerin, Helsinki und Archangelsk vorbei und erreicht ihren nördlichen Scheitelpunkt am Rande der Barentssee. Dann biegen wir in einem weiten Bogen in Richtung Süden ab, fliegen quer über Sibirien und über die Mandschurei, erreichen dann Japan und landen nach elf Stunden Flug in Narita. Und diese 11 Stunden waren nicht immer angenehm.

Es handelt sich um eine Maschine der Lufthansa, und den Komfort würde ich nicht gerade als hoch bezeichnen. Zur Unterhaltung gibt es Musik für die Kopfhörer, aber von der Musik gefällt mir nur das Wenigste, und die Kanäle bestehen aus einer Schleife, die nach schätzungsweise einer Stunde von vorne beginnt. Ungeheuer spannend. Das Bordkino besteht aus kleinen Fernsehern, die in regelmäßigen Abständen an der Decke hängen. Dabei habe ich noch Glück und muss mir den Hals nicht allzu sehr verbiegen. „Bruce Almighty“ läuft da… ein Film, den die Welt nicht braucht. Aber ich bin auch kein besonderer Fan von Jim Carrey. Seine Loserrollen, die dann plötzlich was draufhaben und darüber ein bisschen größenwahnsinnig werden, gehen mir wohl zu sehr auf den Keks. „The Mask“ war grauenhaft (obwohl ich den Cartoon sehr mochte), „The Grinch“ war’s ebenfalls und… ach, lassen wir das. Ich habe ja die Nacht vorher schon nicht geschlafen und würde das ja gerne nachholen, vor allem wegen der Langeweile! Aber dieser Sitzplatz ist höllisch unbequem, ich muss das Kopfkissen auf den „Esstisch“ quetschen, einen Katzenbuckel machen und muss versuchen, so zu schlafen. Aber nach nicht einmal einer Stunde tut mir mein Rücken wegen der überstarken Krümmung weh. Zurücklehnen ist nicht, weil sich der Sitz nicht weit genug klappen lässt, und an die Kopfstütze kann man sich wegen mangelnder Größe mit dem Kopf nicht anlehnen, um so ein bisschen im Sitzen schlafen zu können. Hier offenbart sich ein weiterer Grund, warum man am Fenster sitzen sollte, wenn man Gelegenheit dazu bekommt: Man hat eine Wand, die den Kopf stützt. Den Fehler, zu bescheiden zu sein, mache ich am Flughafen nicht noch einmal.

Zwischendurch frage ich den Stewart (eigentlich: Flugbegleiter), wie es mit Getränken aussieht. Er sagt, er könne mir so viel Fruchtsaft bringen, wie ich wolle. Ich erkläre ihm, dass ich so an zwei Liter gedacht habe, weil er bestimmt nicht wolle, dass ich möglicherweise nervöse Fluggäste wegen eines heftigen Wadenkrampfs aus dem Schlaf reiße, und ob ich nicht gleich eine Flasche haben könnte. Nein, das würde bedeuten, dass er jedem, der dies verlangt, eine Flasche geben müsse. Worin der Nachteil besteht, sagt er nicht. Die andauernde Müllsammlung vielleicht? Er sagt aber, dass ich gerne in die Küche kommen und dort so viele Gläser trinken dürfe, wie ich wolle. In Ordnung, ich gehe in die Küche und trinke zehn Gläser Orangensaft. Die wollen einige Zeit darauf natürlich wieder raus, also sehe ich mir mal die Toiletten an. Sieht nicht viel anders aus als im Intercity der deutschen Bahn. Aber der Sog der Spülung ist, anders als Mittermeier behauptet hat, nicht stärker als im Zug.

Nach elf Stunden Flug landen wir also auf dem Flughafen Narita. Und jetzt heißt es, sich am Riemen zu reißen. Ich muss mit dem Shuttlebus zum Flughafen Haneda fahren und mir das Ticket selbst besorgen. Dazu muss ich erst mal offiziell einreisen. Ich stelle mich in eine lange Schlange mit einer Reihe weiterer Ausländer (im hiesigen Falle Nicht-Japaner) und warte auf meine Passkontrolle. Rechts von meiner Schlange gehen die Japaner vorbei. Sie werden nur flüchtig kontrolliert. Links von meiner Schlange befindet sich offenbar der Diplomateneingang. Ich sehe einen beleibten afrikanischen General in grüner Uniform mit Adjutanten an der Seite und viel Gold auf der Schulter. Es ist eindeutig kein Amerikaner, den hätte ich an der Uniform problemlos erkannt. Ich fühle mich ein bisschen an Idi Amin erinnert, den ich natürlich auch nur von Bildern her kenne, aber diese Assoziation kommt mir eben in den Sinn.

Ich gebe mir Mühe, die Fragen des Zollbeamten zu verstehen und zu beantworten. Mit Japanisch habe ich noch Probleme und sein Englisch ist schwach. Aber ich kriege dann meinen Stempel und kann mich auf die Suche nach dem richtigen Schalter für den richtigen Bus machen, nachdem ich mein Gepäck eingesammelt habe. Das Ticket kostet 1000 Yen, aktuell sind das etwa sieben Euro.

Die Fahrt von einem Flughafen zum anderen dauert etwa eine Stunde, über die Stadtautobahn. Ich bin hundemüde, aber ich will den Ausblick auf Tokyo auch nicht verpassen. Ich sehe das Riesenrad. Zumindest glaube ich, dass es in Tokyo nur ein markantes Riesenrad gibt, von daher gebe ich mich dem Glauben hin, dass ich hier das Riesenrad sehe, dass man in der „SailorMoon“ Animeserie mehrfach sehen konnte. Des weiteren sind da hohe Netze, hinter denen sich Abschlagplätze für Golffans befinden, und dann sind da wahrhaft gigantische Strommasten, die alles in den Schatten stellen, was ich in Deutschland bislang gesehen habe.

Am Flughafen Haneda werde ich durch einen Serviceangestellten kurz verwirrt. „Please check in over there“ sagt er und weist mit der linken Hand in eine unbestimmte Richtung, halt „grob links“ von seinem Standort. Ich gehe in die entsprechende Richtung, muss mich aber ein paar Minuten später fragen, wozu der Mann hier eigentlich diesen Job hat: Man erhält auf dem Weg überhaupt keine Gelegenheit, irgendwo falsch abzubiegen und sich zu verlaufen. Wo hätte ich also sonst hingehen sollen? Die Sache ist idiotensicher.

Weniger idiotensicher war offenbar ein Teil meiner Planung. Ich habe mir gedacht, dass ich ja Hiroyuki, meinen früheren Tandempartner, im Flughafen treffen könnte, da ich ja knapp zwei Stunden Aufenthalt habe. Ich hatte ihm also vor ein paar Tagen eine Nachricht geschrieben und er hatte geantwortet, dass wir uns „am Uhrenturm“ treffen würden. Beim Erhalt dieser Nachricht war ich davon ausgegangen, dass es am Flughafen Haneda einen Gebäudeabschnitt gebe, den man „den Uhrenturm“ nennt. Dem ist aber nicht so. In der Halle des Flughafens stehen acht kleine Uhrentürme. Offenbar ein grammatischer Fehler in der Nachricht meines Freundes, da es im Japanischen keine Artikel (der, die, das, ein, einer, eines, etc.) gibt, von daher hat die halbe Welt Probleme mit so was, nicht nur Japaner. Jedenfalls kann ich Hiroyuki nicht finden, auch nachdem ich die Halle zweimal hoch und runter gelaufen bin. Ich wende mich an die Information und lasse ihn sogar ausrufen. Aber nichts geschieht. Schließlich wird mein Flug nach Aomori aufgerufen und ich muss weg. Während der eintönigen Wartezeit hat sich meine Müdigkeit verstärkt, aber ich konnte nicht wagen, zu schlafen, da ich möglicherweise meinen Flug verschlafen würde.2

Leider habe ich das bunte Treiben am Flughafen kaum zur Kenntnis nehmen können. Ich erinnere mich an eine oder mehrere Schulklassen derselben Schule (gleiche Uniformen), die wohl ebenfalls auf einen Flug warteten, womit ich die ersten Schuluniformen live zu Gesicht bekommen habe. Auch lustig sind die vielen hübschen Damen, deren Arbeit daraus besteht, Marktschreier zu sein. Sie stehen neben den Ständen, deren Firma sie bezahlt und rufen z.B. „Keeki wa ikaga desu kaaaa?“ (etwa: „Wie wär’s mit Kuuucheeen?“, nur höflicher). Wäre ich wach und zurechnungsfähig, würde ich ihnen gerne ein bisschen beim Rufen zuhören (weil ich schöne Stimmen mag), aber ich fühle mich wie durchgekaut und ausgespuckt.

Ich hole mein Ticket ab, gebe meinen Koffer wieder ab und sichere mir diesmal einen Fensterplatz. Wie es scheint, haben japanische Flughafenangestellte strengere Vorstellungen von einem sicheren Koffer als ihre deutschen Kollegen. Die Dame fragt, ob etwas zerbrechliches drin sei (nein), presst dann meinen Koffer zusammen und umwickelt ihn mit einem stabilen Plastikband. Jetzt fällt da bestimmt nichts raus. Ich steige dann also in meinen Inlandsflug nach Aomori. Ich freue mich ungeheuer auf die Startbeschleunigung. In Frankfurt war das ein irres Gefühl. Wieder sind die Bremsen zu und die Turbinen heulen los. Dann lösen sich die Bremsen und wir schießen über die Startbahn! Aber den Take-off erlebe ich nicht mehr – der Schlaf überkommt mich wie ein Ohnmachtsanfall und ich wache erst wieder auf, als wir schon beinahe in Aomori angekommen sind. Dort regnet es, aber das ist mir gleich. Ich bin glücklich, hier zu sein.

Am Flughafen von Aomori werde ich abgeholt. Ich bin so fertig, dass ich kaum denken kann, dem entsprechend schwer fällt mir die Kommunikation mit meinem Fahrer, der sich viel Mühe gibt, Englisch zu sprechen. Dafür möchte ich ihm danken. Mein Japanisch ist auch dann nicht das Wahre, wenn ich voll ausgeruht bin. Aber seinen Namen habe ich nach zwei Sekunden wieder vergessen. Er trägt einen reichlich unförmlichen Trainingsanzug. Werde ich hier vom Hausmeister der Uni abgeholt?

Wir fahren los, in Richtung Hirosaki, das grob südwestlich von Aomori liegt. Meinem Fahrer ist offenbar nach einem Gespräch, also redet er drauflos und stellt Fragen, die man halt jemandem stellt, den man gerade zum ersten Mal sieht und der von der anderen Seite der Welt kommt. Ich habe mir allerdings nur das allerwenigste davon merken können. Irgendwann zum Beispiel deutet er aus dem Fenster und fragt mich, ob ich wisse, was da wachse. Ich werfe einen Blick auf das Feld und erkenne sofort, dass da Reis wächst, etwa so hoch wie bei uns der Hafer. Glaubt er, dass ich nicht wisse, wie Reispflanzen aussehen? Ich vermute eine Art Fangfrage und frage, was es denn sei. Ja, das sei Reis, sagt er. Okay, er hält mich für beschränkt oder glaubt, dass man unter Brotessern nicht weiß, wie Reis im Feld aussieht. ? Er weist auch darauf hin, dass es hin und wieder Erdbeben gebe. Na gut, auch darauf habe ich mich, so weit es mir möglich ist, seelisch und moralisch eingestellt.

In der Nähe von Hirosaki fallen mir die Apfelbäume ins Auge. Die Äpfel sind hier nicht rot oder grün, sondern… pink!? Ja, das sei hier so. Er weist mich darauf hin, dass Hirosaki die Apfelstadt Japans sei. Das wusste ich nicht. Schande auf mein Haupt. Aber wenn Hirosaki eine solche Gemeinsamkeit mit Bozen in Südtirol hat, gefällt es mir doch gleich noch ein Stück besser hier.

Das Fahren muss der gute Mann übrigens auch noch üben. Der fährt stoßweise. Auf der Landstraße herrscht in Japan ein Tempolimit von 60 km/h, es ist unglaublich. Und mein Fahrer beschleunigt auf etwa 65, nimmt den Fuß vom Gas, bis der Tacho nur noch 55 anzeigt, dann tritt er wieder aufs Gas und so weiter und so fort. Ich werde die ganze Fahrt über eher unsanft geschaukelt. Selbst wenn wir nicht die halbe Zeit geredet hätten, hätte ich nicht schlafen können.

Auf dem Weg zum Gästehaus der Universität biegt er kurz auf den Campus ein, dreht eine Runde um eines der Gebäude und fährt wieder auf die Hauptstraße. Super… eine Besichtigung von einigen Sekunden. Ich muss ob dieser Serviceleistung doch schmunzeln. Ich werde noch genug Zeit hier verbringen. Aber Schlaf ist das, was ich jetzt will! Dann fahren wir zum Gästehaus. Ich erhalte ein Zimmer und lehne das Angebot, ein Abendessen einzunehmen, dankend ab und bitte darum, um 08:00 geweckt zu werden. Bett, Dusche (inklusive Handtuch und Seife), WC, Schreibtisch. In meinen Augen in diesem Moment der Himmel auf Erden.

Ich nehme eine Dusche, sie ist notwendig. Und danach fühle ich mich zwar immer noch hundemüde, aber nicht mehr so fertig. Ich setze mich also an den kleinen Schreibtisch und verfasse das Manuskript dieses Tagebucheintrags, bevor ich schlafen gehe. Es ist jetzt 15:30 Ortszeit. In Deutschland ist es 08:30 am Morgen. Ich bin also seit meinem Aufbruch in Gersheim 25,5 Stunden unterwegs gewesen. Bis 08:00 sind es noch 15,5 Stunden, das wird zum Ausschlafen reichen, denke ich. Ich kenne meine Schlafgewohnheiten nach langen Reisen. Wenn das hier so läuft, wie sonst, dann werde ich morgen früh erfrischt aus dem Schlaf erwachen und mich folglich sofort an den lokalen Schlafrhythmus gewöhnen, ohne noch die jetzt gerade unbrauchbare Mitteleuropäische Zeit in den Knochen zu haben. Viele andere machen da ja die Erfahrung, dass sie tagelang mitten in der Nacht aufwachen und nicht mehr schlafen können. Ich will mal ganz voreilig sein und behaupten, dass mich das nicht betreffen wird.

1 Dieser Eintrag wurde am 28. Oktober 2005 anhand des Manuskripts neu verfasst. Die Originalpost zu diesem Datum, die damals per E-Mail versendet worden war, ist nicht erhalten geblieben.

2 Ich habe ihm versehentlich meinen Abreisetag als Zeitpunkt genannt und kam in dem Moment nicht auf die Idee, dass ich erst einen Tag später am Treffpunkt ankommen würde.