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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

9. Januar 2024

Freitag, 09.01.2004 – Ein guter Nachbar weniger

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Heute soll, nach der Weihnachtspause, also der Unterricht wieder beginnen, nur um am Montag wegen eines Feiertages wieder unterbrochen zu werden. Immerhin ist es ein ganz interessanter Feiertag. Die jungen Herrschaften, die in diesem Jahr 21 Jahre alt werden oder es letztlich bereits geworden sind, feiern den Umstand, dass sie jetzt Erwachsene sind und nicht mehr unter der Aufsichtspflicht ihrer Eltern stehen. Ja, das würde ich ebenfalls feiern, wenn ich bereits Student wäre und immer noch… aber lassen wir das.

Natürlich schneit es am Morgen wieder. Gegen 11:00 jedoch reißt die Sonne spürbare Löcher in die Wolkendecke und unsere Eiszapfen beginnen, von der Dachrinne zu fallen. Um die Mittagszeit ist es dann wieder bewölkt, bevor man richtig beginnen konnte, das schöne Wetter zu genießen. Ich mache mich auf den Weg zur Universität. Wenige Minuten darauf kommt die Sonne wieder durch. Das Eis auf der Straße wurde bereits zum größten Teil in unansehnlichen Matsch verwandelt, aber der festgetrampelte Schnee auf dem so genannten Bürgersteig hält sich noch munter.

Vor dem Unterricht habe ich jetzt keine Zeit mehr, einen Bericht zu schreiben, und mir ist auch nicht danach, mit einem anzufangen, also beschäftige ich mich anderweitig. Zum Beispiel lösche ich eine Reihe von Downloadprogrammen auf verschiedenen Rechnern im Center, inklusive anderen Programmen, die der reinen Unterhaltung dienen. Natürlich ist das überflüssig, da die entsprechenden Personen in spätestens zwei Tagen wieder ihre Daten CDs auspacken und den Krempel gleich wieder installieren. So wird mir immerhin nicht langweilig.

Zum Unterricht erscheint gerade mal die Hälfte der eingetragenen Studenten, aus nicht näher bekannten Gründen. Auch Straßenglätte hat bisher niemanden abgehalten. Ich muss annehmen, dass einige den freien Montag nutzen, um das Wochenende noch mal so richtig lang zu machen. Was mir bei näherem Nachdenken eröffnet, dass wir beide, sowohl Melanie als auch ich, völlig vergessen haben, dass am heutigen Morgen eigentlich eine Nachholstunde des A3 Kurses stattgefunden hat.

Nach dem Unterricht gehe ich in die Bibliothek, aber ich habe nur 55 Minuten Zeit, also lasse ich das Schreiben gleich ganz bleiben und richte mir die seit langem überfällige japanische Mailadresse bei Yahoo Japan ein, damit ich Mails in japanischer Sprache versenden und auch lesen kann, was mir der GMX Server ja verweigert. Ich überprüfe bei der Gelegenheit auch mein E-Bay Konto. Trotz längerer Abwesenheit ist es noch existent (es wäre auch ein schlechter Witz, wenn man es löschen würde, nur weil der Kunde sich seit drei Monaten nicht mehr gemeldet hat), dann kann der internationale Handel ja rollen.

Um 17:00 verlasse ich die Bibliothek wieder, sammele Melanie auf und gehe mit ihr nach Hause. Mit SangSu, den wir wenige Augenblicke später ebenfalls auf der Straße nach Süden treffen. Er geht gleich nach Hause, weil er aufräumen möchte oder muss, und wir gehen erst noch einkaufen, um was zu trinken und zu knabbern für Jûs Party zu besorgen. Danach muss ich erst mal was essen. Und weil Melanie keinen Reis essen möchte, ich aber schon, kann ich endlich mal wieder das Kochwasser so misshandeln, wie es mir Spaß macht. Ich nehme gemahlene Nüsse, eine Zehe Knoblauch, eine ausreichende Menge Salz, Sojasoße und einen Tropfen „Tonkatsu“ Soße. Melanie isst den Reis am liebsten pur, also nur Reis und Wasser. Das kann man zwar essen, aber… ich möchte Salz am Essen haben. Ohne Salz fehlt mir was.

Und kaum bin ich fertig, klingeln auch schon Irena und Misi an der Tür, die nicht sicher sind, in welchem Apartment SangSu eigentlich lebt. Wir gehen also gemeinsam hin. Die Besucherzahl hält sich in Grenzen, im Grunde sind nur Misi, Irena, SungYi, Melanie, SongMin, Jû, Michiko, SangSu und ich anwesend. Angela ist leider nicht da, Valérie ist noch nicht aus Neukaledonien zurück und Paula hat eine Sportstunde um diese Zeit.

Wir haben dennoch eine Menge Spaß beim Essen und Trinken und an unserer Unterhaltung, die sehr auf Anspielungen auf SangSus „unkonventionellem“ Verhalten aufbaut, das ja immer wieder für eine Portion Spaß sorgt. Er sei recht chaotisch, sagt Jû, aber SangSu sei im Bereich Mathematik sehr begabt. Ich bin leider überhaupt nicht in der Lage, das zu beurteilen.

Jû zieht also morgen früh aus, nach Shimoda Heights I, weil das Wohnen dort billiger ist, außerdem braucht man alleine nicht unbedingt 2 ZKB. In die Wohnung neben SangSu will er nicht einziehen, und ich bin nicht ganz sicher, warum. Habe ich das richtig verstanden, dass er gerade eben gesagt hat, dass es in einer Wohnung, die so lange leer gestanden hat, Geister geben könnte? Er sagt im gleichen Atemzug, dass er nicht an Geister glaube, von daher bin ich mir über den genauen Inhalt der Argumentation nicht ganz im Klaren.

Michiko hat ihre Abschlussarbeit abgegeben und hofft natürlich das Beste. Im März findet die Abschlussprüfung statt, wofür wir ihr alle fest die Daumen drücken. Dahin, dahin… eine hübsche Frau weniger auf dem Campus. Außerdem ist es angenehm, mit ihr zu sprechen. Sie redet klar und deutlich und nicht zu schnell, und das, ohne den Eindruck zu erwecken, sie täte das mit Absicht. Jin Eiko macht das so und ich komme mir immer ein bisschen doof dabei vor. Aber natürlich kann ich die Gründe verstehen. Immerhin macht es die Kommunikation einfacher, vor allem am Telefon, wo man ohne Gestikulation auskommen muss.

SongMin und SungYi gehen leider ziemlich früh, bereits um halb zehn. Sie wohnen ja im Frauenwohnheim und dort gibt es einen Zapfenstreich, soweit ich weiß. Um 22:00 wird die Tür zugemacht. Der Rest labert sich noch bis um halb zwölf durch den Abend und verfolgt SangSus immer verwirrter und verwirrender werdende Kommunikation. Ein Bier nach dem anderen entfaltet seine Wirkung. Schließlich packen wir zusammen und entsorgen den Müll, wie es im Regelbuch steht.

Ich muss oben nur noch mein Geschirr spülen und diesen Abend in meinem Tagebuch festhalten, dann bin ich fertig und lege mich um 00:20 aufs Ohr. Meine Sporteinlage lasse ich heute weg… mein Magen fühlt sich nicht sonderlich gut nach dem ganzen Zeug, das ich da unten gegessen habe. Sporteinlage? Ich glaube, die habe ich nur unzureichend erwähnt. Als ich damals den Entschluss gefasst habe, an dem Wettbewerb im Armdrücken teilzunehmen, habe ich ja begonnen, Liegestütze zu machen. Nach meinem Technischen KO gegen den kleinen Japaner habe ich diesen Abendsport allerdings nicht aufgegeben, sondern mich ständig gesteigert. Ich mache immer nur zehn am Stück, dafür aber, mit ein paar Sekunden Pause dazwischen, zehn solcher Wiederholungen. Schlecht kann das ja nicht sein.[1]


[1] Diese Angewohnheit fand ein Ende, als es wieder wärmer wurde und der Aufwärmeffekt einem Schwitzeffekt wich. Ich habe in diesem Bereich keinerlei Disziplin und höre auf, sobald die Laune dazu verflogen ist, außerdem verabscheue ich Schwitzen (wenn’s nicht in der Sauna ist).

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