Sonntag, 02.05.2004 – SPAM
Auch heute hat die Bibliothek geöffnet und ich nehme das Angebot natürlich wahr. Der Bericht über den 25.04. steht heute an und er wird sieben Seiten lang. Er offenbart auf wunderbarste Weise meine Interessen in einer Jahreszeit, wo andere die Schönheit blühender Kirschbäume besingen und unsagbar viele Fotos davon machen. Ich glaube, ich selbst habe vielleicht ein halbes Dutzend Bilder von Bäumen gemacht, wenn ich großzügig schätze. Kirschbäume habe ich auch zuhause, zwei davon in Steinwurfweite hinterm Haus, und die Eigenschaft der japanischen Bäume, ohne grüne Blätter zu blühen, stellt für mich keine ästhetische Glanzleistung dar. Für mich gehört Laub dazu. Es sieht einfach natürlicher (= „schöner“ für meine Begriffe) aus, auch wenn ein „Tunnel“ aus Kirschblüten im Park schon etwas Besonderes ist. Dennoch ist ein solcher Tunnel „künstlich“ – und dieser Begriff hängt sowohl mit „Kunst“ als auch widersprüchlich mit „Natur“ zusammen.
Der Bericht schreibt sich ziemlich flott und ich habe sogar noch Zeit, mich im Animetric Forum umzusehen und auch eine Blitz-Runde Combat Mission zu spielen, bevor ich mit Melanie nach Hause gehe. Allerdings sind noch ein paar Einkäufe zu machen, und ich muss das längst überfällige Bad putzen, während Melanie sich um das Essen für die nächsten beiden Tage kümmert. Kartoffelsalat sollte Zeit zum ziehen haben.
Ich besorge mir im BenyMart eine Dose SPAM. Dieser Mailaccount-Albtraum von heute ist die gepresste Dosenwurst von gestern. Ich finde allerdings noch nicht die Gelegenheit, mein SPAM zu verspeisen. Die Dose wird sich ganz hervorragend in meinem Regal machen. Wer hat schon eine SPAM Dose? Natürlich sieht sie so langweilig aus wie andere Wurstdosen auch, aber diese Wurst heißt halt SPAM.
Ich lese schließlich den Latour weiter. Habe ich bereits erwähnt, dass ich die Schreibkunst dieses Mannes bewundere? Seine Darstellung der Vorgänge und Verhältnisse auf dem Globus zwischen Kabul und Tel Aviv vermitteln den (wahrscheinlich durchaus realistischen) Eindruck, dass dauerhafter Frieden und Demokratie nur schöne Rhetorik bleiben und internationalen Wirtschaftsinteressen zum Opfer fallen werden. Das ist sehr ernüchternd, aber doch fesselnd geschildert und garniert mit seinen Erfahrungen aus dem vergangenen halben Jahrhundert, von denen er nur seine Zeit als Chefredakteur des STERN bedauert, wie man aus den Zeilen herauslesen kann. Schließlich döse ich aber immer öfter ein und gehe lieber schlafen.
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