Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

29. April 2024

Donnerstag, 29.04.2004 – Einmal die Runde gemacht

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Es wirkt, als ob das Wetter den verpassten Sonnenschein der vergangenen Tage komplett nachholen will. Ich packe meinen Pullover in den Rucksack und mache die Arme der Armeejacke kurz. Ich fahre gegen 11 Uhr zur Bibliothek, in der Hoffnung, dass sie geöffnet hat, aber ich finde sie verschlossen vor.
Dafür sind auf dem Campus gar seltsame Gestalten zu sehen. Hier befinden sich schätzungsweise 50 Cosplayer in verschiedenen Kostümen, von denen ich die meisten nicht erkennen kann, auch Verkleidungen weiblicher Charaktere sind zu sehen, ungeachtet der Tatsache, dass hier nur Männer um die 20 versammelt sind. Und sie sammeln sich in einem Kreis um eine Taikô-Trommel von 50 Zentimetern Durchmesser und ihren Trommler. Daneben stehen zwei Bannerträger, auf deren Fahnen der Name einer Oberschule geschrieben steht. Dann schlägt der Trommler einen gemächlichen Takt, einer der Fahnenträger stellt mit grölender Stimme irgendeine mir unverständliche Aussage in den Raum, die von der Truppe enthusiastisch bejaht wird. Dann tun sie etwas, was man als „Singen“ bezeichnen könnte und beenden das Lied mit einem dreifachen „Banzai!“ („Banzai“ heißt übrigens „10000 Jahre“ und die, soweit mir bekannt, beziehen sich das auf das Lebensalter, das man dem Tenno wünscht.) Dann formt sich der Kreis zu einer Kolonne um, mit dem Trommler, den Fahnen und einer Handkarre mit ca. zehn Litern Sake an der Spitze. Dann beginnen sie, immer wieder denselben Satz zu intonieren, laut und unmelodisch, und verlassen den Campus wie eine Prozession.[1]

Es gibt noch ein paar weitere Leute, die heute auf offene Türen gehofft hatten, und während die Kolonne mit den grölenden Kostümierten abzieht, winke ich mir eine junge Frau her (wen oder was auch sonst) und frage sie, was es damit auf sich habe. Sie wisse das auch nicht, sagt sie, aber einen Zusammenhang mit dem heutigen Feiertag, Midori no Hi, gebe es wohl nicht. Die Litanei des Zuges kann sie zwar wiederholen, aber der Informationsgehalt ist ihr völlig unklar. Für mich klingt das wie eine Mischung von Spanisch und Japanisch. Möglicherweise eine Art Insiderjargon.

Ich verlasse den Campus ebenfalls und fahre in die Stadt, an der Kolonne vorbei, zum Ito Yôkadô. Dort bestelle ich die „Final Fantasy VII Piano Collection“ für Sebastian und es heißt, ich solle am 15.05. noch einmal vorbeikommen, weil die kommende Golden Week alle Vorgänge dieser Art gewissermaßen auf Eis lege und es zu Verzögerungen komme. Ich finde auch den „Area 88“ Soundtrack, aber den lasse ich liegen, weil er von dem Intro nur die „TV Size“ Version enthält – und die ist mir ein bisschen zu kurz. Ich will die Vollversion, und dafür brauche ich entweder die Single-Version des Soundtracks oder aber die CD der „Angels“, die das Stück gespielt haben. Beim Suchen in der Kategorie „A folgende“ (was in Japan I, U, E und O einschließt, die Gründe erläutere ich gerne jedem, der fragt) finde ich leider die „Angels“ nicht. Dafür aber zwei frisch gelieferte Singles von „e.mu“. Das sollte ich bei nächster Gelegenheit mal Anna schreiben.

Da es sonst nichts Interessantes gibt, fahre ich gleich weiter, ins Book Off, und kaufe mir den „Pokemon“ Manga, der hier „Dengeki Pikachû“ heißt – „Donnerschock Pikachû“ würde man bei uns (in Pokemon-Kreisen) wohl sagen, auch wenn „Dengeki“ m.E. mehr auf „Elektroschock“ hinausläuft. Von dem Manga sind nur drei Bände (seit 1997) erschienen, und ich kann mir (noch) nicht erklären, warum das so ist.[2] Die TV-Serie hat über 500 Episoden hervorgebracht und erfreut sich immer noch so großer Beliebtheit beim jungen Publikum, dass derzeit ein weiterer Film in die japanischen Kinos kommt.

Dann statte ich dem Cub Center einen Besuch ab und stelle dabei fest, dass die Auswahl von Dosenkaffee in diesem großen Markt kleiner ist als im bedeutend kleineren BenyMart bei mir um die Ecke (obwohl sie zum gleichen Konsortium gehören). Ich brauche eine Kaffeedose der Marke „Gold Rush“ aus der Serie „Fire“. Im Fernsehen läuft Werbung für das Produkt, aber ich habe es noch nirgendwo gesehen.

Ich fahre Richtung Sakurano und sehe mir den „Dainamu Freizeitpark“ an, der mir wegen des auffälligen Schilds an der Straße eben aufgefallen ist. Eine nähere Untersuchung ergibt allerdings, dass es sich dabei lediglich um eine unspektakuläre und ordinäre Pachinko-Halle handelt.

Wenn ich schon in der Nähe bin, kann ich auch das „SEGA Center“ in Augenschein nehmen, nachdem man mich kürzlich gefragt hat, ob ich einen „SEGA Saturn“ besorgen könne. Aber es handelt sich bei dem entdeckten Laden nicht um eine SEGA-Verkaufsstelle, sondern um eine Spielhalle, mit den üblichen Fahr-, Schieß- und Kampfautomaten. Auch MahJong kann man am Automaten spielen, und ich frage mich, warum diese Idioten hier nicht einfach ein Brett mit den Spielsteinen kaufen und mit Freunden spielen, anstatt ständig den Automaten neu zu füttern. Und die Halle riecht wirklich abstoßend nach Zigarettenrauch. Die Toilette im Vergleich riecht nach einer (chemisch erzeugten) Zitronenpresserei, und das empfinde ich als wesentlich angenehmer.
Das untere Stockwerk ist frei für alle Altersgruppen, aber in den ersten Stock darf man nur als Erwachsener. Dort befinden sich die ganzen Glücksspiele. Ich will nicht im Einzelnen darauf eingehen, aber die beiden „Pferderennen“ sind interessant – von einem technischen Standpunkt aus betrachtet.

Der erste Automat ist voll elektronisch. Ein großer Bildschirm hängt an der Wand, etwa 200 x 100 cm groß, auf dem das Rennen zu sehen ist, in aktueller Konsolenqualität, untermalt von der Stimme eines passionierten Kommentators aus den Lautsprechern. Das Publikum dürfte komplett jünger als dreißig Jahre sein. Vor dem Bildschirm stehen zehn Monitorterminals mit Stühlen, von denen im Moment sieben besetzt sind. Auf dem kleinen Monitor nun kann man Informationen bezüglich des eigenen, virtuellen Rennstalls abrufen; man kann sein Pferd offenbar auf unterschiedliche Art und Weise füttern und pflegen, und wenn man das virtuelle Pferd (über den Touchscreen) streichelt, reagiert es darauf. Man kann hier offenbar einige individuelle Faktoren in das Rennen mit einbringen.

Der zweite Automat, am anderen Ende des eigentlich kleinen Raumes, ist nicht für „Züchter“, sondern für Zocker. Auch hier befindet sich ein Bildschirm mit den gleichen Ausmaßen wie gegenüber, aber die Anlage hat auch einen auffälligen mechanischen Teil. Da steht also ein Tisch, der ebenso groß wie der Bildschirm ist, und auf diesem Tisch befindet sich eine Modellanlage einer Pferderennbahn. Auf dieser Modellbahn stehen kleine Pferde mit noch kleineren Reitern an einer Startlinie. Acht Spieler können gleichzeitig spielen, und dazu sind wieder kleine Monitore in den Tisch eingebaut, mit denen die Spieler ihre Wetten abschließen können, ohne allerdings Einfluss auf die virtuellen Tiere auszuüben. Den Wetteinsatz entrichtet man in Form von Spielmünzen, die man in einen Einwurfschlitz neben dem Monitor einwirft. Wenn das Rennen schließlich startet, kann man sich aussuchen, ob man die zeitgemäß wirklich gute Computergrafik auf dem Monitor betrachtet oder aber den kleinen Modellpferden zusieht, die, von Magneten unter der Oberfläche gesteuert, über die grüne Bahn ziehen – und zwar auf exakt die gleiche Art und Weise, wie es die auf dem Monitor tun, der Vorgang und das Ergebnis sind völlig identisch, unabhängig von dem verwendeten Medium. Hier findet der Bildschirm allerdings keine Beachtung. Die Aufmerksamkeit der vier Spieler, einer davon immerhin um die 50, richtet sich voll und ganz auf die Modellbahn. Man kann hier natürlich kein Geld gewinnen, sondern nur die genannten Spielmünzen, von denen man je eine für 10 Yen kaufen kann. Ob man das Spielgeld am Ende vom Tag, sofern man etwas gewonnen hat, nicht doch an einem verschwiegenen Plätzchen gegen Bargeld umtauschen kann, ist eine andere Frage.

Dann fahre ich durch das Gassengewirr in Richtung Westen und lande, eher zufällig, vor der hiesigen Mazda-Vertretung. Aber ich halte mich nicht auf, sondern bemühe mich nur darum, einen Zusammenhang zu anderen Wegpunkten herzustellen, damit ich wieder herfinde. Ich fahre wieder in den kleinen Park, der sich so unweit meiner Wohnung befindet, wo ich eine halbe Stunde herumsitze und drei Jungs bei ihren wenig erfolgreichen Versuchen, einen Bumerang zu bedienen, zusehe. Aber der Wind wird recht frisch und die Gemütlichkeit des sonnigen Nachmittags geht verloren.

Ich fahre also nach Hause, lese im Latour und nehme mir den ersten Band des „Pokemon“ Manga vor. Der Zeichner beweist seinen Hang zu weichen Formen, die im Anime leider völlig verloren gegangen sind. Aber was heißt „verloren gegangen“? Soweit mir bekannt, war der Ursprung das Spiel von Nintendo, dann wurde ein Anime daraus und dann erst kam der Manga auf den Markt. Ich kann mich auch irren, aber das ist die Reihenfolge, die ich vage im Hinterkopf habe. Auf jeden Fall zeigen sich die Vorlieben des Zeichners an den recht üppigen weiblichen Formen – schlank, aber sonst gut ausgestattet –, die sich deutlich von den kantigen und direkt spartanischen Formen des Anime abheben. Kasumi/Misty zeigt sich während des Kampfes gegen Satoshi/Ash sehr freizügig in einer Art Badeanzug, der, im Einklang mit ihrer deutlich übertriebenen Oberweite, so gar nicht zu ihren angegebenen 12 Jahren passen will. Und ansonsten trägt sie sehr knappe Hotpants. Na denn…[3]


[1] Möglicherweise Absolventen derselben Schule, bereits im Studentenalter.

[2] Erklärung: Es handelt sich nicht um den Pokemon Manga, sondern nur um einen (und inoffiziellen) Pokemon Manga.

[3] Es handelt sich auch nur um einen inoffiziellen Manga, einen Dôjinshi, der ohne Lizenzbeziehung zum offiziellen Merchandising existiert.

Schreibe einen Kommentar