Donnerstag, 25.12.2003 – … for Science!
Eigentlich haben wir gestern beschlossen, auszuschlafen, aber um 10:00 sind wir nach sechs Stunden Schlaf wieder wach genug, um aufzustehen und den Tag zu beginnen. Mit Ausnahme von Ronald vielleicht. Wir wollen heute in das naturwissenschaftliche Museum unweit von hier gehen. „National Museum of emerging Science and Innovation“ nennt sich das auf Englisch, „Nihon Kagaku Mirai Kan“ auf Japanisch. Deutsche Übersetzung? Hm… „Japanisches Museum für Zukunftsorientierte Wissenschaften“? Da das Museum nicht weit ist, beraten wir, was wir im Anschluss noch machen könnten, aber da Museen in Japan offenbar generell zwischen 16 und 17 Uhr schließen, bleibt uns beim Thema Museumsbesuch nicht viel, denn der glorreiche Rest der stadtweit vorhandenen Besichtigungsoptionen wird von den momentanen Schulferien quasi „vernichtet“, weil viele Museen mit Universitäten gekoppelt sind; und die haben wegen der Ferien geschlossen. Hinzu kommt, dass wir aufgrund verschiedener Faktoren erst um 13:00 wegkommen, also fällt gleich alles ins Wasser, was mit Öffnungszeiten zu tun hat.
Und wenn ich schon bei nebensächlichen Faktoren gelandet bin, muss ich gleich noch auf eine weitere Option zu sprechen kommen, die ich an modernen japanischen Toiletten entdeckt habe: Ein Modell, das ich in Tokyo verwendet habe, besitzt die Eigenschaft, Wasser tröpfeln zu lassen, sobald man sich draufsetzt, was in kürzester Zeit wahre Sturzbäche auszulösen im Stande ist. Und neben der Toilette hängt ein Schild, auf dem zu lesen ist: „Wenn sie die Toilette benutzen möchten, klappen Sie vor dem Setzen bitte den Deckel hoch.“
Ich habe gegenüber vom Wohnheim auch eine Baustelle gesehen. An sich ist das nichts spannendes, aber die Bauarbeiter hier haben eine besondere Eigenschaft, über die man in Deutschland zweifelsohne den Kopf schütteln wird: Die Jungs tragen an ihren Füssen quasi Stofflappen mit Sohlen, anstatt, wie unsereiner gewohnt ist, eine Art Unfallschuhe mit Stahlkappen zum Schutz vor herabfallenden Gegenständen – was ja am Bau durchaus vorkommen kann, und wenn es nur ein Pflasterstein ist. Auch Pflastersteine machen Aua am Fuß. Ich denke, dass stabiles Schuhwerk doch sehr zur Gesunderhaltung beitragen kann.
Nachdem ich gestern festgestellt habe, dass man die Außenbereiche des Schifffahrtsmuseums einfach so umsonst betreten kann, will ich heute die Gelegenheit nutzen, ein paar Fotos von dem „Emily“ Flugboot (Bj. 1941) machen, aber die Zeit ist gegen mich und ich finde keine Gelegenheit dazu. Wir gehen ja zum Museum, und der Eintritt kostet dort 500 Yen.
Die Mitarbeiter sind irgendwie auffällig. Die Damen sind alle um die dreißig (eine vorsichtige Schätzung meinerseits) und tragen grüne Hemden, während die Herren allesamt ein Stück älter als 50 sind und ein Überhemd tragen, auf dem „Volunteer“, also „Freiwilliger“, geschrieben steht. Alle Mitarbeiter sind natürlich sehr beeilt, alles mögliche zu erklären, wenn man auch nur ein ratloses Gesicht zu machen wagt. Der Service ist also erstklassig, aber ein gewisses Können in Sachen Japanisch sollte man haben, um einer Erklärung folgen zu können, die notwendigerweise eine ganze Wagenladung von Fachbegriffen enthält. Die meisten Exponate benötigen glücklicherweise keine Erklärung und sind gewissermaßen „selbsterklärend“. Zumindest in einem gewissen Maße.
Da steht zum Beispiel eine vierachsige Limousine, die äußerst bequem ist. Aber den tieferen Sinn der Tatsache, dass ausgerechnet dieses Modell hier steht, ist mir nicht klar geworden. Ebenso wenig wie das Foto, das ich davon gemacht habe, weil ich den Zoom falsch auf „Nahaufnahme“ eingestellt habe. 🙁
In der Halle, an deren Rand das Auto steht, hängt ein Globus von etwa drei Metern Durchmesser, wie ein kugelrunder Fernseher. Die vielen kleinen Dioden auf dem Globus zeigen als Gesamtbild Satellitenaufnahmen von der Erde, viele Bilder zu einem großen zusammengesetzt, und die Aufnahmen werden ständig aktualisiert. Manchmal wechselt die Darstellung und man erhält eine Infrarotaufnahme, oder eine Darstellung der globalen Windverhältnisse. Am Rande der Halle befinden sich Liegestühle, von denen aus man bequem die Erdkugel wie aus dem Weltraum betrachten kann.

In der Umweltabteilung nebenan werden Recyclingverfahren vorgestellt. Man kann eine Brennstoffzelle bei der Arbeit beobachten und es gibt offenbar eine Art Plastik, die weniger als ein Jahr benötigt, um vollständig zu zerfallen. Es gibt auch Aktionsexponate, wo man mikroskopische Geräte bedienen kann. Ein Bildschirm zeigt die starke Vergrößerung einer Zange und man hat eine Minute Zeit, mit dieser Zange einen bestimmten Zapfen des kleinen Apparates zu ergreifen. Das Prinzip einer Magnetschwebebahn wird ebenfalls vorgeführt und ich finde die Bahn nicht weniger interessant als die zahlreichen Kinder, die zum Teil mit offenem Mund die Wagen beobachten, wie sie sich zwei Zentimeter über der Unterlage schwebend exakt der Schiene folgend fortbewegen.

Weiter hinten steht eine Maschine, die… ja, was macht die eigentlich? Die Anordnung von Motoren, Zahnrädern und Steuerelementen wird belagert von Kindern. Ich sehe denen eine Weile zu, um herauszufinden, was diese Maschine eigentlich macht. Da ist ein Eingabefeld, das aus 10×10 Bällen schwarzer und weißer Farbe besteht. Man kann die Bälle anordnen, wie man will und sagt dann der Maschine, dass sie loslegen soll. Die Maschine erkennt den Unterschied zwischen den beiden Arten von Bällen und empfindet dann das ausgelegte Muster in einem zweiten Feld nach. Das scheint mir alles zu sein.

Es gibt auch kleine Roboter, die man mit einem Steuerknüppel lenken kann. Es handelt sich um kleine Geräte an einem Greifarm, die aussehen wie kleine elektrische Wischmobs mit rotierenden Scheiben an der Unterseite. Aber eigentlich machen sie nicht viel, außer sich mit viel Lärm an ihrem Steuerarm nach links, rechts, vorne und hinten zu bewegen.

Die anderen Robotfahrzeuge haben für meine Augen mehr Sinn: Sie sind entworfen für unwegsames Gelände und für den Einsatz nach Katastrophen.
Der „Held“ der Roboterabteilung ist natürlich der „ASIMO“ von Honda. Oder eigentlich müsste man sagen, dass ASIMO „die Heldin der Roboterabteilung“ ist… ASIMO wurde von der Firma Honda mit einer weiblichen Stimme ausgestattet, also personifiziere ich das Gerät einfach mal. Es handelt sich bei dem Roboter um eine humanoide Maschine mit Kopf, Augen (das heißt „paarigen optischen Sensoren“), zwei Armen und Beinen. Sieht ein wenig wie ein kleiner Astronaut aus. Sie ist 120 cm groß und 52 kg schwer, reagiert auf ihre Umwelt, man kann ihr Fragen stellen, sie grüßt und winkt, und wie ein Video beweist, kann sie auch einen japanischen Fächertanz auf Parkett legen.
Die Assistentin erklärt uns weiter, dass Roboter bei der momentanen Entwicklungsgeschwindigkeit in spätestens fünfzig Jahren in der Lage sein sollten, eine menschliche Mannschaft im Fußball schlagen zu können. Sie weist uns außerdem darauf hin, dass die Bezeichnung „ASIMO“ nichts mit Isaac Asimov, einem der berühmtesten Science-Fiction Autoren aller Zeiten und Erfinder der „Robotergesetze“, zu tun habe. Es handelt sich bei ASIMO um ein Akronym, eine Abkürzung mittels Anfangsbuchstaben. „ASIMO“ steht für “Advanced Step in Innovative Mobility”, also etwa für „Fortschrittliche Stufe Neuerer Beweglichkeit“? Ich glaube, ich habe noch nie den Versuch gemacht, „innovativ“ zu übersetzen und mir fehlt dazu gerade das Wörterbuch.
ASIMO diene nur der Unterhaltung, sagt die Assistentin, und solle den Menschen Spaß bereiten. Da die Frau die Grundregeln der englischen Sprache beherrscht, lasse ich es mir nicht nehmen, mit ihr eine japanisch-englische Diskussion über die Ethik solcher Entwicklungen zu führen. Mehr Englisch als Japanisch, wie ich zugeben muss.
Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass Roboter nicht so intelligent werden dürfen, dass sie in der Lage sind, sich ihrer eigenen Existenz bzw. Situation bewusst zu werden oder anfangen, kreativ zu denken. Sollten sie das jemals können, kann man sie eben nicht mehr skrupellos als Arbeitstiere einsetzen, sondern muss ihnen menschliche Rechte einräumen. Außerdem kann ich mir denken, dass viele Menschen Angst davor haben, dass eine Maschine menschliche Eigenschaften entwickeln könnte. Menschen mögen keine Dinge, die sie fürchten. Das gibt nur Ärger. Roboter dürften im Hinblick auf die prognostizierte Fähigkeit, Menschen beim Fußball schlagen zu können, billige (und willige) Arbeitskräfte werden. Sie müssen weder schlafen noch essen oder trinken, sie haben keine Lebenshaltungskosten im menschlichen Sinne, die der Arbeitgeber in Form von Lohn tragen müsste, um sich die Belegschaft zu erhalten. Und Roboter streiken auch nicht. Das dürfte vielen Leuten, die von ihrer Hände Arbeit leben, nicht gerade Behagen bereiten.
Und weil ich Menschen generell pauschal für gefährlich halte, sind auch die von ihnen entworfenen Roboter potentiell gefährlich, vor allem, wenn sie zu intelligent werden. Ich frage, ob denn nicht jetzt schon kriegerische Anwendungsmöglichkeiten absehbar seien? Natürlich heiße es offiziell, dass die Roboter nur friedlichen Zwecken dienen sollten, aber wer wacht – mit welcher Autorität? – darüber, dass das auch so bleibt? Und wer sucht diese Wächter aus?
Ich bin nicht sicher, ob sie meine Argumente nachvollziehen konnte oder ob sie einfach an ihr vorbeigegangen sind. Eine nette Gesprächspartnerin, aber entweder sieht sie mit unglaublichem Optimismus in die Zukunft – oder sie ist einfach uneinsichtig. Sie glaubt an das Gute im Roboter und lässt sich nicht beirren. Ich für meinen Teil habe reichlich wenig Vertrauen in die Kreativität der Menschen. Sprengstoff wurde auch mal erfunden, um im Osten bunte Feuerwerke an den Himmel zu zaubern und im Westen Bergleuten die Arbeit zu erleichtern.
Ich mache ein Bild von ihr vor dem ASIMO und versichere, dass das Bild nur privaten Zwecken zugeführt werde.

Asimovs Robotergesetze wären übrigens in der Tat eine lohnende Beigabe. Kriege ich sie zusammen?
- Ein Roboter darf niemals einem Menschen schaden
- Ein Roboter muss den Befehlen seines Besitzers unbedingt Folge leisten
- Ein Roboter darf keinen Befehlen Folge leisten, die Punkt 1. widersprechen
Der „Bicentennial Man“ ist übrigens eine von Asimovs schwächeren Geschichten.
Zurück zum Museum. Die Abteilung für Naturwissenschaft zeigt den Aufbau des menschlichen Gehirns und den Vergleich mit den Gehirnen verschiedener Tierarten, und man versichert uns, dass es sich bei den Scheiben um echtes Gewebe handele. Ein DNA-Strang aus Plastik steht in der Gegend herum, des weiteren eine Weltraumwohneinheit, wie die ISS sie verwendet, und eine Reihe von Stücken, die die Manipulationsfähigkeit des Gehirns darstellen. Da ist zum Beispiel eine Brille, die die Oben-Unten-Wahrnehmung vertauscht. Damit ausgestattet, soll man nun versuchen, einen Stab durch Löcher in einer Platte zu schieben. Das ist nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhört und es kostet eine Menge Konzentration, wenn man sich nicht anstellen will, wie ein komplett Betrunkener.
Interessanter fand ich den phonetischen Versuch daneben. Zuerst sieht und hört man sich die Artikulation der Silben „ba“ und „ga“ an, die man mit den ersten beiden Auswahlfeldern aktivieren kann. Das heißt, man hört die Laute und sieht gleichzeitig auf dem Bildschirm den Sprecher mit der dazu gehörenden Mundbewegung, beides passt also zueinander. Das dritte Auswahlfeld dagegen verwirrt meine Freunde und die fragen sich, was da nun eigentlich gezeigt werden soll. Sie sagen, sie hören in der ersten Auswahl „ba“, in der zweiten „ga“ und bei der dritten schließlich „da“. Ich glaube, wenn man die japanische Erklärung nicht verstehen kann oder keine Ahnung von Phonetik hat, bleibt einem der Sinn des Apparates verschlossen. Da ich zumindest ein Basiswissen im Bereich Phonetik habe, interpretiere ich die Vorführung in diesem Moment wie folgt:
Die Augen sehen, dass die Sprecherin auf dem Bildschirm „ga“ artikuliert, aber aus dem Lautsprecher kommt der Laut „ba“. Die Ohren hören also was anderes, als das, was die Augen aus der Mundbewegung interpretieren, und als Ergebnis erreicht der Laut „da“ unser Bewusstsein. Unsere Wahrnehmung ist wegen der widersprüchlichen Eingabe verwirrt und wählt einen Mittelweg. Ich bin so froh darüber, dass ich sicher bin, die Lösung gefunden zu haben, dass ich darüber (schlau!) vergesse, den Namen des vorgeführten Effektes zu notieren. „McMurk“ oder „McGurk-Effect“ könnte der heißen, aber das klingt nur vage vertraut und eigentlich so seltsam, dass ich kaum glauben mag, dass es richtig sein könnte. Aber: ich bin richtig gut – die Seite http://www.media.uio.no/personer/arntm/McGurk_english.html1 bestätigt meine Theorie:
Most adults (98%) think they are hearing “da” – a so called “fused response” – where the “d” is a result of an audio-visual illusion. In reality you are hearing the sound “ba“, while you are seeing the lip movements “ga“. The “McGurk effect” was first described by Harry McGurk and John MacDonald in “Hearing lips and seeing voices”. (Nature 264, 746-748; 1976).
Und da gibt es das Ganze ausführlicher: http://www.haskins.yale.edu/haskins/HEADS/mcgurk.html2
Wir entdecken noch ein Infrarotgerät, das dazu eingesetzt wird, um Leute mit Fieber (wegen SARS) schon bei der Einreise an ihrer erhöhten Temperatur erkennen zu können. Es misst auf 0,1 Grad Celsius genau. Hier im Museum dient das Gerät natürlich der Unterhaltung. Ein älterer Herr steht da und drückt jedem, der möchte, eine Flasche mit eiskaltem Wasser in die Hand, die man dann in Richtung Kamera halten soll, um die dunkle Handfläche dann zu bestaunen. Das ist natürlich nicht ultimativ spannend, also drücke ich mir den Flaschenboden an die Stirn und lasse ein Foto davon machen, wie ich mit einem dunklen Fleck auf der Stirn in der Infrarotaufnahme aussehe.

Zuletzt steigen wir in eine Apparatur, die wir auf den ersten Blick für einen Erdbebensimulator halten. Es handelt sich um einen großen weißen Kasten, vielleicht 2,5 m breit, 3 m lang und knapp 2 m hoch, zzgl. der Rollen und Stützen darunter. Es wackelt und schaukelt wie wild, rollt langsam vor und schnell wieder zurück. Das können wir uns nicht entgehen lassen, und wir haben Glück – wir erwischen die letzte Fuhre, bevor das Museum schließt. Es handelt sich nicht um einen Erdbebensimulator. Stattdessen handelt es sich mehr um eine Luxusausgabe von Heimkino, mit acht Sitzplätzen inklusive Sicherheitsgurten, Surroundlautsprechern und… Bewegungssimulation! Ein Film läuft ab. Ein Frühstückstisch. Die Kamera fliegt gemütlich auf das Ei zu, und unser Kino schwankt entsprechend sanft mit. Das Ei wird aufgeschlagen. Jedes Klopfen auf der Schale ist ein kleines Beben in unserem kleinen Kino. Die Kamera fährt in das Ei hinein wie in das Innere der Erde, es folgt ein schneller Kameraflug durch unterirdische Höhlen, mit plötzlichen und sehr deutlich spürbaren Ausweichbewegungen, wenn auf einmal ein Hindernis auftaucht. Schließlich landet die Kamera auf einem Lavasee und kommt zur Ruhe. Dann wackelt und schaukelt alles stärker und stärker, und schließlich schießt der Lavasee nach oben und presst die Kapsel durch einen engen Schlot aus einem Vulkan heraus ins Weltall. Man kann die Beschleunigung sehr schön nachfühlen. Im All herrscht dann zwar keine Stille (die ISS piept an uns vorbei), aber die Bewegungen sind sehr ruhig und flüssig, werden schließlich schneller und ruckartiger, als unsere Simulationskapsel wieder in die Atmosphäre eintaucht und ins Meer stürzt (ein toller Aufprall!). Dann schwimmen wir mit allen möglichen Meerestieren um die Wette, mal mehr und mal weniger ruckelig, und tauchen schließlich aus dem leergelöffelten Ei wieder auf.
Ich will auch so was für meinen Fernseher! „Saving Private Ryan“ kommt bestimmt gut mit einer solchen Anlage… macht den Lauf über den Strand wahrscheinlich zum hautnahen Erlebnis.
Das Museum schließt, wir gehen nach Hause. Das heißt, eigentlich geht jeder seiner Wege: Ronald fährt nach Shinbashi, weil er eine DVD wieder zurückgeben muss, Melanie geht in den „Daily Yamazaki“ Konbini, Ricci geht nach oben in die Wohnung zurück, weil ihr die Schaukelei nicht gut bekommen ist und ich gehe ein wenig in den Parkanlagen spazieren, für die Odaiba so berühmt ist. Ich gehe auch nach „Aqua City“, das ist ein Konsumtempel mit Tokyo-typischen Preisen und einer Unzahl von Läden. Die eine Hälfte verkauft Kleidung, die andere Hälfte verkauft Essen in diversen Formen, und alles ist teuer. Irgendwo im Gang sitzt eine Zeichnerin und malt Bilder von Leuten (für 1500 Yen pro Person) im Mangastil. „10 Minuten pro Bild“, hat sie auf ein Schild geschrieben. Ich habe Interesse, aber erstens bin ich ohne Melanie hier und zweitens stehen da noch vier Leute in der Warteschlange, und so viel Zeit will ich nicht investieren. Ich gehe zurück zum Wohnheim, aber nicht an der Straße, sondern am Wasser entlang, und entdecke dort die lokale Knutschmeile. Viele Pärchen sitzen auf den Stufen und Bänken im Park und haben eine schöne Zeit zusammen. Die Sitzbänke in der Kiefernpflanzung laden direkt dazu ein, einige davon sind zwischen den Bäumen versteckt, wo weitere, kleinere Spazierpfade durchführen. Ich entscheide mich für den Weg, auf dem ich die wenigsten Leute störe. Am gegenüberliegenden Ufer befinden sich die Hafenanlagen und aus der Ferne betrachtet sind sie ein wirklich schöner Anblick, mit den beleuchteten Kränen und Lagerhäusern. Ich gehe dann aber endgültig wieder zum Wohnheim zurück.

Wir haben noch nichts gegessen und wollen auswärts essen. Wir gehen „italienisch“ essen, in ein Lokal einer Kette von kostengünstigen „Familienrestaurants“ mit Namen „Saizeriya“. Ich erlebe das erste Restaurant in meinem Leben, vor dem man anstehen muss. Etwa 15 Minuten lang. Ich komme mir vor wie im alten Ostblock. Nicht, dass ich da schon mal gewesen wäre, aber ich erhalte hier ein Quäntchen von dem Feeling.
Satt (ja, ich satt) für umgerechnet 11 E würde ich kostengünstig nennen, vor allem in Tokyo. Und derartiges „italienisches Essen“ habe ich in Italien noch nicht gesehen: „Nero Spaghetti“. Die sind nicht etwa flambiert, nein, nein, die sind schwarz! Warum sind die schwarz? Weil diese Spaghetti mit Tintenfischbeilage serviert werden. Die schwarze Färbung kommt von der Tinte des Tintenfisches. Der Geruch ist eigentlich zum Abgewöhnen, der Geschmack ist lediglich gewöhnungsbedürftig, aber mit etwas Parmesan und Tabasco ist das Ganze direkt zum Angewöhnen. Das muss ich unbedingt noch einmal essen, wenn ich wieder Gelegenheit erhalte.
Natürlich hat die Portion Spaghetti nicht allein 11 E gekostet – ich habe noch zwei kleine Pizzen dazu bestellt, und für weitere 180 Yen bekommt man Nomihôdai, also alkoholfreie Getränke, so viel man haben möchte. Ich empfehle diese Restaurantkette wirklich und ernsthaft jedem, der seinen Fuß einmal nach Tokyo setzt und Zeit hat, in die Stadt zu fahren.
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