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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

22. Juli 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 11)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:34

Jaja, wie hältst Du’s mit der Religion? Es spricht sich herum, dass ich Atheist bin. Stan, einer unserer Bandarbeiter und aus den USA zu uns ausgewandert, reagierte darauf in einer Weise, wie man sie Amerikanern mit wenig Bildung zuschreibt:
„Was? Du verehrst Satan?“
„Nein, wenn ich Satan anbeten würde, wäre ich ein Satanist, oder? Atheist zu sein bedeutet, dass man nicht an die Existenz übernatürlicher Kräfte glaubt.“
„Du glaubst also lieber an Dich selbst… meine Söhne sind auch so.“
„Ich halte es jedenfalls für sehr unwahrscheinlich, dass es einen Gott gibt.“
„Dann musstest Du vermutlich noch keine wirklich harten Zeiten durchmachen.“
„Was meinst Du?“
„Eine schwere Krankheit zum Beispiel.“
„Nein, sowas hatte ich noch nicht.“
„Dann warte mal ab.“

Rudi jedenfalls kann sich die Welt auch nur erklären, wenn er sie auf den magischen Einfluss eines Gottes zurückführt. Die Idee, dass es KEINEN „Masterplan“ für die Existenz des Universums geben könnte, passt gar nicht in seinen Kopf.
„An was glaubst Du dann?“
„Ich glaube, dass sich die Welt durch wissenschaftliche Mittel erklären lässt; und wenn uns heute das Wissen dazu fehlt, werden wir es im Laufe der Zeit sicherlich finden.“
„Du glaubst also, dass alles mit einem Urknall angefangen hat und dass wir uns aus Affen entwickelt haben? Sag mir, wo sind die Beweise dafür?“
„Da musst Du einen Physiker fragen. Oder Darwin lesen.“
„Aber die Evolutionstheorie ist schon seit 20 Jahren vernichtet! Wie kann man daran glauben?“
„Ich weiß ja nicht, wer die vernichtet haben soll, aber jedes Jahr erscheinen hunderte von wissenschaftlichen Abhandlungen, die die Evolutionstheorie stützen. Genetiker und Molekularbiologen bestätigen, dass die Evolution aus unserer DNA ablesbar ist.“
„Bist Du voll überzeugt oder meinst Du, Du könntest Deine Meinung noch ändern?“
„Natürlich kann ich meine Meinung ändern, wenn ich die Hinweise auf die Existenz übernatürlicher Kräfte entsprechend gestärkt sehe.“
„Dann setzen wir uns mal zusammen und reden darüber.“

Er setzte, was mich irgendwie freute, einen Gegenpunkt zu Stan, wenn auch unbeabsichtigt. Er erzählte von einer Freundin, deren Arbeitskollegin einen nahen Verwandten verloren hatte. Daraufhin stellte sie Gott in Frage; es könne keinen solchen Gott geben, der ihr diesen Menschen, der nichts Böses getan hatte, nehmen würde, also gebe es keinen Gott. Wie kann ein Gott gerecht sein, der Strafen und Schicksalsschläge scheinbar rein willkürlich verteilt? Soll heißen: Kann es nicht ebenso sein, dass man sich eben unter dem Eindruck harter Zeiten von seiner Religion abwendet?
Wer an Gottes Gerechtigkeit glauben will, muss unbedingt auch an den „großen Plan“ in der Schöpfung glauben, sonst kann man den frühen Tod guter Menschen und das lange Leben bösartiger Zeitgenossen nicht vor dem eigenen Verstand rechtfertigen. Ich ziehe es vor, Gott aus der Gleichung zu subtrahieren und von einem Universum, in dem Dinge einfach so geschehen, ohne Plan, auszugehen. Rudi kann das nicht und entdeckt den Missionar in sich. In Ausnutzung ihrer seelisch instabilen Situation gelang jedenfalls die Konvertierung der vom Leben gebeutelten Arbeitskollegin; man verstehe den Begriff „Ausnutzung“ aber bitte nicht als „in böser Absicht“. Wer ehrlich glaubt, der meint es ehrlich gut, und ich glaube, dass viel von dem Bösen in unserer Welt guten Absichten entspringt. Bei der Bringung des Seelenheils hat schließlich so mancher bereits übertrieben, und nicht alle diesbezüglichen Maßnahmen sind so makaber-lustig wie die Praxis einzelner mormonischer Splittergruppen, die bedeutende Persönlichkeiten posthum zu Mormonen umtaufen (zum Beispiel Gandhi!).

Interessanterweise will Rudi das mit Konrad zusammen machen… was irgendwie interessant sein könnte, erstens, weil Konrad noch nie zu einem Treffen erschienen ist, und zweitens wegen des konfessionellen Grabens: Konrad ist Katholik und Rudi ist Moslem. Ich bezweifle, dass ein solches Treffen je zustande kommt, aber es kann ja nicht schaden, ein paar Diskussionspunkte zusammenzustellen… warum zum Beispiel ein Gott, der allgegenwärtig und allwissend ist, von einem Mann (Abraham) einen Treuebeweis verlangen muss (dass er seinen eigenen Sohn tötet), obwohl er doch schon immer gewusst haben muss, dass Abraham ein treuer Gläubiger sein würde. Dann ist dieser Gott entweder ein Sadist oder eben nicht allwissend.

Wir wollten uns ja schon einmal treffen, aber einfach nur zum Essen, das heißt, Rudi, Konrad und ich. Die Idee war von Konrad ausgegangen, nachdem er erfahren hatte, dass Rudi aus Marokko stammt. Konrad hatte einmal einen Schwager aus Marokko, der ein hervorragendes Lammcouscous zu kochen fähig war. Leider war mit dem Tod seiner Schwester dieser Schwager verloren gegangen und nun sah er eine gute Gelegenheit – und ich wollte sie nutzen. Wir machten eine Zeit und einen Ort aus, Rudi besorgte Lammfleisch und Zutaten und wartete darauf, dass Konrad ihn wie verabredet abholen würde, da er selbst aus technischen Gründen gerade kein Auto hatte. Aber der Konrad kam nicht. Wie üblich. Entgegen meiner Hoffnung reichte auch die Aussicht auf ein gutes Essen nicht aus, um ihn zu locken.
Am Montag darauf sprach Konrad kein Wort, und ich war auch nicht in Stimmung für eine Konversation mit ihm. Anders als früher, wo ich ein Essen vorbereitet hatte, hatte ich nichts verloren, aber enttäuscht war ich dennoch.
So ging das dann bis Mittwoch, da ging ich zu ihm zu sprach ihn an. Konrad fuhr zusammen und schaute mich an wie einer, der erwartet, gleich seine Zähne vom Boden aufsammeln zu müssen. Ich erklärte ihm, dass wir uns nicht die nächsten Wochen anschweigen könnten und dass er mir ruhig erzählen könne, was ihm dazwischengekommen sei.
„An dem Sonntag Morgen war ich mit meiner Freundin in Trier und auf dem Rückweg haben wir uns ganz furchtbar gestritten. Da hat die mich mitten in der Pampa aus dem Auto geworfen und ich musste 25 km zu Fuß heimgehen. Da hatte ich auch keine Lust mehr, noch mit irgendeinem zu telefonieren.“
Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass Konrad in einer erpresserischen Beziehung lebt: „Entweder, Du tust, was ich sage oder ich verlasse Dich, und dann siehst Du Dein Kind nie wieder!“ Im Dunstkreis meines eigenen sozialen Umfelds war bereits ein solcher Fall aufgetaucht. Irgendwie habe ich aber auch den Verdacht, dass Konrad seiner Freundin erst auf den letzten Drücker von seinen Plänen, nach Trier zum Essen zu fahren, erzählt hatte, wodurch sich der Doppeltermin (morgens mit der Freundin und nachmittags zu uns nach Trier) und die dadurch erst möglich gewordenen Probleme des Tages ergeben hatten.
Wie dem auch sei: Ein Schuss in den Ofen war es allemal, und umso seltsamer ist es zu hören, dass ausgerechnet diese beiden mich zur Religion bekehren wollen.

Übrigens hatte Konrad auch mit Felix und dem Winzer mal ausgemacht, sich morgens zu einem Frühstück im Pausenraum zu treffen – das setzte allerdings voraus, spätestens um kurz nach Fünf in der Halle zu sein. Konrad, in üblicher Manier, kam um kurz vor halb Sechs und es blieb keine Zeit fürs ausgemachte Frühstück. Die beiden anderen boten mir seinen Teil an, aber ich lehnte dankend ab, da ich jeden Morgen zuhause frühstücke und ich beim Arbeiten mein Blut im Kopf und nicht im Bauch brauche. Die zwei redeten dann auch den Tag über nichts mit Konrad. Irgendwie ist der Typ schon eine arme Sau, aber ganz unschuldig ist er daran nicht.

Springen wir wieder ein paar Wochen nach vorn in der Zeit: Der Winzer musste aus gesundheitlichen Gründen aufhören (er fand schließlich wohl zurück in den Schoß des Familienunternehmens) und wir fanden nach langem Hängen und Würgen einen Nachfolger. Wie soll ich den nennen? Der Kleine hatte ihn aufgetrieben und zum Probearbeiten überredet, nachdem wir wegen eines Batterieschadens an der 440 ein Überbrückungskabel gebraucht hatten. Beide wohnen am Weidengraben, wie auch Puck und meine Wenigkeit, nur in einem anderen Haus, und kollektiv nenne ich sie in Anlehnung an ihre Vornamen „die M&Ms“, aber ich will ja keine Klarnamen nennen.

In Anlehnung an seine Körperfülle nenne ich den neuen mal „Big M“.
Big M hatte zuvor bei Heister gearbeitet, einem durch Radiowerbung weithin bekannten Unternehmen, das vorrangig mit Autos handelt, und natürlich auch mit den Dienstleistungen drumherum; Big M ist gelernter Mechaniker, der mit einem hervorragenden Prüfungszeugnis Geselle geworden war. Jetzt kann man sich kaum vorstellen, dass man irgendwo noch weniger verdient als in meinem Job – aber es ist so. Seit Big M bei uns arbeitet, verdient er über 100 E mehr als vorher. Seine Kündigung wurde auch dadurch motiviert, dass man sich bei Heister nicht einmal die Mühe machte, ihm Aufstiegschancen auch nur vorzugaukeln. Big M wollte ja irgendwann seinen Meister machen, wurde aber immer vertröstet, ebenso ging es ihm mit seinen Ersuchen, ein Gehalt zu bekommen, das seiner Leistung entsprach.

Kurz und gut: Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf, ließ Heister hinter sich und wurde Fahrer bei uns. Es muss ein echt mieser Job gewesen sein… denn Aufstiegschancen gibt es bei uns überhaupt keine, es würde gar keinen Sinn machen, einem Mitarbeiter etwas solches vorzumachen. Es gibt nur den Chef, den Disponenten und die Fahrer. Der Disponent ist 37 Jahre alt, selbst wenn er nicht bis zur Rente in dem Laden bleibt, treibt es ihn frühestens in ein paar Jahren woanders hin. Und seien wir mal ehrlich: Wer als Fahrer in dieser Firma bis zur Rente bleibt, kann sich für die Zeit danach schonmal eine hübsche Brücke zum drunter wohnen suchen.

Big M lernte schnell, machte sich gut, wurde aber vom Pech verfolgt.
An dem ersten Tag, an dem er ohne Begleitung die Tour in Wittlich bediente, hielt ihn die Polizei an, und den Beamten war das Fahrzeug nicht geheuer. Sie begleiteten ihn zur nächsten DEKRA Werkstatt und ließen den Wagen unter die Lupe nehmen. Fazit: „Dieses Fahrzeug ist nicht straßentauglich und stellt eine ernste Gefährdung der Verkehrssicherheit dar.“ Achse verzogen. Blattfedern gebrochen. Bremssystem mangelhaft. Getriebe auf der Kippe. Einen Drogentest machten sie auch, zur Sicherheit. Immerhin waren weder Drogen noch Alkohol im Spiel. Dennoch: Ein Bußgeld von 138 Euro, und sein Führerschein hängt seitdem am seidenen Faden, der Fall ist noch nicht entschieden.
Big M brauchte ein anderes Fahrzeug, nachdem man ihn drei Stunden festgehalten hatte. Peter stellte es zur Verfügung und rief mich an, worauf ich nach dem Ende meiner Tour noch nach Wittlich fuhr und Big M bei der Erledigung der verbliebenen Stopps behilflich war.

Auch dieses Ersatzfahrzeug brach einige Tage darauf zusammen und verweigerte die Leistung. Big M war daher des öfteren zu Gast in der Werkstatt im fernen Plaidt und bestätigte, was bislang nur gemutmaßt worden war: Von den drei Leuten, die dort die Autos herrichten, hat nur einer, ein Russe von über 50, das Mechanikerhandwerk tatsächlich gelernt. Die anderen beiden, Yoghurt und Frank, sind nur angelernt. Und Big M war nicht begeistert von deren Fähigkeiten. In den wenigen Stunden, die er dort war, fand er die Fehler bei drei Transportern, die bereits seit Tagen untersucht wurden. Bei einem zum Beispiel war ein wichtiges Metallteil abgefallen – man frage mich nicht nach den notwendigen Fachbegriffen, davon habe ich keine Ahnung. Frank schweißte daraufhin einfach ein neues dran. Das neue Teil fiel nach drei Tagen wieder ab. Warum? Weil das neue Teil aus einem anderen Metall bestand und die unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten die Schweißnaht bersten ließen. Big M zeigte sich total begeistert. Wir ebenfalls, denn schließlich hängt unser Leben davon ab, dass in dieser Werkstatt qualifizierte Arbeit geleistet wird.
Der Chefoberboss bot ihm sofort einen Job an und um den Umzug nach Plaidt würde er sich ebenfalls kümmern. Big M lehnte ab. Die Frage nach dem Gehalt war nur ausweichend (also gar nicht) beantwortet worden.

Wenige Tage später nahm ihm ein LKW-Fahrer im Wittlicher Industriegebiet die Vorfahrt; Big M wich gerade noch so aus, setzte das Auto aber in den Graben, was die gesamte Ladung durcheinanderschaukelte wie Würfel in einem Lederbecher. Dabei gingen Behälter mit Lack kaputt. Big M schaufelte das Gröbste aus dem Wagen, fuhr zu einer namhaften Firma für Tiefkühlkost und bat dort um Utensilien für die Reinigung, die man ihm großzügig gewährte. Die unfreiwillige Neugestaltung des Laderaums war noch das Mindeste, denn viele andere Pakete waren durch den Lack verschmutzt bis gar beschädigt und der Inhalt unbrauchbar geworden.
Ob der Fahrer des fraglichen LKWs zur Rechenschaft gezogen werden konnte, ist mir zum aktuellen Zeitpunkt nicht bekannt.

Zwischendurch brachte Big M einen Bekannten mit, einen klassischen Sozialverlierer, kurz vor volljährig, der an wichtigen Punkten in seinem Leben die notwendigen Entscheidungen mangels Taten immer wieder an die Wand gefahren hatte. Ich nenne ihn wegen einer Tätowierung auf seinem Unterarm Yagi. Peter hatte sich wohl einverstanden erklärt, ihm durch offizielle Aussicht auf einen Job den Führerschein mit Hilfe des Arbeitsamts zu ermöglichen.
Yagi arbeitete ein paar Tage mit uns. Er fuhr mit Big M, der ihm zeigte, wie die Technik funktionierte und all das – aber Yagi scheiterte an seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Wenn man mehrere Kunden hat, die eine größere Zahl Pakete vom gleichen Versender erhalten, muss man aufpassen, dass man in der Eile nicht ein falsches ausgibt, aber leider passierte etwas solches. Glücklicherweise wurde es nach wenigen Tagen wieder gefunden, aber zuerst hatte man dem betroffenen Kunden erklären müssen, dass ein Paket mit seiner Ware verschwunden war. Yagi machte lauter kleine Fehler, und sicherlich keine bedeutenderen, als andere Neulinge. Aber ich habe den Eindruck, dass er deswegen deprimiert war und aus dieser Anspannung heraus noch weitere Fehler machte, sodass sein Ego keine Chance hatte, wieder ins Reine zu kommen. Der Knoten platzte nicht, stattdessen lief das Fass über. Yagi vergaß, eine Nachnahme von ein paar Hundert Euro zu kassieren, obwohl vor dem Bildschirm, in dem man seine Unterschrift setzt, ein Fenster mit Lautsignal erscheint, das in aller Deutlichkeit daran erinnert, dass es sich um eine Nachnahmesendung handelt. Niemand weiß, wie er das übersehen konnte. Ich glaube, er war einfach nervös, unausgeschlafen und hatte eine Art Aussetzer. Big M schimpfte mit ihm, er solle sich zusammenreißen, wo ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen sicherlich ratsam gewesen wäre. Yagi fuhr, gedemütigt durch sein eigenes Unvermögen, die nächste Entscheidung an die Wand: Er rannte davon. Im übertragenden Sinne natürlich, aber er kehrte dem Depot den Rücken und sah eine weitere kleine Hoffnung in seinem wohl eher aussichtslosen Leben schwinden.

Anfang Juni meldete sich der Kleine krank: Steißfistel. Er konnte nicht mehr sitzen, die Beule musste entfernt werden. Etwa um die gleiche Zeit setzte mich Mike angesichts zu geringer Frachtzahlen für einen Tag mit Knut in ein Auto, damit ich mir dessen Tour mal ansah. Ich machte mir Notizen zu Hintereingängen, Garagen, Abstellgenehmigungen, Warenannahmezeiten und Mittagspausen. Hauptsächlich Industriegebiete, vornehmlich Trier West. Gar nicht mein Ding. Aber mir dämmert, dass Mike die Hoffnung hegt, ich könne eine Art Allrounder werden, der jede Tour gut genug kennt, um bei Krankheit oder Urlaub des eigentlichen Fahrers im Notfall einspringen zu können, ohne gleich überfordert zu sein.

Weniger als einer Woche später telefonierte ich um etwa 13 Uhr mit Big M wegen einer Freizeitangelegenheit nach Feierabend. Um etwa halb Vier erhielt ich einen Anruf von Felix, in dem er mir mitteilte, dass Big M einen Unfall gehabt habe und er deshalb in Witllich aushelfen müsse, weitere Details kenne er noch nicht.
Am Abend telefonierte ich mit Peter. Wie es aussieht, war ihm eine Britin unter Missachtung der Vorfahrt in seine rechte Seite gefahren, etwa auf Radhöhe. Den weiteren Blechschäden nach zu urteilen war sie danach mit der Länge des Autos in die Seite des Sprinters geschleudert. Big M traf keine Schuld. Es hieß, die Polizei habe ihn sogar gelobt: Er hatte im entscheidenen Moment das Steuer noch nach links gerissen und damit den Aufprallwinkel zugespitzt, die Personenschäden wären sonst gravierender gewesen.
Dabei waren sie gravierend genug: Big M hatte sich das rechte Knie heftig an der Lenksäule angeschlagen und den Rücken verzogen. Der Rücken war nach ein paar Tagen Ruhe wieder in Ordnung, aber das Knie war dick geschwollen und es zeigte sich, dass die Gelenkkapsel gerade mal nicht abgerissen war.
Im schmerzfreien ersten Moment, als man ihn in den Krankenwagen schob, hatte er noch zu Peter gesagt: „Ach, ist nicht so schlimm, ich komm morgen wieder.“ Der Kleine war ja krankgeschrieben, er wusste, dass es gerade wieder eng war und er wollte niemanden im Stich lassen.

Fünf Wochen später hielt er es zuhause nicht mehr aus, verweigerte eine Reha und kam wieder zur Arbeit. Der Arzt hätte ihn noch eine Weile krankgeschrieben, aber da es ihm so wichtig schien, ließ er ihn gewähren – „auf eigenes Risiko“.
Big M kam zur Arbeit – der Kleine war immer noch auf Krankenschein – und klagte über Schmerzen im Knie, aber er wolle durchhalten. Die einen mutmaßten, er habe lediglich Angst um seinen Job und traue sich deshalb nicht, den Krankenschein zu verlängern, die anderen nannten ihn schlicht einen Deppen, weil er in seinem jugendlichen Aktionismus seine Gesundheit gefährdete. Big M ist erst 20 und damit der jüngste in der ganzen Halle. Sogar Antonius ist älter. Der Kleine ist wohl der dritte in dieser Reihenfolge.

In diesen fünf Wochen brach das so genannte Sommerloch an – nur dass wir dieses Jahr nichts davon merkten. Der Engel und Knut bekamen die Tour des Kleinen mit dazu, ich übernahm die Gegend von Trierweiler und Newel für Knut, Rudi musste nach Zemmer, Orenhofen und Speicher fahren, je nach Bedarf fuhr der Engel, Rudi oder meine Wenigkeit die Kunden in Kordel und Welschbillig. Felix bekam immer wieder ein paar Posten aus der Wittlicher Tour, die meist von Mike gefahren wurde. Das Sommerloch füllte sich mit der Fracht zweier fehlender Mitarbeiter, und als Felix seinen einwöchigen Sommerurlaub antrat, hatten wir anderen ein Gefühl wie an Weihnachten – und das ist in diesem Geschäft keineswegs etwas positives.

Knut und der Engel, so unterschiedlich ihr Musikgeschmack auch ist, sind sich in Fragen von Humor und Sprüchen so gleich wie eineiige Zwillinge. Natürlich machen die beiden Sprüche, und wenn man unterm Steiß etwas herausgeschnitten bekommt, muss man sich um den Spott nicht weiter kümmern, gerade bei so dauergefrusteten Leuten wie dem Engel. Ich will das im Einzelnen nicht widergeben, ich bin allerdings der Überzeugung, dass dieses Geblöke nichts anderes ist als genau das: Dumme Sprüche, die nicht ernst gemeint sind. Auch denen beiden ist klar, dass der Kleine sich seine Fistel nicht ausgesucht hat, und dass er im Gegensatz zum Engel, der seinen Führerschein wegen zu hoher Geschwindigkeit über drei Monate lang nicht hatte und damit seinen Kollegen gehörig auf den Senkel ging, keineswegs schuld an dem Zustand war. Der Kleine offenbarte allerdings eine bedauerliche Verwundbarkeit gegenüber solchem Verhalten. Es scheint, dass er sich zuhause vergräbt, nur den nötigsten sozialen Kontakt hält und am liebsten überhaupt nicht mehr zu Transoflex zurückkehren möchte, weil er glaubt, der Häme nicht gewachsen zu sein. Dabei hält er sich an einem Strohhalm fest: Ein früherer Arbeitgeber hat ihm scheinbar angeboten, ihm einen LKW-Führerschein zu bezahlen, falls er sich zwei Jahre lang vertraglich fest verpflichtet. Irgendwie passt das nicht zusammen. Wenn dieser alte Chef so toll ist, warum hat der Kleine dann irgendwann mal gekündigt? Auch Big M ist der Meinung, dass der Kleine sich einer Art Wunschdenken hingibt, und dass ihm nur die innere Stärke fehlt, den Sprücheklopfern übers Maul zu fahren, wie man so sagt. Was mir noch mehr Sorgen macht, sind die Schmerz- und Schlafmittel, die der Kleine von seinem Arzt erhält. Er sagt, die gewöhnlichen Medikamente zeigten nicht genug Wirkung, weswegen er sehr starke erhalte, richtige Wirkstoffbomben. Ich hoffe, dass er keine Langzeitfolgen wegen dem Zeug zu tragen hat.

Natürlich machten wir uns auf die Suche nach Vertretungen. Für Felix kamen zwei Jungs aus Koblenz runter, Peter trieb einen jungen Mann aus der Saarstraße auf, wegen seines Namens nenne ich ihn Kelvin II.
Der war Mechatroniker, lernte auch fix, hatte aber auch mehrere Eisen im Feuer, wie sich zeigte. Nach wenigen Tagen war er bereits so weit, dass er 50 Stopps in Wittlich in einer angemessenen Zeit fahren konnte. Der zu dem Zeitpunkt noch abwesende Big M machte sich in dieser Zeit wirklich Sorgen um seinen Job. „Wenn der Wittlich fährt, was fahr dann ich?“ Als ob es nichts anderes gäbe, was Big M fahren könnte. Es schien sich nämlich u.a. zu konkretisieren, dass Konrad Ende Juli endgültig und tatsächlich die Firma verlassen würde, für einen Lagerjob, der ihm mehr Geld und mehr Zeit für seine Familie bringen würde.
Aber auch mit Kelvin II. sollte es nichts werden. Er werde nach Chemnitz gehen, erklärte er nach etwa zwei Wochen. Er habe einen Sohn im Alter von sechs Monaten, der dort wohne, und den könne er fast nie sehen, wenn er in Trier bliebe (vor allem bei dem Gehalt, das wir bekommen). Ich fragte ihn nicht nach den genaueren Umständen dieser Familientrennung und wünschte ihm viel Glück.

Danach brachte Mike einen Fahrer, der zuvor schon als Fahrer und das auch noch im Bereich Wittlich gearbeitet hatte. Mike war begeistert. Der Neue kannte nicht nur die Gegend auswendig, sondern auch noch alle Kunden. Er müsse noch die Kündigungsfrist bei seinem aktuellen Arbeitgeber abarbeiten und stehe dann ab der letzten Juliwoche zur Verfügung. Auch diese Neuigkeit schmeckte Big M natürlich gar nicht und er sieht schon mit Schrecken der Mitteilung entgegen, dass man ihm die Tour um Morbach herum geben werde, obwohl noch niemand etwas solches gesagt hat.

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