Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

10. Dezember 2023

Mittwoch, 10.12.2003 – Alles rennet, rettet, flüchtet

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Während der Nacht hat es nicht geschneit. Kalt ist es trotzdem, es liegt noch überall Schnee herum und die Bürgersteige sind am Morgen noch heftig glatt. Melanie verwendet bei dieser Gelegenheit die Spikes, die sie von Marc bekommen hat, aber ihre Schuhe sind dafür überhaupt nicht geeignet, weil sie an der Sohle die dafür notwendige Vertiefung zwischen Fußballen und Ferse nicht haben. Die Spikes stehen also weit nach unten heraus und drücken ihre Oberseite durch die weichen Sohlen der Turnschuhe unangenehm in den Fuß hinein. Ohne geht es sich bequemer. Ich selbst spüre bislang noch keine ernsthaften Probleme wegen der Straßenglätte.

In der ersten Stunde erfahre ich, dass meine Bemühungen um die Kanji gestern Abend (kurzfristig betrachtet) vergebens waren – der Test wird erst am Freitag geschrieben. Ich unterhalte mich nach Ende des Unterrichts ein wenig mit dem Chinesen, der erst neulich zu uns gekommen ist. Er studiert Medizin, mit Schwerpunkt auf Radiologie. Er macht in Hirosaki seinen Doktor und wird vier Jahre bleiben. Und er erzählt mir, dass Jackie Chan eigentlich „Chen Long“ heiße. Ja, ganz ähnlich wie der „DragonBall“ Drache. „Long“ schreibe man wie „Drache“. Einige Schauspieler hätten dies an ihre Namen angehängt, weil der Drache das Nationaltier Chinas sei, so auch Bruce Lee, dessen eigentlicher Name „Li Shou Long“ sei.

Dann gehe ich in meine Literaturklasse. Aber ich finde den Raum Nr. 409 um 10:20 leer vor. Habe ich eine Absage oder Verlegung vergessen? Als ich wieder gehen will, kommen mir die beiden japanischen Teilnehmer und Professor Vesterhoven entgegen. Die haben sich verspätet. Ich frage den Professor, ob heute vielleicht eine Verlegung stattfinde oder ähnliches. Nein, sagt er. Ganz normaler Unterricht. Sei zumindest geplant. Aber es ist niemand da bis jetzt. Nach weiteren fünf Minuten kommt auch noch David, der immer zu spät kommt, aus welchem Grund auch immer. Aber das war dann auch schon alles.

Prof. Vesterhoven 2003

Ich hätte jetzt nicht gedacht, dass Mishima so unbeliebt ist!“, sagt Vesterhoven. „Oder haben die alle eine Erkältung?“ Ansonsten möchte er wissen, was wir von der Geschichte gehalten haben. „Ich finde die Darstellung der Art von idealer Beziehung in der Geschichte schlichtweg bescheiden“, sage ich dazu. „Ich habe die Geschichte gehasst!“ sagt der Japaner. „Ich fand sie furchtbar grausam!“ sagt die Japanerin. „Ich halte sie für interessant…“ sagt David. (Allerdings sagt er das in den allermeisten Fällen.) Vesterhoven beschließt, mit allseitigem Einverständnis der Anwesenden, die Besprechung von „Yûkoku“ auf nächste Woche zu verschieben.

Im Center lese und drucke ich meine Post, rede dabei kurz mit Marc und speichere dann auch endlich die Bilder, die Chen mir geschickt hat: Ein Foto, das ihn im OP mit seinem Professor zeigt und ein weiteres, eine Aufnahme der Entfernung eines Hautkrebstumors. Sehr interessant. Hoffentlich hat er noch mehr davon. Mein elektronisches Postfach ist jetzt endlich wieder leer.

Alles muss raus

Am Mittag wollte ich eigentlich in der Halle bleiben, aber es ist zu kühl und ich finde den Schalter für die Heizung nicht. Offenbar ist sie abgeschaltet oder hat einen Defekt. Ich leiste Mei und BiRei also nur beim Essen Gesellschaft. Danach gehen die beiden zum Unterricht und ich begleite sie bis zur Treppe zum Center.

Und sie gehen dabei etwa halb so „schnell“, wie ich das dann tue, wenn ich viel, viel Zeit habe.

Was ist los? Schlaft ihr beim gehen?
Nein – aber manchmal gehen wir während des Schlafens…“ sagt BiRei und lacht.
Mensch, seid Ihr langsam… das muss an Euren kurzen Beinen liegen!
BiRei lacht sich schief. Mei droht mir amüsiert mit dem Finger. „Wie bitte?? Kurze Beine!? Wie unhöflich!“
Und ich dachte, dünne Bleistifte wie Ihr würden schneller durch den Wind kommen…
Bleistifte??? Du sagst andauernd so schreckliche Sachen!“ Aber kein Beobachter würde dabei auf die Idee kommen, ihren Protest ernst zu nehmen. Dafür lacht sie selbst zu viel. Ich verabschiede mich schließlich von den beiden und kehre erst um 14:22 in die Halle zurück, um Mei wegen ihrer Englischbemühungen zu treffen. Ich bin also (zwei Minuten!) zu spät und ich höre auf dem Weg zur Halle schon mein Telefon klingeln, aber wir begegnen uns, als ich die Treppe runterkomme.

Wir gehen ein weiteres Kapitel aus ihrem Lehrbuch „Questions and Answers“ durch und ich erläutere aus gegebenem Anlass, dass Kaugummikauen während einer Konversation (zumindest für Deutsche; ich weiß in dieser Beziehung ja nichts über China…) unhöflich sei, und dass auffälliges Kaugummikauen (also mit Blasenbildung und Schmatzgeräusch) geradezu als barbarisch eingestuft werde. Sie lässt daraufhin das Kaugummikauen zwar nicht sein, aber immerhin lässt sie mich weniger davon merken. Was ich bemerke, ist aber, dass ihre Aussprache besser wird. Offenbar erreiche ich tatsächlich was.

Den restlichen Tag lang gibt es nichts Interessantes mehr, und es gibt auch keinerlei Neuschnee.

Schreibe einen Kommentar