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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

23. Dezember 2023

Dienstag, 23.12.2003 – Wer braucht New York und Rio, wenn er Tokyo hat?

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Um 06:30 kommen wir am Bahnhof Hamamatsu, Tokyo, an. Das bedeutet, dass wir 30 Minuten zu früh dran sind und auf Ronald und Ricci noch ein wenig warten müssen, die uns abholen wollen. Auch SangSu ist da. Als erstes frage ich mich, was wohl aus der weiblichen Begleitung geworden ist, die er in Hirosaki noch hatte, die auch nach Tokyo wollte? Aber ich denke mir erst nichts dabei. Wenige Minuten darauf klingelt sein Telefon. Seine Begleitung möchte wissen, wo er ist… dieser Unglücksmensch ist an der falschen Haltestelle ausgestiegen. Der Bus fährt noch drei weitere Positionen im Stadtgebiet von Tokyo an. Und Tokyo ist das, was man „riesig“ nennt. Ich glaube einfach nicht, was ich da erlebe.

Ronald und Ricci kommen schließlich. Das heißt, Melanie findet sie auf der anderen Seite des Busbahnhofs, wo sie offenbar bereits seit ein paar Minuten sitzen. Also können die beiden den SangSu gleich original und live in Aktion erleben. SangSu ist sich (natürlich, wer hätte das gedacht) nicht zu 100 % sicher, wo der Kamerad wohnt, bei dem er übernachten will, aber er kann immerhin eine Bahnstation nennen. Ronald erklärt ihm, wie er da hinkommt und wie man den Fahrkartenautomaten bedient. Ich hoffe, der arme Trottel kommt auch da an, wo er hin will.

Wir fahren nach Odaiba, wo sich Ronalds Wohnheim befindet. Über die Rainbow Bridge. Und… ja, warum habe ich eigentlich all diese Kleidungsstücke am Leib? In Tokyo ist es warm, zumindest im Vergleich mit dem verschneiten Hirosaki, 10 bis 15 Grad Celsius haben wir hier, würde ich sagen. Das Wohnheim liegt nicht weit von der Haltestelle „Fune no Kagakukan“, wo sich das gleichnamige Museum für Maritime Technik und Geschichte befindet, und das Museum hat die Form eines großen Schiffes.

Fune no Kagakukan

Auf dem Vorplatz steht ein „Emily“ Flugboot aus dem Pazifischen Krieg. Davon muss ich noch eine Nahaufnahme machen, sobald ich kann. Wir essen etwas und beraten, was wir heute tun können. Die von mir erwartete Reiseerschöpfung hat sich nicht eingestellt, weil ich im Bus ausreichend habe schlafen können. Wir beschließen, nach Asakusa zu fahren, um das Kamenarimon, das wahrscheinlich bekannteste Tempeltor Japans, und den Kannontempel zu besuchen.

Kamenarimon

Ein lohnender Anblick, darf ich feststellen, aber total überfüllt. Auf dem Weg vom Tor zum Tempel muss man erst einmal eine ganze Reihe von Souvenirläden passieren, die die 200 m der Straße säumen. Interessant finde ich vor allem die Leute, die vor einem stinkenden, qualmenden Kessel stehen und sich den Rauch zufächeln. Offenbar haben nicht nur bekennende Christen eine Vorliebe für stinkende Gefäße mit kokelndem Inhalt. Ich habe keine Ahnung, warum Japaner das machen, aber ich muss annehmen, dass es auf Ziele wie „Seele reinigen“ oder „Glück und Segen erbitten“ hinausläuft. Wir gehen dann noch die paar Schritte bis zum Tempelgebäude.

Feinstaub für alle!

Es ist an dieser Stelle üblich, Münzen in spezielle Sammelbehälter vor dem Heiligtum zu werfen. Als ehemaliger Christ kenne ich kleine Sparbüchsen mit Einwurfschlitz, in die man das Geld einwirft, aber in Japan wird diese Sache gleich richtig gemacht: Vor dem Heiligtum steht ein Sammelkasten, ca. 4,00 x 0,50 x 0,50 Meter, mit Holzgittern darüber. Da steckt man das Geld nicht etwa diskret hinein, oh nein, die Leute werfen hier mit Geld, zum Teil aus der dritten oder vierten Reihe der Betenden!1 Als ob Geldspenden irgendjemandem schon einmal Glück oder göttliches Gehör gebracht hätte… und was hat Buddha gelehrt?

Selbst wenn jemand sechs Galaxien mit den Schätzen der Welt anfüllt und all diese Reichtümer als Almosen verschenkt, ist der Lohn desjenigen dennoch größer, der nur vier Zeilen einer Sutra verstehen, rezitieren und lehren kann.

Es ist wohl kein Zufall, dass der japanische Begriff für „Zen-Dialog“ (Zen ist eine Sekte des Buddhismus und ein solcher Dialog gilt wohl der Diskussion philosophischer Ansichten) die Konnotation „unverständliches Gerede“ besitzt. Japaner sind ja bekannt dafür, dass sie kulturelle Dinge aus dem Ausland zwar aufnehmen, aber auch das wieder aufgeben, was ihnen nicht zusagt – selbst wenn es sich um grundlegende Dinge der importierten Idee handelt. Auf der anderen Seite ist die Klausel des „Verstehens der Sutra“ möglicherweise nicht selten zu viel verlangt.2

Heiligtum mit Münzzaun

Wir verlassen dieses Gebäude wieder und sehen uns die übrigen zum Tempel gehörigen „Attraktionen“ an. Melanie zieht ein Stück Papier aus einer Box, und damit hat es folgendes auf sich: Oft stehen da die fürchterlichsten Dinge drauf, was denn in naher Zukunft so alles schiefgehen werde, und das in einer Intensität, dass kein Mensch das ernst nehmen kann – bei der Menge an bösen Prophezeiungen ist die Chance natürlich gegeben, dass mindestens eine davon eintreffen wird. „Eine Reise wird nicht gut verlaufen“, „Ihre Beziehung wird scheitern“, und lauter solche Dinge. Und damit das, was da steht, bloß nicht wahr wird, bindet man den Zettel an ein neben der „Ausgabestelle“ angebrachtes Gitter, und die Götter werden dieses Schicksal gnädigerweise bereinigen. Ja ja, man kann auch seltsame Dinge glauben.

Danach fahren wir nach Shinjuku, um vom 45. Stockwerk der Stadtverwaltung aus die nun weit unter uns liegende Metropole zu betrachten. Sehr beeindruckend. Wie erwartet kann man den Berg Fuji nicht sehen – zu viel Smog. Wahrscheinlich kann man den nur sehen, wenn konstanter Wind die ganzen Abgase wegpustet. Aber es offenbart sich sehr schön, dass Tokyo keine „hohe“ Stadt ist. Ja, in Shinjuku befinden sich einige Wolkenkratzer, aber der Rest der städtischen Gebäude geht relativ selten über zehn Stockwerke hinaus, und wahrscheinlich 80 % der Stadt halten sich noch näher am Boden. Dafür ist die Stadt extrem weit ausgebreitet. Von hier aus betrachtet scheinen erst die Berge am Rand der Kanto-Ebene die Stadt einzugrenzen. Häuser bis zum Horizont. Aber dem sind ja wegen der verschmutzten Luft Grenzen gesetzt.

Tokyo Tower im Hintergrund

Am Nachmittag gehen wir endlich was essen. „Okonomiyaki“ möchten wir essen, und Ronald weiß ein dafür geeignetes Restaurant. Was ist Okonomiyaki? Im Prinzip eine Art dicker Pfannkuchen. Auf der Speisekarte sucht man sich aus, welche Zutatenkombination man haben möchte und die Bedienung bringt das gewünschte Rohmaterial in Schüsseln. Die Basis besteht wohl aus Ei, Teig und Kraut, der Rest lässt sich zusammenbasteln aus… eigentlich allem möglichen. Ich bestelle Krabben und andere Meeresfrüchte, aber ich kriege Schweinefleischstreifen. Ähem. Ich wusste nicht, dass meine Aussprache so undeutlich ist. Aber egal. Essen ist Essen und ich habe Hunger.

Da man ja nur die Einzelbestandteile bekommt, muss man sich den Pfannkuchen selbst machen. Den mitgelieferten eingelegten Ingwer werfe ich gleich weg. Man mischt die Zutaten in der „Hauptschüssel“ zu einem Teig. Den wirft man auf die Heizplatte, die den Großteil des Tisches ausmacht, sorgt mit Hilfe von Spachteln für eine angemessene Form und lässt das Ganze drei Minuten anbacken. Dafür gibt es am Tisch spezielle Sanduhren. Nach drei Minuten dreht man das Ding um und lässt die andere Seite braten. Dann verteilt man den gelieferten Käse, die Mayonnaise, und eine dicke Soße über das Machwerk und lässt das verschmelzen, indem man eine Glasglocke über den Pfannkuchen auf der Platte stülpt, und zum Schluss kann man noch Fischflocken drüberstreuen. Leider habe ich den gesamten Vorgang nicht minutiös in allen Einzelheiten dokumentiert, also muss ich viel aus dem Gedächtnis zusammenkramen. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Essen. Die von Marc so gelobten Okonomiyaki in Hirosaki schmeckten ja penetrant nach Seife – was der eingelegte Ingwer im Zusammenspiel mit den übrigen Zutaten gewesen sein könnte. Die Portion kostet hier 880 Yen, also etwas mehr als 6 E. Kein schlechter Preis für eine Mahlzeit, die man eigentlich selbst zubereitet. Aber der Geschmack macht das wieder wett. Und schließlich sind wir in der teuersten Stadt der Welt.

Als wir mit dem Essen fertig sind, ist es dunkel. Wir sehen uns also Shinjuku bei Nacht an. Viele, viele Neonlichter und Anzeigetafeln und Großbildschirme, die Werbung unters Volk bringen. Ich gebe zu: Das hat seinen Reiz, auch für ein Landei wie mich. Aber wohnen möchte ich hier lieber nicht. Ich empfinde es als beruhigend, zu wissen, dass ich irgendwo eine ruhige Bleibe habe, weit weg von diesem Überschwang an Leben. Und da heute ja der 23. Dezember ist, findet man überall Weihnachtsbeleuchtung und weihnachtliche Verzierungen. Überall stehen männliche und weibliche Weihnachtsmänner und preisen ihre Waren an. Das bei einem Anteil von 2 % Christen an der Gesamtbevölkerung. Und diese Christen machen Werbung, geradezu Propaganda, an Kreuzungen und anderen Fußgängerüberwegen der Hauptstraßen. Mit Plakaten und Lautsprechern. „Das Himmelreich wird kommen“ und „Der Erlöser hilft auch Dir“. Nicht einmal in Japan kann man vor denen fliehen. Das ist mir zu aufdringlich. Außerdem war ich bereits in Rom, auch im Petersdom, und nach altem christlichen Glauben dürfte mich das von den Sünden der nächsten 100 Jahre befreit haben.

Melanie setzt am Abend ein neues Wort in die Welt und erfreut uns alle mit ihrer Kreativität:
PHASENBLASTER
Diese gefährliche Waffe sollte eigentlich nur ein „Blasenpflaster“ werden.

1 Das Heiligtum ist durch einen dünnen Drahtzaun von den Besuchern getrennt, wie mit einem Fliegengitter. Der Zaun lässt den Blick auf das Tempelinnere zu, ist aber auch so engmaschig, dass die geworfenen Münzen davon abprallen und in die davor aufgestellten Tröge fallen.

2 Ich sehe natürlich ein, dass, jenseits der religiösen Bedeutung, ein historisch bedeutendes Bauwerk erhalten bleiben sollte und dass ein solches Ansinnen Geld kostet.

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