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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

21. Dezember 2009

Über „Stückwerk“

Filed under: Creative Corner — 42317 @ 15:30

Um gleich eine Frage zu beantworten, die sich möglicherweise mehr als einer beim Lesen von „Stückwerk ist unsere Erkenntnis, Stückwerk unser Tun…“ gestellt hat: Der Text ist keine Darstellung meines augenblicklichen Seelenzustandes. Die Geschichte wurde bereits Anfang 2008 geschrieben und sollte bereits vor einem Jahr, zum 17. Dezember 2008, veröffentlicht werden, aber leider habe ich das Datum verpennt.

Was da geschrieben steht, beruht auf einer wahren Begebenheit, aber natürlich hat sich das alles nicht im Detail so abgespielt. Bernhards Tod ist real, aber er hat sich nicht von einer Brücke gestürzt. Die Titelzeile stammt aus der Totenmesse, die in Trier für ihn abgehalten wurde. Seine Freude am Fotografieren und an Brettspielen entspricht der Wahrheit, aber er hat nicht in einem Club, sondern immer wieder mal mit der Dienstagsrunde gespielt, von der ich seit einigen Jahren Teil bin. Er sang auch im Chor, im Graf-Spee-Chor, um genau zu sein, und ebenso gibt es das erwähnte Blog, und er hatte auch tatsächlich so einen „Idiotenjob“. Der Alte, der seine Exkremente an die Wand schnippte, den gab’s auch mal, und ebenso das übermäßig schnell wirkende Abführmittel. Ich kannte die Pflegerin des ersteren, und letzteren kannte ich persönlich.
Der Stil des ersten Epilogs richtet sich, als Hommage, an den Fragmenten aus, die in dem Blog geschrieben stehen.  Aber die füllenden Details und Gedanken entstammen alle meiner intuitiv-künstlerischen Freiheit.

Ich habe erst nach Bernhards Tod seinen Geburtstag realisiert, und der ist halt am Tag nach meinem. Vielleicht kannte ich ihn nicht wirklich gut, auf jeden Fall nicht ganz so gut, wie ich die Leute kenne, die jeden Dienstag dabei sind, wenn es darum geht, den Sheriff – BANG! – zu erschießen, aber ich habe mich ab und zu mit ihm unterhalten und habe ihn oft genug „live erlebt“, sozusagen, um daraus ableiten zu können, dass wir ein paar Gemeinsamkeiten besitzen, weswegen ich auf die Idee kam, einen Nachruf in Form einer Kurzgeschichte verfassen, und dabei im Rahmen des Realistischen bleiben zu können. Inwieweit mir das gelungen ist, liegt im Ermessen derer, die ihn besser und länger kannten als ich.

Ich griff dabei auf ein Sammelsurium von direkten Erfahrungen und mitgehörten Geschichten zurück. Ich kenne zum Beispiel den LKW-Fahrer, dem eine Person von der Autobahnbrücke vor den Laster sprang. Es war nicht Bernhard, sondern eine junge Frau, aber ich fand es angebracht, den zweiten Epilog hinzuzufügen, um darauf hinzuweisen, dass ein Selbstmord immer auch noch andere treffen kann, die man gar nicht treffen will, an die man gar nicht gedacht hat. Natürlich hatte ich auch die Gefühle der Freunde und Verwandten im Sinn, aber daran wollte ich micht herantrauen. Ich weiß nicht, ob ich das hätte treffen können, ohne unsachlich rührselig oder kitschig zu werden. Letztendlich dachte ich mir, dass es klar genug sein müsste, dass das direkte Umfeld betroffen sein würde, und ließ es bei einer Person, dem Lieferfahrer, der überhaupt keine Beziehung zu S. hatte und trotzdem sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Statistiken zeigen, dass die Gefahr eines Selbstmords in sozialen Einheiten größer ist bzw. wird, wenn ein solcher Unglücksfall sich bereits im direkten Umfeld dieser Gruppe ereignet hat, aber ich weiß nicht, inwiefern Forschungen auch „die anderen“ erfassen, die Kraftfahrer auf Straße und Schiene zum Beispiel, oder vielleicht auch Menschen, die in der direkten Umgebung einer solchen Brücke leben oder arbeiten. Darauf wollte ich kurz hinweisen.

Das seelische Innenleben von S. ist eine Übersteigerung dessen, wie es mir selbst zwischen Winter 2004 und Herbst 2005 ging, als es mir nicht gelingen wollte, einen Nebenjob zu finden, und als ich finanziell völlig von anderen abhängig war. Das trifft das Selbstwertgefühl ganz empfindlich. Zumindest meines… und diese Geschichte mit „Ich weiß nicht… zwischen uns stimmt die Chemie einfach nicht…“, die stammt aus meinen eigenen, direkten Erfahrungen. Es ging dabei zwar nur um einen Job als Salatmischer, und das mit der schlechten Chemie muss ich aus meiner Unverschämtheit ableiten, für das Probearbeiten bezahlt werden zu wollen, aber das Gespräch hat sich so zugetragen. Die Sache mit der Standpauke und „Da musste gar nicht so gucken!“ hab ich auch selbst erlebt.
Alles weitere ergibt sich aus meiner Überzeugung, dass Bernhard mir irgendwo ähnlich war in seiner Auffassung von Spaß und Vergnügen und in seiner Weltsicht. Vielleicht kam angesichts seines Alters bereits die Midlife Crisis dazu, ich weiß nicht, aber ich käme nicht so schnell auf die Idee, mir das Leben zu nehmen. Ich bin nämlich das Schaf.

So mancher Sachverständige könnte sich an meiner Darstellung der Agentur für Arbeit stören. Das ist doch alles ganz anders, könnte da einer sagen. Ja, ich streite nicht ab, dass das alles möglicherweise ganz anders ist, aber es kam mir darauf an, darzustellen, wie Otto Normaldosenbiertrinker das System sieht. Ich habe auch hier eine stabile Grundlage von Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern in meinem weiteren Umfeld, die sich bevormundet und herumgeschubst, und generell als Bürger dritter Klasse vom System verarscht fühlen. Ich habe deswegen zumindest versucht, darauf zu achten, dass all das, was da über diese Institution gesagt wird, als subjektive Gedanken des unglücklichen Protagonisten zu erkennen ist, damit es eben nicht als allgemein gültig und wahr aufgefasst werden kann.

An der Form der Präsentation wurde bemängelt, dass der episodische Stil verwirrend sei. Ich hätte auch gern die Szenenwechsel durch einen größeren Abstand zum vorherigen Abschnitt markiert, aber an dieser Stelle ist die Technik gegen mich. Ich kann zwischen zwei Abschnitten tausendmal die Eingabetaste drücken, aber die Eingabemaske wird alle bis auf die erste Eingabe ignorieren. Ich habe mir auch überlegt, eine Zeile mit einem Punkt einzufügen, um so die Abstände künstlich zu vergrößern, aber das sah nicht gut aus. Ich gebe allerdings zu, dass ich die Eingabe mehrerer Freizeilen über das HTML Eingabefenster noch nicht versucht habe… vielleicht geht das ja.
(…)
Nein, das geht auch nicht. Vielleicht mach ich ja was falsch.

Der Text ist sehr schnell entstanden… innerhalb von acht Stunden an einem Abend. Natürlich wurden in der Folgezeit noch ein paar Änderungen, Kürzungen, und Erweiterungen vorgenommen, im Rahmen von vielleicht 200 Wörtern (es sind insgesamt etwa 6600), aber die Geschichte war prinzipiell nach einer „Arbeitssitzung“ präsentierfähig. Ich würde das durchaus schnell nennen… und wenn sie es schafft, den Leser emotional zu berühren, und nicht einfach als irgendeine Erzählung in der Tradition des „Werther“ vielleicht gelesen zu werden, dann habe ich ein bedeutendes Ziel erreicht – für Bernhard ebenso wie für mich.