Montag, 23.02.2003 – Skattland Rhapsody
Über Nacht hat ein sehr kräftiger Wind eingesetzt, zum Teil mit Orkanstärke, wie ich wegen des Lautstärkepegels annehme. Dennoch schlafen wir, wie üblich, ziemlich lange und folgen Melanie nach, die um Zehn aufsteht, weil sie in die Stadt muss, um Geld abzuheben. Eigentlich wollte sie mit dem Fahrrad fahren (die Schneesituation auf den Straßen lässt es gerade zu), aber wegen des Windes fährt sie lieber mit dem Bus. Eine kluge Entscheidung.
Um etwa 11:00 fällt das Wasser aus. Ronald und Ricci sind bis dahin mit dem Notwendigsten fertig, aber ich werde ungewaschen über die Runden kommen müssen. Immerhin haben wir, in weiser Voraussicht, inzwischen grundsätzlich 20 Liter Wasser in Eimern gebunkert, plus 2 Liter in einer Wasserflasche, so dass Toilettenspülung und Zähneputzen gesichert sind.
Ich gehe ins Center, weil ich den Stapel CD-ROMs, den Ricci mitgebracht hat, kopieren will. Oder einen Teil davon. Aber daraus wird nichts. Alle Rechner, die über einen Brenner verfügen, sind und bleiben besetzt, und das von Mittag bis zum Nachmittag um 17:30, als Saitô-san verkündet, dass man schließen wolle. Na Mahlzeit! Dann wird der Zeitplan knapp. Ich muss morgen früh um spätestens 09:00 auf der Matte stehen, um dem „Mongolensturm“ zuvorzukommen (man verzeihe mir diesen Ausdruck für die Überpräsenz von Chinesen an den entscheidenden Maschinen bitte – ist nur ein Scherz).
Um 18:00 komme ich nach Hause. Und… es ist immer noch kein Wasser da! Allerdings haben wir mit Ronalds Telefon um 18:30 Ikeda-san angerufen, um mich diesbezüglich zu beschweren. Darauf hieß es, dass um 19:00 jemand käme, der das Problem beheben würde… oder Wasser bringt. Sicher bin ich mir nicht. Um 19:20 kommt stattdessen die mit Ikeda verwandte Nachbarin vorbei (was mir die Koreaner zwischendurch erzählt haben) und fragt mich, ob inzwischen Wasser da sei. Ich verneine, und sie verschwindet wieder, natürlich ohne zu vergessen, sich für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.
Einige Minuten später gurgelt der Wasserhahn und übergibt sich in das Spülbecken. Besser kann man das anhand der erdbraunen und dickflüssigen Beschaffenheit dessen, was daraus hervorspritzt, nicht nennen. Wir drehen alle Hähne auf, um die Leitungen frei zu spülen und nach wenigen Minuten haben wir wieder geruchs- und geschmacksneutrales Wasser.
Die Nachbarin kommt noch einmal vorbei. Es sei wieder alles in Ordnung sage ich. Dennoch will sie das fließende Wasser sehen. Na, wenn sie mir nicht glaubt: Ich drehe den Wasserhahn auf und zeige ihr, was sie sehen will. Sie ist zufrieden, entschuldigt sich noch einmal, wünscht einen guten Abend und verschwindet die Treppe hinunter.
Um acht Uhr gehen wir nach Nishihiro, um im „Skattland“ ein Nomihôdai zu machen. Melanie sagt, es sei besser, dorthin zu gehen, weil die Getränkeauswahl größer sei als in dem Laden, wo wir wegen Angelas Abschiedsfeier einmal gewesen sind. Ich erinnere: „Nomihôdai“ ist, im Gegensatz zum Tabehôdai, „All you can drink“. Eigentlich hatten wir auch SangSu eingeladen, aber der hat aus finanziellen Gründen abgelehnt. Ich glaube, er wird im März noch einmal für einige Zeit nach Tokyo fahren, vielleicht auch nach Hause.
Da wir, mangels Wasser, heute noch nichts gegessen haben, spielen wir auch mit dem Gedanken, ein Tabehôdai zu machen, aber ich bin schließlich der einzige, der dabeibleiben will. Und da findet sich der erste Knackpunkt im Skattland: Entweder jeder am Tisch oder keiner bestellt Tabehôdai – die Chance, dass der Tabehôdai-Kunde seine Freunde günstig mitfüttert, ist dem Laden verständlicherweise zu groß. Also verzichte ich darauf.
Zweiter Knackpunkt: Das billige Nomihôdai für 1000 Yen gilt nur für Softdrinks (also alkoholfreie Getränke) und die so genannten „Sour“ Drinks (das sind Sirupgetränke in bunten Farben und Geschmacksrichtungen mit schwachem Alkoholgehalt). Aber gut, wir bestellen das Nomihôdai trotzdem.
Ich probiere ein „Sour“ und weiß sofort, dass es das letzte sein wird: Kohlensäure ohne Ende und der Geschmack ist schlicht grausig. Ich trinke daher die Saftliste herunter und bleibe bei Kalpis hängen – ohne Eiswürfel, bitte. Ich kann nicht erklären, was Kalpis eigentlich ist, aber ich glaube, dass man es entweder angenehm oder abstoßend finden muss. Mir jedenfalls schmeckt das trüb-weiße Zeug. Zum Essen bestelle ich eine Curry-Pizza und ein „Dschingis Khan Menü“. Die Curry-Pizza schmeckt nach dem, was der Name verspricht und nach der großen Portion Käse darüber. Das Menü besteht aus Reis, Gemüse und Fleisch und ist ebenfalls gar nicht mal so schlecht. Ein normaler Mensch wird davon satt (ich brauche halt noch die kleine Pizza dazu) und es kostet nur 500 Yen.
Und das ist der dritte Knackpunkt: Ein Tabehôdai kostet 1500 Yen. Wenn ich hier für 1000 Yen Essen bestellt habe, bin ich satt. Die restlichen 500 Yen sind ein Geschenk an den Betrieb.
Vierter Knackpunkt: Ein Nomihôdai mit alkoholischen Getränken kostet 1800 Yen. Ein faustgroßer Krug Sake kostet 200 Yen, und wenn ich davon fünf getrunken habe, bin ich schon sehr lustig, was nicht zuletzt daran liegt, dass ich ansonsten nicht so schrecklich viel trinke. Ich halte es für utopisch, neun Krüge zu leeren, ohne mich nach Hause tragen lassen zu müssen. Utopisch ist außerdem, dass ich so viel Zeug in nur zwei Stunden, so das Zeitlimit, in mich hineinschütten kann, ohne mich zu übergeben. Ich schließe daraus (messerscharf): Das lohnt sich nicht! Das Nomihôdai für 1000 Yen könnte sich für mich gerade so gelohnt haben, möglicherweise habe ich den Preis um ein paar Yen überschritten. Ich lasse das Nomihôdai nächstens sein und trinke lieber in einem angemessenen Tempo, ohne die Stoppuhr im Nacken zu spüren. Ich glaube, der einzige spürbare Vorteil des Nomihôdai offenbart sich, wenn man mit einem Dutzend Leuten oder mehr am Tisch sitzt und die Truppe nicht mehr nüchtern ist: Es spart die Einzelabrechnung, und 1500 Yen auf den Tisch zu legen, schafft man auch mit schwerem Kopf und lallender Zunge noch.
Oh, da war doch noch was… In Anbetracht von SangSus Geldmangel und auch der Tatsache, dass mein Geldbeutel am Morgen nur noch 200 Yen aufwies (und ich daher dachte, der Ausflug am Abend hätte sich erledigt), habe ich SangSu während meines Aufenthaltes im Center mitgeteilt, dass er dann ja so um 21:00 für ein zwangloses Trinken zu uns hochkommen könne. Bis zum Abend hatte ich das bereits vergessen, und wir waren um diese Zeit im Skattland. Um Mitternacht sind wir, per Taxi, wieder zuhause und bereiten uns darauf vor, schlafen zu gehen. Es klingelt an der Tür. Noch bin ich nicht (wieder) im Bilde. Ich mache die Tür auf und sehe erst einmal niemanden. Dann erscheint SangSus Kopf an der Ecke zur Treppe. Er bleibt gerne am Klingelknopf stehen (um die Ecke) und hüpft dann ins Bild, wenn man die Tür öffnet. Ein bisschen kindisch, aber… so ist er eben. Ich weiß zu dem Zeitpunkt immer noch nicht, was er will. SangSu entschuldigt sich bei mir dafür, die Verabredung um Neun vergessen zu haben. Oh verdammt, jetzt weiß ich, was los ist. Ich sage ihm, dass das nicht so schlimm sei, weil ich es ebenfalls vergessen hätte. Er sagt, ich solle kurz warten und er verschwindet. Nach knapp einer Minute kommt er die Treppe wieder hoch. Mit einer Plastiktüte voller Bierdosen.
Also eine spontane Afterparty. So sei es. Sonst hat auch keiner was dagegen. Zumindest beschwert sich keiner. Und ich werde ins HotSpar geschickt, um zwei Flaschen „Two Dogs“ zu kaufen (eine leichte Mischung aus Bier und Fruchtsaft aus Australien). Und unsere Afterparty zieht sich noch über zwei Stunden dahin, in denen uns SangSu, begeistert wie immer, einen Videoclip aus einer koreanischen Fernsehshow vorführt, in der „Der Herr der Ringe“ geringfügig parodiert wird. Man stelle sich eine Mittelschichtwohnung vor, in der zwei koreanische Gollums (einer männlich, einer weiblich) auftauchen – und ein spähender koreanischer Legolas, der sie einsammelt. Außerdem beweist sich, wieder einmal aufs Neue, dass man mit SangSu eine Menge Unsinn machen kann. Melanie knetet sein Gesicht, er nennt sie „Prinzessin Gollum“, sie schlägt ihn dafür. Alles beim Alten. Es wird vorübergehen, also warum eingreifen?
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