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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

10. Februar 2011

MAGNA! CUM! LAUDE!

Filed under: Uni — 42317 @ 13:53

Wenige Monate nach meiner leidlichen Magistrierung hat ein Schulfreund sein Promotionsverfahren bestanden und ich hatte die Ehre und das Glück, zur Thesenverteidigung anwesend gewesen zu sein.

Der Vortrag fand in Homburg auf dem Campus der Uniklinik statt, und hingefahren bin ich mit dem Rheinland-Pfalz-Ticket der Deutschen Bahn, das es für 21 E erlaubt, am Tag des Erwerbs innerhalb von Rheinland-Pfalz und des Saarlandes alle Nahverkehrszüge zu benutzen. Wenn man bedenkt, dass eine gewöhnliche Fahrkarte nach Saarbrücken schon 15,80 E kostet, muss man das als Schnäppchen bezeichnen. Das Dumme ist halt, dass ich ein solches Ticket nicht für meine Besuche der Großeltern (mit dem oft eingeschobenen Spielnachmittag und -abend) verwenden kann, weil es nur am Erwerbstag gültig ist.

Ohne Wartezeit wechselte ich in Saarbrücken den Zug und befand mich zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung im sonnigen, aber auch zugigen und eisig kalten Homburg, wo, im Unterschied zu Trier, stellenweise auf Grünflächen noch Schnee lag. Hätte ich einen späteren Zug genommen, die im Zweistundentakt fahren, hätte ich jedenfalls nicht pünktlich erscheinen können. Ich „freue“ mich ja immer, wenn ich im öffentlichen Verkehr maximale Wartezeiten raushole.
Die halbe Stunde Fußmarsch vom Bahnhof zum Campus schlug immerhin etwas Zeit tot, und mit Ausnahme meines Gesichts war mir eigentlich recht warm wegen der Bewegung. Dazu kamen noch zwanzig Minuten, die ich an der Uniklinik brauchte, um das Gebäude zu finden, weil mich zwar ein erstes Schild hinter der Hauptzufahrt in die richtige Richtung wies, auf den danach folgenden Hinweisschildern dagegen das Gebäude Nr. 61 aber nicht mehr angegeben war. Ich ging also einmal zurück zum ersten Schild, um sicherzugehen, dass ich nichts übersehen hatte.

Ich hatte noch knapp mehr als eine Stunde Zeit, als ich endlich das Gebäude und darinnen den richtigen Hörsaal gefunden hatte. Ich las in einer Einführung in die Geschichte der menschlichen „Horizonterweiterungen“ von Asimov (Exploring the Earth and the Cosmos, 1982) und hörte nebenher eine Darlegung über irgendwelche Viren von zwei Studenten fünf Meter weiter, die wohl eine Prüfung vorbereiteten.

Um 1555 saß ich dann im Hörsaal. Abgesehen von den vier Prüfern befanden sich noch etwa ein Dutzend weiterer Zuhörer im Raum, zum Großteil seine Studienkollegen, aber auch seine Frau und der Sänger seiner Band, der mit mir der einzige im Raum war, der weder Computer- noch Naturwissenschaften studiert hatte.

Der Vortrag hatte keinen unkomplizierteren Titel als
„Development of a System for Optical High-Resolution Screening of Primary Cultured Cells“.
Ich kann nicht behaupten, einen Großteil der Ausführungen wirklich verstanden zu haben, aber immerhin erlaubte mir meine Allgemeinbildung, die Grundlagen über die Funktionen des Herzmuskels und von Zellen allgemein nachvollziehen zu können.

Es würde mir also schwerfallen, an dieser Stelle ein Protokoll zu verfassen, in dem es um eine automatische Versuchseinheit mit Muskelzellen in Nährlösung, um wechselnde Polarität von Reizstrom, und um ölabweisende („oleophobe“) Folien geht, die es erlauben, die Versuchsanordnung mittels einer darunter angebrachten Kamera, auf deren Linse ein Öltropfen schwimmt, zu filmen. Ich betone also, dass ich mich auf das beschränken muss, was mir auffallen konnte, und was in meinen verschwommenen Kompetenzbereich passte.

Bei all der Biologie ging nach meinem Ermessen beinahe ein bisschen unter, dass es in erster Linie gar nicht um Biologie, sondern um Informatik, das heißt um die Programmierung der Versuchssteuerung, und die verwendete Hardware ging.
Faszinierend war jedoch eindeutig die ölabweisende Folie (die für eine Anwendung in Olivenölflaschen wohl noch ein wenig unerschwinglich ist), und die Tatsache, dass erstmals viele kleine Behälter mit Nährflüssigkeit und Zellen verwendet wurden, anstatt eines (relativ) großen.

Ich kann die Gründe nur erraten, warum die Dissertation in englischer Sprache verfasst wurde. Ich nehme an, das dies damit zusammenhängt, dass so die Wissensvermittlung zwischen Saarbrücken und Yale (nur ein spontanes Beispiel) einfacher wird, wo doch die hochgebildete Akademikerkaste der USA für den Großteil wissenschaftlicher Publikationen auf diesem Planeten verantwortlich ist.
In Anlehnung daran wurde auch der Vortrag in englischer Sprache gehalten. Der einzige ernstzunehmende Grund, den ich mir dafür vorstellen kann, in Abwesenheit englischer Muttersprachler zumindest unter den Prüfern, ist, dass man dann einfach im Vokabular der Arbeit plaudern kann, ohne sich die Mühe machen zu müssen, sich auch noch die deutsche Terminologie anzueignen. Das ist nicht schlimm, ich habe das auch schon gemacht, damals zum spontan-unwirschen Unmut meiner späteren und aktuellen Freundin.

Wie dem auch sei, die Form des Vortrags war sehr gut, mit Stichpunkten und Bildern aus dem Beamer, die man auch in der letzten Reihe noch hervorragend sehen konnte, und einer schematischen Darstellung des Verfahrens, wie man Zellen, die nebeneinander oder übereinander liegen, als separate Zellen erkennt. Nur das Hören machte hier und da Probleme, weil kein Mikrofon verwendet wurde (und ich frage mich, ob der kleine Hörsaal überhaupt eine Soundanlage hat). Von mir jedenfalls eine „1-“ für die Form, das heißt „sehr gut mit kleinen Einschränkungen“ wegen der grenzwertigen Lautstärke.
„1-“ auch für „display of prowess“. Er schien nur an zwei Stellen, und das waren Rückfragen, kurz unsicher zu werden, zeigte im Großen und Ganzen aber Selbstbewusstsein und genug Gelassenheit, um auch mal zu sagen, dass die Frage zum aktuellen Zeitpunkt und Forschungsstand nicht beantwortet werden könne. Das klingt vielleicht nicht weiter bedeutend, aber viele Prüflinge (zumindest meiner akademischen Stufe) fangen bei Fragen, die sie nicht beantworten können, an, um den heißen Brei herum zu reden, um zum einen das Nichtwissen zu verbergen, und zum anderen in der Hoffnung, durch das bewusste „Wiederkäuen“ des vorhandenen Wissens vielleicht noch eine wenigstens halbwegs befriedigende Antwort zu finden.
Nein, ich glaube, das macht einen schlechteren Eindruck, als einfach zu sagen, dass man die Antwort nicht weiß (vielleicht auch nicht wissen kann), und zum nächsten Punkt überzugehen.

Das Englisch hatte Akzent, folgte aber korrekten Betonungsmustern und das Fachvokabular saß beeindruckend gut. Nur ein Detail im allgemeinen Vokabular fiel auf: Er meinte „Rede, Ansprache, Vortrag“ und sagte „talk“. Das ist nicht falsch (und der Biologiegelehrte unter den Prüfern verwendete das Wort ebenfalls in dieser Bedeutung), aber nach meinem Sprachgefühl hätte an dieser Stelle der Begriff „presentation“ mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit gepasst.
Das ist natürlich Korinthenkackerei. Ganz eindeutig sogar. Aber ich sagte ja, dass ich mich auf solche Punkte beschränken muss, die ich beurteilen kann.

Der Vortrag dauerte nur eine halbe Stunde, danach stellten die Prüfer noch 30 weitere Minuten lang Fragen, wobei der Biologe der fleißigste war – interessanterweise war mir dies vor ein paar Monaten genauso vorhergesagt worden, was bedeutet, dass die gewählte Optimierung der Vorbereitungsstrategie, anders als die schriftliche Arbeit mit mehr biologischem Fokus, tatsächlich wie der Schlüssel ins Schloss passte. Ebenfalls beeindruckend.

Nach kurzer Beratung vor dem Saal verkündeten die Prüfer das Ergebnis:
„Summa cum laude“ („mit größtem Lob“) für den Vortrag, „Magna cum Laude“ („mit großem Lob“) für die Dissertation, wegen der Gewichtung zu Gunsten der schriftlichen Arbeit insgesamt „Magna cum Laude“.

Einer Tradition der Fakultät folgend muss ein Doktorand seinen Talar selbst schneidern, und die Studienkollegen verewigen sich stickenderweise auf dem Rücken. Dazu erhielt er einen vorläufigen Doktorhut, der, ebenfalls einer Tradition entsprungen, etwas von einem Mobile hat, wobei die einzelnen Elemente – ein Modell der Versuchsanordnung, eine Computermaus, eine Gitarre, etc. – auf den Träger des Huts zugeschnitten wurden. Hinzu kam ein „Dr. House“ T-Shirt von der Gattin. Im Anschluss bilden wir eine lange Reihe, um die Glückwünsche zu übermitteln. „Magna cum Laude, Du Sack!“

War ja auch ein steiler Pfad, von dem demütigenden, aber scheinbar heilsamen, Schock des Sitzenbleibens in der neunten Klasse zum Magna cum Laude Doktor, der das Feld der Bioinformatik überhaupt erst mit aufbaut.
Hätte ich nicht damals mit echtem Eifer (und ohne egoistische Hintergedanken) ständig die Tafeln sauber gewischt (alle anderen Wischdienstleister, deren Pflicht ja durch die Klasse rotierte, hinterließen in ihrem nachlässigen Unwillen einen Grauschleier, der das Ablesen schwierig machte, also übernahm ich den Dienst allein), wäre ich in der neunten Klasse ebenfalls sitzengeblieben.
Meine Physiknote schwankte zwischen 4 und 5, mit Tendenz zur 5, aber der sonst strenge und oft cholerische Physiklehrer sagte (nach meiner Erinnerung wörtlich): „Eigentlich müsst ich Dir ne 5 geben… aber, hast die Tafel immer sauber gewischt, ich geb Dir ne 4.“

Hätte mir dieser Schock des absoluten Versagens ebenfalls genützt, mich die Kurve kratzen lassen und mich vor der mir anhaftenden Durchschnittlichkeit bewahrt? Ich weiß es nicht. Irgendwie glaube ich es auch nicht. Ich kenne mich ja. Ich wünsche mir nur, dass mir irgendwann mal jemand das effiziente Lernen beigebracht, und ich genügend Selbstreflexion besessen hätte, mein Verhalten zu erkennen und zu ändern.
Nu ja, das ist autobiografische Sentimentalität. Das kommt später mal, also zurück nach Homburg.

Im Anschluss an die Gratulationsrunde noch Speis und Trank in einem Besprechungsraum, Orangensaft und Sekt zum einen, kaltes Büffet zum anderen. Ich habe mich zurückgehalten – ich habe vermutlich mehr als die Hälfte, aber keine ganze Platte alleine gegessen. Obwohl das Angebot sehr verlockend die ganze Platte physisch möglich gewesen wäre.
Ich kann noch nicht mal sagen, was das alles war, weil ich die einzelnen Bestandteile nicht immer erkannt habe. Ich erinnere mich an Weißbrotschnitten mit Pizzabelag, gerollte gefüllte Pfannkuchenscheiben, Wurst im frittierten Teigmantel, irgendwo war Sauerkraut drin, Fleischbällchen, Käse-Trauben-Happen. Ein sehr leckeres Büffet war es jedenfalls. Nicht-kommerzielle Zubereitung eines Verwandten, also Hut ab.

Um 1830 machte ich mich auf den Rückweg, weil ich es natürlich wieder verpasst hatte, mir die Fahrzeiten vorher einzuprägen. Nach dem Rückmarsch, der bis auf einen roten (rosa) Wodka kotzenden Jugendlichen und seine zwei sich vor Lachen kugelnden Freunde ereignislos war, hatte ich eine halbe Stunde bis zum Zug, der am Stück nach Trier fuhr und mir so das Umsteigen ersparte.

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