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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

16. August 2018

Op da schäl Seit (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:52

Vom 28. Februar 2015 bis zum 9. März hatte ich Urlaub. Das ist an sich nichts bemerkenswertes, weil ich während meines Urlaubs in der Regel nichts bemerkenswertes mache. Aber der Urlaub, an den ich mich übrigens in keiner Weise erinnere und ich kann nur raten, dass ich mit meiner Frau D&D gespielt habe, war in einem Punkt ungewöhnlich: Aus irgendeinem Grund, dessen ich mich nicht entsinnen kann, hatte ich den Montag, also den 9. März, absichtlich mit eingeplant – und der Tourenfürst hatte es prompt vergessen. In aller Frühe klingelte also mein Telefon und er wollte wissen, wo ich denn bleibe. „Guck mal meinen Urlaubsantrag genau an, da steht der Montag mit drauf!“ Es ist natürlich nicht so, dass diese kleine Peinlichkeit die einzige Unbequemlichkeit für ihn war, denn immerhin musste er spontan dafür sorgen, dass die Tour von irgendjemandem gefahren wurde. Ich habe die Umstände nie hinterfragt, aber falls am gleichen Tag der nächste Fahrer seinen Urlaub antrat, war möglicherweise einer zu wenig verfügbar. Aber irgendwie wurde das Kind schon geschaukelt, und meine Kunden sind auch immer dankbar gewesen, wenn mein Urlaub wieder vorbei war.

„Keshan“ nenne ich einen Fahrer, der bereits seit einer Weile bei TNT und für den Tourenfürsten fuhr. Er wurde an anderer Stelle bereits kurz erwähnt: Ein sehr von sich selbst überzeugter junger Mann aus Pakistan, der einerseits sehr vernünftig sein, der einem andererseits aber auch sehr auf den Keks gehen konnte. So bezeichnete er sich selbst hin und wieder als „Nigger“ und „Schwarzen“, bis ich in Anbetracht seiner tatsächlichen Hautfarbe mal die Bemerkung machte, dass er etwa so schwarz sei wie ein anatolischer Bauer. Sind braungebrannte anatolische Bauern in seinen Augen etwa ebenfalls „Nigger“? Ich meine, was soll der Quatsch? Ich hab keinen Bock auf solche pseudo-coolen Gespräche. Na ja, der musste am 13. März gehen – wegen Unterschriftenfälschung und wiederholter Beschwerden von Kunden wegen unhöflichen Verhaltens.

Eine Begebenheit will ich hier einstreuen, weil ich glaube, dass sie sich im Februar 2015 zugetragen hat. Seit einigen Wochen war ein neuer Fahrer da, ich glaube, seit Anfang Januar. Aufgeweckter Junge, aber aus irgendeinem Grund dennoch ein Versagertyp. Man verstehe mich nicht falsch, ich fand ihn nicht unsympathisch und sprach gern mit ihm. Er hatte nicht den verbreiteten vulgären Humor und verfügte über ein solides Allgemeinwissen und eine gute Auffassungsgabe. Lange danach hörte ich, dass er latent drogenabhängig sei und in einer stromlosen Holzhütte im Wald lebe, oder auch mal auf einer Matratze auf der Ladefläche schlafe, weil sein Geld durch Drogen und Glücksspiel nicht für eine Mietwohnung reiche. Das mit dem Wald und der Ladefläche kann wegen Augenzeugen als gesichert gelten, alles weitere ist bis auf weiteres als Gerücht zu betrachten.

Eines Morgens jedenfalls sprach er mich an und fragte mich nach meiner Meinung zu den herrschenden Umständen, vor allem im Hinblick auf die langen Arbeitszeiten, die scheinbar keinen kratzten und die von den meisten Fahrern auch noch mit vertuscht wurden, indem sie falsche Angaben im Fahrtenbuch machten, sie halfen also dem Arbeitgeber dabei, gesetzliche Regelungen zu umgehen, die dazu gemacht wurden, um sie vor dem Arbeitgeber zu schützen. Ich brachte meine Ablehnung zum Ausdruck, machte aber auch deutlich, dass ich nicht wüsste, wie man die Lage kurzfristig verbessern könnte.
„Warum gründen wir nicht einen Betriebsrat?“ fragte er mich. „Wir sind genügend Leute in der Firma. So’n hellen Kopf wie Dich könnte man da gebrauchen. Und als Betriebsrat bist Du unkündbar.“
„Da hast Du Recht,“ antwortete ich, „aber wenn Du solche Anstalten machst, hast Du den Job nicht mehr lange. Gegen derartige Mätzchen haben Arbeitgeber einen mächtigen Zauberspruch. Ich kann ihn auswendig: DER ARBEITSVERTRAG IST ZUNÄCHST BEFRISTET AUF EIN JAHR AB BEGINN SEINES INKRAFTTRETENS UND ENDET MIT ABLAUF DIESES DATUMS, OHNE DASS ES EINER GESONDERTEN KÜNDIGUNG BEDARF. Das heißt, wenn Du vor Erreichen Deiner Entfristung in 21 Monaten einen auf Rebell machst und Dich zum Betriebsrat wählen lässt, dann wirst Du in der Tat nicht entlassen – Dein Vertrag wird in neun Monaten einfach auslaufen und der Chef ist Dich und den Betriebsrat völlig legal los.“

Natürlich wurde aus der Idee mit dem Betriebsrat nichts, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich der notwendige Dritte im Bunde nicht fand. Der Junge, der die Idee hatte, verschwand aus nicht näher bekannten Gründen ebenfalls im Laufe des Sommers wieder, am 4. August, um genau zu sein. Zwei Jahre später tauchte er kurz für ein paar Wochen wieder auf, mit einer Geschäftsidee im Kopf: Angesichts der Wohnungsknappheit wollte er in Schiffscontainer investieren und diese so herrichten, dass sie als Wohncontainer für Studenten vermietbar waren. Eine interessante Idee, aber sie scheiterte angeblich daran, das er sein Geld nicht zusammenhalten konnte und somit das Startkapital nicht zusammen kam.

Dann kam der 17. März. Ein bedeutender Tag, in gewissen Sinne. Da war was los auf dem Hof! „Der Kurze“ war ein sehr hochgewachsener, schlanker Fahrer, und genau die Art Mensch, die ich nicht ausstehen konnte: Ein Großmaul mit „markant männlichem“ Vulgärhumor, und er hielt sich für den besten und schönsten weit und breit. Eines Tages neckte er die Auszubildende, als diese in der Halle nach einem Paket suchte, worauf es zu einer nicht ernst gemeinten Rangelei kam, während der er sie von vorn mit beiden Armen um die Hüfte fasste und in die Höhe hob, was sie mit einem amüsierten Quieken kommentierte. Dann drehte er sich (und sie) ein paar mal im Kreis, bis ihm wohl schwindelig wurde, und er sagte: „Scheiße, ich kann nichts sehen, ich hab Deine Möpse im Gesicht!“ Ja, so war er… Witzischkeit kennt keine Grenzen.

Ich hätte ihm seinen kecken Roger-Cicero-Hut regelmäßig in die Fresse stopfen können, gerade dann, wenn er damit prahlte, dass er während der Kneipentour am Wochenende mal wieder einen umgebügelt hatte, der ihm scheinbar auf die Füße getreten hatte, mit einer Beschreibung, wie genau er’s gemacht hatte. Ein echter Kotzbrocken, und unsere Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Was ich ihm getan hatte, ist mir allerdings nie klar geworden. Allerdings bin ich der Meinung, dass kein Mensch ganz schlecht ist. Er machte sein Ding, ja, aber er machte seine Arbeit gewissenhaft und gründlich, ließ sich von niemandem beirren. Irgendwo fand ich das schon auch cool. Homer und Marge pflegten ein gutes Verhältnis zu ihm und erzählten mir, dass er mehrere Instrumente spiele. Er hatte einen Youtube Kanal, wo er Videos hochlud, in denen der im Transporter während seiner Pausen Karaoke oder Acapella sang. Und wenige Jahre zuvor war ein beliebter Hallenmitarbeiter ums Leben gekommen und der Kurze hatte auf der gut besuchten Beerdigung ein Stück auf seiner Trompete gespielt.

Diese wenn auch zwiespältige Meinung hielt sich bis zu besagtem 17. März 2015.
Die Situation an der Rampe war zum fraglichen Zeitpunkt folgende: Mein Auto stand ziemlich am Ende der Laderampe, dann waren fünf Plätze frei, dann stand das Auto des Kurzen da. Er war eigentlich vor zehn Minuten bereits rausgefahren, hatte aber eine Sendung vergessen, war zurückgekehrt und stand der Einfachheit halber falsch herum an der Rampe, mit der Frontseite zur Halle hin also, sodass er erst ein Stück rückwärts fahren musste, um seinen aktuellen Parkplatz wieder zu verlassen. Wir stiegen etwa gleichzeitig in unsere Autos, ich fuhr zuerst los. Vielleicht suchte er noch Feuerzeug und Zigaretten, bevor er den Wagen anließ.
Ich fuhr über den frei einsehbaren Hof auf die Ausfahrt zu, der Weg führte an ihm vorbei, zwischen uns kein Hindernis, das seine Sicht erschwert hätte. Kurz, bevor ich ihn erreichte, sah ich seine Rückfahrleuchte aufblenden und ich dachte mir noch: „Der wird ja wohl jetzt nicht einfach losfahren?“ Aber er tat’s trotzdem, als ich mit der Vorderachse gerade genau hinter ihm war. Ich drückte auf’s Gas und versuchte, mich auf die freien Stellflächen gegenüber der Rampe zu flüchten, aber er erwischte meinen Transporter dennoch auf Höhe des rechten Hinterrads.

Mein Radkasten hatte eine Beule nach außen, weil sein linkes, unteres Türscharnier sich darin verhakt hatte. Abgesehen davon war sein linkes Rücklicht kaputt. Der einzige Fehler, den ich in der Situation machte, war, das Auto nicht stehen zu lassen und Fotos zu machen. Aber hinter mir fuhr einer unserer LKWs heran, der raus wollte, also stellte ich den Sprinter erst mal beiseite und stieg aus, um mir den Schaden genauer zu besehen. Der Kurze schimpfte wie ein Rohrspatz, seine linke Hintertür war aufgegangen und schloss nicht mehr, weil das Scharnier verbogen war (er nahm später einen Hammer und schlug es wieder in Stellung, damit er endlich los konnte), und er überzog mich mit allerlei unhöflicher Rede, und behauptete, ich hätte noch schnell an ihm vorbeifahren wollen, obwohl ich doch hätte sehen müssen, dass er im Begriff war, loszufahren. Nachdem ich ihm eine Weile zugehört hatte, wollte ich gern wieder auf den Boden der Sachlichkeit zurück und sagte zu ihm ganz ruhig: „Mensch, Junge, beruhig Dich doch mal wieder…“
Da brüllt der mich an: „NENN MICH NICHT JUNGE!“

Hatte der einen Schuss weg? Das ist doch nur eine Redewendung, die nicht wörtlich zu nehmen ist. Ich habe einen kurzen Moment geglaubt, er würde auf mich losgehen… ich muss gestehen, dass ich ihm nach Monaten herablassender Behandlung gern beide Arme gebrochen hätte. Aber es kam ja nicht so weit. Diagnose des Laien: Minderwertigkeitskomplex auf Grund seiner herausragenden Körperlänge. Klingt paradox, kommt aber oft vor. Auch lange, dünne Kinder müssen sich dumme Sprüche und Spitznamen anhören. Der Befund würde jedenfalls seine zwanghafte Anwendung von Vulgärhumor erklären – es wäre der Versuch, sich selbst und andere auf diese Art und Weise davon zu überzeugen, dass er ein ganzer, ernst zu nehmender Kerl ist. Als ich später darüber nachdachte, hätte ich in mich hineinlachen können, denn ich habe es in keiner Weise nötig, irgendjemandendavon zu überzeugen, dass ich groß und stark und cool sei. Nein, der Kurze ist nicht cool. Alles nur Maske. Das war mir ab dem Tag klar.
Jeder schrieb einen Bericht und Zeugenaussagen wurden verglichen, die eindeutig zu meinen Gunsten ausfielen: Ich war im Schrittempo den Hof Richtung Torausfahrt hinunter gerollt und der Kurze war dagegen recht zackig aus seinem Parkplatz rückwärts heraus gefahren. Immerhin: Ein paar Wochen später war er wegen des Wechsels der Fuhrunternehmer nicht mehr da und mein Leben wurde wieder ein Stück entspannter. Im Herbst 2016 kam er zurück, was mich kurz beunruhigte, aber er machte nur Vertretung für jemanden, und das nur für eine Woche oder so.

Vielleicht fasse ich im Abschluss des heutigen Artikels kurz zusammen, was ich über den verstorbenen Hallenmitarbeiter gehört habe. Es handelte sich wohl um einen jungen Mann namens Ferhan. Darin mag ich mich irren, weil meine Kenntnis türkischer Vornamen nur rudimentär ist, aber lassen wir es mal so stehen. An den Rolltoren der Halle befinden sich Markierungen, die anzeigen, wie weit man die Tore hochfahren muss, damit der Stapler noch darunter hindurch passt – die Markierungen stammen von ihm. Ferhan wurde nicht alt, ich glaube 23 Jahre oder so in dem Dreh. Er war scheinbar ein intelligenter und charismatischer Typ, der großen Wert auf gutes Deutsch legte. So verbesserte er wohl immer wieder kolloquiale, sprich: grammatisch falsche Aussagen auch der biodeutschen Kollegen und Fahrer. Aber er war ohne Zweifel viel mehr als ein Klugscheißer, denn wenn ich heute, in der Zeit, wo ich diese Zeilen schreibe, von ihm höre – und man redet in der Tat noch hin und wieder von ihm – dann sprechen die Leute mit Respekt oder mit einem Lächeln im Gesicht von ihm. Anders wäre nicht zu erklären, warum der Friedhof die Zahl der Gäste, die ihm die letzte Ehre erwiesen, kaum fassen konnte, wo live Musik gemacht wurde und jemand 23 weiße Luftballons in den Himmel steigen ließ. Sowas macht man nicht für irgendeinen Typen aus der Lagerhalle.

Doch wie war es so weit gekommen? Die Geschichte ist schnell erzählt: Ferhan fuhr einen Smart Cabrio, und nach Darstellung derer, die ihn gekannt hatten, fuhr er bevorzugt ohne Sicherheitsgurt. Nach Feierabend war er vom Depot aus Richtung Mülheim gefahren, wo sich damals noch kein Kreisel, sondern eine Einmündung befand. Beim Linksabbiegen kam es irgendwie zu einem Unfall, Ferhan wurde aus dem Wagen geschleudert und zog sich schwerste Verletzungen zu. Er lag ein paar Tage lang auf der Intensivstation im Koma, schaffte es aber nicht. Ein Zeitzeuge meinte zu mir, das sei auch irgendwie besser für ihn gewesen, weil zu bezweifeln war, dass die Krankenkasse die Kosten seiner Behandlung übernehmen würde, weil er unangeschnallt unterwegs gewesen war. In einem solchen Fall können angeblich schnell hohe fünfstellige Beträge anfallen.

Man kann jedenfalls nur bewundernd festhalten, dass er seinen Mitmenschen positiv in Erinnerung geblieben ist, auch solchen, die gern nur schlechtes über andere Menschen reden, und ich muss sagen, dass ich ihn gern einmal selbst getroffen hätte.

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