Freitag, 28.11.2003 – In den Startlöchern
Der wolkenlose Himmel hält sich den ganzen Tag über, man kann wirklich sagen, dass heute schönes Wetter ist. Aber wie üblich habe ich wenig davon, weil ich den ganzen Tag in Gebäuden verbringe. Ab 14:20 schreiben wir die Zwischenklausur für den Japanischkurs A2. Eine der Aufgaben verstehe ich mangels Vokabular überhaupt nicht. Und auch beim Rest muss ich sagen, dass mir die Lösungen nicht einfach aus dem Ärmel rutschen. Es geht nicht so leicht von der Hand, wie es das sollte, weil ich die Dinge nicht so verinnerlicht habe, wie ich das vielleicht haben sollte – auch mangels Anwendung im täglichen Gebrauch. Das Ergebnis will ich wahrscheinlich gar nicht sehen. Außerdem schreit meine Blase gegen Ende immer mehr nach Erleichterung, also lasse ich die Aufgabe ganz sein und verschwinde zum „Händewaschen“ (jap. „o-Te-Arai“ = „Toilette“).
Danach fahre ich aber endlich zur Bank, um meine Miete zu zahlen. Ich komme am Sportplatz vorbei und sehe diesen in eine Baustelle verwandelt. Was machen die da bloß mit zwei Baggern und einer Planierraupe, dass man das Ende November noch in Angriff nehmen muss? Ich bemerke auch, dass verschiedene Wintervorbereitungen in vollem Gange sind. Die großen Bäume erhalten Stützpfähle, damit die Äste unter der Last des offenbar erwarteten Schnees nicht unästhetisch abbrechen, die kleinen Bäume werden wigwamförmig mit Latten umgeben, die Hecken werden geradezu in „Lattenkisten“ verpackt, und Sträucher werden zusammengebunden, um die Schäden zu minimieren.
Auf der Bank muss ich mir leider wieder helfen lassen. Ja, ich habe die richtige Taste für „Miete zahlen“ gedrückt, aber der Automat brachte eine Fehlermeldung. Ich stehe am Automaten und hege Mordgedanken. Ich kann die Fehlermeldung nicht lesen. Die Bank selbst hat bereits geschlossen, nur noch die Automaten sind verfügbar. Neben mir wird eine Dame gerade mit ihren eigenen Überweisungen fertig und ich spreche sie an, als sie gerade gehen will. Den mir vorgetragenen Vorurteilen zu Folge, die allesamt aus Erfahrungen mit Japanern aus Tokyo resultieren, hätte sie mich ignorieren und die Bank ruhigen Schrittes einfach verlassen müssen. Aber sie kommt zurück. Was lernen wir daraus? Einmal selbst sehen ist besser als 100 Leuten zuzuhören. Als routinierte Bankautomatenkundin stellt sie sofort fest, dass ich meine Karte falsch herum in den vorgesehenen Schlitz gesteckt habe. Ah, wie schön. Der Automat sagt also nicht sofort nach dem Einstecken der Karte, dass sie nicht richtig eingegeben wurde, sondern wartet mit der Überprüfung, bis eine Funktion ausgewählt wurde. So sei es denn. Die Dame erklärt mir ruhig und geduldig die Funktion des Automaten und ich bin ihr sehr dankbar für ihre Zeit und Geduld.
Im Anschluss gehe ich in den Merchandisingladen, den Yui mir gestern beschrieben hat. Er hat eine interessante Auswahl an gebrauchten Videos, die auch zu recht günstigen Preisen zu haben sind – aber es sind eben nur VHS Videos. Ich habe meine Zweifel, ob es dafür einen Markt gibt. Ich denke also nicht weiter über die Möglichkeiten nach, die sich bei E-Bay bieten könnten, weil ich die DVD als Medium zu weit vorne sehe. DVDs gibt es hier auch, aber ob sie gebraucht oder neu sind, kann ich auf den ersten Blick nicht feststellen, und die Preise sehen für mich nach Neupreisen aus. Obwohl einige dabei sind, die ich gerne kaufen würde… da stehen vier Sammlungen „Love Hina“ herum. Jede hat eine andere Farbe und ist nach einem anderen (weiblichen) Charakter benannt. Ich kann aber auch nicht einmal feststellen, ob es sich dabei um DVDs mit Filmmaterial oder um CDs mit Hörspielen und/oder Musik handelt. Der Preis liegt bei 7800 Yen. Die Serie hat eigentlich fünf DVDs, also frage ich mich, was das sein kann? Der Preis erscheint mir für DVDs jedenfalls zu günstig (für japanische Verhältnisse).1
Es gibt auch CDs meiner persönlichen „most wanted“ Sängerinnen Ogata und Hayashibara. Aber die Preise sind die gleichen wie im Kaufhaus. Haben CDs hier Festpreise??? In Deutschland geht man einfach in die Drogerie Müller, wenn Pro- oder Media Markt zu teuer ist, aber hier muss man offenbar darauf hoffen, gesuchte CDs in einem „Recycle“ Laden zu finden, wo man gebrauchte CDs bekommt. Oh… und es gibt hier eine SailorJupiter Figur, die mich anlacht… aber der Preis lacht mich gar nicht an… los, sieh woanders hin…
Bei der Gelegenheit entdecke ich auch passende Weihnachtsgeschenke. Aber ich habe meinen Rucksack nicht dabei. Auf die Idee, dass man grundsätzlich eine Plastiktüte bekommt, komme ich in diesem Moment nicht. Also warte ich unfreiwillig mit dem Kauf.
Wieder einmal offenbare ich meine Vorstellung von Geschenkeinkauf: Wenn ich etwas finde, wovon ich sofort überzeugt bin, dass jemand aus meinem Bekanntenkreis etwas anzufangen weiß, kaufe ich es (unter Beachtung eines gewissen Preisrahmens natürlich). Aber bei den Leuten, von denen ich das weiß, handelt es sich in erster Linie um Freunde. Bei meiner Familie sieht es da anders aus. Der einzige Wunsch, den z.B. meine Mutter einmal vor vielen, vielen Jahren geäußert hat, war ein elektrisches Fußbad, also eine kleine Plastikwanne, die Wasser erwärmt und sprudeln lässt. Aber das schicke ich ihr bestimmt nicht aus Japan. Mein Bruder wäre sicher nicht wenig begeistert, wenn ich ihm eine… ganz bestimmte, in Deutschland verbotene Uniform schicken würde, aber das kann ich mir nicht leisten. Und von meinem Vater kenne ich keine Wünsche, ja nicht einmal die Postadresse, weil er nicht im Telefonbuch zu stehen scheint, ich mein Adressnotizbuch vergessen habe und mein Bruder nur alle 100 Jahre mal seine Mailbox abruft. Zum Haareraufen ist das – ich habe die Adresse von Heckler & Koch auf meiner Daten-CD, aber nicht die Adresse von meinem eigenen Vater… die existiert nur im „Kugelschreiberformat“, einen halben Erdball weit weg. Immerhin kenne ich die Adresse meiner Mutter auswendig. Sieht man davon ab, dass ich nie sicher bin, ob sie in Nummer 72 oder 73 wohnt… ja, 73 ist die richtige Wahl.
Als ich den Laden wieder verlasse, ist es bereits dunkel und ich fahre zurück in die Bibliothek. Es gelingt mir heute, meine kleine „SailorMoon Mailingliste“ mit ein paar Details um die Realserie zu versorgen, darunter eine Seite mit Screenshots, in die Kommentare eingetragen wurden. Zumindest zum Teil lustig. Für Interessierte oder Neugierige: http://genvid.com/archives/1128031.html2
Nachdem ich um etwa 21:45 mit meiner Post fertig bin, schreibe ich noch schnell den Tag in mein Tagebuch und werde noch fertig, bevor man mich um 22:00 rausschmeißen muss…
1 An dieser Stelle muss ich bereits vorausschicken, dass eine typische japanische DVD nur zwei Episoden enthält…
2 Der Link existiert nicht mehr
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