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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

18. Mai 2024

Dienstag, 18.05.2004 – Wer Golf spielt, sollte versichert sein!

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Im Unterricht von Kondô-sensei ist heute wieder der Filialleiter der „Tokio Marine & Fire“ Versicherung zu Gast und er beendet seinen Vortrag heute mit einer mir sehr eigentümlich erscheinenden Sache, die von unserem Dozenten auch noch mit persönlicher Erfahrung garniert wird: In Japan gibt es offenbar Versicherungen speziell für Golfspieler, und zwar nicht einfach nur solche, die Personen- und Sachschäden durch fliegende Golfbälle abdecken, oder etwa Sportverletzungen, wenn man sich einen Muskel zerrt, ein Gelenk überbelastet oder vielleicht mit dem Golfwagen einen Unfall hat. Nein, es gibt tatsächlich eine „Hole-in-One Versicherung“.
Zur Erklärung für die, die diesen englischen Begriff nicht kennen: Das bedeutet, dass man den Ball vom Abschlagpunkt aus direkt in das vorgesehene Loch befördert, mit Hilfe welcher (regelkonformen) Umstände auch immer. Ich habe keine Ahnung, wie ein solches Ereignis im Rest der Welt zelebriert wird, aber in Japan geht es da hoch her, wenn man das so nennen kann. Zu seiner Zeit als Generalverwalter der Mitsubishi Bank habe sein nächsthöherer Vorgesetzter, der Aufsichtsratsvorsitzende, eine solche Leistung vollbracht, erzählt Kondô, und damit etwa die folgenden Ereignisse ins Rollen gebracht, die in Japan jedem widerfahren, der ein Hole-in-One schafft (und dabei „erwischt“ wird):

Da wären zunächst einmal 5000 Yen (derzeit knapp 40 E) für jeden Caddy des Spielers, also für die Helfer, die die Tasche mit den Schlägern tragen und das Golfmobil steuern. Leute mit Geld haben schon mal mehr als einen bei sich. Aber dieser Betrag fällt im Geldbeutel einer solchen Person nicht weiter auf, wenn er fehlt.
Als nächstes wäre da ein Baum am Rand des Golfplatzes zu pflanzen, mit einer entsprechenden Gedenkplakette, auf der geschrieben steht, wer der Spender ist. Das kann etwa 100.000 Yen (ca. 750 E) kosten. Dann versendet man kleine Präsente an alle, mit denen man jemals Golf gespielt hat. Der Herr Vorsitzende machte das bereits seit 40 Jahren und hatte völlig den Überblick verloren, also schenkte er jedem, der im Verdacht stand, schon einmal mit ihm das Eisen geschwungen zu haben, eine 500 Yen Telefonkarte. Auch Kondô erhielt eine, ohne jemals mit dem Vorsitzenden Golf gespielt zu haben, und er lässt es sich nicht nehmen, eine spöttische Bemerkung über das Gedächtnis „des Alten“ zu machen. Es kann sich also, je nach Alter oder Spielerfahrung des „glücklichen“ Spielers, um einige Dutzend Leute handeln. Und man verschickt ja nicht einfach schmucklos eine Telefonkarte, da muss noch eine Karte dazu, und nicht unbedingt eine aus einem Zehnerpack des 100 Yen Ladens. Man könne also von knapp 1000 Yen für eine solche Postsendung rechnen, alles inklusive, also die Telefonkarte, die Grußkarte, Versandkosten.
Zuletzt lade man seine engsten Freunde, und Kondô geht von vier oder fünf Personen aus, zu einem „angemessenen“ Essen ein, „natürlich nicht irgendwo“. Pro Nase könnten da gerne 200.000 bis 300.000 Yen (1500 bis 2250 E) anfallen. Es sei also durchaus realistisch, mit einem Ausgabenvolumen von zwei Millionen Yen (15.000 E) zu rechnen – und genau gegen solche Fälle könne man sich versichern.

Kudô, der Mann von der Versicherung, führt uns noch ein Video vor, das er in den Morgennachrichten vor einigen Tagen aufgenommen hat. Es zeigt ihn (und untermalende Szenen aus dem Park von Hirosaki), wie er in einem kurzen Beitrag seine „Kirschblüten-Wetter-Versicherung“ speziell für Taxiunternehmen vorstellt. Diese können sich gegen Einkommenseinbußen versichern, die zur Zeit der Kirschblüte entstehen können, wenn die Wagenflotte an „strategischen Punkten“ der Stadt (wie z.B. Ein- und Ausgänge des Parks, Bahnhof) steht, aber wegen zu geringer Temperaturen die Blüten noch nicht aufgesprungen sind und deshalb die Kundschaft ausbleibt. Er sagt, dieses Jahr sei etwas kühl gewesen und er habe in dieser Sparte deshalb 270.000 Yen Verlust gemacht.

Ich gehe ins Center, aber da gibt es nichts „zu holen“, also wechsele ich in die Bibliothek. Ich will heute austesten, wie lange ich brauche, wenn ich nur Dinge am Computer mache, die ich mir fest auf meinen Tagesplan geschrieben habe, also Post, Newsletter, Spiel gegen Frank und Forum. Das Ergebnis sind 3,5 Stunden. Dabei schreibe ich einen Kurozamurai-Bericht, drei kurze Einträge ins Forum, spiele eine Runde gegen Frank (und verfasse den dazugehörigen Bericht) und bearbeite meine Post. 2,5 der 3,5 Stunden sind für Newsletter und Post.

Um kurz nach Acht will ich dann wieder gehen, aber wie es der Zufall will, entdecke ich JaYong (die christliche Koreanerin) an einem der Rechner. Ich frage, was sie so mache, dass man sie so lange nicht im Center gesehen habe. „Japanisch lernen“ sagt sie. „Was sonst?“, denke ich mir ergänzend dazu. Es bestehe für sie kein Bedarf, ins Center zu gehen. Und was ist mit ihrer widerspenstigen Mailadresse bei „Dreamwiz“? Das könne sie sich nicht erklären, sagt sie. Ich mache also gleich vor Ort den Versuch, ihr Dreamwiz Konto von jedem einzelnen meiner Mailaccounts anzuschreiben – aber alle Mails kommen wieder zurück, mit der Begründung, vom Zielserver zurückgewiesen worden zu sein. Mit anderen Worten: Meine Mails werden als Spam betrachtet und gelöscht, ohne dass der geplante Empfänger ein Wort mitzureden hat. Wie auch den anderen Leuten in meinem Umfeld sage ich ihr Bescheid, dass wir am Samstag Sushi essen gehen wollten und dass sie gerne mitkommen dürfe. Sie äußert sich positiv darüber, aber wie ich sie einschätze, wird sie nicht kommen. Wie ich mein Glück kenne, werde ich mit Melanie nachher eh wieder der einzige sein, der sich vor der Tür des Sushi Shôgun einfindet.

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