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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

1. Mai 2013

Gaytal-Kamikaze (Teil 17)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 16:25

… und im Osten, äh, ich meine natürlich AM HIMMEL standen dunkle Wolken. Die Bedrohung kam geografisch gewissermaßen aus dem Süden, wenn man die Transoflex Konzernzentrale Weinheim meint.

Die Initialzündung der Bombe, die die Schockwelle auslöste, die sogar Weinheim erreichte und zu uns zurück reflektierte, bestand aus einem einzigen, aus DEM einzigen Fahrzeug der DG Trier, das für eine Handvoll wichtiger Kunden in Belgien eingeteilt war. Ich weiß nicht, ob das Fahrzeug zur Firma des Herrn Murtaza gehörte, die für die Belieferung des Luxemburger Raums zuständig war, Fakt ist jedoch, dass sich eines Tages die Neuigkeit verbreitete, dass eben jenes Fahrzeug gestohlen worden war. Der Fahrer hatte es bei einem Anlieferstopp entweder einfach nicht abgeschlossen oder gar den Schlüssel stecken und den Motor laufen lassen, wie manche Fahrer das aus Gründen der Zeitersparnis gern tun (als ob es so viel Zeit kosten würde, den Schlüssel abzuziehen und nachher den Motor wieder anzulassen). Das Auto war jedenfalls verschwunden. Zunächst. Es wurde später gefunden – leer natürlich. Es ging die Rede, dass das zuständige Unternehmen (bzw. der mutmaßlich dafür verantwortliche Fahrer) nicht nur die gestohlene Fracht zu ersetzen hatten, sondern dass in einem solchen Fall auch eine pauschale Vertragsstrafe an Transoflex in Höhe von 100.000 Euro zu entrichten sei.

Sofort wurden die Sicherheitsbelehrungen verschärft und wir mussten alle eine solche Belehrung unterschreiben, nach der wir verpflichtet wurden, bei jedem Halt, bei dem wir das Auto aus den Augen ließen, den Wagen komplett zu verschließen. Puck weigerte sich, diese Abmachung zu unterschreiben, da diese Verpflichtung nur von Leuten geschrieben worden sein konnte, die nicht nur keine Ahnung von Juristerei, sondern auch und sogar noch weniger Ahnung davon hatten, wie der Job eines Lieferfahrers abläuft.
Okay, wenn man einen Sprinter fährt, ist die Sache noch einfach: Ich ziehe den Schlüssel ab, hänge ihn an einem Band um den Hals, drücke den Verriegelungsknopf und die Sache ist sicher. Wenn man wie Puck allerdings LKW fährt, wird die Angelegenheit komplizierter.
Anders als die Sprinter stehen die LKW an einer Rampe vor der Halle, die nicht zusätzlich eingezäunt, also von der Straße aus einfach erreichbar ist. Geht der Fahrer von der Rampe weg, um zum Beipiel etwas im Disporaum oder im Büro zu klären, um ein Paket zu suchen, um eine Palette zu wickeln oder um aufs Klo zu gehen, müsste er, gemäß der neuen Weisung, jedes Mal die Hebebühne hinten hochklappen, ein Vorhängeschloss daran anbringen und bei seiner Rückkehr den Vorgang in umgekehrter Reihenfolge wiederholen, also mindestens ein Dutzend Mal jeden Morgen. Wenn man sich auch nur oberflächlich mit dieser Sorte LKW beschäftigt hat, weiß man, dass das Öffnen und Verschließen eine Weile dauert.
Leider habe ich diesen Disput nicht weiter verfolgt, aber wenn ich mich nicht irre, gab es eine Weile darauf einen zufriedenstellenden Kompromiss.

Die nächste Folge der belgischen Bombe war, dass die Belgientour eingestellt wurde. Bei den Schulden, die der Frachtführer mittlerweile haben musste, wunderte einen das wenig. Ich glaube, das war im Oktober 2012. So weit, so schlecht.
Anfang November kam Stranski morgens zu mir und sagte sowas wie: „Haste schon gehört? Sieht so aus, als ob sie zum Jahresende das Depot hier zumachen. Hat mir ’n GLS-Fahrer erzählt.“
Nun, ich gebe nicht viel auf solche Gerüchte, zumal dann, wenn sie von außerhalb kommen. Was zum Teufel hatte ein Fahrer von GLS damit zu tun und woher sollte der eine solche Information haben? Klang für mich nach einer Facebook-Ente. Das Gerücht hielt sich aber (eines schönen Tages fragte mich ein UPS-Fahrer, ob es wahr sei) und es wurde bestärkt, als ich Peter dazu befragte und der mir eine nur als ausweichend zu bezeichnende Nicht-Auskunft gab. Die Damen im Büro sagten ihrerseits, sie dürften nichts dazu sagen. Aha!
Nach zwei Wochen war die Information im Depot so geläufig, dass R. offiziell etwas verlauten ließ. Die Konzernzentrale Weinheim prüfe nach dem Wegfall der Belgientour die Effizienz der Luxemburger Fahrten und sollte diese Prüfung negativ ausfallen, dann werde das Trierer Depot geschlossen, weil sich für ein Dutzend Fahrzeuge und deren Fracht allein der Betrieb eines Depots dieser Größe nicht lohne.

Dann kamen also wichtig aussehende Leute mit Anzug und Schlips und Schuhen, mit denen sie die Halle nach ihren eigenen Regeln eigentlich nicht betreten durften, prüften und wägten und diskutierten und beschlossen am Ende, das Luxemburger Geschäft mangels ausreichender Gewinnspanne abzustoßen. Ich musste darüber schon irgendwie lachen, denn ich hatte gegenüber den Kollegen auf der anderen Seite der Halle im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder Witze gemacht, dass die Firma Murtaza doch sicherlich nur eine Geldwäscherei sei, weil mit dem bisschen Fracht pro Auto bestimmt kein Gewinn zu machen sei: Die fuhren mit gerade halbvollen Sprintern und waren um 13 bis 14 Uhr zuhause, bekamen alle Auslagen ersetzt, gingen bei Mängeln einfach sofort in die nächste passende Werkstatt und genossen vollen Versicherungsschutz ohne jede Eigenbeteiligung.
Aber scheinbar war das mit der Ineffizienz genau so und das eine Auto nach Belgien hatte die ganze Sache gekippt. Es war nicht der sprichwörtliche Schmetterling in China, der mit seinem Flügelschlag über eine Verkettung von Effekten auf der anderen Seite der Welt einen Orkan ausgelöst hatte, aber ein oder zwei Diebe in Belgien hatten das Leben von über 30 Leuten kräftig durcheinandergebracht.

Anfang Dezember war es amtlich. Die DG Trier machte dicht, und das zog Ereignisse und darauf fußende Entscheidungen nach sich, die mein Leben, wenn auch weiterhin im Rahmen meines aktuellen Arbeitgebers, verkomplizieren würden.
Es gab Mitarbeitergespräche, denn die Firma JP konnte es sich ja nicht leisten, dass alle „Trierer“ absprangen, man musste denen schon etwas bieten, damit sie blieben, oder besser: man musste ihnen was versprechen. Doch schon die Organisation der dafür angesetzten Gespräche empfand ich als eine mittlere Ohrfeige. Es gab Leute, die bekamen Einzelgespräche. Gut, bei Mike war das klar, immerhin war er der Disponent und Vorgesetzter. Aber auch zum Beipiel der Engel bekam ein Einzelgespräch. Ich stand letztendlich mit Elmo, dem Kleinen (sein Backenzahn of Doom meldete sich erst ein paar Tage später) und Puck zusammen in R.s Büro, gegenüber R., quasi als Protokollant, Chefoberboss JP und Peter. Mir war noch nie so konkret bewusst gemacht worden, dass ich nur ein Depp vom Dienst bin, für den sich ein Einzelgespräch nicht lohnt, und das empfand ich als verletzend. Der Boden für weiteren Ehrgeiz war damit gelegt, und Ehrgeiz ist eigentlich keine meiner auffälligen Charaktereigenschaften (glaube ich zumindest).

Wir wurden also gefragt, ob wir mit nach Koblenz gehen würden: Elmo sagte, er werde das eher nicht tun, weil er zu früh losfahren müsse, um zeitig in Koblenz sein zu können, und da fing der interessante Teil des Gesprächs an, der sich mir schon auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen ins Gedächtnis brannte, weil mir von vorneherein klar war, dass man dieses Ereignis noch in Beziehung zu späteren Entwicklungen würde setzen müssen. Kurz: Es wurden Versprechungen gemacht, und wichtig dabei ist, dass diese vom Chefoberboss kamen; Peter stand gewissermaßen nur schmückend im Hintergrund rum.

Die Versprechungen allgemeiner Art lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
„Ihr könnt zur gleichen Zeit von zuhause wegfahren, wie Ihr es bisher gewohnt seid. In Koblenz sind Leute, die für Euch abräumen. Ihr müsst dann nur noch scannen, laden und losfahren.“
„Ihr müsst dann nicht für jede kleine Sache nach Plaidt in die Werkstatt fahren. Kleinere Sachen machen wir auch direkt vor Ort.“
Für LKW-Fahrer kam hinzu:
„Zweit- und Dritttouren wird es keine mehr geben, vielleicht einen Zwölftonner, ja.“
Für den zögernden Elmo wurden noch Details draufgelegt:
„Wenn Du kommst, sind Deine Paletten schon gewickelt und gescannt, Du musst nur noch laden.“
Puck meinte an der Stelle, dass er vielleicht noch Frühstück fordern solle als Dreingabe, aber Chef JP sagte, Brötchen spendiere man in Koblenz ohnehin immer wieder mal.

Warum war es nun (im Rahmen meiner subjektiven Wahrnehmung) wichtig, dass Peter nur da stand und selbst nichts sagte?
Wir interpretieren: Peter ist unser direkter Arbeitgeber und Ansprechpartner; würde sich von dem Gesagten etwas nicht umsetzen lassen, kann er sich darauf berufen, dass er selbst rein gar nichts versprochen habe, das habe Herr JP getan.
Dabei bin ich immer noch nicht sicher, ob Peter der Mann fürs Kalkül ist… die Rolle passt eher zu seinem Bruder, im Guten wie im Schlechten.

Die meisten sagten schließlich zu. Felix war dennoch skeptisch, ob das eine so gute Idee sei, und da war es Peter, der sich zu der Aussage hingerissen fühlte: „Guck’s Dir doch erst mal an. Du wirst sehen, in Koblenz ist alles einfacher und unkomplizierter. Es gibt zumindest nicht mehr Arbeit als vorher.“
Felix ging also mit. Klar sagte auch ich zu. Natürlich würde ich einer Arbeitslosigkeit mit Unbehagen entgegensehen, aber da war ein geradezu perverser Gedanke in meinem Kopf: Ich seh’s mir an – und sei’s nur, um über die Scheiße nachher schreiben zu können.

Die Willigen wurden an einem Wochenende nach Koblenz gebeten, um sich die Anlage anzusehen und in die Gepflogenheiten eingewiesen zu werden. Leider hatte ich an dem Tag Samstagsdienst und Puck wollte zu seinem Vater nach Gelsenkirchen fahren. Peter meinte aber, das werde schon klappen und ich solle mit Puck eben die Samstagsdienste ausfahren, das geht ja schneller zu zweit, anschließend nach Koblenz kommen, und dann könne Puck auch gleich weiterreisen. Das wurde natürlich nix, weil an dem Samstag irgendwelche hinterletzten Käffer um Saarburg Richtung Luxemburger Grenze und um Morbach herum beliefert werden wollten und die Kilometer kosten halt Zeit. Um 1130 sagten wir also endgültig ab und Puck regte sich völlig zu Recht darüber auf, dass er sich zu dieser dämlichen Samstagsaktion hatte überreden lassen.

Wie war das Endergebnis dieser klassengetrennten Gespräche denn nun? Wie bereits gesagt, gingen die meisten mit, konkret waren das Stranski, Konrad, Felix, Elmo, Puck, Bert und Milli von der Ablaufkontrolle, sowie zwei Leute von den Luxemburgern, Tom und Hyper. Angedacht war auch, die einzige Fahrerin unter Vertrag zu nehmen, aber sie fand was bei einem Immobilienmakler und entschied sich anderweitig. Aber ganz abgesehen davon verloren wir die drei besten Leute.

Mike entschied sich dazu, Peters Firma zu verlassen. Es machte für ihn auch wenig Sinn, mitzugehen, denn als Disponent fing sein Arbeitstag um 0400 an, und wenn er nicht um drei Uhr morgens zuhause wegfahren wollte, würde er umziehen müssen, und dagegen spricht ganz nachvollziehbar, dass er einen Sohn von etwa zehn Jahren hat, der in Trier zur Schule geht, und eine Frau, die ebenso in Trier als Angestellte arbeitet.
Knut ging nicht mit. Der wohnt in Hermeskeil und hatte keinen Bock auf Ortswechsel, und so ein alltäglicher Tripp nach Koblenz von Hermeskeil aus dauert mehr als anderthalb Stunden.
Der Engel sagte auch ab, mit verständlichem Hintergrund: Er hat sich ein Haus gekauft und eine Frau mit Festanstellung geheiratet. Was soll der in Koblenz? Bei seinem Einzelgespräch – und sowas sickert gern durch – ging es nach Mikes Abgang interessanterweise aber auch darum, ob er denn als Disponent arbeiten würde; wenn einer von uns als Ersatz für Mike in Frage kommen würde, dann er. Aber er wollte nicht. Wie er mir später sagte, hing das auch damit zusammen, dass er vor Trier schon zwei Jahre in der DG Koblenz gearbeitet habe und das wolle er sich nicht noch einmal geben.

Von den bürogebundenen Mitarbeiterinnen ging nur Milli mit nach Koblenz. R. wurde ins Koblenzer Team integriert; wie es scheint, ist er für die Erkundung von Expansionsmöglichkeiten zuständig. Lilly schwor sich, nie wieder in der Logistikbranche zu arbeiten, das sei ihr zu stressig. Antonius fand eine Stelle in Luxemburg, wo er zwar nach Mindestlohn bezahlt werde, aber mit über 1800 Euro sei er damit dort eindeutig besser dran als in Trier. Octavia bewarb sich auf eine höher angesetzte Stelle in der DG Donaueschingen und trat damit in direkte Konkurrenz mit Laubschi, die die selbe Stelle haben wollte, und Laubschi erhielt den Zuschlag.

Mir steht kein Urteil über die Kompetenz der beiden zu, aber es ist offensichtlich so, dass das selbstbewusste Auftreten und die noch selbstbewusstere Schnauze unserer Transohex den Ausschlag gaben, während man Octavia mit kaum anderen Begriffen als „höflich“, „freundlich“, „lieb“ und „nett“ beschreiben kann. Was in menschlichen Beziehungen ein Qualitätssiegel darstellt, trifft leider nicht notwendigerweise auf geschäftliche Beziehungen zu, und ich muss ganz ehrlich sagen: In so einem Job muss man darauf achten, dass einem die Fahrer nicht auf der Nase herumtanzen, denn es gibt zum einen die Testosteronbomber und Männlichkeitsfanatiker, die meinen, Frauen seien eine Art besseres Haustier, das sich letztlich zu fügen habe, und dann die allgemein Unverschämten, die ihre eigenen Aufgaben so weit wie eben möglich auf andere abwälzen wollen, nach dem Motto „Frech gewinnt!“. Octavia würde bereitwillig Dinge übernehmen, für die Laubschi Dir den langen Finger zeigen würde.
Und zuletzt behielt Octavia einen Groll gegen R., weil dieser das von ihr vorgelegte Arbeitszeugnis abgelehnt und einen anderen Wortlaut verlangt hatte. Auf weitere Büroquerelen will ich nicht eingehen, das ist nicht meine Welt.

Unsere drei Besten gingen also, aber die waren keinen Tag lang arbeitslos, denn das Schicksal bewies den dreien, dass es auch gutes Timing gab. Im Januar würde nämlich in Sehlem – im ehemaligen DPD-Standort – ein Subunternehmer von GLS ein Depot eröffnen, und der bekam so gleich einen hochqualifizierten Mitarbeiterstamm: Knut unterschrieb dort, ohne lange drüber nachzudenken. Mike wurde stellvertretender Depotleiter und der Engel bekam eine Vorarbeiterstelle. Nach kurzer Zeit fand sich übrigens auch Big M dort ein: Die Werkstatt, bei der er gearbeitet hatte, musste schon kurz nach seiner Anstellung schließen. Big M bekam den Bereich Petrisberg und Tarforst als Zustellungsgebiet, aber über den Vergleich erzähle ich später mehr.

Mike und der Engel waren daran interessiert, dass ich ihnen folge; ich bin zwar kein schneller Fahrer, aber ich habe ja scheinbar andere Eigenschaften, die geschätzt werden. Das Anliegen brachten sie mir gegenüber nie direkt zur Sprache, warum auch immer, und ich hatte auch wenig Interesse. Ich hatte mir im Umfeld meiner Transoflex-Tätigkeit einen guten Ruf angearbeitet und wollte mein Prestige für einen Aufstieg nutzen, wie klein auch immer er ausfallen möge, ich wollte was besseres im Lebenslauf stehen haben, als einfach nur „Fahrer bei …“. Klar wäre GLS wegen der Nähe bequemer (und das Nettoeinkommen auch ohne gehobene Verantwortung bei ca. 1400 E), aber ich würde dort wieder bei Null anfangen.

Ich war entschlossen, nicht auf unbestimmte Zeit der Depp vom Dienst zu bleiben oder zumindest meinen Lebenslauf etwas aufzupeppen, also traf ich die folgenschwere Entscheidung, Peter eine SMS zu schreiben: „Ich habe gehört, Du brauchst einen Disponenten? Ich hätte da Interesse.“ Er antwortete, dass wir darüber reden sollten.
Dieses Sondierungsgespräch fand am Folgetag (ein paar Tage nach den oben beschriebenen Unterredungen) statt, worin Peter mir sein Drei-Säulen-Modell kurz vorstellte (das er natürlich nicht selbst so nannte) und eine Beurteilung meiner für ihn relevanten Fähigkeiten abgab. Ich habe ganz klar zu wenig Erfahrung in dem Arbeitsfeld, um Disponent zu sein. Dazu muss man quasi das gesamte Liefergebiet auswendig kennen und das trifft auf mich nicht zu. Knapp zwei Jahre sind zu wenig, um sich ein solches Wissen anzueignen. Ich sollte daher die Säule sein, die sich um organisatorische und disziplinarische Dinge kümmert. Genaueres werde er mir zusammen mit seinem Bruder darlegen, idealerweise in Koblenz, da ich ja noch nicht dort gewesen sei. Daraufhin bearbeitete ich Mike tagelang, bis er mir endlich mit einer realistischen Gehaltsforderung rüberkam: „Verlang für eine Dispostelle nicht weniger als 1600 Euro.“

Es ist hierzulande unüblich, über sein Gehalt zu sprechen, die Leute haben da irgendwie Hemmungen. Ich weiß nicht genau, warum. Die, die mehr verdienen, wollen vermutlich keinen Neid auf sich ziehen, und die, die weniger verdienen, wollen sich vielleicht nicht schämen müssen. Dem Arbeitgeber kommt das zu Gute, denn er kann gezielt dem einen mehr und den anderen weniger zahlen, ohne dass sich das rumspricht und jemandem gewisse vielleicht ungerecht erscheinende Sonderbehandlungen auffallen könnten. Ich bin dafür, das zu ändern und rede mit meinen Kollegen frei darüber, was ich verdiene, aber ich werde es zu meinen Lebzeiten vermutlich nicht mehr erleben, dass sich diese Hemmschwelle senkt.

Ende Dezember war ich dann in Koblenz und wir verglichen unsere ganz allgemeinen Standpunkte. Meine Idee von 1600 E Nettolohn waren den beiden zu hoch gegriffen. Meine aktuelle Kompetenz rechtfertigte dieses Einkommen nicht. Gegenvorschlag: 1400 E, ohne Verhandlungsspielraum. Das gelte auch für die anderen beiden. Rama sagte, wenn er jedem das volle Disponentengehalt zahle, sei es für ihn günstiger, er heuere sich jemanden an, der morgens nur zum Disponieren komme. Rhetorisch geschickt wurden Mikes überragende Kompetenzen in den Dialog eingestreut: Über zehn Jahre Fahrerfahrung, kann überall als Springer eingesetzt werden, mehrere Jahre Dispoerfahrung, LKW-Führerschein, Gefahrgutschein. Dagegen sieht fast jeder Bewerber erst einmal blass aus.
Meine Aufgabe sollte es dagegen sein, mich um Formulare, Anträge, Termine, und allgemein disziplinarische Dinge zu kümmern, wie die Überprüfung des Zustands der Autos, vor allem im Hinblick auf deren Hygiene im Inneren, denn die ließ und lässt arg zu wünschen übrig. Im Gegenzug würde man mich von der Fahrerarbeit ein Stück weit entlasten, damit ich auch Zeit hätte, diese Aufgaben wahrzunehmen; denn Fahrzeug- und Führerscheinprüfung kann man ja nur vornehmen, wenn Fahrzeuge und Fahrer auch da sind, und das ist nun mal die Zeit, in der ich selber am Band stehen muss, um meine vorrangige Arbeit als Fahrer zu machen. Wie diese Entlastungen aussehen würden, wurde nicht weiter genannt. Ich hakte nicht nach, da ich zu diesem Zeitpunkt noch davon ausging, dass der Zeitansatz in Koblenz der gleiche sei, wie in Trier: Also Bandstart um 0530, und ich war durchaus gewillt, übergangsweise früh genug in Trier aufzubrechen, um weiterhin um 0445 in der Halle sein zu können, und letztendlich in die Koblenzer Gegend umzuziehen. Ich war lang genug in Trier, ich brauch die Aussicht auf die Uni nicht mehr. Außerdem brauche ich nach dem Wegfall meiner Gersheimer „Home Base“ eh mehr Platz, Umzug unumgänglich, dann ist es mir auch egal, wohin.

Die anderen beiden „Säulen“ des neuen Modells sollten zum einen Stranski und zum anderen ein ebenfalls sehr erfahrener Mitarbeiter sein, den ich hier mal Dhalsim nenne, dabei ist er weder Inder noch sonderlich groß gewachsen, sondern Kongolese und eher ein Sitzriese. Die beiden haben auf Grund ihrer langjährigen Liefertätigkeit eine umfangreiche Ortskenntnis angesammelt, die sollten sich um die morgendliche Zuteilung der Fracht kümmern, genauer um die Anpassung der Zuteilung durch die unflexible automatische Disposition an den jeweiligen Tagesbedarf.
Das klang vernünftig und mein Vertrag sollte ab Februar greifen. Weihnachten war vorbei und der Januar würde wie gewohnt ruhig sein, also Gelegenheit bieten, sich einzuarbeiten.

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