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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

1. Mai 2024

Samstag, 01.05.2004 – Bye-bye, Dave

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Zu meiner großen Überraschung finde ich die Bibliothek heute offen vor. Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, ausgerechnet in Japan einen „Tag der Arbeit“ vorzufinden, aber ich dachte, dass man so kurz vor den Feiertagen das ganze Wochenende „blaumachen“ würde. Ich kann also drei, wenn auch kurze, Berichte schreiben und spiele einen Zug Combat Mission gegen Frank. Nachdem der Fahrer Krämer bereits sein Leben lassen musste, hat es heute auch den Späher/Scharfschützen Lieblang erwischt.

Um 17:00 macht die Bibliothek dann wieder zu und ich fahre ins Ito Yôkadô, hauptsächlich, um Zeit totzuschlagen. Ich ergänze meine laufende CD-Bestellung um die „Area 88“ Single, die interessanterweise bereits ab dem 08. Mai lieferbar ist. Hier ist keine Rede von Verzögerungen wegen der „Golden Week“. Ich gebe jedoch an, meine beiden Bestellungen zum gleichen Zeitpunkt, am 15. Mai, abholen zu wollen, und gehe dann in den Buchbereich. Eine Bekannte hat mich ja gebeten, mich nach einem bestimmten Artbook von Tanemura Arina umzusehen, aber es ist nicht vorrätig. Stattdessen entdecke ich ein weiteres Artbook, das eine Art Crossover verschiedener Anime von Pioneer zu beinhalten scheint, „Dai Undôkai“, „El Hazard“, „Pretty Sammy“ und „Tenchi Muyô“. Ich bin versucht, es zu kaufen, aber ich lasse es vorerst. Das will ich erst noch überdenken.

Stattdessen fahre ich ins Naisu Dô – von dem ist demnächst übrigens nur noch die Hauptstelle übrig. An dem kleinen Laden unweit meiner Wohnung hängt ein Hinweisschild, dass man ab dem 05. Mai schließe. Obwohl das Ding im Dezember erst renoviert worden ist? Die Profite waren wohl nicht so das Wahre, fernab der Innenstadt. Natürlich gibt es deshalb Preisnachlässe und so weiter, aber wenn ich erst gar nicht hingehe, komme ich wohl am billigsten weg. Und was ich brauche, liegt eh hier in der Hauptstelle. Ich habe mir vor langer Zeit zwei Artbooks zurückgelegt, „Mamono Hunter Yôko Final“ und „Shin Tenchi Muyô“. Yôko ist noch da, aber Tenchi hat mir jemand vor der Nase weggekauft – kuyashii! Sehr schade, aber ich habe mir ja auch ewig Zeit gelassen. Viel Wahl hatte ich ja nicht. Das erste Quartal war finanziell ziemlich eng. Ich kaufe also, was noch da ist, und dann sagt die Uhr auch schon „Aufbruch!“. Um 18:40 soll ich ja Melanie und Alex vorm Haupttor treffen.

Als ich um 18:41 ankomme, stelle ich überrascht fest, dass die komplette Mannschaft da angetreten ist, die von Dave zu seiner Abschiedsfeier eingeladen worden, bzw. dieser Einladung gefolgt ist, und Dave ist auch da. Von denen, die kommen wollten, ist nur ausgerechnet Alex nicht da. Wir fahren also um 18:45 ohne ihn los, aber eine Minute später holt er zu uns auf. Er ist vom Park die Strecke hierher gefahren, um mich und Melanie zu dem betreffenden Restaurant (in dem Dave offenbar mal gearbeitet hat) zu bringen. Der Umweg war leider völlig umsonst, weil keiner von uns dreien wusste, dass das Haupttor der allgemeine Treffpunkt sein würde, und Dave kennt den Weg natürlich ebenfalls. Auf dem Weg schafft es die Spitze der Kolonne (man bemerke: Dave und Alex) allerdings doch tatsächlich, sich zu verfahren. Nur hundert Meter weit eine falsche Abbiegung hinein – aber bei der Ortskenntnis, die die beiden haben, ist das beachtlich und schon fast lächerlich. Ich glaube, es ist unmöglich, sich in Hirosaki zu verfahren, wenn man länger als zwei Monate da ist. Mann nimmt den Berg Iwaki als Orientierungspunkt und kommt zwangsläufig nach nicht allzu langer Zeit irgendwo vorbei, wo man sich wieder auskennt. Ich glaube, sogar Trier ist komplizierter.

Das Restaurant „Al Porto“ befindet sich im hintersten Winkel der Einkaufspassage „Renaissance Center“. Wenn man nicht weiß, dass es da ist, kommt man niemals auf die Idee, da hinten noch ein Restaurant zu vermuten. Das Ambiente ist italienisch und das Menü festgeschrieben. Aha. Professor Carpenter, Davids Mentor in Japan, ist ebenfalls eingeladen und bereits anwesend, und er übernimmt das Einsammeln des Kostenbeitrags: 2000 Yen pro Nase. Das ist nicht wenig, bedenkt man, dass ich mich im Yakiniku MooMoo für bereits 1500 Yen um den Verstand fressen kann. Ich hoffe mal, dass ich für mein Geld auch was geboten bekomme.
Zuerst einmal wird Bier auf den Tisch gestellt. Nicht, dass ich welches mögen würde (und es gibt wenig später auch Rotwein), aber die Servierweise mutet mir arg seltsam an. Das Bier wird in offenen Literkrügen auf den Tisch gestellt, und jeder kann sich nehmen, was er braucht. Dann sollte man sich aber auch beeilen, weil Bier doch in kürzester Zeit absteht. Die nicht-deutschen Gäste scheint das wenig zu stören, und es scheint, dass sich die Krüge auch schnell genug leeren. Mir steht trotzdem der Mund offen. Der Rotwein ist ein „Monte Pulciano“ von 2001, und der ist bei weitem nicht so sauer, wie ich das von trockenem italienischem Landwein gewohnt bin. Trinkt sich wirklich angenehm.

Dann kommen Servierplatten mit Keksen auf den Tisch. Auf den einen liegt ein Stückchen Rindfleisch, mit ein paar Streuseln Oregano und einem wenig feierlich anmutenden Klecks… Tomatenketchup garniert. Aber auf der anderen Hälfte des Keksangebots liegt jeweils ein Stück Weichkäse, dessen aromareiche Rinde mir das Wasser in den Mund treibt. Und der Käse hält, was sein Geruch verspricht. Ich hätte mir am liebsten gleich die ganze Platte zu Gemüte geführt, aber Melanie spart bei solchen Gelegenheiten nie mit strafenden Blicken. J
Anschließend gibt es dünnen, gebackenen Ciabatta Teig mit Oliven, geraspelten Chilis und feinem Knoblauch, sowie die allseits bekannten Weißbrotscheiben mit geschmolzener Knoblauchbutter. Die Ciabatta Zubereitung ist einigen bereits zu scharf. Alex gibt seiner Überraschung Ausdruck und sagt, es sei das schärfste, was er seit längerer Zeit gegessen habe. „Du Memme!“, lache ich ihn aus. Alex versteht Spaß.
Vor dem Hauptgericht gibt es noch eine Portion Hasenfutter. Ein besserer Ausdruck ist natürlich „Gemüseplatte“. Es handelt sich dabei um Rohkost in Form von Karotten, Rettich und Salatgurken, in fingerlange Streifen geschnitten, die man dann in die ebenfalls vorhandenen milden Dip-Soßen tunken soll. Ich esse einen Streifen Karotte und einen Streifen Gurke, probiere den Rettich (schmeckt furchtbar) und belasse es dabei. Gemüse ist gut für Hasen, Hasen sind gut für mich. Alex bemerkt an dieser Stelle allerdings, dass es in Japan zwar Hasen gebe, dass diese aber nicht gegessen würden. Einen Grund kann er mir nicht nennen, offenbar ist einfach noch keiner auf die Idee gekommen, einen Hasen zu servieren. Ich nehme nicht an, dass die Gründe schwerwiegend sind, denn schließlich wurden in Notzeiten auch Katzen und Hunde gegessen, und Hungerzeiten waren in Japan nicht selten.
Das Hauptgericht besteht – wer hätte das gedacht – aus Spaghetti, aber davon gibt es immerhin zwei Sorten. Einmal mit einer Schinken-Sahnesoße (die vielleicht etwas flüssig geraten ist, aber ganz hervorragend schmeckt) und dann mit einer ebenso guten, wenn nicht besseren, Muschelsoße.
Zum Schluss gibt es dann wieder Kekse und Käse, diesmal aber getrennt, und das Interesse am Käse ist in meiner Hälfte vom Tisch so gering, dass eine Extraportion für mich übrig bleibt. Den Edelschimmel hat sich ein mutiger Japaner genommen, und den kann er von mir aus haben. Edelschimmel ist auch erst interessant, wenn er schon zwei Wochen im Schrank liegt.

Die vorgesehene Menge „Monte Pulciano“ ist irgendwann alle, und stattdessen kommt ein kalifornischer Rotwein auf den Tisch, dessen Name ungenannt bleibt. Vielleicht ist das auch besser so, denn das Zeug würde in Deutschland wohl noch als „Pennerglück“ durchgehen. Den Kalifornier hier würde ich nicht einmal zum Kochen verwenden.
„Wenn Du vorher genug getrunken hättest, wäre es Dir egal, wie der Wein schmeckt“, sagt Alex, und ich bekomme eine Idee davon, was anno dazumal auf der biblischen Hochzeit gelaufen sein muss, auf der Jesus angeblich Wasser in Wein verwandelt hat: Die waren wahrscheinlich alle so sternhagelvoll, dass sie den Unterschied nicht mehr bemerkt haben.[1]

Mit der Qualität des gebotenen Menüs bin ich, abgesehen von dem Ausrutscher beim Wein, vollauf zufrieden, aber die Quantität lässt zu wünschen übrig. Ich befinde mich in einem Zustand am Rande von „satt“, aber ich hätte meinen Anteil ganz bequem noch einmal essen können. Alex sagt auch, dass es beim letzten Mal, im vergangenen Jahr, noch mehr gegeben habe. Stelle fest: 2000 Yen sind ein recht gewagter Preis. 1500 wären in Ordnung gewesen, aber die 2000 akzeptiere ich in erster Linie noch wegen der Zugabe von Getränken.
Wegen des Preises ist auch ein gehöriger Teil der in Hirosaki vertretenen Gruppe nicht erschienen. Misi, Irena, Glenn, Valerie, und Marc sind nicht da, ebenso keiner der mir bekannten Chinesen und Koreaner, mit Ausnahme von SangSu, der gelobt, heute nur mäßig zu trinken, weil der Weg zu weit sei, ihn nach Hause zu tragen. Seine Logik erreicht heute unerreichbare Höhen.

Alex ist mit seiner Freundin erschienen, mit der er seit über zwei Jahren zusammen ist und von deren Existenz ich bisher nichts wusste. Sie hat im März ihren Abschluss gemacht und ist in den Großraum Tokyo umgezogen, wo sie als Kindergärtnerin arbeitet. Sie erzählt, dass sie nicht religiös sei, aber sie bekennt sich zu buddhistischen und shintoistischen Ritualen, also zum Beispiel Schreinbesuche an Neujahr, Schelle rasseln, Hände klatschen, Stoßgebet. Shinto sei eigentlich gar keine Religion, sagt sie, sondern nur eine Naturphilosophie. Alex ergänzt, dass sie bald zum orthodoxen Christentum konvertiere, damit er sie heiraten könne. Das verwirrt mich ein wenig, da ich nicht annehme, dass das eine Grundvoraussetzung ist. Ich nehme viel eher an, dass auch in Rumänien Ehen vom Staat und nicht mehr von der Kirche geschlossen werden. Der gemeinsame Gang zur Kirche ist doch nur sentimentale Schau, der mit Religion herzlich wenig zu tun hat. Aber vielleicht legt er Wert auf die Show?

Ansonsten sind da noch drei Japaner in unserem Alter, die ich nicht kenne, und einen davon bekehre ich – man verzeihe mir die Anmaßung – zum Essen der Spaghetti auf „zivilisierte“ Art und Weise: Mit Gabel und Löffel. Er stellt auch sofort überrascht fest, dass das so viel einfacher geht, weil man keinen langen „Spaghettischwanz“ mehr in den Mund hineinziehen muss und so auch keine Soße in der Gegend verteilt. Mit einem anderen führe ich das übliche Smalltalk-Gespräch über unser Woher und was wir so machen, etc.
Die beiden Neuseeländerinnen essen die Spaghetti mit Stäbchen. Eve teilt ein paar Kurse mit mir, die andere ist Lehrerin in Sapporo. Die redet mit einem sehr britischen Akzent. Das habe sie ihrer Mutter zu verdanken, sagt sie. Außerdem habe sie Politik studiert, „political history“, um genau zu sein, wie sie weiter erklärt. Es ist ganz angenehm, sich mit ihr zu unterhalten, auch wenn sie schnell redet, und auch ziemlich viel. Eine lebhafte Natur, habe ich den Eindruck.
Dann wäre da noch ein Koreaner, dessen Japanisch so überzeugend ist, dass die anwesenden Japaner mit offenen Mündern da sitzen, als er schließlich seine Nationalität „bekennt“.
Am Ende des Tisches sitzen dann Professor Carpenter und eine japanische Dame um die 50, von der ich allerdings nicht herausfinde, wie sie in diesen Kreis passt. Carpenter, so erfahre ich allerdings, ist der Vorgänger von Sawada-sensei als Beauftragter für die Betreuung von Auslandsstudenten.
Mélanie ist auch gekommen. Sie ist dauerhaft mit der Japanerin beschäftigt oder mit Professor Carpenter. Es ergibt sich aber auch nicht der Bedarf, mich eingehender mit ihr zu befassen, da ich am heutigen Abend genug anderweitige Unterhaltungsmöglichkeiten habe.

Ich mache ein Foto von Dave und Oyuna. Aber ich glaube, der Blitz wird es viel zu hell machen. Von Oyuna und Alex brauche ich auch noch Porträtfotos, aber die verschiebe ich, wegen der Lichtverhältnisse, auf später, auf jeden Fall sollte es Tag sein.

Wir brechen schließlich auf und es zeichnet sich ab, dass noch ein weiteres Lokal besucht werden soll. Dafür fühle ich mich aber eine Spur zu müde. Ganz im Gegensatz zu Melanie. Sie möchte die feierfreudige Truppe auch weiterhin begleiten. Ich drücke Dave die Hand, bedanke mich für die Einladung und wünsche alles Gute, bevor ich verschwinde. Melanie wird erst am Morgen um zwei heimkommen, nach einem Besuch im SkattLand.


[1]   Die fortschreitende Verdünnung der schrumpfenden Weinreserve mit Wasser fällt dann nicht mehr auf.

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