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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. Dezember 2023

Mittwoch, 24.12.2003 – Gimli gehört mir, ich habe seine Axt

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

n Tokyo ist es immer noch warm. Morgens um 09:00 stehen wir auf, draußen der blaueste Himmel, die Sonne glitzert auf dem Meer. Alle paar Minuten kommt ein Passagierjet auf dem Weg zum Flughafen Haneda vorbei… oder doch Narita? Es ist toll, wenn man etwas anderes im Gedächtnis hat, als im Notizbuch geschrieben steht. Wir sind schätzungsweise etwas mehr als 500 Meter von der Einflugschneise entfernt. Quasi senkrecht vor dem Fenster liegt der Scheitelpunkt der Kurve vor der Landegeraden. Sehr interessant anzusehen, wenn man es nicht gewohnt ist. Und ein Lärmpegel ist nicht festzustellen. Offenbar ist die Entfernung dafür groß genug.

Einflugschneise

Heute werden die Zutaten für unser Weihnachtsessen gekauft. Ronald fährt also nach Shinbashi, um einen Teil davon zu besorgen, und ich möchte ihn darum bitten, mir aus dem Supermarkt eine Flasche Boco oder Dakara mitzubringen, aber noch bevor ich die Frage zu Ende formuliert habe, fällt Melanie mir energisch ins Wort und meint, das könne ich nicht verlangen, weil Ronald ja bereits die ganzen anderen Einkäufe allein durch Gegend tragen müsse. Sieht jemand das Zucken in meinem linken Auge? Das Argument verstehe ich (es ist eine unschöne Eigenart von mir, an so was nicht zu denken, bevor ich rede, das gebe ich zu), aber was ich nicht tolerieren kann, ist, dass sie mir mitten im Satz ins Wort fällt und selbstherrlich das Antworten für andere Leute übernimmt, als ob sie die Hüterin des guten Tons wäre. Es juckt mich dann immer in den Fingern, etwas zu zerquetschen… oder alternativ einen Spaziergang zu machen. Okay, dann eben Konbinipreise und Selbstabholung. Das ist zu überleben. Dass Ronald zu der Angelegenheit schweigt, macht die Angelegenheit in diesem Moment nicht besser, denn wenn er was dagegen hätte, könnte er das ja auch selbst sagen.

Während Ronald weg ist, blättern Ricci und Melanie die Magazine durch, die im Regal rumliegen. Die Beschreibung derselben lasse ich aus (und meinen privaten Notizen vorbehalten), bevor ich wieder Kritik wegen Verletzung von jemandes Privatsphäre hinnehmen muss. Danach basteln sie sein Geschenk zusammen und ich kaufe dafür noch einen Klebestift, weil Ronalds Sekundenkleber seinem Namen alle Ehre macht und binnen drei Sekunden trocknet, nachdem er die Tube verlassen hat und noch bevor er irgendwas kleben kann. Ich mache mich auf den Weg in den kleinen Supermarkt. Kaum bin ich aus dem Haus, fällt mir ein wichtiges Detail auf: Um in das Haus zurück zu gelangen, brauche ich die Magnetkarte, die jeder Bewohner zu diesem Zweck erhält. Ronald hat diese natürlich mitgenommen. Jetzt könnte ich natürlich klingeln. Aber ich habe mir die dafür notwendige Apartmentnummer nicht gemerkt. Er wohnt im 11. Stock, so viel weiß ich. Ich stelle mich also in den Hof und zähle die Balkone im 11. Stock, bis ich unseren rausgehängten Futon erkenne. Aber das bringt ja auch nichts, weil ich nicht weiß, in welcher Richtung die Wohnungen gezählt werden. Ich kaufe also erst mal einen Pritt-Stift, gehe zum Hauseingang zurück und warte dort diskret, bis ein anderer Anwohner (offenbar ebenfalls vom Einkaufen) zurückkommt. Damit habe ich schon mal das größte Problem hinter mir. Ich fahre in den elften Stock und nutze das Balkonzählen aus. Vom Lift aus betrachtet wohnt er hinter der fünften Tür. Außerdem erinnere ich mich, dass sein rechter Nachbar Weihnachtsschmuck an der Tür angebracht hatte. 1… 2… 3… 4… 5. Aha. Nummer 1112. 11-12… ja, einfacher geht es kaum noch. Aber jetzt weiß ich es, falls ich noch einmal klingeln muss. Der Kleber wird seinem Zweck zugeführt und Melanie klebt die Verzierung der Hinterseite der Karte falsch herum darauf. Die beiden Schlangen (?) stehen auf dem Kopf. Das steigert natürlich die Einzigartigkeit des Geschenkes.

Ich kann immer noch nicht recht glauben, dass ich mitten im Dezember (ich will nicht sagen „mitten im Winter“ wegen der hiesigen Abwesenheit desselben) im T-Shirt bei offener Balkontür in einem ungeheizten Raum herumsitze…

Ronald kommt schließlich zurück, mit einem Weihnachtskuchen. Leider ist es kein weißer mit Erdbeeren, sondern ein brauner, ein Holzstammimitat mit Pilzimitaten, mit einer Axt und einem Zwerg, der mit einem Beil bewaffnet ist. Gibt bestimmt -25 auf den Offensivbonus. Aha und soso, der Kuchen imitiert also ein angefaultes Stück Holz, auf dem bereits Pilze wachsen. Keine verlockende Vorstellung eigentlich. Aber der Kuchen schmeckt ganz hervorragend. Und ich will die Axt. Leider ist der Stiel nicht, wie erhofft, aus Schokolade, sondern aus Plastik. Natürlich stelle ich das „empirisch“ fest. Dann will ich den Zwerg, der bei dieser Gelegenheit „Gimli“ getauft wird, aber auch noch haben. Der Kuchen ist eine Sahnerolle mit etwas Biskuit. Wer Sahnerollen mit Schokogeschmack mag, wird von diesem Machwerk begeistert sein.

Danach fahren wir nach Shinbashi, um weitere Zutaten für unser Essen zu kaufen. Ich nehme eine Flasche Rotwein und eine Tüte Mandarinen dazu. Der Rotwein hat in Japan auf dem hinteren Etikett eine Angabe, ob er „leicht“ oder „schwer“ ist. Ich kann mit den verwendeten Bewertungskriterien nicht unbedingt etwas anfangen, aber da mir Rotwein am liebsten ist, wenn man nicht durch ihn hindurchsehen kann, nehme ich einen „schweren“. Melanie nimmt noch einen Strauß Bananen. Ich habe nicht vermerkt, was die Bananen gekostet haben, aber sie waren sehr billig. Sehr kleine Bananen, aber viele davon.

Ganz und gar nicht billig

Zurück in Odaiba beginnt Ronald mit den Vorbereitungen für das Essen. Und passend zum Kontext kreiert Melanie ihr heutiges Wort des Tages: „Freineschwaß“. Aber Ronalds Essen wird natürlich alles andere als Schweinefraß. Entenbrust mit Orangensoße, Broccoli mit Mandeln und Röstkartoffeln. Ich finde es, wohl mangels Gewohnheit, reichlich seltsam, Fleisch mit Orangen zu mischen, aber es schmeckt ganz wunderbar. Dazu der gekaufte Rotwein „Vaqueyras“ von 1999. Die Mischung ist hervorragend, Lob an den Koch. Die Stimmung ist entsprechend gut. Allerdings trinke ich die Flasche ja beinahe alleine und die Alkoholentwöhnung macht sich bemerkbar. So viel zu meiner Stimmung. 🙂

Geschenke gibt es erst nach dem Essen. Melanie erhält allerlei „Hello Kitty“ Krempel und Ricci allerlei „Naruto“ und „Getbackers“ Krempel. Ronald bekommt Ohrringe und Geld, das in der bereits erwähnten Karte eingefasst ist, um sich eine CD frei nach Wahl kaufen zu können. Melanie und Ricci haben die Geldscheine in Form von Hemden gefaltet und dazu geschrieben „Wir schenken Dir unsere letzten Hemden“ oder etwas ähnliches in dieser Art. Ich schenke Melanie ein Bild von dem „One Piece“ Tony Tony Chopper (das ist das Rentier der Truppe), das ihn beim Geschenkauspacken zeigt und bekomme von ihr eine Figur von SailorVenus geschenkt, die sie im „Animedia“ in Hirosaki gekauft hat. Die SailorJupiter war zu dem Zeitpunkt, als sie einkaufen gegangen war, leider nicht mehr da, sagt sie. Aber auch diese Figur ist sehr schön gearbeitet. Sie wird zuhause einen Platz neben meiner EVA-03 bekommen. Und Ricci schenkt mir einen Kalender – gut, dass ich auch was Simples bekomme. Ich möchte mir nur ungern „überbeschenkt“ vorkommen.

Christmas Cake

Als Nachtisch gibt es Bratapfel und einen weiteren, kleinen Weihnachtskuchen von ca. 15 cm Durchmesser. Diesmal das weiße Erdbeermodell, das Melanie und Ricci noch dabeihaben wollten. Danach sind wir wirklich erschlagen satt und machen uns daran, ins Bett (oder eher „auf den Futon“?) zu gehen. Aber wie solche Nächte nun einmal ausarten, reden wir uns noch bis morgens um 04:00 den Mund fusselig und hindern Ronald am Schlafen.

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