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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

27. November 2023

Donnerstag, 27.11.2003 – Des Apfels Kern

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 11:04

Mit Yuan ist das heute nichts geworden. Und ich habe keine Ahnung, wieso. Hat sie es vergessen? An mir kann es nicht liegen, weil ich früh genug in der Halle bin und kurz darauf auch im Center nach ihr sehe. Wie dem auch sei, es stört mein Tageskonzept so weit, dass ich nicht mehr zur Bank komme. Außerdem habe ich sowieso weniger Zeit, weil ich um 12:10 bereits wieder in den Bus steige, der mich, zusammen mit den übrigen Kursteilnehmern, zur heutigen Besichtigungstour bringen wird.

Wir sehen uns Nachbauten der alten Stadtbibliothek und des alten Lehrerhauses an. Warum die Bibliothek nachgebaut werden musste, weiß ich nicht mehr. Das Lehrerhaus dagegen ist wohl einige wenige Jahre nach der Erbauung wieder abgebrannt. Die Nachbauten sind jeweils aber auch schon über 100 Jahre alt – die Stadt Hirosaki wurde während des vergangenen Weltkrieges nicht bombardiert. Gerüchten zu Folge war dies, wie im Falle von Kyoto, den Einwänden amerikanischer Kunsthistoriker und Japanologen zu verdanken. Von Aomori dagegen war stellenweise noch nicht einmal ein Trümmerfeld übrig. Aber bei aller Liebe für die Stadt hier – Hirosaki mit Kyoto in eine Reihe zu stellen ist schon sehr gewagt, und außerdem glaube ich, dass andernorts viel mehr an historischen und kulturellen Schätzen in kleine Fetzen gesprengt und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt wurde, als Hirosaki in den lächerlichen 300 Jahren seiner Geschichte bis 1945 jemals hätte ansammeln können.

Aber zu den besichtigten Häusern: Sie wurden, für das Wohlbefinden der aus dem Ausland „importierten“ Lehrer, in einem amerikanischem Stil gebaut, wie man ihn in „Tom Sawyer“ Filmen sehen kann. Das mag für Japaner ungeheuer exotisch sein, aber für unsereiner… hart an der Grenze zu langweilig. Chen macht ein paar Bilder davon, wie ich mit jeweils einem anderen Chinesen am Esstisch sitze und mit den Plastikimitaten Essen simuliere. In den Regalen stehen alte Lexika, und das möchte ich interessant nennen, weil es sich u.a. um Originale aus dem vorletzten Jahrhundert handelt. Man darf sie natürlich nicht anfassen. Gut für die Bücher, schlecht für mich. Allein das „Sesamstraße“ Malbuch und das „Sylvester & Tweety“ Serviertablett wirken etwas fehl am Platz.
Warum habe ich davon kein Bild gemacht????

Die Fremdenführerin des Hauses erzählt uns einige Dinge über die Geschichte des Hauses und über die Lehrer, die hier früher wohnten, mit Schwerpunkt auf den legendären John Ing und wie er den Apfel nach Hirosaki brachte. Jetzt haben wir aber am vergangenen Donnerstag von Kitagawa-sensei die neuesten Erkenntnisse über die Einführung des Apfels bereits gehört, und was wir hier hören, steht auf ihrem Lehrplan unter „Mythen, Sagen und Legenden“. Sawada-sensei fügt also ihrer Übersetzung hinzu: Lächelt und nickt einfach höflich.

Als wir das Haus verlassen, zeigt Chen uns, also SangSu und mir, ein Bild auf dem TFT-Display seiner Kamera und fragt uns, ob wir wüssten, was das sei. Ich erkenne eine rosa Fläche in einer weißen Fläche in der Mitte, letztere mit etwas rötlicher Einfärbung. Nein, wir wissen es leider nicht. Das sind Bilder von meiner letzten Operation sagt er. Der Mann ist aber kein Patient, sondern Chirurg. Oha, interessant… ob er mir davon wohl ein paar schicken könne? Ja, sobald er Gelegenheit dazu habe, könne er mir Bilder schicken. Dann bin ich mal gespannt.

Dann sehen wir die erste Kirche an, die in Hirosaki gebaut wurde, eine methodistische. Auch ein netter Holzbau à la Tom Sawyer. Der zuständige Pfarrer erzählt uns von der Geschichte der Christen in Hirosaki und in Tsugaru. Hirosaki wurde nach der Meiji-Restauration anno 1868 im späten 19. Jh. eines der christlichen Zentren in Japan. Das war natürlich nicht zuletzt dem genannten John Ing zu verdanken, der nicht nur Lehrer war, sondern auch ein methodistischer Missionar. Aber Tsugaru hat eine noch ältere „christliche“ Geschichte. Nennen wir es mal so. Während der Edo Periode (1603 – 1868) war das Christentum verboten, und es war nicht so, dass es hier oben, so weit weg von der Zentrale im heutigen Tokyo (damals Edo) viele Abweichler gegeben hätte, nein, nein. Man hat Christen hierhin, nach Tsugaru, in den damals äußersten Norden Japans, deportiert und es wurden auch nicht wenige hier hingerichtet oder sonst irgendwie vom Leben zum Tode befördert.

Die Kirche ist, wie bereits erwähnt, ebenfalls in einem Stil gebaut, den ich als „amerikanisch“ bezeichnen würde. Aber das ist natürlich nur mein persönlicher Eindruck. Es gibt, im Gegensatz zu den Kirchen, wie ich sie aus Europa kenne, keine extra Holzplanken vor den Sitzbänken, also kniet man hier auf dem Boden. Sehr auffällig ist allerdings, dass es in dieser Kirche kein Kreuz gibt – kein einziges. Ich frage den Pfarrer danach und er erklärt, dass die Erbauer der Kirche, wie auch John Ing, Methodisten gewesen seien, beeinflusst von Unitariern und Puritanern, die, wie er sagte, Kreuze, ebenso wie Statuen und ähnliches, als Symbolverehrung betrachten und daher ablehnen. Und schließlich bekommen wir auch von ihm eine Version der Legende zu hören, wie denn der Apfel nach Hirosaki gekommen sei. Ich will an dieser Stelle einmal die gängigen Hauptversionen mal zusammenfassen:

  1. Ing schenkte ein paar Äpfel, die er in Yokohama gekauft hatte, seinen Schülern und den japanischen Lehrern. Der damalige Direktor der Schule säte daraufhin die Samen seines Apfels aus und der erste Baum wuchs.
  2. Ing schenkte seinen Schülern während der Weihnachtsfeier 1875 einige Äpfel und sie waren davon so begeistert, dass sie die Samen einpflanzten. Aber die Samen sprossen nicht, also baten sie Ing, von einer Reise nach Tokyo weitere Samen mitzubringen.
  3. Ing brachte 1878 von einer Reise nach Tokyo drei Apfelsamen mit nach Hirosaki und verschenkte sie an Leute in seiner Nachbarschaft, die sie in ihre Gärten pflanzten.
  4. Ing aß seine Äpfel ganz alleine und pflanzte die Samen in den Garten des Lehrerhauses.
  5. Der Bruder des damaligen Direktors studierte Landwirtschaft in Indiana (USA) und schickte Apfelsamen nach Hirosaki, die in dem Garten der Familie eingepflanzt wurden.

Immerhin eine Version so ganz ohne Ing. Es gibt noch mehr Versionen, die sich aber nur noch in eher unbedeutenden Detailfragen unterscheiden. Fakt bleibt, dass die Meiji-Regierung die Samen verschiedener Apfelsorten kistenweise aus den USA hat kommen lassen, um die desolate Wirtschaftslage im Norden Japans durch neue Impulse aufzubessern – was letztendlich auch gelang. John Ing hat nur geringfügig mit der Verbreitung der Äpfel in Tsugaru zu tun, aber die Gleichzeitigkeit ließ die Legenden entstehen.

Nach der Rückkehr zur Universität treffe ich Yui, etwa um 14:30. Eigentlich wollte ich mit ihr die ersten vier Lektionen unseres dicken Lehrbuches durchgehen, aber… wir reden dann über alles mögliche andere, nur nicht über unterrichtsrelevante Themen. Das passiert mir in den letzten Tagen öfters. Wir besprechen aber auch, dass ich meinen Sprachstil nicht unter Kontrolle habe. Ich muss mir abgewöhnen, mit ihr und anderen Gleichgestellten auf der höflichen Ebene zu sprechen (nur, weil es mir leichter fällt) – schließlich redet man in Deutschland gleichgestellte Studenten auch nicht mit „Sie“ an, und sollte es jemand tun, wird man sich fragen, ob er noch ganz knusprig im Oberstübchen ist. Nun ja, ich will jedenfalls knusprig sein und nicht wie ein japanisches Toastbrot daherreden, ich werde mich also mehr darauf konzentrieren, mit wem ich wie rede, bis es von alleine geht.

Um kurz vor sieben bin ich wieder zuhause und freue mich auf die Serien am Donnerstag Abend. Wie schon mehrfach angedeutet, laufen Donnerstags mehrere Serien, die ich gerne ansehe, also habe ich an Donnerstagen abends für nichts anderes Zeit… ähem. Die Katalogisierung meiner neu erstandenen Artbooks muss ich daher ebenfalls verschieben.

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