Montag, 29.09.2003 – Was ist Jetlag?
Nein, nein, die Frage ist ganz berechtigt. Anstatt mitten in der Nacht bin ich um 06:00 aufgewacht, und zwar so sehr, dass ich mich nicht noch einmal umgedreht und weiter gedöst habe. Stattdessen mache ich einen Spaziergang. Ich kann mir die nähere Umgebung ja mal ansehen, erste Eindrücke gewinnen, und ich finde es gar nicht schlecht, dass bei dieser Gelegenheit niemand dabei ist, der dabei sagt „Das ist dies und das ist jenes.“ Ich will die Gegend mal wirken lassen, ganz unbefangen.
Das Wetter ist topp. Kein Wölkchen am Himmel, kalt ist es auch nicht und die Sonne ist bereits aufgegangen. Ich bin jetzt nicht sicher, ob die Sonne in Deutschland Ende September ebenfalls bereits um sechs Uhr morgens so hoch steht. Ich habe nie darauf geachtet. Normalerweise habe ich in den Sommerferien je eine Nacht durchgemacht, bin dann auf den Walnussbaum hinter unserem Haus geklettert, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ich habe keine Ahnung, was mich dazu getrieben hat, aber immerhin zeigt mir das vor mir selbst, dass ich nicht völlig ignorant bin.
Aber gut, jetzt bin ich in Japan und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich früher werde aufstehen müssen, wenn ich einen Sonnenaufgang bewundern können will. Ich will zumindest einen sehen, im Land der Aufgehenden Sonne.
Ich merke es ganz deutlich: Ich befinde mich auf dem Land, in der tiefsten Provinz, wie sie nur von noch kleineren Dörfern, die es in der Umgebung zweifelsohne gibt, überboten werden kann. Auf den Straßen ist nichts los. Vielleicht mehr als in Gersheim um diese Uhrzeit, aber Gersheim ist ein noch kleineres Dorf. Hirosaki scheint ein großes Dorf zu sein. Ein Dorf mit immerhin 50000 Einwohnern. Was ist hier anders? Der Straßenzustand erscheint mir schlechter, als in abgelegenen Dörfern im Saarland. Aber ich bin ja Fußgänger. Da stehen Getränkeautomaten, alle paar Meter, könnte man fast sagen. Eine Getränkedose kostet 100 Yen, also etwa 75 Cent. Ich habe Durst, also nehme ich mir eine, auf gut Glück. Tee will ich vermeiden, wenn ich schon mal da bin, dann kann ich auch was völlig neues ausprobieren. Ich nehme eine Dose mit einem Getränk namens „Dakara“. Es handelt sich um ein weißlich-trübes Getränk mit undefinierbarem Geschmack. Ist aber gar nicht übel. Und es ist keine Kohlensäure drin – ich liebe dieses Land!
Was ich allerdings noch nie gesehen habe, weder in einem Film noch mit eigenen Augen, ist ein Automat, an dem man Reis ziehen kann. Für einen gewissen Preis, ich habe mir nicht gemerkt, wie viel genau, kann man hier kleine Säcke mit zwei Kilo Reis aus dem Automaten kaufen. Und als ob das noch nicht genug wäre, steht direkt daneben ein Automat, an dem man sich Eiswürfel, ein Kilo davon in einer Plastiktüte, besorgen kann. Das könnte jetzt daran liegen, dass der Laden gegenüber eine Art Jugendtreff sein könnte (sofern ich das von den sichtbaren Anzeichen beurteilen kann), oder sind die Sommer hier oben so heftig? Aber das bleibt abzuwarten. Ich schätze, in etwa zwei Monaten wird General Winter aus Sibirien hier reinschneien, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein paar Schritte weiter eine Tankstelle. Aha… Zapfsäulen im deutschen Sinne gibt es hier nicht. Die Zapfschläuche hängen von der Decke, so hoch, dass man sie nicht erreichen kann (weil gerade geschlossen ist), und außerdem wurden die Endstücke entfernt. Interessante Methode. Die Benzinpreise scheinen Luxemburger Niveau zu haben.
Gegenüber der Tankstelle befindet sich ein Supermarkt mit dem Namen „Maruesu“. Im gleichen Gebäude scheint sich ein weiterer Laden zu befinden, der „MooMoo“ heißt, offenbar im oberen Stockwerk. Da gibt’s Grillfleisch, wenn ich das Schild richtig interpretiere. Der Supermarkt öffnet erst um 09:00. Aber was heißt „erst“? In Deutschland ist acht Uhr üblich, also ist der Unterschied nicht so gewaltig. Aber die Schlusszeiten sind revolutionär für jemanden, der es gewohnt ist, dass der Supermarkt abends um 20:00 die Tür dicht macht: Der Maruesu schließt um Mitternacht! Das ist doch cool – wenn ich eine Party starte und später am Abend erst merke, dass ich noch was brauche, kann ich in aller Seelenruhe in den Supermarkt gehen und Nachschub kaufen. Na gut, je nach dem, was für Schichten hier üblich sind, finden die Angestellten die Öffnungszeiten möglicherweise weitaus weniger cool als ich, der ich ein Kunde bin.
Ich werfe auch nicht nur einen, sondern mehrere Blicke auf den Boden. Der beherbergt nämlich wahre Blickfänge: Die Kanaldeckel sind mit dem regionalen „Heldenobst“, dem Apfel, verziert. Und in dem Apfel prangt ein fettes Hakenkreuz. Es ist natürlich keines im „deutschen Sinne“, sondern eine Spiegelung desselben, was in Japan das Zeichen für einen (buddhistischen) Tempel ist. Trotzdem finde ich den Anblick irritierend. Ich kann mich meines kulturellen Hintergrundes einfach nicht erwehren.

Mein Blick wird auch nach oben gezogen: Die berühmten japanischen Krähen. Da sitzt ein großes Exemplar auf einem Strommast und lacht mich aus. Die Krähen machen hier offenbar solche Geräusche. Kurze Stöße in der ihnen eigenen Stimmlage lassen das Gekrächze wie ein trockenes Lachen klingen. Lach Du nur. Ich werde lernen.
Ich kehre pünktlich zum Frühstück um 08:00 in das Gästehaus zurück. Es gibt Reis, Gemüse, Sojasprossen, einen Joghurt, grünen Tee und Misosuppe. Ein durchweg japanisches Frühstück. Schmeckt auch gar nicht übel. In dem Frühstücksraum sitzen noch vier oder fünf andere (männliche) Gäste, durchweg Japaner. Die sind alle älter als vierzig, möchte ich raten, und sind bestimmt keine Studenten. Die kommen mir eher vor, als würden sie zum Inventar gehören. Die reden miteinander und mit der Hauswirtin, da kennt also jeder jeden, sie sehen die Nachrichten im Fernsehen an. Ich fühle mich völlig außen vor – aber was hätte ich auch erwarten können? Ich erhalte auf diese Art und Weise ein Gefühl dafür, wie man sich als Ausländer fühlt. Bislang war ich nämlich immer nur der Inländer, sieht man von meinen kleinen Trips innerhalb Europas ab. Aber da sahen die Leute auch nicht anders aus als ich und ich hätte in Südtirol, in Österreich, in Frankreich, in Holland oder in England völlig unauffällig in der Menge verschwinden können, mindestens so lange, wie ich nicht hätte reden müssen. In Japan hebe ich mich durch mein ethnisch bedingtes, völlig anderes Aussehen total von der mich umgebenden Masse ab. Ich bin außen vor! Dabei fällt mir eine unfreiwillig komische Frage meines Freundes Kai ein, der mich fragte, ob es in Japan nicht vielleicht eine Art von Aussage oder eine wie nebenläufig klingende Bemerkung gebe, die erkennen lasse, dass man ein „Eingeweihter“ sei, die einem sofort alle Türen öffne. Natürlich musste ich darüber lachen. Schließlich handelt es sich bei der Gruppe von Menschen, die man in Deutschland „Japaner“ nennt, nicht um eine Geheimgesellschaft, in deren Treffpunkt man hineinspaziert und dem Mann an der Bar einen Geheimcode zuflüstert, vielleicht so was sagt wie „Die Blumen blühen im Mai ganz besonders schön“1 und dann gehört man auf einmal dazu. Das wäre sehr abgefahren, um es mal so auszudrücken. Allerdings bin ich gespannt, was die legendäre Parole „Boku wa Amerika-jin de wa nai desu, Doitsu-jin desu“ („Ich bin kein Amerikaner, ich bin Deutscher“) bewirkt.
Nach dem Frühstück irgendwann kommt mein Fahrer von gestern vorbei und holt mich ab, damit ich mich im Center für Austauschstudenten an der Uni anmelden kann. Es ist auch nicht weit bis zum Campus, gerade mal fünf Minuten. Auf der Straße fallen mir Katzen mit Stummelschwänzen auf. Ich will eine Bemerkung darüber machen, bemerke aber mitten im Satz, dass ich das Wort für „Schwanz“ gar nicht weiß. Ich mache es meinem Begleiter auf Englisch klar und ich lerne das erste neue Wort des kommenden Jahres: „Shippo“.2 Er sagt außerdem zu den Katzenschwänzen, dass diese keineswegs aus welchen Gründen auch immer gekürzt worden seien, diese Rasse von Katzen habe keine langen, ausgeprägten Schwänze, sie würden so geboren.3
Im Center treffe ich meinen Vermieter: Ikeda-san. Der sieht viel zu lustig für einen Makler aus. Er bittet mich, in sein Auto einzusteigen und fährt mich zu dem ersten Haus, in dem er Wohnungen anzubieten hat. Übrigens zusammen mit drei weiteren Leuten, zwei davon weiblich, die aus dem asiatischen Ausland zu kommen scheinen. Der Sprache nach zu urteilen handelt es sich um Koreaner. Das Haus, um das es geht, heißt „Shimoda Heights II“ und in der Nähe gibt es tatsächlich einen „SPAR“ Supermarkt, der heißt in Japan offenbar „HotSPAR“. Hat man hier noch nicht erfahren, dass die Kette schon lange pleite ist?

Wie dem auch sei, in Ikedas Haus gibt es Wohnungen mit zwei Zimmern, und weil Melanie in ein paar Tagen ebenfalls eintreffen wird, brauche ich eine solche. Da ich nicht weiß, wie konservativ die Leute hier sind, erzähle ich dem Vermieter, wir seien verlobt. Man soll nicht lügen, ich weiß, aber ich will auch nicht die Stimmung bei meinem Vermieter trüben, weil ich hier unverheiratet mit einer Frau zusammenlebe. Ich sehe mir die drei Wohnungen im obersten Stock an und nehme die dritte. In den ersten beiden kann man einen großen Raum aus der Wohnung machen, indem man die Schiebetür zwischen dem Wohn- und dem Schlafzimmer entfernt, aber das erschien mir irgendwie zu… normal? Die dritte Wohnung jedenfalls hat nicht nur eine Schiebetür zwischen Koch- und Wohnraum, sondern auch noch eine ganze Wand (in der sich ein Schrank befindet) zwischen Wohn- und Schlafzimmer, mit einer Tür an der Seite. Das erscheint mir am besten. Ich kann nicht sagen, warum, es ist nur ein Gefühl. Die Wohnung ist 30 qm groß und kostet 37500 Yen im Monat (knapp 300 E), Gas und Strom und Öl für die Heizung kommen noch dazu. Wasser ist im Mietpreis enthalten, außerdem haben wir einen Schreibtisch, einen Fernseher mit integriertem Videorekorder, eine… Art… Waschmaschine und einen Staubsauger. Die Küche hat einen Linoleumfußboden, das Wohnzimmer eine Art Filzbelag und das Schlafzimmer ist mit Tatami, mit Reisstrohmatten, ausgelegt. Die riechen gut und fühlen sich auch gut an. Ikeda-san sagt, dass diese Wohnungen speziell für Austauschstudenten ausgelegt seien, denn normalerweise seien Studentenzimmer völlig unmöbliert. Okay, ich nehme die Wohnung. Ich bin erfreut darüber, dass Ikeda-san kein so genanntes „Schlüsselgeld“ nimmt (ein Euphemismus für eine Art Vermittlungsgebühr) und auch nur eine Monatsmiete im Voraus bezahlt haben will. Aus Tokyo habe ich ja reine Horrorgeschichten gehört, von einem saftigen Schlüsselgeld und drei Monatsmieten im Voraus (man bedenke, was das in Tokyo, dem teuersten Pflaster der Welt, bedeutet). Auf diese Art und Weise habe ich für den Anfang noch weit mehr Geld im Geldbeutel, als ich vermutet hatte. Das fängt gut an! Ikeda-san fährt mich zum Center zurück und sagt, er werde mich und mein Gepäck morgen früh abholen, damit ich einziehen könne.
Im Center warte ich dann auf meine Tutorin. Und während ich das tue, sehe ich mir die Computer an, mal sehen, was damit läuft und was nicht geht. Ich könnte ja mal nach Hause schreiben, dass ich gesund und munter angekommen bin. Und während ich da sitze, kommen zwei weitere Austauschstudenten rein. Den männlichen würde ich für einen Australier oder für einen Neuseeländer halten, nach seinem Akzent zu urteilen. Die junge Frau ist allerdings ganz eindeutig Deutsche. Bei diesem Akzent rollen sich mir sämtliche Zehennägel hoch und wieder runter. Dass mir nicht auch noch die Schnürsenkel von alleine aufgegangen sind, wundert mich beinahe. Es handelt sich um David „Dave“ Ryan, tatsächlich Neuseeländer, und Ramona, Deutsche mit italienischem Vater. Von welcher Uni sie kommt, habe ich gerade vergessen. Zu meinem nachträglichen Bedauern stelle ich mich nicht als kommunikativ feinfühlig dar. Ich äußere meine Absicht, nicht ständig und möglichst selten mit Landsleuten rumzuhängen, weil das den Lernprozess hemme. Davon ist sie nicht begeistert. Natürlich hat sie nichts gesagt, aber ich kann es ihr an der Nasenspitze ablesen, dass sie mich für daneben hält. Oder meldet sich hier mein Gewissen und trübt meine objektive Wahrnehmung (falls es etwas solches überhaupt gibt)?
Wie dem auch sei, ich treffe wenig später meine Tutorin: Seitô Yui. Scheint ganz sympathisch zu sein. Es gibt offenbar auch japanische Frauen, die nicht halbverhungert aussehen. Sie macht einen direkt normalen Eindruck. Sie soll mir bei Behördengängen helfen, und die sind notwendig, schließlich muss ich mich beim Einwohnermeldeamt anmelden. Dort muss man ein Formular ausfüllen, das heißt, Namen und Adresse angeben, dann bezahlt man 200 Yen und die Sache ist gelaufen. Eine Behördenformalität für umgerechnet 1,50 E? Unglaublich billig… ich habe in Deutschland nie weniger als 5 E bezahlt, wenn ich mal was Offizielles wollte, wie zum Beispiel die Beglaubigung meines Zeugnisses. Zack, Stempel drauf, „Das macht 5 Euro bitte.“ Da kam ich mir doch auf den Arm genommen vor. Was mein polizeiliches Führungszeugnis gekostet hat, weiß ich nicht mehr.

Yui zeigt mir auf dem Weg durch die Stadt ein bisschen was von der Gegend. Da das Einwohnermeldeamt nicht weit davon entfernt ist, gehen wir in den Park der Stadt. Schöne Gegend, muss ich sagen. Aber dieses Tor kann unmöglich ein Original sein, und auch als Nachbildung macht es eine schlechte Figur: Die Holzbohlen sind nicht einmal zehn Zentimeter dick. Welchen halbwegs ausgerüsteten Gegner hätte man damit abwehren können? Wenn die damals tatsächlich solche Türchen verwendet hätten, müsste ich das äußerst lachhaft finden. Apropos lachhaft: In diesem Park steht auch etwas, was sich „Hirosaki Castle“ nennt. Es soll auch berühmt sein, wie Yui mir versichert. Es handelt sich um einen geradezu winzigen, dreistöckigen Bau mit einer Grundfläche von allerhöchstens 20 x 20 Metern. Eher ein Turm also. Wenn ich die Rheinburgen Revue passieren lasse, die ich als Kind gesehen habe, wirkt das Gebäude hier geradezu lächerlich.
In einem Supermarkt sehe ich, dass es dort die gleichen Getränkedosen gibt, wie am Automaten. Und der Preis ist der gleiche. Das ist gut – in Deutschland zahle ich am Automaten doch grundsätzlich mehr, als wenn ich eine Dose im Laden kaufe. Aber was soll’s… ich kaufe üblicherweise keine solchen Getränke in Deutschland, weil mich die Kohlensäure anwidert. Ansonsten sind die Supermarktpreise wirklich gesalzen. Artikel, die ich auch aus Deutschland kenne, oder vergleichbare Artikel, kosten kurzerhand das Doppelte des deutschen Preises, und Milch kostet sogar das Dreifache. Brot gibt es offenbar nur als Toastbrot. Labberiges Weißbrot ohne jeden Biss. Weniger als halb so viel Masse wie in Deutschland zum doppelten Preis.
Dann fährt da ein Auto an mir vorbei, ein Toyota, und der ist deswegen auffällig, weil der Name der Serie „Platz“ ist. Genau das steht in großen Lettern auf der Rückseite des Wagens, wo bei uns etwa „Jetta“ oder „405“ oder „Omega“ oder etwas in dieser Art stehen würde. Ich würde nie auf die Idee kommen, ein Auto „Platz“ zu nennen, das klingt für mich viel zu banal, aber hier scheint dieses deutsche Wort einen gewissen Exotikfaktor zu genießen.
Ich brauche einen Futon. Schließlich kann ich nicht direkt auf den Tatamimatten schlafen. Yui bringt mich also in das Kaufhaus „Daiei“ und zeigt mir, wo ich bekomme, was ich brauche. Ohne ihre Hilfe hätte ich das auch nie geschafft… normales Japanisch ist mir eine ganze Gangart zu schnell und ich kann der Verkäuferin nicht aus eigener Kraft folgen. Schließlich habe ich dann aber für 10000 Yen (ca. 75 E) alles, was ich brauche. Ich hätte mir gerne einen Überzug mit Anime-Thema genommen, aber so was gibt es nur in Kindergrößen. Das ist ja zum Heulen. Da ist Japan der Siebte Himmel für Animefans, aber ansprechende Bettdecken gibt es nicht für ausgewachsene Menschen (zumindest nicht in Hirosaki). Die Verkäuferin sagt, dass man sich den Futon liefern lassen kann und ich nehme das Angebot an. Kostet auch nichts extra. Ich hätte dann das Stück gerne morgen Abend.
Übrigens gibt es im Daiei gerade auf alle Waren 20 % Rabatt, weil das Team, das von dem Kaufhaus gesponsert wird, die „Daiei Hawks“, gerade die Meisterschaft in ihrer Liga gewonnen haben.4 Das kommt meinem Geldbeutel ebenfalls sehr gelegen.
Wir verlassen das Kaufhaus und Yui macht eine Bemerkung, dass sie noch nichts gegessen habe. Ich sehe auf der anderen Straßenseite einen Laden, wo es offenbar Gyûdon zu essen gibt und mache den Vorschlag, dort zu essen. Ich habe keine Ahnung, was „Gyûdon“ eigentlich ist, abgesehen davon, dass ich der Schreibweise entnehmen kann, dass es sich um ein Rindfleischgericht handeln muss. Die Speisekarte besteht zum Großteil aus Bildern, die mit Text kommentiert sind. Den Text verstehe ich noch nicht, also nehme ich etwas, was mir vom Bild her interessant scheint. Bei Gyûdon handelt es sich um eine Schüssel mit Reis, der mit Rindfleischstreifen belegt und mit etwas Fleischsaft getränkt ist. Schmeckt wirklich gut. Und nachdem ich das gegessen habe, bin ich erst mal satt. Für 580 Yen, umgerechnet etwa 4,40 E. Für ein Land, dessen Supermärkte doppelt so viel Geld verlangen, wie die in Deutschland, finde ich das wirklich gut. Außerdem keimt in mir der Verdacht, dass es billiger sein könnte, auswärts in dieser Art von Laden zu essen, als sich das jeweilige Gericht selbst zu machen.
Als wir mit essen fertig sind, ist es bereits annähernd dunkel und sie bringt mich ins Gästehaus zurück. Im Dunkeln hätte ich ernsthafte Probleme, den Weg zu finden. Und das hängt auch mit der schlechten Straßenbeleuchtung zusammen. Ich habe das Gefühl, dass die Straßen hierzulande dunkler sind als zuhause, außerdem gibt es streckenweise keine Beleuchtung in den Nebenstraßen. Ich dachte, das hier sei das zweitreichste Land der Welt?
1 Dieser Satz war um die Jahrtausendwende tatsächlich die Parole in einem Manga Shop in Tokyo, die einem den Zutritt zu einem Hinterzimmer verschaffte, wo das Zeug verkauft wurde, das man nur unter der Ladentheke weitergab. Diese Aussage beruht allerdings auf Hörensagen und mir wurden auch keine weiteren Details genannt. Der Erzähler der Anekdote ist mir allerdings bekannt.
2 Die Aussage ist aber unwahr, da ich auf dem Flughafen bereits den Begriff „Kaban“ (Gepäck) beigebracht bekam.
3 So genannte Manx-Katzen haben keine Schwänze, aber ich weiß nicht, ob es sich hierbei um solche handelte.
4 Es geht um Baseball.
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